Gespräch auf Orange

Hühnerfrau mit Haltung

Inga Günther mit Huhn auf einem Würfel in orangeBilder: YOOL

Inga Günther züchtet das Ökohuhn der Zukunft. Seit 2015 führt sie die Ökotierzucht (ÖTZ), mit der sie nicht nur gegen das Kükentöten angetreten ist, ein Symptom der etablierten Züchtungsstrukturen. Die ÖTZ setzt Letzteren eine Alternative entgegen, die aus einer anderen Haltung erwächst – gegenüber Tieren, der Umwelt und dem Menschen. Viele Fragen an eine, die selbst gern welche stellt.

Inga, 2015 hast du mit der Ökotierzucht (ÖTZ), einer gemeinsamen Initiative von Demeter und Bioland, eine echte Revolution gestartet.

Ja, das war ein großer Schritt. Bis dahin stammten – und ehrlicherweise muss man sagen: stammen auch heute noch – die allermeisten Hühner, ob bio oder konventionell gehalten, von drei internationalen Zuchtkonzernen, deren Zuchtziele nicht auf den Ökolandbau ausgerichtet sind. Diese Hühner sind radikal auf Leistung gezüchtet: entweder als Masthuhn darauf, schnell viel Brustfleisch anzusetzen, oder als Legehenne darauf, eine möglichst hohe Zahl an Eiern pro Jahr zu legen. Die „Nebenwirkung“ des Tötens männlicher Küken von Legehennen-Rassen ist heute vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern bewusst – und wird von großen Teilen der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert. Andere Symptome dieser Zucht hingegen liegen noch im Verborgenen. Zum Beispiel, dass solche Tiere zumeist mit sehr hochwertigem Futter und einigen sehr speziellen Futterzusatzstoffen gefüttert werden müssen, weil ihr Magen so klein und die Leistung so hoch ist, dass sie mit „einfachem“ Futter unterversorgt wären.

Und schon sind wir beim Thema dieses Demeter Journals: Es erfordert Mut, solche Themen anzusprechen, und damit dazu zu stehen, dass auch in der Öko-Welt nicht alles perfekt ist.

Ja, das stimmt wohl. Der, der anspricht, was – noch! – nicht stimmt und was unseren hohen Ansprüchen auch nicht genügen kann, bekommt auch aus der Bio-Welt selbst erst einmal ordentlich Gegenwind. Doch das ist ja das Dilemma: Um das System, das sich nun mal über die Jahrzehnte etabliert hat, zu ändern, müssen wir seine Nebenwirkungen ansprechen und, ja, auch den Blick aller darauf lenken, was sich daran falsch entwickelt hat. Auch wenn es erst einmal wehtut und zu Enttäuschungen führt. Doch das sehe ich ausschließlich positiv.

Wie das?

Der berühmte Kinderbuchautor und Illustrator Janosch sagte einmal: „Enttäuschung ist mir eine Beglückung, denn zuvor war ich getäuscht, danach ist die Täuschung aufgehoben.“ Er hat damit recht: Weil sie Schmerzen bereitet, möchte man Enttäuschung eigentlich immer vermeiden. Etwa, dass Verbraucherinnen und Verbraucher, die mit guten Absichten zu Bio-Eiern greifen, den Eindruck haben könnten, ihnen wurde bislang vielleicht nicht die ganze Wahrheit erzählt. Täuschungsabsichten stecken jedoch bei Bio-Hühnerhalterinnen und -haltern, die sich jeden Tag um das Wohl ihrer Tiere sorgen, nicht dahinter. Dennoch ist es unbestreitbar so, dass sich die Lebensmittelproduktion in den letzten Jahrzehnten, auch im Bio-Bereich, wenn auch lange noch nicht so extrem wie im konventionellen, immer stärker am klassischen Kapitalismus orientiert hat. Dieses Denken in den Kategorien „Kosten – Nutzen“ und „möglichst billig – möglichst viel“ führte bei der Hühnerzucht beispielsweise dazu, dass sie heute fast ausschließlich in den Händen von drei Zuchtkonzernen weltweit liegt. Je stärker jedoch die Zucht auf rein wirtschaftlich ausgerichtete Entscheidungen optimiert ist, desto weniger passen die Tiere zum Ökolandbau. Natürlich müssen auch im Ökolandbau Bäuerinnen und Bauern so arbeiten, dass sie davon ein Auskommen haben. Doch ich bin überzeugt: Uns müssen hier zusätzlich auch andere Werte leiten. Das beschreibt ein Zitat von Unternehmer und Buchautor Bodo Janssen ganz gut, der sagt: „Die Wirtschaftlichkeit ist nicht der Sinn unseres Handelns, sondern nur die Basis unserer Existenz.“ Wir zeigen nun aber nicht nur auf Probleme, sondern schaffen mit der Ökotierzucht eine praktikable Alternative dazu. Wir können also guten Gewissens sagen: Wir wissen, es gibt noch viel zu tun – darum haben wir uns auf den Weg gemacht.

