Wo steht die Demeter-Gemeinschaft?

Muttergebundene Kälberaufzucht

Kuh mit Kalb

Kaum ein Thema ist emotional so besetzt wie die Aufzucht der Kälber. Viele Konsument*innen erwarten, dass der Nachwuchs ganz selbstverständlich bei der Mutterkuh groß wird. Mehr und mehr Demeter-Höfe stellen um auf diese muttergebundene Kälberaufzucht – aber längst noch nicht alle. Auch die Richtlinien schreiben die Art der Aufzucht nicht vor. Welchen Standpunkt nehmen Demeter-Bäuer*innen zu diesem Thema ein? Zwei Positionen begegnen Ihnen hier – damit Sie Ihren eigenen Standpunkt finden können. Wir freuen uns auf angeregte Diskussionen – auch auf Facebook.

Mechthild KnöselMechthild Knösel:
Die Kuh-Kalb-Beziehung Zurückschenken

Mechthild Knösel ist seit 2006 Bäuerin auf dem Demeter-Hof Rengolshausen am Bodensee. Die Landwirtin kümmert sich besonders um die 40köpfige Rinderherde. Für die 35jährige war schon vor neun Jahren klar, dass die Aufzucht der Kälber an den Müttern die beste Option darstellt.

Ihre Abschlussarbeit in der landwirtschaftlichen Ausbildung widmete sich bereits dem Vergleich dreier Aufzuchtsysteme: Eimertränke, Ammenhaltung und muttergebundene Kälberaufzucht. „Ich sehe, dass die Kühe schenken und schenken und schenken. Sie liefern uns Milch und Kälber, und tun das auch gerne, glaube ich. Klar geben wir Fürsorge und Futter zurück, aber mir war wichtig, auch die Kuh-Kalb-Beziehung zurückzuschenken. Mein Grundverständnis des Wesens Kuh ist, dass die Kuh lebt, um ihr Kalb aufzuziehen. Um ihr von diesem Urwillen, das zu tun, wenigstens ein Teil zurückzugeben, haben wir damals von Eimertränke auf muttergebundene Kälberaufzucht umgestellt“, berichtet die Mutter von drei Kindern.

Sie lief dabei offene Türen ein, denn mit der Eimeraufzucht gingen in „Rengo“ gesundheitliche Probleme einher: Durchfall, Nabelentzündungen, Atemwegserkrankungen. „Eigentlich wissen wir ja alle: Das Kalb wächst besser am Euter auf – am besten an dem der Mutter.“ Denn die Meisterarbeit von Mechthild Knösel zeigte, dass selbst die Aufzucht mit einer Kuh-Amme nur die zweitbeste Lösung ist. Besser als Eimertränke, weniger gut als mütterliche Milch und Zuneigung.

