An Ort und Ställe

Einmal Gemüse mit Idealismus und Vielfalt, bitte!

Annette Glaser und Boris Laufer

Bilder: YOOL


Annette Glaser und Boris Laufer vom Demeter-Hof Apfeltraum haben mit ihrer Gärtnerei den Schritt in die Solidarische Landwirtschaft gewagt. So können sie nicht nur ihre Ansprüche an ein ideales Wirtschaften und Arbeiten mit der Natur besser verwirklichen, sondern haben auch den Raum, sich den Fragen der Zukunft zu stellen. Etwa, wie sie den Auswirkungen des Klimawandels begegnen.

Boris Laufer mit Esel

In der „märkischen Streusandbüchse“ Gemüse anzubauen, ist keine kleine Herausforderung, denn der Boden ist nicht gerade prädestiniert dafür. Annette und Boris tun es trotzdem – mit Erfolg! Sie leben und arbeiten auf dem Hof Apfeltraum nahe des Naturparks Märkische Schweiz, östlich von Berlin. Ihre drei Töchter Charlotte, 18, Antonia, 16, und Luise, 12 Jahre alt, sind hier gemeinsam mit den Kindern der anderen Familien aufgewachsen, die auf dem Hof ebenfalls eigene Betriebe führen. Boris und Annette sind Gärtner*innen und bereits 2002 als Betriebsleiter*innen der Gärtnerei auf den Hof gekommen. Seitdem haben sie viel verändert und immer wieder Neues ausprobiert. Vor rund drei Jahren dann der große Schritt: Statt ihr Gemüse weiterhin über Abokisten und Wochenmärkte zu verkaufen, setzen sie nun auf das Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft – und haben vor vier Jahren eine solche „Solawi“ gegründet.

Annette und Boris bei der Rosenkohl-Ernte

Solawi-Gärtnerei Hof Apfeltraum

Annette Glaser und Boris Laufer haben 2002 die Gärtnerei Apfeltraum übernommen, die rund 50 Kilometer östlich von Berlin liegt. Inzwischen bewirtschaften sie mit fünf bis sechs Mitarbeiter*innen die Demeter-Gärtnerei auf 12 Hektar, davon sind rund die Hälfte Freilandgemüsefläche und rund 2.500 Quadratmeter Gewächshaus. Tiere gehören für Annette und Boris zum Demeter-Ideal des Hofkreislaufs dazu: Eine kleine Herde aus vier Galloway-Rindern, 15 Schafen und zwei Eseln sorgt für wertvollen Dung, die Grundlage für einen fruchtbaren Boden. In der Gärtnerei Apfeltraum wird auch Saatgut biodynamischer Sorten für „Bingenheimer Saatgut“ vermehrt, etwa verschiedene Sorten Gurken, Tomaten, Paprika, Chili und Salat. Ein weiteres Standbein ist die Jungpflanzenaufzucht mit einem beliebten Jungpflanzen-markt, der traditionell am 1. Mai auf dem Hof stattfindet.

Das Prinzip der geteilten Ernte

Annette Glaser

Klimabilanz, Verpackungen, aber auch die faire Bezahlung unserer Mitarbeiter*innen - wie viel Idealismus können wir uns leisten? Seit wir eine Solawi sind, eindeutig mehr!

