An Ort und Ställe

Die Kinder der Pioniere

Gerhard Steigmiller mit Sohn Max und seiner Frau Sophie

Bild: YOOL


Aus einem Betrieb machen sie zwei: Max und Fabian Steigmiller führen die biodynamische Idee ihrer Eltern in die nächste Generation und packen vieles nochmals neu an. Dass die Übergabe und Aufteilung so harmonisch verlief, verdanken sie ihren Eltern – darin sind sich die beiden einig.

An vielen Abenden wird’s gemütlich im Tiny House von Monika (58) und Gerhard (60) Steigmiller, in das sie vor ein paar Jahren gezogen sind. Es steht derzeit noch auf dem Gelände der alten Hofstelle Steigmiller, ganz nah am lebendigen Hofladentreiben mittendrin in Ummendorf, einer Gemeinde bei Biberach. Wo sich der Hofladen mit dem gemütlichen Bistro inzwischen zum sozialen Treffpunkt in der oberschwäbischen Gemeinde entwickelt hat, ist der elterliche Tisch auch im neuen Zuhause der Treffpunkt für die ganze Familie geblieben. Dort sitzen oft Sohn Max (29), seine Frau Sophie (30) und Sohn Fabian (35) mit am großen Tisch, diskutieren Ideen, besprechen den Arbeitsalltag ebenso wie neue Projekte. In den letzten Jahren hat sich hier fast alles geändert – „bis auf die Vision, ganzheitlich biodynamische Landwirtschaft zu betreiben und unseren Kunden beste regionale und nachhaltige Lebensmittel zu bieten“, sind sie sich einig. „Heute sind wir beide nicht mehr die Chefs des Ganzen, sondern verstehen uns als ihre Wegbegleiter und Berater“, erzählt Mutter Monika. „Und natürlich auch als Mitarbeiter“, ergänzt ihr Mann Gerhard, denn ein Leben ohne die Arbeit in der Landwirtschaft und in dem Bioladen können sie sich nicht vorstellen. Der Demeterhof ist ihr Lebenswerk, das nun fest in den Händen der nächsten Generation liegt. Und dieses haben die Eltern gern und bewusst losgelassen, um es blühen zu sehen.

Dass Hofübergaben von der einen zur nächsten Generation gelingen, ist nicht selbstverständlich. Selbst wenn alle Beteiligten dies wünschen. Die Jungen wollen vieles anders machen als die Eltern, haben eigene Ideen und Vorstellungen von ihrem Leben und Wirken in der Landwirtschaft. Und diejenigen, die das, was sie jahrzehntelang aufgebaut und gestaltet haben, loslassen müssten, können es häufig nicht. „Oft wird der ‚Machtwechsel‘ auf unbestimmt verschoben, doch eine ungeklärte Nachfolge lähmt die Entwicklung“, meint Monika, die allerdings bereits mit 50 Jahren die Hofübergabe zur Sprache brachte. „Wie viele Bauern haben wir uns immer gewünscht, dass unsere Söhne unseren Hof weiterführen. Wir haben ihnen aber in ihrer Jugend immer auch klargemacht, dass sie frei in ihrer Entscheidung sind. Durch das Mithelfen kannten sie jedoch, was Landwirtschaft bedeutet. Wie schön und sinnstiftend es ist, in und mit der Natur und Tieren zu arbeiten – aber auch: keine freien Wochenenden, harte Arbeit. Oder was es bedeutet, einen Bioladen zu führen, ständig ansprechbar zu sein – das muss man mögen“, berichtet Gerhard. Als großes Glück empfindet das Paar, dass zwei der vier Söhne nun das neu gestalten, was einst ein einziger Betrieb war: Max führt die Landwirtschaft und Fabian den Hofladen. Sie haben aus dem elterlichen Unternehmen zwei eigenständige Betriebe gegründet – und verwirklichen heute ihre eigenen Ideen. Und die sind groß.

