An Ort und Ställe

Alles, was die Zukunft braucht

Familie Bochröder

Bild: YOOL


Sie stehen vor einer großen Aufgabe, doch mindestens ebenso groß ist ihr Zusammenhalt: Bei Familie Bochröder vom „Neuen Hof“ in Düren sind nun die Jungen dran.

„Ich fühle mich hier reich beschenkt“, sagt Heinz-Peter Bochröder (63) und zeigt sein Zuhause: eine kanadische Jurte, umgeben von zahllosen Stauden und Topfpflanzen. Beschenkt fühlt er sich von der Schönheit der Schmetterlinge, Bienen, Libellen und Wespen, die ihn dort besuchen und um die duftenden Blüten flattern. In die Jurte ist er nach dem Tod seiner Frau Irmgard vor zwei Jahren gezogen. Hier liest, meditiert, musiziert und schläft er – „dank meiner warmen, sibirischen Daunendecke auch im Winter kein Problem!“. Wenn er nicht in der Jurte anzutreffen ist, arbeitet Heinz- Peter oder verbringt Zeit mit seiner Familie, die einen dreiminütigen Spaziergang über eine Streuobst- und Kuhwiese entfernt wohnt und seine ehemalige Wirkungsstätte, den sogenannten „Neuen Hof“, mit Leben erfüllt.

„Heute haben wir enge Beziehungen zu unseren konventionellen Nachbarn. Wir helfen einander und begegnen uns mit Offenheit. Nur so können wir Menschen für die Öko-Idee gewinnen.“ Christoph Bochröder, Demeter-Landwirt

Dort ist immer viel los: Auf dem weitläufigen Gelände des Demeter-Betriebs, das mit Wohn- und Bürogebäuden, Scheunen und Ställen den Hofplatz einrahmt, leben und arbeiten alle fünf Söhne: Da ist zum einen Christoph (35), der den Hof als Geschäftsführer mit seiner Freundin Shannon Siffrin (29) führt. Christophs Steckenpferde sind der Ackerund Gemüsebau sowie der Vertrieb von Landmaschinen, während sich Shannon hauptsächlich um die Kuhherde und den Selbstbedienungsladen kümmert. Sohn Jakob widmet sich den Hühnern – bis zu 5.100 Tiere scharren und picken in Mobilställen. Auch die Eiervermarktung unter der Marke „Jakobs Happy Eggs“ verantwortet der 27-Jährige. Friedrich (31) wiederum packt nicht nur an, wo er gerade gebraucht wird, sondern ist als gelernter Schauspieler und Filmemacher für die Kommunikation des Hofs verantwortlich. Derzeit verbringt auch seine Freundin, die Regisseurin Ilka Sparringa (27), viel Zeit auf dem Hof. Gemeinsam drehen sie den Spielfilm „Overdose“, gerade arbeiten sie am Schnitt. Neben Paul (25), der „Smart Building Engineering“ studiert und morgens die Eier ausfährt, leben und arbeiten hier noch der Geselle Urs Bober (25) und Aushilfe Niklas Hinz (24), genannt Hektor. Von den fünf Bochröder-Söhnen lebt nur der Zweitälteste, Wanja (33), nicht dauerhaft auf dem Hof, sondern die meiste Zeit als Lehrer in Köln. Doch auch er kommt an zwei Tagen die Woche nach Düren und kümmert sich dann um die anfallende Büroarbeit. Als 2019 der Pachtvertrag für den Demeter-Hof und das dazugehörige Land auslief, den Heinz-Peter und seine Frau Irmgard 28 Jahre zuvor unterzeichnet hatten, bewarb sich Sohn Christoph mit einem Neukonzept um die Hofübernahme. Mit Erfolg: Seitdem führt er den Betrieb und hat gleich nach der Übernahme dafür gesorgt, dass sich das Gesicht des „Neuen Hofs“ verändert. Er investierte in große, sonnendurchflutete Räume: eine Hofküche, ein Büro und einen Tagungsraum, dazu eine Werkstatt und eine Mitarbeiterunterkunft. Was früher noch im DIY-Stil zusammengewürfelt etwas Hippie-Charme verströmte, ist heute großzügig, luftig und aus einem Guss. „Für mich ist etwas dann nachhaltig, wenn es auch schön ist. Deswegen habe ich mich bei all den Umbau- und Einrichtungsinvestitionen immer für die hochwertige, ästhetische Version entschieden, die uns dann viele Jahrzehnte Freude macht. Wir alle, die wir hier leben und arbeiten, aber auch die Besucher sollen sich wohlfühlen“, so Christoph. Neben der Koordination des Betriebs und dessen Weiterentwicklung verantwortet er auch die Bereiche Ackerbau und Feldgemüse. So sorgte er dafür, dass 2020 ein Brunnen gebohrt wurde, um noch besser gegen Trockenperioden gewappnet zu sein – „eine Erleichterung nach jahrelangem Ringen um die Baugenehmigung!“

