Gespräch auf Orange

Retten, was noch übrig bleibt

Raphael Fellmer springt auf dem Orange CubeBilder: YOOL

Raphael Fellmer ist Aktivist und Unternehmer mit einer Vision: Er möchte die Verschwendung von Lebensmitteln als Thema in die Mitte der Gesellschaft bringen. Ist die Zeit gekommen für einen breiten Bewusstseinswandel? Mit uns spricht er über Konsum und Hingabe.

Raphael, du hast unglaublich viel geschafft: fünf Jahre ohne Geld gelebt, dann „containert“ und die Foodsharing-Bewegung mit aufgebaut. Heute bist du Lebensmittelretter im großen Stil – mit einem Onlineshop und „Rettermärkten“. Bist du also mittendrin im System, dem du dich zuvor zum Teil entzogen hast?

Ja, das stimmt: Inzwischen widme ich mich vollkommen meinem Impact-Start-up Sirplus: Auch hier wollen wir uns für eine Welt einsetzen, in der alle Menschen genügend zu essen haben und alle produzierten Lebensmittel auch gegessen werden. Wir bringen aussortierte Lebensmittel – deren Mindesthaltbarkeitsdatum abläuft oder die einfach überschüssig oder „unperfekt“ sind – über unseren Onlineshop und die fünf „Rettermärkte“ in Berlin wieder in den Kreislauf zurück. Mit dem Schritt, dieses Unternehmen zu gründen, hat sich mein Leben in vielem geändert. Nicht zuletzt, dass ich heute als Vollzeit-Geschäftsführer Verantwortung für 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe. Dass ich jetzt wieder Teil des Systems bin – und zwar in einer Rolle, in der ich positiv auf es einwirken möchte –, war eine bewusste Entscheidung: raus aus der Nische und mitten hinein in den Mainstream! Denn dort muss das Thema auf Resonanz stoßen, damit ein Umdenken stattfindet und das Ziel der EU, 50 % der Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, bis 2030 auch wirklich erreicht werden kann. Dafür müssen wir alle die Art und Weise, wie wir mit Lebensmitteln umgehen, ändern.

Raphael Fellmer hält Sir Plus Box über dem Kopf

Was muss sich denn ändern?

Unsere Wertschätzung für das, was uns am Leben hält, muss größer werden. Für all das, was mit viel Mühe und harter Arbeit und dem Einsatz von Energie und Wasser produziert wurde. Wir müssen Lebensmittel wieder im Wortsinn begreifen und schätzen: als Mittel zum Leben. Als ich sechs, sieben Jahre alt war, hat es mich bedrückt, zu lernen, dass es Menschen auf der Welt gibt, die hungern. Und absolut schockiert hat mich, als ich während meines Studiums erfahren habe, dass die Hälfte aller Lebensmittel, die wir hier in Europa produzieren und importieren, verschwendet wird und nicht in unseren Mägen landet. Da die Hälfte der Verschwendung in Privathaushalten stattfindet, sind wir alle Teil des Problems und damit aber auch unabdingbarer Teil der Lösung.

Raphael Fellmer mit Möhre hinterm Ohr

Das ist in der Tat eine erschreckende Quote!

Diese Tatsache ist den wenigsten bewusst – und das muss sich dringend ändern. Weltweit wird ein Drittel aller Lebensmittel verschwendet. Diese Menge würde viermal dafür ausreichen, alle Hungernden zu versorgen. 2009 wurde ich, von einem Film übers „Containern“ inspiriert, selbst zum „Mülltaucher“ und fischte nachts aus Supermarkt-Tonnen aussortierte Lebensmittel, die noch völlig genießbar waren. Um solche Lebensmittel, die auch von den Tafeln nicht gerettet werden, z. B. an Marktständen, in kleinen Supermärkten oder Bäckereien auch zu retten, dabei jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, ganz einfach mitzuretten, und gleichzeitig Bewusstsein für das Thema und unser aller Verantwortung zu schaffen, habe ich die Foodsharing-Plattform mitgegründet und durch viele Medienauftritte bekannt gemacht. Ich bin unglaublich stolz, dass heute mehr als 90.000 Menschen in der DACH-Region mitmachen und wir gemeinsam schon 45 Millionen Kilogramm Lebensmittel an fast 10.000 Standorten gerettet haben.

Wie bist du zum Unternehmer geworden?

