An Ort und Ställe auf hufe8

Das Herz, es muss pulsieren

Anna schaut nach vorne, Lukas in die Ferne

Anna und Lukas Propp (Bilder: Yool)


Ohne Lukas gäbe es die hufe8 nicht, ohne seine Ideen und Träume. Ohne Anna gäbe es die hufe8 nicht, denn sie schaut, was ansteht, und wird konkret. Lukas ist in Gedanken bei der hufe8 in fünf Jahren; Anna ist in Gedanken bei der hufe8 im Heute und Morgen.

Wenn Lukas Propp ins Erzählen kommt, dann richtig. Seine Gedanken springen von den Ursprüngen des Landguts, das einst Annas Vorfahren bewirtschafteten, zur Fruchtfolge und Kreislaufwirtschaft, weiter zum Wesen des Huhns, um bei der biodynamischen Art des Wirtschaftens anzukommen. Seine Frau Anna lacht und unterbricht ihn: „Fang mal am Anfang an.“ Denn der eigentliche Anfang für ihre Familie und ihren Betrieb liegt nicht hier im mecklenburgischen Selow, sondern in Hannover. Dort sind sich beide in der Schule begegnet – eine jugendliche Parallelklassenliebe. Für Lukas steht fest: „Es war Liebe auf den ersten Blick, bei mir auf jeden Fall!“ „Wir sind jetzt länger miteinander zusammen, als dass wir es nicht waren“, wundert sich Anna selbst. Denn schnell ist die Zeit vergangen, vor allem die letzten sieben Jahre, seit sie ihr großes Lebensprojekt angepackt haben. Heute sind beide 32 – und bereits seit der Hälfte ihres Lebens ein Paar. Heute sind sie nicht nur Eltern ihrer eineinhalb Jahre alten Zwillinge, sondern führen einen geradezu revolutionären Demeterhof in den Weiten Mecklenburgs, eine halbe Stunde südlich von Rostock.

Lukas und Anna stehen Rücken an Rücken auf einer Wiese

Der Anfang von allem

Anna und Lukas kommen nicht aus der Landwirtschaft, obwohl die Hofstelle der heutigen hufe8 bis auf eine Unterbrechung von 40 Jahren Annas Familie gehörte. „Als es in der DDR für Bauern aufgrund der hohen Forderungen staatlicherseits fast unmöglich wurde, das eigene Land zu bewirtschaften und davon zu leben, und der Zwang immer größer wurde, sich einer LPG anzuschließen, gab mein Großvater diese Hofstelle, von der seine Familie seit Generationen lebte, schweren Herzens auf. Er floh in den Westen, nach Niedersachsen“, berichtet Anna. Sie bedauert es, dass ihr Großvater nicht mehr miterlebt hat, wie sie und Lukas seine ehemalige Hofstelle wieder mit neuem Leben erfüllt haben. Nach dem Mauerfall konnte Annas Großvater einen Antrag stellen, um die 50 Hektar Land mit Wohnhaus und Scheunen zurückzuerhalten – was er tat. Nach der Schulzeit blieben Anna und Lukas ein Paar. Sie studierte Religion und Mathematik auf Lehramt und wurde Realschullehrerin. Lukas machte die staatliche Ausbildung zum Landwirt. Seine praktische Erfahrung sammelte er seither in Bio-Betrieben, meist auf Demeterhöfen. Dort besuchte ihn Anna all die Jahre über, half aus und lebte mit der jeweiligen Hofgemeinschaft. „Die waren so verschieden, jeder Hof hatte seinen ganz eigenen Charakter, geprägt von den Menschen, die dort lebten und wirkten“, erzählt sie. Sie arbeitete während ihres Studiums auf dem Bauckhof Klein Süstedt in der Schlachterei – „ein in Lüneburg sehr außergewöhnlicher Nebenjob bei Lehramtsstudierenden“. Auf solchen Höfen lernten sie viel, erzählt Lukas, und bekamen auch gute Unterstützung und Beratung von den Demeter-Kolleginnen und -Kollegen, als sie dann ihren eigenen Betrieb gründeten. Für ihn war klar, worauf er sich fokussieren wollte: auf Kartoffeln und Hühner. Insgesamt leben auf der hufe8 heute 9.000 Hühner; Haupterwerbsquelle ist der Verkauf der Eier, neben Futteranbau für die Hühner liegen weitere Schwerpunkte auf Kartoffeln und Rinderhaltung.

