Gespräch auf Orange

Das große Staunen des Fräulein Brehm

Barbara Geiger steht zwischen Pflanzen in Gewächshaus

Bild: YOOL


Barbara Geiger ist Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. Eigentlich aber versteht sie sich als Vermittlerin zwischen Mensch und Tier.

Du widmest dich in deinen Theaterstücken jeweils einem heimischen Tier. Wie kommst du auf die dazugehörigen Geschichten?

Ich wähle ein Tier, das mich gerade begeistert, etwa das Huhn, die Schwalbe oder den Bären, und widme diesem ein ganzes Jahr, in dem ich recherchiere, Wissenschaftlerinnen und Biologen zum aktuellen Forschungsstand befrage. Das ist für mich jedes Mal wieder eine großartige „Reise des Begreifens“. Bis ich mich in ein Tier hineinversetzen kann, dauert es.

Wie reagieren Wissenschaftler:innen auf deine Stücke, die du und auch andere Schauspielerinnen als „Fräulein Brehm“ auf die Bühne bringen?

Die sind begeistert, dass ich die Ergebnisse ihrer langwierigen Forschungsarbeit so aufbereite, dass sie spannend sind für Menschen ab einem gewissen Alter. Ich bin also wie ein Sprachrohr für sie. Mein eigenes Staunen und meine eigene Verwunderung übertragen sich auf das Publikum – so hat etwa ein Forschendenteam der Uni Oldenburg erst 2021 bewiesen, dass Rotkehlchen die Magnetfeldlinien der Erde, an denen sie sich als Zugvögel orientieren, nicht nur spüren können, sondern auch sehen! Wer hat die Zeit und Muße, sich durch Berge von komplizierten wissenschaftlichen Arbeiten zu graben? Das Fräulein Brehm!

„Meine Stücke sind getragen von einem Verständnis, dass wir Menschen mit den Tieren zusammenhängen – in einem wundervoll ausgeklügelten, aber immer fragileren Ökosystem.“Barbara Geiger, Regisseurin, Schauspielerin und Autorin

Das klingt anstrengend.

Ja, es ist zuweilen etwas trocken. Doch natürlich gehe ich auch ins Feld mit den Wissenschaftlern und Expertinnen. So lernte ich bei den Recherchen für mein Stück über das Huhn am Standort der Ökotierzucht den Kameruner Ingenieur Lopez Voufo kennen. Der hat die Vision, mit den ÖTZ-Zweinutzungstieren den vier global agierenden Hühnerzuchtfirmen die Stirn zu bieten. Und zwar, indem er und seine Frau Badelle Tuekam es afrikanischen Bäuerinnen und Bauern ermöglichen, nicht nur ihre eigene Hühnerzucht zu betreiben, sondern dies mit Öko-Tieren zu tun, die beides können: Eier legen und Fleisch ansetzen. So bin ich Anfang des Jahres gemeinsam mit meinem Kameramann Rick Minnich nach Dschang in Kamerun gereist, wo Lopez und seine Frau Badelle inzwischen die ÖTZ-Tiere der Rassen Coffee und Cream halten und weiterzüchten (mehr zur ÖTZ auf Seite 31). Oder nimm mein Stück zur Kuh: Dafür belegte unsere ganze „Fräulein“-Truppe, mit der wir meine Stücke auf die Bühne bringen, einen Workshop in „Low Stress Stockmanship“ mit Philipp Wenz auf dem Gelände von Naturschutz Berlin-Malchow mit deren extensiv gehaltenen, schönen Deutschen Shorthorn-Rindern. So bekommen wir ein tieferes Verständnis davon, wie sich Kühe verhalten und wie sie kommunizieren. Dabei wächst meine Bewunderung für ein Tier, je länger ich mich mit ihm befasse. Generell ist es so: Wenn ich draußen bin, im Lebensraum der Biene, des Wurms, des Wolfes, dann macht das etwas mit mir. Ich schaue, rieche, höre und spüre! Und erlebe für mich faszinierende Begegnungen.

Bei allen Tieren?

Es gibt immer einen Gänsehautmoment. Einen, in dem ich einen ganz neuen Blick bekomme, weil ich etwas erfahren und begriffen habe, das mich überrascht. Lass mich von einer Begegnung mit dem „Blauschillernden Feuerfalter“ erzählen: Bei einer Wanderung in den Alpen im Sommer hat sich ein hübscher Falter auf meinen Handrücken gesetzt, mit zusammengeklappten Flügeln, das bedeutet, er horchte erst mal. Ich wusste nicht, welcher Falter das war, bin ja keine Biologin. Und dann hat er seine Flügel aufgeklappt … und das Sonnenlicht traf auf die feinen Schuppen, die irisierend blau leuchteten und die Zeichnung auf dem Flügel flackern ließ wie das Blau einer Kerzenflamme. In diesen Sekunden habe ich kaum gewagt, zu atmen. Das war, als hätte sich der persönlich bei mir vorzustellen, auf dass ich begreife, wie kostbar er ist. Oder nimm die Rauchschwalben. Ich besuchte sie in ihrem Winterquartier in Afrika, in Ebbaken, in Cross River State, Nigeria, und wanderte auf einen Hügel im Regenwald, auf dem sich jeden Abend bis zu 1,2 Millionen Schwalben treffen, um dort zu schlafen. Kurz bevor es dunkel wurde, sah ich die ersten kleinen Punkte am Himmel; es kamen mehr und mehr von allen Seiten und ließen sich auf dem Berg nieder, bis ich mich in einem Meer von Schwalben befand. Durch meine intensiven Recherchen erfahre ich immer wieder neu, wie sehr alles Leben auf der Erde miteinander verbunden ist. Vor sechs Jahren brachte ich die eben genannte Rauchschwalbe auf die Bühne, und ganz aktuell befasse ich mich mit Insekten. Dabei lernte ich, dass es sogenanntes „Luft-Plankton“ gibt, das die Zugvögel nährt, wenn sie unterwegs sind. Dass Insekten sogar genauso weit ziehen wie Zugvögel und auch wieder zurückkommen und dass wir Menschen von diesen himmlischen Dingen nichts ahnen, die über unseren Köpfen passieren, das ist doch faszinierend!