Annette Glaser

Das Konzept funktioniert so, dass ein Hof eine feste Gruppe von Mitgliedern mit Lebensmitteln versorgt. In diesem Fall sind es etwa 180 Menschen, die über Verteilstationen in Dörfern und kleinen Städten in der näheren Umgebung sowie in Berlin wöchentlich rund ums Jahr saisonales Gemüse von der Gärtnerei des Hofs Apfeltraum erhalten. Das Besondere: Sie bezahlen nicht für das Gemüse an sich, sondern monatlich einen festen Betrag, mit dem Annette und Boris rechnen und wirtschaften können. Boris beschreibt es als ein komplett anderes Denksystem, mit dem sich die Gärtnerei ein Stück weit dem freien Markt entzogen hat. Die Entscheidung für die Solawi reifte lange. „Wir kamen als Familie und Betriebsleiter an einen Punkt, an dem wir merkten: So geht es nicht mehr weiter! Damals bedienten wir fünf Wochenmärkte und steckten in einem Hamsterrad, in einer großen Maschinerie, die am Laufen gehalten werden musste: mehr Märkte, mehr Gemüse, mehr Angestellte, mehr Lieferautos, mehr Kosten, Kredite und Ausgaben – und es blieb kaum Zeit, um einmal durchzuatmen. So stellten wir uns die Frage: Ziehen wir uns vom Gemüseanbau ganz zurück und widmen uns nur der Saatgutvermehrung und der Jungpflanzenanzucht? Dafür war unsere Leidenschaft für den Gemüseacker allerdings zu groß, und auch das soziale Miteinander mit unseren Mitarbeiter*innen hätten wir sehr vermisst. So haben wir uns gewagt, den Gemüseanbau auf eine Solawi umzustellen, und wissen heute: Es war die richtige Entscheidung! Heute arbeiten wir je nach Saison mit fünf oder sechs Mitarbeiter*innen und Auszubildenden und genießen dieses Miteinander sehr“, erklärt Annette. „Die Fragen, die wir uns stellten, waren: Inwieweit würden uns die Mitglieder in unsere Art zu arbeiten hineinreden und wir quasi ‚fremdbestimmt‘ sein? Und vor allem: Werden wir genügend Menschen finden, die mitmachen? Ängste, die sich im Nachhinein als völlig unbegründet herausstellten“, blickt Boris zurück. Aus zunächst 33 Apfeltraum-Gemüse-„Solawisten“ sind inzwischen etwa 180 geworden. Viel mehr können es auch nicht werden, denn zum einen ist mit den derzeitigen Land- und Arbeitsressourcen auch die Ernte begrenzt, die sich alle teilen. Vor allem im Mai und im Juni, bevor die ersten Tomaten reif sind, ist es eine Herausforderung, weil das Lagergemüse sich dem Ende zuneigt, das erste frische Gemüse aus dem Gewächshaus bereits geerntet ist und das Gemüse auf dem Freiland erst noch heranwachsen muss.  Zudem ist es vor allem in der Hauptstadt schwierig, an Verteilstellen zu kommen.

Feldsalat-Ernte

Samenfest muss es sein!

„Durch die Solawi kommen wir unseren Idealen näher als je zuvor. So können wir eine weitaus größere Vielfalt an samenfesten Sorten auf jeweils kleinerer Fläche anbauen – im Wissen, dass unsere Mitglieder sie alle abnehmen und wertschätzen. Dabei probieren wir aus, welche Sorten im Geschmack und unter Klimanachhaltigkeitsaspekten an unserem Standort besonders gut gedeihen“, erklärt Annette. Allein die Vielfalt der Möhren, die im wöchentlichen Ernteanteil landen, klingt vielversprechend: Fynn, Oxhella, Jeaune du Doubs. „Die erfüllen das, was wir von einer Möhre erwarten: Sie haben einen charaktervollen Geschmack, gedeihen an unserem Standort“, schwärmt die Gärtnerin, die schon in ihrer Ausbildung von der Sortenvielfalt fasziniert war. Bis auf den Rosenkohl ist alles Gemüse, das sie und Boris anbauen, samenfest und kein Hybridgemüse. Letzteres ist hauptsächlich auf Ertrag und Gleichförmigkeit gezüchtet. Dabei hat das Paar die Abhängigkeit von den großen Saatgutkonzernen bei Hybriden immer schon sehr kritisch gesehen. „Baut man sie an, ist man gezwungen, indirekt Geschäfte mit Leuten zu machen, mit denen man keine Geschäfte machen will“, ergänzt Boris. Ganze 95 Prozent des in der Landwirtschaft eingesetzten Bio-Gemüsesaatguts sind Hybridsaatgut, und auch für einen Demeter-Betrieb ist es etwas Besonderes, fast ausschließlich auf samenfeste Sorten zu setzen. „Hybride eignen sich gut für den industriellen Anbau. Samenfeste Sorten hingegen brauchen gärtnerisches Können und mehr Aufmerksamkeit.“ Aufmerksamkeit bekommen sie inzwischen auch vor Ort und in der näheren Umgebung, erzählt Annette: „Nehmen wir Tomaten – die haben eine unglaubliche Vielfalt an Formen, Farben und Geschmack! Hobbygärtner*innen, die hier zum Hof-Verkauf kommen, fragen inzwischen längst nicht mehr nach ,Harzfeuer‘-Tomaten, sondern nach der mild-süßen Ruthje, einer biodynamischen Züchtung. Dann wird mir klar, dass diese leuchtend rote und sehr aromatische Tomate es zumindest hier aus der Ökonische geschafft hat und für Abwechslung und Genuss auf den Tellern sorgt.“