Kälber stehen anders in der Welt

Zu stabiler Gesundheit und optimalem Wachstum kommen auch soziale Aspekte. „Kälber, die über drei bis vier Monate kontinuierlich Kontakt zu ihren Müttern haben dürfen, stehen anders in der Welt“, hat Mechthild Knösel beobachtet. Sie zeigen deutlich weniger Verhaltensstörungen, die es bei Eimer-Aufzucht durchaus gebe, wie das gegenseitige Besaugen oder Stoßen. Kalbinnen – also erstgebärende Kühe – die muttergebunden aufwachsen, integrieren sich stressfreier in die Herde. Zur innerlich gereiften Entscheidung kam in Rengolshausen die entschlossene Umsetzung. „Es lässt sich auf den meisten Betrieben ohne große bauliche Veränderungen einführen“, vermittelt Mechthild Knösel längst auch anderen biodynamischen Bäuerinnen und Bauern ihre Erfahrung. Bevor sie 2006 umstellte, waren auf ihrem Betrieb Mutterkuh und Kälbchen fünf Tage zusammen in einer großen Box. So bekam das Kalb die wichtige Biestmilch. Dann wurde rasch von Euter auf Eimer umgestellt und die Wand zwischen Kälber- und Kuhstall immer höher gebaut, um das klägliche Schreien von Kühen und Kälbern durch die Sichtsperre zu beeinflussen. Trotz homöopathischer Unterstützung war die Trennung hörbar schmerzhaft für alle Beteiligten. Heute bleiben Mutter und Kalb drei Wochen in der Abkalbebox zusammen. Danach fällt der Übergang in den „Kindergarten“ nicht so schwer. Vor allem, weil Kuh und Kalb sehr schnell begreifen, dass es morgens und abends immer eine Stunde für die Begegnung gibt. Dafür reichte es zunächst, den Bereich beim Melkstand zu nutzen. „So ein Begegnungsplatz für Mütter und Kälber lässt sich leicht einrichten und wenn sie den Platz kennen, an dem sie zuverlässig ihre Mütter treffen, laufen sie immer ganz selbstverständlich hin“, schildert die Landwirtin ihr System. Viele Jahre lang war der Treffpunkt für Mutter und Kind immer nach dem Melken. Inzwischen ist es auf Rengolshausen möglich geworden, einen eigenen Bereich zwischen Kuh- und Kälberstall für die Begegnungen einzurichten. „So konnte ich noch mal neu ausprobieren, ob nicht die Mutter-Kind-Treffen vor dem Melken noch sinnvoller sind“, berichtet Mechthild Knösel. „Bis zum letzten Winter hat bei uns die Mutter-Kuh beim Melken entschieden, wie viel Milch sie hergeben will. Oft blieb dann mehr im Euter als das eigene Kalb brauchte und es war wichtig dafür zu sorgen, dass alle Euter nach der Begegnung mit den Kälbchen auch wirklich leer getrunken waren, damit keine Euterentzündungen entstehen.“ Jetzt trinkt jedes Kalb an seiner Mama, bis es satt ist, hat Zeit zum Schmusen, Belecken und Spielen, bevor die Kuh dann zum Melken geht und die restliche Milch bereitwillig fließen lässt. „Das passt viel unkomplizierter in unsere Abläufe und von der Milchleistung her sehen wir keine deutlichen Differenzen“, betont die Kuh-Expertin aus Baden Württemberg.

Im ersten System endete der Kontakt Mutterkühe – Kälber im Schnitt nach zwei Monaten. Dann konnten die größeren Kälber noch bei den anderen Kühen trinken, die zu viel Milch für ihren Nachwuchs hatten. Jetzt ist die gemeinsame Zeit auf drei Monate ausgedehnt. Im vierten Monat hat das Kalb noch Milch von anderen Mamas. „Das ist ein schonender Übergang, weil Mutterabsetzen und Milchabsetzen entzerrt sind“, verrät Mechthild Knösel den Vorteil. Auch die Entwöhnung von der Milch steuert sie schonend. Die älteren Kälber kommen dann eine Woche lang eine halbe Stunde später zum Tränken-Event, in der zweiten Woche dann nur noch einmal am Tag und verlieren dabei sichtbar bereits das Interesse am Euter. „Den Mutterverlust nach drei Monaten verschmerzen die Kälber recht gut. Es hilft ihnen, dass sie dann noch woanders mit-trinken können.“ Auch die Mutterkühe werden Zug um Zug auf die Trennung eingestellt. Sie gehen über fünf Tage nicht mehr morgens und abends zu ihrem Kalb, sondern nur noch einmal. Das verstehen sie schnell. Mechthild Knösel hat nicht den Anspruch, dass die Trennung völlig schmerzlos für Mutter und Kind abläuft. „Aber es ist bei uns längst nicht mehr so dramatisch wie vorher, auch wenn die Tiere durchaus noch etwas darunter leiden.“ Zudem bereitet die sensible Frau ihre Tiere durch innere Kommunikation auf das Bevorstehende vor und ist sich sicher, dass diese klaren Botschaften bei der Kuh und beim Kalb ankommen. „Ich verlange nicht, dass Tiere nie leiden, aber ich kann zu unserem System stehen und sagen: Jetzt ist es gut.“ Dazu trägt sicherlich bei, dass sowohl die Kühe als nun auch die Kälber in Rengoldshausen bei bester Gesundheit sind und die Herde ein harmonisches Bild zeigt. Bei aller Überzeugung plädiert Mechthild Knösel dennoch nicht dafür, alle Demeter-Höfe per Richtlinien-Verordnung zur Umstellung auf muttergebundene Kälberaufzucht zu zwingen. „Das muss von innen kommen. Vor dem Zwang durch Richtlinien warne ich ausdrücklich“, sagt sie. „Es geht nur, wenn man es einsieht und will – und dann geht es mit Sicherheit“.