Was hat der Zoologe und Schriftsteller Alfred Brehm eigentlich mit deinen Stücken zu tun?

Die „Begegnung“ mit ihm habe ich einer schlaflosen Nacht zu verdanken, in der ich zu seinem populärwissenschaftlichen Nachschlagewerk „Alfred E. Brehms Tierleben“ aus dem 19. Jahrhundert gegriffen habe und begann, einen Artikel über Einzeller zu lesen. An Schlaf war nun nicht mehr zu denken! Seine Sprache hat mich bezaubert – und man kann alle zehn Bände an einer beliebigen Stelle aufschlagen: Wie er Tiere und ihre Lebenswelt beschreibt, ist wunderschön und poetisch. Für mich ist er der „Shakespeare der Biologie“. Und auch mein „guiding star“, der mich bei meiner Arbeit inspiriert und dem ich gleichzeitig ein kleines Denkmal setze, wenn ich die Erkenntnisse und den Geist des 21. Jahrhunderts mit Fragmenten seiner Arbeit kombiniere und meinem Publikum nahebringe.

„Ich vermittle fundierte und aktuelle wissenschaftliche Fakten: Mit einer bildhaften Sprache, Humor und Emotionen bleiben sie im Kopf – und finden in die Herzen des Publikums.“ Barbara Geiger, Regisseurin, Schauspielerin und Autorin

Und dies tust du ebenfalls mit deiner ganz eigenen Art und Sprache …

Ja, in der Sprache bin ich zu Hause, sie ist mein Werkzeug, mein Instrument – sowohl als Schauspielerin als auch als Autorin, die diese Stücke schreibt. Das Schöne dabei ist die fast grenzenlose Freiheit, die ich habe, weil ich keinerlei literarischen Regeln folgen muss beim Verfassen von Arbeiten, wie etwa Wissenschaftler oder Forscherinnen, die einzige Regel ist, dass das, was ich erzähle, wissenschaftlich fundiert und richtig sein muss. Meine Stücke sind gemacht für das gesprochene Wort, das heißt, als „Fräulein Brehm“ kann ich meine ganze Persönlichkeit, meine volle Begeisterung einbringen, kann eigene Worte erfinden und, da wissenschaftlich fundiert, politisch neutral sein. Ich möchte Wissenschaftliches vermitteln, es soll aber in den Kopf und ins Herz! Wenn man über etwas lachen muss, lässt es sich besser merken, verfestigt es sich leichter im Kopf, das ist erwiesen. Durch Emotionen in den Stücken wird wiederum etwas in den Herzen des Publikums ausgelöst. Ich nenne es „Seelensaiten-Zupfen“: Mein Wunsch und meine Hoffnung ist, dass die Menschen dadurch einen neuen Blick auf die Mitbewohner unseres Planeten werfen, die ich ihnen näherbringe. Jedes Stück ist eine Reise in eine andere Welt, auf die ich mein Publikum mitnehmen möchte. Das Staunen über eine Erkenntnis ist dabei ein wichtiger Moment, der etwas öffnet. Was die Menschen am Ende dieser Reise damit anfangen, bleibt ihnen überlassen. Ich habe das beste, wissbegierigste und klügste Publikum jeglichen Alters – und lebe auch von seinen Reaktionen und der direkten Begegnung. Mein größtes Glück ist, wenn die Menschen aus der Vorstellung kommen und mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Hast du eine allgemeine Erkenntnis aus deinen Exkursionen gewonnen?

Ja, bei den domestizierten Tieren wie Kuh, Schwein und Huhn deprimiert es mich, wie wir Menschen sie behandeln, denn nur die allerwenigsten leben auf Ökohöfen, und die meisten der anderen sehen nie Sonnenlicht. Und gleichzeitig habe ich begriffen, dass Landwirte es allein nicht richten können, dass wir alle sie unterstützen müssen, wenn es anders werden soll. Ich will mit meinen Stücken Courage säen, diejenigen zu unterstützen, die es anders machen. Bei heimischen Wildtieren, zu denen ich auch die Biene und den Regenwurm zähle, wundere ich mich, wie sie es schaffen, trotz uns Menschen hier mit uns zu sein. Dafür bewundere ich sie.

„Fräulein Brehms Tierleben“

Barbara Geiger ist Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. Mit „Fräulein Brehms Tierleben“ schuf sie ein Theater, „das sich ausschließlich mit heimischen, gefährdeten Tierarten auseinandersetzt“ und in dem daran „geforscht, erfahren und vor allen Dingen vermittelt wird, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Dabei schlägt sie die Brücke von aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Biologie und Zoologie hin zu einer breiten Öffentlichkeit. Neben Barbara Geiger selbst stehen auch weitere Schauspielerinnen als „Fräulein Brehm“ auf der Bühne; einige Stücke wurden bereits in andere Sprachen übersetzt und aufgeführt.
www.brehms-tierleben.com

Dieser Artikel stammt aus der Winterausgabe 56 des Demeter Journals.