DEMETER WIRKT

Christoph hat bereits als Kind gesehen, dass die nachhaltige Bewirtschaftung nach Demeter-Vorgaben in trockenen Zeiten zu besseren Erträgen führt. Heute kann er das interessierten Kolleg:innen direkt auf dem Acker zeigen: „Wenn wir den Boden der Äcker untersuchen, die bereits seit 1967 biodynamisch bewirtschaftet werden, dann kommen wir auf einen Humusgehalt von 3,8 Prozent. Die Ackerflächen daneben, die wir erst vor acht Jahren dazupachten konnten, weisen einen Humusgehalt von nur 1,6 bis 1,8 Prozent auf. Damit können sie viel weniger Wasser speichern und die Pflanzen nicht so gut ernähren.“ Schon für seine Eltern gehörte es dazu, nicht nur Lebensmittel selbst zu produzieren, sondern möglichst alles, was dafür notwendig ist: zum Beispiel das Futter für die Tiere und natürlich auch deren Mist, der wiederum den Boden nährt und für Artenvielfalt sorgt. „Sogar beim Hühnerfutter streben wir Autarkie an – und starten im nächsten Jahr mit Versuchen, selbst Soja anzubauen, weil uns aktuell noch eine eigene Eiweißkomponente für die Hühner fehlt.“ Christoph ist von der Demeter-Wirtschaftsweise fest überzeugt, durch seine Ausbildung kennt er aber auch die andere, konventionelle Seite. „Es ist mir wichtig, dass ich den Vorurteilen, die meine Eltern damals abbekommen haben, etwas entgegensetzen kann. Ganz fachlich fundiert. Als Kind empfand ich es als sehr ungerecht, wenn sie für ihre gute und sinnvolle Arbeit belächelt wurden.“ Im Gegensatz zu früher, als Heinz-Peter und Irmgard eher als Außenseiter ihren eigenen Weg gingen, ist der Betrieb von heute eng vernetzt mit den Nachbar:innen – auch mit den konventionell wirtschaftenden. Man schätzt sich, hilft sich aus und hält zusammen. „Regionalität ist nachhaltig. Beziehungen sind es auch. Wenn wir bei der Ernte Hilfe brauchen, beschäftigen wir auf dem Hof keine Lohnunternehmer mehr, sondern unsere Nachbarn. Wir können dafür wiederum mit unseren Maschinen aushelfen.“ Bio- und biodynamische Landwirtschaft trifft heute in der Region auf mehr Offenheit und Interesse. Ein Nachbar hat inzwischen seinerseits auf Demeter umgestellt. Und neben Kindern und Radfahrer:innen sieht Christoph immer öfter auch Kolleg:innen, die an der Weide anhalten und die Rinder beobachten. Denn viele davon gibt es in der Region nicht mehr.