Auf dem Feld bei der Ernte

Weniger Kompromisse, näher am Ideal

Die neue Freiheit, die sie durch ihre Umstellung erreicht haben, ermöglicht es Boris und Annette, ihre Arbeit und ihr Wirken mehr an den eigenen Idealen auszurichten. „Das betrifft zum Beispiel Verpackungsmüll. Der ist früher in erschreckenden Mengen angefallen: dadurch, dass wir zeitweise Jungpflanzen verschickten, oder durch das zugekaufte Gemüse für unseren Marktstand und auch durch die Plastiktüten für die Kunden. Heute verzichten wir völlig auf Plastikverpackungen“, so Boris. „Die Frage nach der Verantwortung hat uns immer begleitet; auf den Märkten haben wir auch Produkte angeboten, die nicht aus der eigenen Gärtnerei kamen, eben weil sie nachgefragt wurden. Da wurden wir mit der Zeit immer strenger und konsequenter und haben nur noch das angeboten, was wir gut vertreten konnten. Doch was leider auch wahr ist: Je kleiner das Angebot an einem Marktstand, umso geringer der Umsatz. Denn dann werden die Salate, die saisonbedingt nicht angeboten werden, eben am Nachbarstand gekauft.“

Annette und Boris vor dem Gewächshaus

Boris Laufer

Wie können wir auf die Auswirkungen des Klimawandels reagieren? Mit einer bunten Vielfalt an Sorten, die hierher passen, einerseits. Andererseits tauschen wir uns mit anderen Demeter-Bäuerinnen und -Bauern aus, wie wir jeden Tropfen Wasser, der vom Himmel fällt, im Boden behalten.

Boris Laufer

Nach dem Ausstieg aus dem Hamsterrad ist der Kopf nun frei, sich Zukünftigem zu widmen, auch gemeinsam mit den Solawi-Mitgliedern oder Kolleginnen und Kollegen anderer Demeterhöfe. Endlich Zeit, der Frage nachzugehen, wie Gemüseanbau auf diesem sandigen Landstrich, der bereits heute stark von Klimawandelauswirkungen betroffen ist, zukunftsfähig gelingen kann. Vor allem die Trockenheit ist in den letzten Jahren zur großen Herausforderung geworden. „Wir probieren Methoden aus – eine Kombination von Begrünung, Fruchtfolgen, standortangepassten Züchtungen, einer größeren Vielfalt am jeweiligen Gemüse oder anderen Zeiten, zu den wir arbeiten. Im Sommer beispielsweise eignen sich die Abendstunden, um am besten jeden Tropfen Wasser, der vom Himmel fällt, im Boden zu behalten“, erklärt Boris. Da helfe auch der Blick zurück auf die vergangenen 18, 19 Jahre hier auf dem Hof, so Annette: „Heute wissen wir: Wir befinden uns in einer ständigen Entwicklung. Und das Schöne ist, dass wir uns nicht einen Tag gefragt haben, warum wir tun, was wir tun. Biolandwirtschaft und Gestaltungsmöglichkeiten auf den Höfen können einen großen Beitrag zum Artenschutz, Klimaschutz, Boden- und Wasserschutz leisten. Das ist unser Motor. Da gibt es jeden Morgen wieder viel anzupacken, im Kleinen wie im Großen.“

Annette und Boris auf einer Wiese

Dieser Artikel stammt aus der Frühjahrsausgabe 49 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 49 zeigt eine Hand, die Möhren in die Luft hält