Anna trägt Eier-Kartons, Lukas steht im Hintergrund

„Das Herz unseres Betriebs ist der Dreiklang ‚Hahn-Huhn-Ei‘. Alle drei gehören für uns untrennbar zusammen.“

Die große Idee

Schon lange vor dem ersten Spatenstich haben Anna und vor allem Lukas geplant, wie der zukünftige Betrieb auf der hufe8 aussehen sollte. „Wir haben hier eine ganz eigene moderne Kreislaufwirtschaft geschaffen, mit wechselnden Fruchtfolgen. Ein Element dieser Fruchtfolge besteht aus Kleegras in Kombination mit den wandernden Hühnermobilställen, sodass die Tiere ganzjährig ins immer wieder frische Grün können. So praktizieren wir inzwischen eine einzigartige Symbiose von wesensgemäßer Tierhaltung mit Ackerbau, die unserem Boden guttut“, erklärt Lukas das Prinzip der hufe8. Anna ergänzt: „Das Herz unseres Betriebs ist der Dreiklang ,Hahn-Huhn-Ei‘. Alle drei gehören für uns untrennbar zusammen. Deswegen ist es für uns selbstverständlich, dass wir die Bruderhähne unserer Legehennen aufziehen. Ohne Hahn keine Henne und ohne Henne kein Ei!“

Hühnerherde mit Hahn

Die Hühner auf der hufe8 sind Hybridrassen, „und damit sind wir leider abhängig von den großen Zuchtkonzernen“, bedauert Lukas. Ziel ist es, sich davon zu lösen und in Zukunft auf Zweinutzungshühner umzustellen, doch dafür ist der wirtschaftliche Druck derzeit zu groß. „Wir haben unseren Betrieb ohne Fremdkapital von Stiftungen oder Investoren gegründet. Hier war nichts, als wir 2013 mit Aufräumarbeiten auf der Hofstelle begannen. Nichts außer kaputten, höchst sanierungsbedürftigen Gebäuden, jeder Menge Müll und Altlasten wie Teerpappe und Asbest. Und auch der Boden war ausgelaugt vom Monokultur-Anbau“, erzählt der 32-Jährige. So startete Anna erst einmal damit, einen Garten freizulegen, und Lukas mit der Entkernung des Wohngebäudes. Im Flur vor ihrem Büro hängen Foto-Collagen, die zeigen, wie es hier noch vor wenigen Jahren aussah, wo heute Kundinnen und Kunden eine Bilderbuch-Bauernhof-Idylle mit Scheunen, Gutshaus und Hofladen erleben. Darin immer wieder zu sehen: Lukas beim Wändeeinreißen, Lukas mit dem Bagger, Lukas von Staub bedeckt, aber meistens mit einem großen Grinsen im Gesicht und leuchtenden Augen. Erst 2015 konnte das Paar auf der Hofstelle in Selow bei Klein Belitz leben und mit dem ersten Mobilstall starten. Geheiratet haben sie im selben Jahr, „gleich nachdem wir die Hühner zum ersten Mal rausgelassen haben“, berichtet Anna.

Lukas und Anna halten Hühner vor ihr Gesicht

Woher haben sie den Mut genommen? „Mutig fühlte ich mich damals nicht. Wir hatten einfach unseren gemeinsamen Traum, und dann folgte ein Schritt dem nächsten, ein Tag voller Aufgaben dem nächsten Tag voller Aufgaben. Die haben wir einfach abgearbeitet. Im Nachhinein gesehen sind wir vielleicht etwas sehr unbeschwert da herangegangen.“ Natürlich gab es auch schlaflose Nächte, „vor allem in Krisenzeiten wie etwa der Vogelgrippe, von der wir uns im zweiten Jahr bedroht fühlten. Heute wären wir da etwas entspannter, weil wir nun wissen, was zu tun ist, und uns ganz einfach besser auskennen“, ergänzt sie. Die ersten beiden Jahre lebten sie von Annas Gehalt als Referendarin und Realschullehrerin. Doch nach diesen beiden Jahren konnten die Einkünfte von der hufe8 die Familie tragen.

Anna umarmt Lukas

„Bei uns vermischt sich eben alles: Beruf, Hof, Familie. Wir haben weder Feierabend noch Hobbys. Doch was wir haben, ist viel mehr.“