Ruth Laakmann Ruth Laakmann:
Gebe ich die Verantwortung an die Kuh ab?

Ruth Laakmann vom Schanzenhof in Alpen-Veen am Niederrhein entwickelte gemeinsam mit anderen das Tierwohl-Beratungsprojekt in Nordrhein-Westfalen und berät landwirtschaftliche Betriebe in Sachen Tierwohl, unter anderem zur Haltung hörnertragender Rinder.

Die 50jährige Agrar-Ingenieurin hat ein feines Auge und ein offenes Herz für die 100 Kühe plus Nachzucht auf dem Demeter-Hof, den sie mit Ludger Schreiber seit 1990 führt. Die Kälber kommen hier in der Abkalbe-Box gleich gegenüber vom Tretmiststall zur Welt. Sie bleiben gewöhnlich ein bis zwei Tage bei der Mutterkuh und ziehen dann in ihren Iglu um. „Wenn sie länger bei den Müttern bleiben, ist der Trennungsschmerz deutlich größer“, berichtet Ruth Laakmann. Jedes Kalb bekommt fünf Tage lang Colostralmilch der eigenen Mutter aus dem Nuckeleimer. Der ausgeklügelte Tränkeplan sorgt dafür, dass sie in kleineren Portionen über den Tag verteilt gut satt werden. Wenn der Nabel vollständig abgeheilt ist, darf das Kalb in den Gruppeniglu zu seinen Altersgenossen. „Sonst ist das Risiko, dass Kälber daran saugen, zu groß. Mindestens zwei Monate lang bleibt die Nachzucht dann in Dreier- oder Vierer-Gruppen zusammen, wird mit Milch versorgt und bekommt dazu von Anfang an Heu, die Futter- und Kräutermischung der Großen und Trinkwasser. Allmählich wird das Tränkeprogramm dann zurückgefahren.

Die Kälber auf dem Schanzenhof schauen interessiert in die Welt, machen einen gesunden Eindruck. Das registrieren auch Kund*innen, die dem „Kindergarten“ gern einen Besuch abstatten. Nur ganz selten tauchen Durchfallprobleme auf. Viel Aufwand betreibt das Team, um die Hygiene hoch zu halten. „Wichtig ist mir, dass unsere Kälber so platziert sind, dass wir sie gut im Blick haben, oft bei ihnen vorbeikommen im täglichen Ablauf“, sieht Ruth Laakmann einen Vorteil für ihr Haltungssystem. Dadurch wird der Kontakt zu den Kälbern eng und schon erste Anzeichen für mögliche Störungen fallen auf. Im Sozialverhalten entdeckt die Bäuerin keine Defizite. Ruth Laakmann hat den Eindruck, dass manche Mütter und Töchter sich erkennen, wenn sie sich nach zwei Jahren wiederbegegnen. Auch Lebensfreundschaften von Kühen, die gemeinsam aufgezogen wurden, berühren die Bäuerin besonders.

Unsicherheiten verhindern Umstellung

Kuh frisst an einem Ast

„Wir überlegen immer mal wieder, auf mutter- oder ammengebundene Aufzucht umzustellen“, verrät die Schanzenhof-Chefin. Aber noch ist die Zeit dafür offenbar nicht reif. Zu viele Unsicherheiten gibt es: Wann weiß ich, ob das Kalb genug getrunken hat? Wie verhindere ich, dass die Kuh zu sehr abnimmt? Habe ich noch genügend Kontrolle? Gebe ich die Verantwortung zu stark an die Kuh ab und lasse nach in meiner Aufmerksamkeit? Wie verändert sich unser Milchertrag? Sind meine Abnehmer bereit, geringere Milch-Ausbeute und höheren Zeit-Aufwand materiell auszugleichen? All das fragt sie sich. „Wir müssen unsere individuelle Lösung finden und sammeln erst mal Informationen von anderen, die schon umgestellt haben“. Auch wenn Verbraucher*innen verstärkt nachfragen und für die Mutter-Kuh-Verbindung plädieren, will sich das Schanzenhof-Team davon nicht unter Druck setzen lassen. „Wir werden es dann machen, wenn wir es runder finden als unser bisheriges, durchaus erfolgreiches System. Vielleicht müssen wir Betriebsleiter neben der wichtigen Ausrichtung auf das Wohl der Kuh, auf ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit, noch bewusster werden für die Bedeutung der Kälberaufzucht.“