Gerhard Steigmiller mit seinem Sohn Max und seiner Frau Sophie im Kuhstall

Aus einem werden zwei

Obwohl gut geplant, gestaltete sich die Übergabe an zwei Hofnachfolger schwieriger als gedacht. „Die Frage war: Wie schaffen wir es, unseren jeweiligen Betrieb so in die Zukunft zu führen, dass wir auch beide mit unseren Familien davon leben können?“, erklärt Fabian. „Uns wurde bewusst, dass beide Bereiche, Landwirtschaft wie Laden, wachsen müssen, um sich weiter zu entfalten“, ergänzt Max. Also mussten aus einem Betrieb zwei gemacht – und viele bürokratische Hürden überwunden werden. Doch seit 2018 ist Max offiziell für die Landwirtschaft verantwortlich, Fabian seit dem darauffolgenden Jahr für den Bioladen Steigmiller. So traten die beiden das Erbe ihrer Eltern an, das durch eine tiefe Überzeugung von der Demeter-Landwirtschaft geprägt ist – und haben mit Mut, neuen Ideen und auch großen Investitionen in den letzten Jahren schon viel verändert. Die augenfälligste Änderung ist, dass die Landwirtschaft heute nicht mehr im Dorf beim Hofladen ist. Max berichtet: „Eines war von vornherein klar: Wenn sowohl Fabian als auch ich mit meiner Familie von Hof und Laden leben wollen, müssen wir schauen, wie wir unseren jeweiligen Bereich ausbauen können. An unserem Standort mitten im Ortskern mit Tierställen und kleinem Hofladen war das für uns beide nicht möglich.“ Deswegen siedelte Max die Landwirtschaft aus an den Gemeinderand, mit viel Platz für Tiere, Geräte, Scheunen, Wohnhaus.

Fabian wiederum konnte den freigewordenen Kuhstall mit in den neuen, großen Bioladen integrieren. „Das war ein großer Schritt für uns beide, aber natürlich auch für die ganze Familie. Wo der Laden früher auf 150 Quadratmetern aus allen Nähten platzte, ist er heute viermal so groß – mit natürlich noch mehr Angeboten. Und auch das Bistro samt Café und Biergarten wurde so möglich.“ Es ist gut besucht und inzwischen ein beliebter Treffpunkt im Ort. Zum Einkaufen kommen viele aus einem weiten Umkreis und schätzen die besonderen, hofeigenen Produkte, die im Laden angeboten werden. „Wir punkten mit unserem Fleisch, unseren Eiern, Gemüse und Getreide aus eigener Herstellung; aber auch unsere regionale und nachhaltige Ausrichtung etwa mit vielen Unverpackt-Angeboten wird toll angenommen“, freut sich Fabian. Das erste Konzept für die Neuausrichtung des Hofladens schrieb er als Masterarbeit in seinem BWL-Studium „Wirtschaft Neu Denken“ an der Alanus Hochschule.

Max Steigmiller und seine Frau Sophie sammeln Eier ein

Landwirtschaft in Harmonie

"Max, der seit seiner Kindheit besonders gut mit Tieren umgehen konnte, war schon früher der Einzige der vier Söhne, dem die Arbeit auf dem Acker und dem Hof sehr lag. Als Max 2013 mit gerade mal 20 Jahren die konkrete Frage gestellt bekam, ob er mit Fabian den Hof übernehmen wolle, war er auf Weltreise: „Die letzten Wochen davon habe ich mich dann intensiv mit der Frage beschäftigt: Gehe ich diesen Schritt jetzt wirklich? Eigentlich war es aber von vornherein klar: Schon als Kind war Landwirt mein Berufswunsch.“ Zurück in Deutschland geht Max dann zum Studium des Ökolandbaus an die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, 750 Kilometer von Ummendorf entfernt. Dort lernt er Sophie kennen, mit der er heute verheiratet ist und die seit Mai auch in Teilzeit für den Landkreis arbeitet, um das baden-württembergische Biotopstärkungsgesetz in der Praxis voranzubringen. So hört man zwischen schwäbischen Stimmen ein unerwartetes norddeutsches „Moin“. Sie ist wie Max ein „Demeterkind“; sie stammt von einem Demeterhof in Mecklenburg. Die beiden sehen es als große und erfüllende Aufgabe, ihre gemeinsamen Ideen von biodynamischer Landwirtschaft und wesensgemäßer Tierhaltung zu verwirklichen.
 
Die Tiere sind das Herz der Landwirtschaft. Und draußen vor der Gemeinde gibt es mehr Platz für sie. Statt 80 Rindern gibt es heute 220. „Im neuen, luftigen und dachbegrünten Offenstall wachsen die Kälber mit Müttern und Ammen auf und können ganz natürlich gesäugt werden“, erklärt Max. „Die Rinder verbringen zwei Sommer, die Bullen den ersten Sommer ihres Lebens auf einer unserer vier Weiden rund um Ummendorf. Nur für die kältesten Wintermo­nate werden alle Tiere in die neuen Laufställe eingestallt.“ 

