An Ort und Ställe

Wo vieles möglich ist

Klara Roever und Malte Behr mit einer Kuh auf einem Feld vor einem Wald

Bilder: YOOL


Miteinander etwas aufbauen, das bleibt – das wollen die Menschen der Lebens- und Arbeitsgemeinschaft vom Michaelshof in Sammatz. Ein faszinierender Ort, der nicht nur junge Menschen aus aller Welt anzieht, sondern auch Ideen wachsen lässt. 

Klara Roever steht vor dem Hofcafé und versucht, Malte Behr ausfindig zu machen: Das ist der Richtige für alle Fragen, haben mir schon mehrere Hofbewohner inzwischen gesagt. Klara ist hier auf dem Michaelshof in Sammatz aufgewachsen – und kennt den Hof auch etwas kleiner. Heute wirkt der Michaelshof im Landkreis Lüchow-Dannenberg, südlich der Elbe, eher wie ein kleines Dorf: „Inzwischen leben und arbeiten wir“, sagt sie und weist rundherum auf verschiedene alte Bauernhäuser und Neubauten, „in einer bunt gemischten Gemeinschaft von über 200 Menschen.“

Dann taucht Malte auf, blonde Haare, schneller Schritt, seine langen Beine enden in großen, schwarzen Bergschuhen, sein Handy klingelt alle paar Minuten. Ruhig stellt er Fragen, gibt Ratschläge, meist endet er mit: „Ich komme später vorbei!“

Malte Behr im Ziegenauslauf

Malte ist 33 Jahre alt und lebt schon seit 12 Jahren auf dem Michaelshof, auf den er ursprünglich der Liebe zu einer Frau wegen gezogen ist – und sich dann ebenfalls in das Leben und die Arbeit hier verliebt hat. Seitdem ist er geblieben: „Hier habe ich die Möglichkeit, gemeinsam mit Menschen eigene Ideen einzubringen, zu gestalten, etwas zu erschaffen.“ Nachdem er aus der Nähe Hamburgs hierhergekommen war, arbeitete er zunächst weiter in der Werbung, entwarf und designte Flyer, Fahnen, Homepages. Dieser Arbeit am Computer ging er zunehmend nur noch nachts nach, denn vor allem die Arbeit mit den Tieren begeisterte ihn auf eine Art, wie es die Werbe-Aufträge nicht vermochten. Auf die Frage nach seinen Aufgaben heute lacht er erst einmal – und fängt an zu erzählen … Und da wird dann auch schon bald klar, warum er der richtige Mann dafür ist, die verschiedensten Fragen zu beantworten. Malte ist nicht nur Bauer, der auf dem Michaelshof besonders für die Tiere verantwortlich und so etwas wie der hofeigene Geburtshelfer für Kälber, Lämmer und Ziegenkitze ist, sondern auch Planer, eine Art Bauleiter und am Wochenende auch Barista im hofeigenen Café.

„Was mich wirklich erfüllt, ist, in und mit der Natur zu arbeiten, mich mit all meiner Hingabe um Tiere und Pflanzen zu kümmern. Mittlerweile bringe ich mich auch bei unseren vielen Bauprojekten ein. Neue Ideen auszuprobieren, begeistert mich: Wie funktioniert etwas? Wie kann man das selbst erschaffen? Und wie passt das hierher?“

Malte Behr

Malte Behr mit Ziegenkitz

Tier-Mensch-Beziehung

Sein Herz schlägt jedenfalls für die Tiere, die hier alle ein großes Vertrauen in die Menschen haben und – ob Kalb oder Lamm – neugierig auf Besucher zukommen und Kontakt suchen. „Sie kennen uns, die wir uns um sie kümmern, genau und erfassen auch die Stimmung, in der wir uns befinden“, erklärt Malte. Ein Angler-Rotvieh-Kalb leckt seine Hand, während er mehr über die alte Rasse aus der Region erzählt, die hier mit geringem Kraftfuttereinsatz – ­etwa Getreide oder Lupinen aus eigenem Anbau – gefüttert wird. „Selbstverständlich dürfen alle 24 Kühe mit ihrer Nachzucht und den zwei Bullen – so ist es ja auch Demeter-Vorschrift – ihre Hörner behalten.“ Der siebenjährige Bulle Toni läuft harmonisch in der Herde mit, und auch sämtliche Bullenkälber werden hier aufgezogen, bis sie mit drei Jahren geschlachtet werden. Auf der anderen Seite der Elbe gibt es seit einem Jahr eine weitere Hofstelle des Michaelshofs. „Dort testen wir, ob die muttergebundene Kälberaufzucht ein Modell für den Michaelshof sein könnte. Doch wir sehen auch, dass die Aufzucht mit dem Tränke-Eimer den Vorteil hat, dass die Kälber sehr zahm und menschenvertraut sind“, erklärt Malte.