08.08.2017
Muttergebundene Kälberaufzucht
Wo steht die Demeter-Gemeinschaft?

Kaum ein Thema ist emotional so besetzt wie die Aufzucht der Kälber. Viele Konsument*innen erwarten, dass der Nachwuchs ganz selbstverständlich bei der Mutterkuh groß wird. Mehr und mehr Demeter-Höfe stellen um auf diese muttergebundene Kälberaufzucht – aber längst noch nicht alle. Auch die Richtlinien schreiben die Art der Aufzucht nicht vor. Welchen Standpunkt nehmen Demeter-Bäuer*innen zu diesem Thema ein? Zwei Positionen begegnen Ihnen hier – damit Sie Ihren eigenen Standpunkt finden können. Wir freuen uns auf angeregte Diskussionen – auch auf Facebook.

Mechthild KnöselMechthild Knösel:
Die Kuh-Kalb-Beziehung Zurückschenken

Mechthild Knösel ist seit 2006 Bäuerin auf dem Demeter-Hof Rengolshausen am Bodensee. Die Landwirtin kümmert sich besonders um die 40köpfige Rinderherde. Für die 35jährige war schon vor neun Jahren klar, dass die Aufzucht der Kälber an den Müttern die beste Option darstellt.

Ihre Abschlussarbeit in der landwirtschaftlichen Ausbildung widmete sich bereits dem Vergleich dreier Aufzuchtsysteme: Eimertränke, Ammenhaltung und muttergebundene Kälberaufzucht. „Ich sehe, dass die Kühe schenken und schenken und schenken. Sie liefern uns Milch und Kälber, und tun das auch gerne, glaube ich. Klar geben wir Fürsorge und Futter zurück, aber mir war wichtig, auch die Kuh-Kalb-Beziehung zurückzuschenken. Mein Grundverständnis des Wesens Kuh ist, dass die Kuh lebt, um ihr Kalb aufzuziehen. Um ihr von diesem Urwillen, das zu tun, wenigstens ein Teil zurückzugeben, haben wir damals von Eimertränke auf muttergebundene Kälberaufzucht umgestellt“, berichtet die Mutter von drei Kindern.

Sie lief dabei offene Türen ein, denn mit der Eimeraufzucht gingen in „Rengo“ gesundheitliche Probleme einher: Durchfall, Nabelentzündungen, Atemwegserkrankungen. „Eigentlich wissen wir ja alle: Das Kalb wächst besser am Euter auf – am besten an dem der Mutter.“ Denn die Meisterarbeit von Mechthild Knösel zeigte, dass selbst die Aufzucht mit einer Kuh-Amme nur die zweitbeste Lösung ist. Besser als Eimertränke, weniger gut als mütterliche Milch und Zuneigung.