Auch halten Sophie und Max heute inzwischen viermal so viele Schweine – um die 60. Beinahe ausnahmslos wird das Schweinefleisch und teilweise das Rindfleisch über den Hofladen vermarktet. „In einem kleinen, ganz nahen Schlachthaus schlachten wir regelmäßig. Gemeinsam mit einem weiteren Biobauern beschäftigen wir einen Metzger in Teilzeit und sind natürlich selbst mit dabei. Dabei wird ,nose to tail' alles Fleisch unserer Tiere verwertet. Die Edelteile als Steak oder Braten, die restlichen Fleisch- und Speckstücke werden zu leckeren Würsten verarbeitet, die dann ebenso über die Hofladentheke gehen.“ Was dann noch an sehnigen Abschnitten übrig bleibt, bekommen die beiden Pyrenäenberghunde Tomte und Aika. Denn auch sie haben einen wichtigen Job und schützen als „Security“ die 900 Hühner vor Füchsen und Mardern, die in drei großen Mobilställen, auf der Wiese und dem Acker picken, scharren und gackern. Ihre Eier werden auch größtenteils über den Hofladen und darüber hinaus in lokalen Bio- und Einzelhandelsgeschäften verkauft. „In Kooperation mit einem Demeter-Partnerbetrieb ziehen wir alle Brüder unserer Legehennen auf. Leider ist es noch immer so, dass sich deren Fleisch nicht kostendeckend vermarkten lässt. Daher müssen wir einen Teil der Aufzucht über das Ei quersubventionieren“, erklärt Sophie

Max Steigmiller streichelt seine Kühe

„Die Hofübergabe lief so gut, weil unsere Eltern die Rahmenbedingungen vorgegeben haben. Sie wussten, was sie wollten und wie sie sich ihr Leben hier vorstellen. Dabei lassen sie uns machen und stehen immer beratend und vermittelnd zur Seite.“ Max Steigmiller, Demeter-Landwirt

In Balance

Das Denken in gesunden Kreisläufen finden Max und Sophie auch in der Demeter-Philosophie; zu ihr haben sie einen ganz praktischen und rationalen Zugang: „Ich fühle mich bei Demeter aufgehoben“, sagt Max. „Ich frage mich als Landwirt: Was habe ich? Was brauche ich? Wir wollen so wenig wie möglich zukaufen und schaffen es, fast alles Futter für unsere Tiere auch selbst anzubauen. Bei Rindern und Schweinen können wir uns komplett selbst versorgen, und bei den Hühnern schaffen wir es schon über die Hälfte. Wir düngen mit Leguminosen, Mist, Gülle und Kompost und haben nun eine Ausgeglichenheit von Futter und Mist erreicht, die zum Umfang unserer Flächen passt.“ Sophie ergänzt: „Im Sinne dieses Kreislauf-Gedankens bekommen unsere Schweine Ausputzgetreide, also Getreidebruch mit dem mitgedroschenen Unkrautanteil, Gemüsereste aus dem Laden sowie eigenes Gras und Silage. Die Rinder bekommen selbst angebautes Acker-Kleegras, das wiederum den Boden mit Stickstoff versorgt und lebendig hält, und fressen das Gras vom Dauergrünland. Das heißt: Alles, was der Mensch nicht direkt essen kann, wird über Wiederkäuer zu wertvoller, nahrhafter Milch und/oder zu Fleisch veredelt. So stehen unsere Rinder nicht in Nahrungskonkurrenz zu uns Menschen. Sie bekommen also gar kein Kraftfutter. Nur Kühe, die gerade ein Kalb zur Welt gebracht haben, bekommen etwas Getreideschrot zugefüttert.“
 
Auf den Äckern hat Max mit seinem Vater eine nichtstatische sechs- bis achtjährige Fruchtfolge entwickelt, dabei spielt das Kleegras eine wichtige Rolle: „Es speichert Stickstoff aus der Luft im Boden, das wiederum düngt die Folgekulturen. Gleichzeitig kann Kleegras nur von Wiederkäuern sinnvoll verwertet werden, insbesondere von Rindern. Genau das ist der Grund, weshalb Demeter die Wiederkäuerhaltung vorschreibt! Denn nur ein durchdachter Kreislauf ist ein echter!“, erklärt er. Zu diesem gehört für ihn auch samenfestes Saatgut aus biologisch-dynamischer Züchtung. „All unsere Getreidesorten, wenn das Saatgut verfügbar ist, und der Großteil unseres Gemüses, das wir im Hofladen verkaufen, sind samenfest und damit ein wichtiger Beitrag zur Sortenvielfalt und Biodiversität. Und obendrein auch noch zur bäuerlichen Unabhängigkeit von Konzernen und deren Lizenzen. Zudem lassen wir Wildkräutern und Schutzpflanzen ihren Platz, pflanzen Streuobstwiesen und Hecken aus Sophies eigener Baumschule, in der sie alte Obstsorten aus ganz Deutschland erhält, pflegen Blühstreifen und schaffen für Bienen und Nützlinge einen wichtigen Lebensraum – was sicher nicht zuletzt auch ein schöner Lebensraum für uns ist.“