Inga Günther füttert Hühner

Das Ökohuhn von morgen zu züchten, ist ein ambitioniertes Ziel, das du verfolgst, seit du 20 bist. Wie kamst du dazu?

Hühner sind meine Berufung. Als ich als Jugendliche ein Bild von mir selbst in der Zukunft malen sollte, malte ich mich ganz selbstverständlich mit einem Huhn auf der Schulter. Dass etwas im „System Huhn“ falsch lief, merkte ich bereits als 15-Jährige bei meinem Landwirtschaftspraktikum. Da fragte ich mich das erste Mal angesichts der Hühner, die mich so begeisterten: Wo sind denn eigentlich all die Hähne geblieben, von denen es ja genauso viele geben müsste wie Hühner? Diese Frage begleitete mich durch meine Studienzeit in Witzenhausen bis zu meiner ersten Demeter-Geflügelhaltertagung. Da wurde ich als junge Mutter mit meinem Baby auf dem Arm von einigen gestandenen Geflügelbauern aber erst mal als naive Träumerin und als „reichlich grün hinter den Ohren“ abgestempelt, als ich meine Überzeugung kundtat, dass es eine echte Ökotierzucht braucht in Zukunft. Und mit dieser Meinung wurde auch nicht hinterm Berg gehalten.

War das nicht entmutigend?

Nein, das war ein ganz entscheidender Moment für mich. Denn, zugegeben, sie hatten zu weiten Teilen ja auch recht damit! Das hat mich so provoziert, dass ich begann, diese Überzeugungen und Träumereien dann in die Tat umzusetzen.

Die Widerstände haben mich also angespornt und mutig gemacht. Genau dieser Mut, etwas scheinbar Chancenloses dennoch anzupacken, hat mir wiederum Respekt und seitdem auch jede Menge Mitstreiterinnen und Mitstreiter verschafft. Denn neben Mut und dem Zutrauen in die eigene Kraft und Idee braucht es in erster Linie feste Verbündete und verbindliche Unterstützer*innen für diese Aufgabe. Im Rückblick kann ich sagen: Es waren gerade die Zweifel und Gegenargumente der Skeptiker, an denen ich über meine eigenen Zweifel hinausgewachsen bin. Erst durch die kalten Duschen sind neue Gedanken und pragmatischere Lösungsansätze entstanden. Der Gegenwind war also genauso wichtig wie der Idealismus, um ins Tun zu kommen. Dadurch bekommt das zunächst Abstrakte immer konkretere Züge, wird einfacher umsetzbar. Aber was mir immer am meisten Mut gemacht hat und das auch weiterhin tut, ist die Gewissheit: Es hat Sinn, was ich da tue. Die ökologische Züchtung ist meine Lebensaufgabe, meine Bestimmung. Ein großes Geschenk.

Inga Günther hält ein Ei

Hattest du jemals Angst, an dieser großen Aufgabe zu scheitern?

Ja, ich habe wie jede und jeder andere hin und wieder auch mal Angst – aber das macht mich nicht handlungsunfähig. Wenn mal etwas nicht funktioniert, ist für einen gewissen Schritt einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen oder es fehlt eben noch ein Puzzleteil und oft schlicht auch das Geld.
An etwas zu scheitern, ist für mich eine Chance, etwas neu zu ordnen und Geduld zu üben. Erst kürzlich sagte ein Freund zu mir: „Never waste a good crisis.“ Ich frage mich gerade, ob das Scheitern nicht sogar maßgeblich mit dafür verantwortlich ist, dass etwas gelingen kann.

Zu Beginn hatte ich Angst und Zweifel, ob ich überhaupt eine gute Geschäftsführerin sein würde. Denn damals kannte ich mich zwar mit Hühnern aus und wusste genau, was ich wollte – doch ich hatte keinerlei Erfahrung mit Unternehmensentwicklung. Das war zu Gründungszeiten der ÖTZ und unter den finanziell schwierigen Grundbedingungen eine echte Herausforderung für mich. Gelernt habe ich, in solchen Momenten zu sagen: Ja, die Angst ist da – und trotzdem mache ich weiter! Und siehe da, es gab unerwartete Wegbereiter und gute Wendungen.