Das war 2017, ein Jahr nach meinem Geldstreik. Meine Frau und ich hatten zwei Kinder im Kindergartenalter. Da habe ich gemerkt: Ich muss das Thema Lebensmittelrettung in die Mitte der Gesellschaft bringen. Deswegen habe ich gemeinsam mit meinem Freund Martin Schrott Sirplus gegründet. So wie Foodsharing die Tafeln im Kleinen ergänzt, wollten wir eine Lösung schaffen für die Millionen Tonnen an Lebensmitteln, die im großen Stil noch in Deutschland und der EU zu retten sind, und damit die Tafeln im Großen ergänzen. Heute haben wir bereits vier Millionen Kilogramm an Lebensmitteln gerettet und über die Medien 15 Millionen Menschen mit unserer Botschaft erreicht.

Das war also auch der Moment, in dem du deinen Geldstreik beendet hast?

Ja! Geld hat eine enorme Kraft. Nach den über fünf Jahren, in denen ich komplett ohne Geld lebte, habe ich akzeptiert – und das ist auch zuletzt der Überzeugungskraft meiner Frau zu verdanken –, dass ich Geld auch für Gutes einsetzen kann. Wir brauchen es bei Sirplus, um unsere Mission voranzubringen. Es ist wie mit einem Messer: Das kann ich verwenden, um die leckersten Gerichte zuzubereiten – oder aber auch, um jemanden zu verletzen. So ist es mit dem Geld: Wir müssen es nur in die richtigen Kanäle stecken, um Gutes zu bewirken. Und zwar viel Geld, sonst werden wir das 1,5-Grad-Klima-Ziel der Vereinten Nationen nicht einhalten – mit fatalen Folgen! Deswegen bin ich überzeugt, dass wir noch viel mehr Investor*innen und Start-ups brauchen, die die Welt nachhaltiger gestalten und mit dem Geld die Transformation in eine enkeltaugliche Zukunft vorantreiben.

„Als reiche Industrienation können wir uns die Lebensmittelverschwendung leisten. Natürlich nur finanziell. Ökologisch und ethisch ist dies jedoch eine Vollkatastrophe!“

Raphael Fellmer, Lebensmittelretter

Raphael Fellmer hält sich einen Apfel vors Herz

Was wünschst du dir für den Umgang mit Lebensmitteln?

Achtsamkeit – und auch Dankbarkeit für das, was an Ressourcen und an Arbeit drinsteckt. Eine Verbundenheit aufzubauen zu dem, was uns ernährt. Diese Botschaft in die Mitte der Gesellschaft zu tragen und auch andere Menschen zu unterstützen, wie sie ihr Leben nachhaltiger gestalten können, sehe ich als meine Lebensaufgabe. Und der widme ich mich mit großer Freude und Hingabe.

Was bedeutet Hingabe für dich persönlich?

Hingabe ist für mich, wenn man sich mit ganzem Herzen und voller Energie für etwas einsetzt, ohne sich selbst dabei zu vergessen. Hingabe erfordert immer auch eine gewisse Selbstliebe, denn sie ist die Grundlage dafür, dass wir uns mit voller Leidenschaft unserer Aufgabe hingeben können, ohne auszubrennen. Ich wünsche jedem Menschen, dass er seine Hingabe entwickeln – im Beruf, im Lebensalltag – und in ihr aufgehen kann. Dass jeder Träume hat, die er oder sie verwirklichen sollte, weil die Welt sie braucht. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Wir brauchen einander und all unsere verschiedenen Gaben, die wir für das große Ganze, das uns verbindet, einbringen. Ich verstehe uns Menschen als Teil des Organismus der Natur – der jedoch zugegebenermaßen krank ist, weil wir diesen Organismus gerade zerstören.

Du wirkst aber dennoch sehr zuversichtlich.

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels, den wir verursacht haben, sowie der Zerstörung unserer Umwelt sieht es fast so aus, als könnten wir den nötigen Wandel zu einem nachhaltigeren Leben auf dieser Erde nicht mehr rechtzeitig schaffen und somit auch nicht die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen. Es ist schockierend: In den letzten 50 Jahren haben wir Menschen so weit über unsere Verhältnisse gelebt und dabei mehr zerstört als alle Generationen vor uns. Doch ja, ich bin dennoch Optimist! Ich bin fest überzeugt: Wir befinden uns zwar kurz vor dem Abgrund, doch gleichzeitig bereits in der größten Transformation, die die Menschheit je gesehen hat.