Kälber stehen anders in der Welt

Zu stabiler Gesundheit und optimalem Wachstum kommen auch soziale Aspekte. „Kälber, die über drei bis vier Monate kontinuierlich Kontakt zu ihren Müttern haben dürfen, stehen anders in der Welt“, hat Mechthild Knösel beobachtet. Sie zeigen deutlich weniger Verhaltensstörungen, die es bei Eimer-Aufzucht durchaus gebe, wie das gegenseitige Besaugen oder Stoßen. Kalbinnen – also erstgebärende Kühe – die muttergebunden aufwachsen, integrieren sich stressfreier in die Herde. Zur innerlich gereiften Entscheidung kam in Rengolshausen die entschlossene Umsetzung. „Es lässt sich auf den meisten Betrieben ohne große bauliche Veränderungen einführen“, vermittelt Mechthild Knösel längst auch anderen biodynamischen Bäuerinnen und Bauern ihre Erfahrung. Bevor sie 2006 umstellte, waren auf ihrem Betrieb Mutterkuh und Kälbchen fünf Tage zusammen in einer großen Box. So bekam das Kalb die wichtige Biestmilch. Dann wurde rasch von Euter auf Eimer umgestellt und die Wand zwischen Kälber- und Kuhstall immer höher gebaut, um das klägliche Schreien von Kühen und Kälbern durch die Sichtsperre zu beeinflussen. Trotz homöopathischer Unterstützung war die Trennung hörbar schmerzhaft für alle Beteiligten. Heute bleiben Mutter und Kalb drei Wochen in der Abkalbebox zusammen. Danach fällt der Übergang in den „Kindergarten“ nicht so schwer. Vor allem, weil Kuh und Kalb sehr schnell begreifen, dass es morgens und abends immer eine Stunde für die Begegnung gibt. Dafür reichte es zunächst, den Bereich beim Melkstand zu nutzen. „So ein Begegnungsplatz für Mütter und Kälber lässt sich leicht einrichten und wenn sie den Platz kennen, an dem sie zuverlässig ihre Mütter treffen, laufen sie immer ganz selbstverständlich hin“, schildert die Landwirtin ihr System. Viele Jahre lang war der Treffpunkt für Mutter und Kind immer nach dem Melken. Inzwischen ist es auf Rengolshausen möglich geworden, einen eigenen Bereich zwischen Kuh- und Kälberstall für die Begegnungen einzurichten. „So konnte ich noch mal neu ausprobieren, ob nicht die Mutter-Kind-Treffen vor dem Melken noch sinnvoller sind“, berichtet Mechthild Knösel. „Bis zum letzten Winter hat bei uns die Mutter-Kuh beim Melken entschieden, wie viel Milch sie hergeben will. Oft blieb dann mehr im Euter als das eigene Kalb brauchte und es war wichtig dafür zu sorgen, dass alle Euter nach der Begegnung mit den Kälbchen auch wirklich leer getrunken waren, damit keine Euterentzündungen entstehen.“ Jetzt trinkt jedes Kalb an seiner Mama, bis es satt ist, hat Zeit zum Schmusen, Belecken und Spielen, bevor die Kuh dann zum Melken geht und die restliche Milch bereitwillig fließen lässt. „Das passt viel unkomplizierter in unsere Abläufe und von der Milchleistung her sehen wir keine deutlichen Differenzen“, betont die Kuh-Expertin aus Baden Württemberg.

Im ersten System endete der Kontakt Mutterkühe – Kälber im Schnitt nach zwei Monaten. Dann konnten die größeren Kälber noch bei den anderen Kühen trinken, die zu viel Milch für ihren Nachwuchs hatten. Jetzt ist die gemeinsame Zeit auf drei Monate ausgedehnt. Im vierten Monat hat das Kalb noch Milch von anderen Mamas. „Das ist ein schonender Übergang, weil Mutterabsetzen und Milchabsetzen entzerrt sind“, verrät Mechthild Knösel den Vorteil. Auch die Entwöhnung von der Milch steuert sie schonend. Die älteren Kälber kommen dann eine Woche lang eine halbe Stunde später zum Tränken-Event, in der zweiten Woche dann nur noch einmal am Tag und verlieren dabei sichtbar bereits das Interesse am Euter. „Den Mutterverlust nach drei Monaten verschmerzen die Kälber recht gut. Es hilft ihnen, dass sie dann noch woanders mit-trinken können.“ Auch die Mutterkühe werden Zug um Zug auf die Trennung eingestellt. Sie gehen über fünf Tage nicht mehr morgens und abends zu ihrem Kalb, sondern nur noch einmal. Das verstehen sie schnell. Mechthild Knösel hat nicht den Anspruch, dass die Trennung völlig schmerzlos für Mutter und Kind abläuft. „Aber es ist bei uns längst nicht mehr so dramatisch wie vorher, auch wenn die Tiere durchaus noch etwas darunter leiden.“ Zudem bereitet die sensible Frau ihre Tiere durch innere Kommunikation auf das Bevorstehende vor und ist sich sicher, dass diese klaren Botschaften bei der Kuh und beim Kalb ankommen. „Ich verlange nicht, dass Tiere nie leiden, aber ich kann zu unserem System stehen und sagen: Jetzt ist es gut.“ Dazu trägt sicherlich bei, dass sowohl die Kühe als nun auch die Kälber in Rengoldshausen bei bester Gesundheit sind und die Herde ein harmonisches Bild zeigt. Bei aller Überzeugung plädiert Mechthild Knösel dennoch nicht dafür, alle Demeter-Höfe per Richtlinien-Verordnung zur Umstellung auf muttergebundene Kälberaufzucht zu zwingen. „Das muss von innen kommen. Vor dem Zwang durch Richtlinien warne ich ausdrücklich“, sagt sie. „Es geht nur, wenn man es einsieht und will – und dann geht es mit Sicherheit“.