 Archehof trifft Demeter

Malte Behr mit Ferkeln

Der Michaelshof ist ein Archehof. Hier werden vorwiegend Haustierrassen gehalten, die auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen stehen: Neben den Angler Rindern sind das Angler Sattelschweine, ein Schwarzwälder Kaltblut, Ostfriesische Milchschafe, Skudden (eine der ältesten Hausschaf-Rassen), Thüringer Waldziegen, Vorwerk- und Altsteirer Hühner, Kolkwietzer Puten und Emdener Gänse. „Sie sind nicht als Streicheltiere für die Besucher hier, sondern wir nutzen die Tiere wie auf jedem Bauernhof“, beschreibt Malte die landwirtschaftliche Arbeit. Denn nur durch wirtschaftliche Inwertsetzung können die alten Mehrnutzungsrassen nachhaltig erhalten werden. Traditionell lieferte ein Rind nicht nur Fleisch, sondern auch Milch – und zog zudem noch den Pflug. Seit den 1950er-Jahren mit der schnell fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft wurden sie dann nicht nur als Arbeitstier auf dem Acker überflüssig, sondern auch die Zucht entwickelte sich immer stärker hin zu den einseitigen Hochleistungsrassen von heute: zum einen Tiere nur für die Mast, zum anderen nur für die Milchproduktion. Die Symptome der Fehlentwicklung sehen wir heute, darunter vor allem die gesundheitlichen Probleme solcher hochgezüchteten Tiere, aber auch die Abhängigkeit von Übersee-Importen von Soja und anderem Futter sowie die Tatsache, dass ein männliches Kalb einer Hochleistungs-Milchrasse keinen eigenen Platz im System findet.

Dass der Michaelshof sowohl Arche- als auch Demeterhof ist, passt gut zusammen, findet Malte: „Hier betreiben wir aus Überzeugung Demeter-Landwirtschaft und leben das Biodynamische. Und diesen ganzheitlichen Ansatz spürt man auch, wenn man auf dem Hof ist.“ So sei der Hof nicht nur ein Refugium für vom Aussterben bedrohte Haustierrassen, sondern auch für bedrohte Wildtiere, die hier neue Biotope sehr schnell annähmen. Die Insektenkartierung der Biologen, die im hofeigenen Labor arbeiten, zeige, dass sich in kurzer Zeit viele wilde bedrohte Hummel- und Wildbienenarten, aber auch Eidechsen angesiedelt hätten.

Ziegen liegen auf zwei Etagen übereinander im Stall

„Wo heutzutage oft nur ein Aspekt herausgegriffen wird, betrachtet man auf Demeter-Höfen das ‚große Ganze‘. Die feinen Wechselwirkungen zwischen Boden, Natur, Pflanzen, wilden Tieren, Hoftieren und dem Menschen sind es, die einen Hof, einen Ort am Ende ausmachen. Alles steht mit allem in Verbindung, und alles hat einen Einfluss auf das große Ganze. Der Demeter-Gedanke geht über die Landwirtschaft hinaus – und das passt zu uns.“

Malte Behr und Klara Roever im Ziegenstall

Einfach machen!