Große Aufgaben

Die Herausforderungen waren von Anfang an groß, doch 2018 wuchsen sie nochmals an. „Es war gerade ein weiterer Mobilstall im Bau, Anträge für drei weitere liefen mit all dem bürokratischen Aufwand, der da dazugehört, und das Geld wurde auch mal wieder knapp. Dann erfuhren wir, dass Anna mit Zwillingen schwanger war. Da musste ich mich erst einmal setzen“, gesteht Lukas. Schon für die meisten Eltern stellt eine Zwillingsgeburt das Leben auf den Kopf. Doch für zwei junge Selbstständige mit Verantwortung für Mitarbeiter*innen, Tiere und Land und ohne die zumindest finanzielle Absicherung durch Elterngeld war das eine schwierige Phase. „Zumal wir nicht, wie viele andere Paare in der Landwirtschaft, mit Eltern oder Verwandten gemeinsam auf dem Hof leben. Meine Mutter kam, sooft sie konnte, aus Hannover, sonst wäre es unmachbar gewesen“, berichtet Anna. Beide geben zu, dass das erste Jahr nach der Geburt wirklich hart war – „die Hölle!“ (Lukas) – und sie oft nur funktionierten und dabei an ihre Belastungsgrenze kamen. Jetzt sind die Zwillinge – ein Junge und ein Mädchen – größer, entdecken die Welt im Haus und draußen. Begeistern sich für die Hühner, den Hund, die Rinder. Jetzt ist es oft so, wie Anna und Lukas sich ihren Traum von eigenem Hof und Familie ausgemalt haben. „So langsam hat sich unser Arbeits- und Familienalltag wieder eingependelt – und dann genießen wir es einfach, wenn sich unsere Kinder über den Hund freuen oder über einen Hahn stauen, wie er seinen Hühnern die Körner und Würmer vorlegt, die er draußen findet“, freut sich Anna. Work-Life-Balance? Über den Begriff muss sie lachen. „Bei uns vermischt sich eben alles: Beruf, Hof, Familie. Wir haben weder Feierabend noch Hobbys. Doch was wir haben, ist viel mehr. Wir haben einen Betrieb, hinter dem wir voll und ganz stehen und dem wir zum Lebendigwerden verhelfen.“ Das sieht Lukas genauso: „Anna und ich sind Freunde, Geschäftspartner, Eltern und Eheleute. Wir sind das alles. Nur deswegen haben wir die hufe8 erschaffen können. Uns verbindet unsere Liebe zur Freiheit, zum Selbstständig-Sein. Unser Alltag ist zwar anstrengend, aber so abwechslungsreich: Wir sind auf dem Acker, im Stall, aber auch am Rechner, am Telefon und online unterwegs, etwa auf Instagram. Wir sind hier politisch aktiv, mischen uns ein in Debatten.“ Zeit für sich zu zweit haben sie zwar noch wenig, das kommt erst so langsam wieder, wenn die Kinder größer werden. Obwohl: „Paarzeit haben wir auf eine Art auch beim Arbeiten“, fällt Anna auf. „Wir arbeiten gern zusammen, sind ein richtig gutes Team. Wir ergänzen uns. Was wir allerdings nicht zusammen können: gemeinsam eine Tomatensoße kochen.“ Lukas stimmt ihr zu und ergänzt: „Wir haben uns schon früh Hilfe geholt und Mitarbeiter eingestellt, sonst hätten wir uns völlig ausgepowert und das große Ganze aus den Augen verloren.“ Heute füllen 12 fest angestellte Mitarbeiter*innen die hufe8 mit noch mehr Leben. „Wir möchten uns als Individuen auswechselbar machen in unserem Betrieb. Alles, was wir tun, tun wir nicht für uns, sondern für die Hofstelle, die es hoffentlich noch lange geben wird, wenn wir nicht mehr hier sein werden“, erklärt Lukas. Dazu gehört, das hat er auch bei seiner Arbeit auf anderen Demeterhöfen erlebt, dass er Landwirtschaft nicht nur als „Wirtschaft“ verstehen will. Das Soziale gehört für ihn und Anna selbstverständlich dazu: „Wir haben Inklusion von Anfang an mitgedacht und freuen uns, dass über die Diakonie heute drei Menschen mit Behinderungen bei uns fest mitarbeiten – bei der Kükenaufzucht und den Hühnern, in der Packstelle und im Garten.“

Lukas und Anna

Wenn man heute auf den Hof kommt, spürt man die Lebendigkeit, man spürt, dass hier etwas geschaffen wurde, das bleibt und weiterwächst. Lukas zieht Parallelen vom schnellen Wachsen der hufe8 zu seinem Lieblingstier: „Im Gegensatz zur Kuh mit ihrem langsamen Stoffwechsel passt das Huhn mit seinem Wesen am besten zu unserer Betriebsentwicklung. Es passt einfach auch zu uns. Ich möchte, dass man auf der hufe8 das Herz pulsieren spürt. Ich liebe es, wenn ich auf den Hof komme und sehe: Da fährt jemand mit dem Trecker, in der anderen Ecke spielen die Kinder, da wedelt der Hund mit seinem Schwanz und drüben kommen gerade Menschen mit gefüllten Körben und zufriedenen Gesichtern aus dem Hofladen. Genauso muss es sein: voller Leben!“

Anna und Huhn im Profil

„Der Name ‚Hufe‘ bezeichnet eine Hofstelle, von der eine Familie leben kann. In Selow bei Klein Belitz war unsere die achte an der Dorfstraße“, erklärt Lukas den Namen. In Mecklenburg gehörten zu einer Hufe 50 Hektar Land. Heute haben die Propps noch weitere 110 Hektar hinzugepachtet. Neben dem Hofladen vertreibt die hufe8 ihre Produkte über den Naturkostfachhandel in Berlin und Wochenmärkte in Rostock.

www.hufe8.de

Folgt Anna und Lukas:

Anna und Chefredakteurin Susanne KieblerVor Ort: Anna mit Chefredakteurin Susanne Kiebler

Dieser Artikel stammt aus der Sommerausgabe 2020 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 46 zeigt eine Frau, die sich selbst umarmt