Ruth Laakmann Ruth Laakmann:
Gebe ich die Verantwortung an die Kuh ab?

Ruth Laakmann vom Schanzenhof in Alpen-Veen am Niederrhein entwickelte gemeinsam mit anderen das Tierwohl-Beratungsprojekt in Nordrhein-Westfalen und berät landwirtschaftliche Betriebe in Sachen Tierwohl, unter anderem zur Haltung hörnertragender Rinder.

Die 50jährige Agrar-Ingenieurin hat ein feines Auge und ein offenes Herz für die 100 Kühe plus Nachzucht auf dem Demeter-Hof, den sie mit Ludger Schreiber seit 1990 führt. Die Kälber kommen hier in der Abkalbe-Box gleich gegenüber vom Tretmiststall zur Welt. Sie bleiben gewöhnlich ein bis zwei Tage bei der Mutterkuh und ziehen dann in ihren Iglu um. „Wenn sie länger bei den Müttern bleiben, ist der Trennungsschmerz deutlich größer“, berichtet Ruth Laakmann. Jedes Kalb bekommt fünf Tage lang Colostralmilch der eigenen Mutter aus dem Nuckeleimer. Der ausgeklügelte Tränkeplan sorgt dafür, dass sie in kleineren Portionen über den Tag verteilt gut satt werden. Wenn der Nabel vollständig abgeheilt ist, darf das Kalb in den Gruppeniglu zu seinen Altersgenossen. „Sonst ist das Risiko, dass Kälber daran saugen, zu groß. Mindestens zwei Monate lang bleibt die Nachzucht dann in Dreier- oder Vierer-Gruppen zusammen, wird mit Milch versorgt und bekommt dazu von Anfang an Heu, die Futter- und Kräutermischung der Großen und Trinkwasser. Allmählich wird das Tränkeprogramm dann zurückgefahren.

Die Kälber auf dem Schanzenhof schauen interessiert in die Welt, machen einen gesunden Eindruck. Das registrieren auch Kund*innen, die dem „Kindergarten“ gern einen Besuch abstatten. Nur ganz selten tauchen Durchfallprobleme auf. Viel Aufwand betreibt das Team, um die Hygiene hoch zu halten. „Wichtig ist mir, dass unsere Kälber so platziert sind, dass wir sie gut im Blick haben, oft bei ihnen vorbeikommen im täglichen Ablauf“, sieht Ruth Laakmann einen Vorteil für ihr Haltungssystem. Dadurch wird der Kontakt zu den Kälbern eng und schon erste Anzeichen für mögliche Störungen fallen auf. Im Sozialverhalten entdeckt die Bäuerin keine Defizite. Ruth Laakmann hat den Eindruck, dass manche Mütter und Töchter sich erkennen, wenn sie sich nach zwei Jahren wiederbegegnen. Auch Lebensfreundschaften von Kühen, die gemeinsam aufgezogen wurden, berühren die Bäuerin besonders.

Unsicherheiten verhindern Umstellung

Kuh frisst an einem Ast

„Wir überlegen immer mal wieder, auf mutter- oder ammengebundene Aufzucht umzustellen“, verrät die Schanzenhof-Chefin. Aber noch ist die Zeit dafür offenbar nicht reif. Zu viele Unsicherheiten gibt es: Wann weiß ich, ob das Kalb genug getrunken hat? Wie verhindere ich, dass die Kuh zu sehr abnimmt? Habe ich noch genügend Kontrolle? Gebe ich die Verantwortung zu stark an die Kuh ab und lasse nach in meiner Aufmerksamkeit? Wie verändert sich unser Milchertrag? Sind meine Abnehmer bereit, geringere Milch-Ausbeute und höheren Zeit-Aufwand materiell auszugleichen? All das fragt sie sich. „Wir müssen unsere individuelle Lösung finden und sammeln erst mal Informationen von anderen, die schon umgestellt haben“. Auch wenn Verbraucher*innen verstärkt nachfragen und für die Mutter-Kuh-Verbindung plädieren, will sich das Schanzenhof-Team davon nicht unter Druck setzen lassen. „Wir werden es dann machen, wenn wir es runder finden als unser bisheriges, durchaus erfolgreiches System. Vielleicht müssen wir Betriebsleiter neben der wichtigen Ausrichtung auf das Wohl der Kuh, auf ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit, noch bewusster werden für die Bedeutung der Kälberaufzucht.“