Die ganze Familie Steigmiller

Wertschätzende Preisfindung

All diese Ideale müssen sich auch in einem auskömmlichen Preis widerspiegeln. Den bezahlt der Bruder. Fabian und Max setzen sich dann zusammen und fragen einander: Wie viel braucht jeder? Da kommt es dann auch mal vor, dass Fabian als Ladner auf seine volle Marge verzichtet. Die Eltern kennen beide Seiten: die Landwirtschaft und den Laden – und sie werben, wenn es sein muss, bei ihren Söhnen auch um Verständnis für den jeweils anderen. Sie sind auch der Grund dafür, dass die Übergabe und die Betriebsteilung so harmonisch funktioniert haben, da sind sich beide Brüder einig. Gerhard und Monika wollten vieles gut gestalten. Damals, 1988, übernahmen sie den Betrieb von Gerhards Eltern, den sie 1995 auf Bio umstellten. Nach 10 Jahren in einem anderen Bio-Anbauverband sind sie dann aus voller Überzeugung zu Demeter gewechselt – auch dank der Unterstützung ihres Mentors Karl Tress, der sie viele Winter lang wöchentlich besuchte und sie in die biodynamische Landwirtschaft einführte. Als Gerhard überzeugt war, eine Rinderherde auch mit Hörnern halten zu können, stellten sie um – „und passten den Stall den hörnertragenden Tieren an, da gab es keine Probleme“, berichtet der Senior.
„Das Großkonzept tragen wir zusammen“, erklärt Fabian, „doch wir haben uns bewusst dafür entscheiden, dass es zwei Betriebe gibt. Ich kann nicht mitreden, wenn Max ein neues Gerät braucht oder ob er sonntags arbeiten muss. Das heißt, im Alltag arbeiten wir meist ganz getrennt voneinander. Doch selbstverständlich helfen wir einander aus, wenn es Arbeitsspitzen gibt, das muss so sein!“ So hilft Fabian öfter in Erntephasen, Max führt Ladenkunden über den Hof und Sophie steht als Vertretung im Pizzawagen zur Verfügung. Die Eltern sind sowieso universell überall dabei. Und auch wenn die Betriebsübernahme mit großen Investitionen eine Herausforderung ist – schlafen konnten Fabian und Max immer gut. „Wir wollen allen Mut machen: Lebt eure Ideale, denn die Erde braucht Menschen, die nachhaltig leben, Menschen mit Zivilcourage, die bereit sind, sich dafür einzusetzen, die Welt lebenswert und menschlich zu gestalten.“

Kurz vor Druckschluss erreichte uns die Nachricht, dass Gerhard Steigmiller überraschend verstorben ist. Der Demeter Verband trauert mit der Familie um einen besonderen Menschen und Landwirt.

Monika Steigmiller mit ihrem Sohn Fabian im Hofladen

„Wir kennen beide Seiten und unsere Söhne. So können wir für Verständnis für den jeweils anderen werben. Es ist sehr erfüllend, mit Rat und mit ganz praktischer Hilfe die Ideale und Träume der nächsten Generation mit zu verwirklichen.“ Monika Steigmiller

Hofladen von Familie Steigmiller

Steigmiller Bio-Hofladen

Auf großzügigen 600 m2 gibt es eine unglaubliche Auswahl an Demeter- und Bio-Produkten. Darunter viel Frisches wie Brot, Gebäck, Kuchen, Käse, Fleisch, Wurst, Milch und Milchprodukte, Eier, Obst, Gemüse, Äpfel – und über 7.000 verschiedene weitere Bio-Lebensmittel. Darüber hinaus gibt es Naturkosmetik und Kleidung sowie besondere Unverpackt- und Nachfüll-Stationen.Neben dem Café und Bistro bringen die Steigmillers bestes Demeter- und Bio-Essen mit dem „Pizza-Anhänger“ und dem neuen „Bio Pizza-Foodtruck“ auch auf Privat- und Firmen-Events, Märkte oder Stadtfeste.
www.steigmiller.bio

Dieser Artikel stammt aus der Herbstausgabe 55 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 55 zeigt Birnen im Yin und Yang