Viele Projekte starten erst, wenn sie finanziell abgesichert sind. Aber das, was du wirklich brauchst, sind Mut und Geduld. Etwas, was ich neben den vielen Zweifeln bei der Umsetzung jedoch nie infrage gestellt habe, war das Bild, in welcher Beziehung die Hühner eigentlich zu den Menschen und dem ganzen landwirtschaftlichen Organismus stehen.

Wie meinst du das?

Es ist nicht nur entscheidend, welche Leistung ein Tier bringt, sondern auch: Wie geht’s dem Menschen, dem Tier und der Umwelt dabei? Die Ökotierzucht ist nicht nur eine andere Züchtung, sie ist auch eine Züchtung mit einer anderen Haltung. Hier ist das Tier kein reiner Produktionsfaktor, sondern ein Lebewesen innerhalb des ursprünglichen Kreislaufs von Werden und Vergehen, von Leben und Sterben – wie wir alle auf diesem schönen Planeten auch.
Die Fragen an das Ökohuhn der Zukunft reichen damit weit über Begrifflichkeiten wie „wesensgemäße Tierhaltung“ hinaus. Zugespitzt: Passt Futter, für das Regenwald abgeholzt wurde, zu einem Ökohuhn der Zukunft? Mit Sicherheit nicht. Das Huhn ist eigentlich ein perfekter Resteverwerter und damit auch Ressourcenschützer. Das ist seine Aufgabe im Zusammenleben mit uns Menschen auf der Erde: Reste zu Eiern und Fleisch zu veredeln.

Inga Günther mit Hahn auf dem Arm

Auch für die Landwirt*innen ist der Umstieg auf ÖTZ-Tiere eine große Herausforderung ...

Auf jeden Fall! Selbst die, die Bio- oder Demeter-Land­wirt*innen aus Überzeugung sind, brauchen Mut, sich nochmals ganz neu in die Hühnerhaltung und -vermarktung einzudenken – und auch ihren Kunden zu sagen: Das, was ich bisher gemacht habe, war noch nicht ganz perfekt, denn wir arbeiten auch hier auf dem Hof noch in einer Abhängigkeit von Strukturen, in denen derzeit noch zum Teil männliche Küken getötet werden. Sie müssen ihre Kunden begeistern und erklären, was sie nun anderes tun. Sie müssen kommunizieren, dass es unter anderem heißt, dass jeder, der pro Jahr – wie derzeit der Durchschnitt – 230 Eier essen will, zukünftig eben auch einen Bruderhahn essen muss. Diese Landwirte brauchen Kundinnen und Kunden, die bereit sind, statt bisher 50 Cent 65 oder gar 85 Cent pro Ei zu bezahlen, weil sie wissen, dass Tierwohl, Umweltschutz und weniger Hochleistung eben auch mehr kosten. Man sieht also, dass der Erfolg der Ökotierzucht zu guten Teilen auch an der Frage hängt, wie gut diese Preisdifferenz vom Landwirt kommuniziert und von Kunden akzeptiert wird. Daher appelliere ich an alle: Fragt in den Geschäften und beim Landwirt direkt nach und macht ihm mit der Kaufentscheidung am Eierregal und an der Fleischtheke Mut.

Inga, zum Schluss noch: Was erfordert für dich den größten Mut?

Das ganze Leben! Schau dich um auf der Welt: Klima­katastrophe, Krieg, Hunger, soziale Ungerechtigkeit, Müll, Rassismus, Artensterben, Höfesterben, Dummheit, Irrglaube und Angst – ich könnte ewig fortfahren. Da könnte man eigentlich dran verzweifeln. Und dennoch haben gerade wir hier in Europa die Möglichkeit und auch die Verantwortung, uns mutig hinzustellen und zu sagen: Halt! Da mache ich nicht mehr mit. Das ist gar nicht so schwierig. Wenn ich das tue, erlebe ich immer wieder, was der hier am Bodensee lebende Schriftsteller Martin Walser einmal in seinem wunderbaren Gedicht über Mut gesagt hat: „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße!“

Dieser Artikel stammt aus der Frühjahrsausgabe 49 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 49 zeigt eine Hand, die Möhren in die Luft hält