SHANNON UND IHRE TIERE

Für die Rotbunten auf dem Hof – eine alte und gefährdete Rinderrasse – ist Shannon verantwortlich. Sie ist staatlich geprüfte Agrarbetriebswirtin und hat damit dieselbe zweijährige Fortbildung abgeschlossen wie auch Christoph und sein Bruder Jakob. Doch anders als die beiden Brüder kommt sie nicht aus der Landwirtschaft, sondern fand über ein „freiwilliges ökologisches Jahr“ zur Arbeit an der frischen Luft und im Stall. Nach einem Lehrjahr in einem konventionellen Betrieb schloss sie ihre Ausbildung zur Landwirtin auf dem „Neuen Hof“ ab. Heute sind die 85 Milchkühe sowie Jungtiere und Bullen Shannons große Leidenschaft. Die schönen Rotbunten hatten es ihr schon in ihrem Praktikum angetan, das sie vor ihrer Lehre hier absolvierte. Damals war sie tief beeindruckt von Heinz- Peters Umgang mit den Tieren: „Er hatte für jedes Tier einen Namen – da steckt eine andere Haltung dahinter als bei einem Massenbetrieb. Jedes Tier war ihm wichtig, und er hatte eine spezielle Beziehung zu jedem einzelnen. Das hat mir imponiert.“ Shannon hat ebenfalls eine eigene, respektvolle und enge Beziehung zu ihren Tieren. Aber auch alle anderen Mitarbeiter:innen auf dem Hof kennen die Namen der 85 Kühe. So wissen sie Bescheid, wenn Shannon beim Abendbrot von Zela spricht, von Undum oder Sepia. „Die Kühe sind meine Mitarbeiterinnen, nicht nur ‚Nutztiere‘“, erklärt sie und berichtet von der ältesten, Rustika, die nun im Alter von 18 Jahren „in Rente gegangen“ sei: „Rustika läuft auf der Weide mit und erfüllt dabei als Leitkuh der Herde eine zentrale Rolle. Als Herdenmanagerin muss ich den jeweiligen Platz und die Funktion der Kühe in der Herde genau kennen. Würde ich Rustika herausnehmen, würden die anderen Tiere Rangkämpfe ausfechten.“ Auch den ganzheitlichen Zuchtund Haltungsansatz von Heinz-Peter führt Shannon fort: „Bei uns steht das Tierwohl im Fokus. Wir züchten Tiere, die gesund und fit sind und lange leben. Bei der Haltung setzen wir auf regelmäßigen Weidegang, kuhgebundene Kälberaufzucht und große Strohliegeflächen im Stall. Die Tiere werden in Herdenverbänden gehalten und behalten – wie auf allen Demeter-Betrieben – natürlich ihre Hörner.“ Doch gerade dieser Betriebszweig bereitet Christoph zunehmend Sorgen: „Für uns ist die Milchviehhaltung wirtschaftlich gesehen schwierig. Während die Kosten steigen, bleiben die Erlöse für die Milch auf demselben Niveau – und das ist zu niedrig. Derzeit trägt der Acker- und Gemüsebau die Rinder- und Milchviehhaltung mit.“ Im Sinne der Demeter-Philosophie habe die Kuh auf dem Hof dennoch ihren Platz. Sie sei eben langfristig wirksam: durch ihren wertvollen Mist, der den Boden verbessert und für Artenvielfalt sorgt, aber auch durch das, was sie in den Menschen auslöst, wenn sie mit ihr in Kontakt kommen. „Doch manchmal frage ich mich: Wie lange können wir uns das noch leisten? Ich hoffe zwar, dass wir es schaffen werden, weiterhin Milchvieh halten zu können. Aber vielleicht mit einem neuen Ansatz, indem wir Menschen die Verbindung zum Tier ermöglichen, etwa mit einem Schulbauernhof oder einem Ferienortkonzept.“ Senior Heinz-Peter hingegen hat große Zuversicht. Seit er den Schritt in die zweite Reihe gegangen ist, hat er nicht nur an Leichtigkeit gewonnen, sondern auch wieder Zeit für seine zweite Leidenschaft nach der biodynamischen Landwirtschaft: die Musik. Als Saxophonist spielt er in zwei lokalen Bands, mit denen er auftritt. Er macht sich keine Sorgen: „Wir haben eine uns wohlgesinnte Stiftung als Verpächterin, wir haben einen engen Familienzusammenhalt. Alle helfen mit, wenn sie gebraucht werden, und alle ergänzen einander in ihren Fähigkeiten. Wir beackern Land, das in großen Teilen so lange biodynamisch bewirtschaftet wurde, dass es lebendig und fruchtbar ist, und wir haben eine unglaubliche Vielfalt auf dem Hof: Tiere, Getreide, Gemüse, Obst und Nüsse. Inzwischen haben wir sogar einen Brunnen, der die Bewässerung über den Sommer sichert. Shannon ist für den Hof ein Glücksfall und die Seele des Betriebs! Und Christoph stellt gemeinsam mit ihr und allen anderen, die hier mitwirken, etwas Wunderbares auf die Beine. Ich genieße die Kraft dieser jungen Generation, die nicht nur Ideen hat und sehr gut ausgebildet ist, sondern auch wirtschaftlich denkt und in engem Austausch mit Nachbarn und Kollegen steht. So gut war der ‚Neue Hof‘ noch nie aufgestellt! Was für die Zukunft auch gebraucht wird – es ist alles da.“

„Das Arbeiten auf einem Demeter-Betrieb entspricht dem, wie ich auch aus meinem Innersten heraus mit Pflanze und Tier umgehen möchte.“ Shannon Siffrin, Demeter-Landwirtin

Bio Bochröder

Der „Neue Hof“ am Rande der Nordeifel wird seit 1967 biodynamisch bewirtschaftet; Heinz-Peter und Irmgard Bochröder haben die Pacht 1991 übernommen. Seit 2019 führt Christoph – der älteste der fünf Söhne – den Betrieb. Auf gut 200 Hektar Fläche bauen die Bochröders unter anderem verschiedene Getreidearten, Kartoffeln, Hokkaido-Kürbisse, Zuckerrüben, Zwiebeln, Möhren, Rote Bete, Feldfutter, Obst auf Hochstämmen sowie Walnüsse an. Neben der Milchkuhhaltung und Rinderzucht der Rotbunten halten sie Hühner in Freilandmobilställen (mit Walnussbäumen in Agroforst-Kombination). Die Rotbunten sind Zweinutzungstiere, die nicht nur Milch geben, sondern auch Fleisch ansetzen. Die Tiere werden erst geschlachtet, wenn alle Teile vorbestellt sind. Die eigenen Demeter-Produkte gibt es unter anderem im neuen Selbstbedienungsladen direkt auf dem Hof sowie auf Märkten und in Läden in Aachen, Düren und Köln.
Bio Bochröder, Stockheimer Landstraße 171, Düren
www.bio-bochroeder.de
www.instagram.com/biobochroeder
www.facebook.com/biobochroeder

Dieser Artikel stammt aus der Winterausgabe 56 des Demeter Journals