Raphael Fellmer mit Melone vor dem Kopf

Woher nimmst du diese Hoffnung?

Schau dich um – immer mehr Menschen suchen in ihren Herzen einen tieferen Sinn für ihr Wirken. Es gab noch nie so viele, die sich Gedanken machen, wie wir eine andere Welt erschaffen und nachhaltiger leben können. Das Bewusstsein ist da – und es wächst weiter. Immer mehr fragen sich: Wie können wir anders, besser konsumieren? Das Bewusstsein für unsere Ernährung ändert sich – ein pflanzenbasierter Ernährungsstil, mit mehr Tierschutz, mehr Fair Trade und mehr Bio sowie auch Marken wie Demeter werden immer stärker zum Mainstream. Die Lebensmittel bekommen wieder mehr Wert – auch einen ideellen.

Raphael Fellmer hält Süßkartoffel vor sich

Also müssen wir Lebensmittel retten, um die Welt zu retten?

Auch – unbedingt! Lebensmittelverschwendung, Klimawandel, Konsumverhalten – alles hängt zusammen. Die Produktion und Entsorgung der verschwendeten Lebensmittel ist in Deutschland allein für knapp fünf Prozent aller Treibhausgase verantwortlich. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auf allen Ebenen etwas dagegen tun müssen, um mit der Klimakrise eine der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts zu meistern. Doch wenn wir es gemeinsam anpacken und jeder im Kleinen beginnt, können wir es schaffen.

Raphael Fellmer kuschelt mit Süßkartoffel

Raphael Fellmer, Gründer und Geschäftsführer von Sirplus, hat fünf Jahre mit seiner Familie im Geldstreik gelebt, um auf die Ressourcen- und Lebensmittelverschwendung hinzuweisen. Auch wollte er ein Bewusstsein dafür schaffen, dass wir alle durch unser Konsumverhalten für Hunger, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung mitverantwortlich sind. Er ist Mitgründer von foodsharing.de; dort haben rund 100.000 Foodsaver bereits 45 Millionen Kilogramm Lebensmittel gerettet und verteilt. Raphael geht mit seinem Start-up Sirplus inzwischen einen neuen Weg: Mit einem „Online-Shop für gerettete Lebensmittel“ führt er diese wieder in den Kreislauf zurück.

Demeter-Tipps:

So wirst du Lebensmittelretter*in!

  • Werde Mitglied in einer Solidarischen Landwirtschaft, wie es sie auch schon in vielen unserer Demeter-Betriebe gibt: Nahezu alles, was angebaut wird, wird am Ende auch gegessen – auch Gemüse, das in Form und Größe nicht unbedingt der Norm entspricht.
  • Wenn wir schon mal dabei sind: Wähle im Bioladen oder auf dem Markt doch auch mal die krumme Gurke oder die etwas verwachsene Möhre – dem Geschmack tut das keinen Abbruch!
  • Kaufe bewusst ein, am besten mit einer Einkaufsliste. Was brauchst du wirklich? Kaufe bedarfsgerecht und vor allem nicht zu viel von schnell verderblichen Lebensmitteln ein (auch wenn’s im Angebot ist).
  • Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht das Verbrauchsdatum, das heißt: Mit dessen Ablauf ist dein Lebensmittel nicht vom einen auf den anderen Tag ungenießbar. Viele Lebensmittel sind noch Wochen bis Monate nach Ablauf des MHD genießbar. Vertraue auf deine Sinne: Wie sieht es aus, wie riecht und schmeckt es?
  • Wenn du für ein Essen am selben oder am nächsten Tag einkaufst: Nimm doch die Produkte im Laden, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald abläuft – so müssen sie nicht entsorgt werden.
  • Mach übrig gebliebene Lebensmittel wie Obst und Gemüse haltbar. Möglichkeiten gibt’s viele, zum Beispiel eignet sich das Einkochen und Fermentieren. Lass dich im Heft von unserem FoodBlock (Seite 30) oder von unserer Mitmachaktion #PerfectMatch (Seite 40) inspirieren!
  • Melde dich bei foodsharing.de an, um übrige Lebensmittel zu teilen – oder klingle bei den Nachbarn!

Raphael Fellmer mit Melone vor dem Kopf

Dieser Artikel stammt aus der Sommerausgabe 50 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 50 zeigt eine Hand, die Erdbeeren reicht