So beschäftigt sich die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in Sammatz auch damit, auf die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft Antworten zu finden. Etwa auf die Frage: Wie gehen wir verantwortungsvoll mit Ressourcen um? „Da gehören Energie- und Abfallkreisläufe ebenso dazu“, erklärt Malte, der im offiziellen „Planungsteam“ gemeinsam mit anderen Ideen entwickelt und ausprobiert. „Wichtig ist es, offen zu bleiben. So haben wir ein Elektroauto als Betriebsfahrzeug, das wir vor Ort mit eigenem Solarstrom betanken. Doch ist das die beste Lösung für uns? Vor allem die Batterie ist kritisch: Unter welchen Bedingungen wurde sie hergestellt? Und wo wird sie am Ende entsorgt werden? Vielleicht ist ein Biogas-Auto nachhaltiger – falls wir es schaffen, unsere eigene Gastankstelle zu bauen.“ Selbst eine Gastankstelle bauen und dann noch den Rohstoff dafür anbauen? „Warum nicht? Einfach machen!“, ist nicht nur Maltes Devise, sondern generell die Haltung der Michaelshof-Gemeinschaft. Gemeinsam mit vielen freiwilligen Helfer*innen haben sie diesen Kulturort samt zahlreicher Neubauten selbst geschaffen.

Team des Michaelshofs

Der Michaelshof Sammatz

Der Michaelshof ist ein Verein, dessen Geschichte 1985 begann, als in Sammatz, östlich von Lüneburg, zehn befreundete Menschen ein ehemaliges Kinderheim samt Garten als Ausgangsbasis für ihre Idee einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft nahmen: Hier wollten sie ein Lebensmodell für die Zukunft entwickeln – in ökologischer wie in sozialer Hinsicht. Heute ist aus dieser Idee ein kleines Dorf mit über 200 Bewohner*innen geworden. Landwirtschaft, eine Meierei, eine Gärtnerei, gar eine integrative Schule gibt es heute. Zahl­reiche Tagesbesucher*innen genießen die besondere Atmosphäre auf den kulturellen Veranstaltungen am Waldsee oder nehmen an Erlebnistagen, Seminaren und Workshops im „Haus der Natur“ teil, kaufen im Hofladen ein oder genießen die auf dem Hof produzierten Köstlichkeiten im großen Gartencafé. Mit zum Michaelshof gehört auch die Einrichtung „Peronnik“, wo in sechs Wohngruppen 35 seelenpflegebedürftige Kinder und Jugendliche intensiv betreut werden.

Neben Hofladen und Onlineshop gibt es die Produkte des Michaelshofs nun auch mittwochs und samstags auf dem Lüneburger Markt.

Aus aller Welt

So auch das blaue „Youth Hostel“, eine Art Riesen-WG für die Volunteers aus aller Welt. Vor dessen Glastür stehen gerade Dutzende Schuhpaare wie in einem organisch gewachsenen Muster. „Dort machen sie gerade nach dem Essen sauber – auf Socken, die von der Stall- und Feldarbeit schmutzigen Schuhe bleiben da natürlich draußen.“ Ein junger Freiwilliger tritt auch schon heraus und steigt barfuß in seine Flipflops, in jeder Hand einen gefüllten Eimer mit Gemüseabfall. „Wo ist der Kompost?“, will er auf Englisch wissen – und schlappt in die Richtung, die ihm Malte weist. Seit fünf Jahren kommen immer mehr junge Menschen aus der ganzen Welt auf den Michaelshof, um hier eine Zeit lang zu leben, zu lernen und mitzuhelfen. Zu Sommerzeiten sind es gut 100 Volunteers; gerade werden noch weitere Unterkünfte gebaut. Natürlich in Eigenregie und mit den Freiwilligen selbst. „Es spricht sich herum, dass der Michaelshof ein besonderer Ort ist“ – und manchen gefällt es so gut, dass sie bleiben – und zu offiziellen Mitarbeiter*innen werden. Möglichkeiten, sich einzubringen, gibt es viele: in der Bau-Abteilung, in Kräuterei und Gärtnerei, im Stall und auf dem Acker, in Meierei und Bäckerei. „Wir achten darauf, dass jeder in dem Bereich und  an dem Ort arbeiten soll, der ihm Freude macht“, sagt Malte. Seinen hat er wohl gefunden.

Malte Behr und Klara Roever mit einer Kuh auf einer Wiese

Was ist ein Archehof?

Mehr Wissenswertes über Archehöfe findest du bei der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e. V.

Demeter-zertifizierten Archehöfe in Deutschland:

Dieser Artikel stammt aus der Sommerausgabe 50 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 50 zeigt eine Hand, die Erdbeeren reicht