Stell dir vor

Wenn wir uns trauen, zu vertrauen

Frau mit ausgebreiteten Armen vor einem winterlichen Hintergrund

Illustration: Inga Israel


Eine Gedankenreise in eine Welt, in der wir Kontrolle durch Vertrauen ersetzen.

Es war heiß geworden in den letzten Tagen des Anthropozäns. Das Weltalter, das vom Menschen bestimmt war, kam brennend zu Ende: Heiß war es in den Regenwäldern des Amazonas, heiß war es in den Wüsten der Subtropen, heiß in den steinernen Städten des Nordens, aber heiß lief auch das Denken der Menschheit. Der Menschheit als Ganzer, als der Summe ihrer acht Milliarden Individuen. Denn die Zeit, in der klug genannte Köpfe ihren Geist blitzen ließen, gefolgt von Taten, die angeblich Bahnen brachen, war zum Glück vorbei. Das Zeitalter zerstörerischer Geisteseliten war überwunden.

Es folgte das Zeitalter des Vertrauens. Ganz ohne Maße und ohne Gewichte, ohne Definitionen und Patente, ohne Forschung und ohne Meilensteine und, ganz wichtig: ohne Kontrolle. Die Menschen lebten fortan in gegenseitigem Schwarmvertrauen. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, hatte es jahrhundertelang geheißen, mit allen bekannten, desaströsen Folgen: vom Abschmelzen der Gletscher bis zum Sterben der Bienen. Was jahrelang übersehen worden war: Erst im totalen Wegfall jeder Kontrolle konnte sich das Vertrauen entwickeln. Denn es war scheu und ein wenig diffizil, das Vertrauen, wie eine seltene Pflanzenart.

Im verstörend warmen und trockenen Winter des Jahres 2020 gingen die Menschen auf die Straßen und begannen das, was Historiker*innen später als nichts Geringeres einschätzten als die Rettung unseres Planeten – besser bekannt als: die große Vertrauensrevolution. Mit dem Wegfall jeder Kontrolle fanden auch Zirkel und Metermaße ihr Ende, Füllstandhöhen und Eichstriche, Dezibel-Messgeräte und Stromzähler. Mit der neu erkämpften, unkontrollierten Alltagsfreiheit ließen sich immer neue, immer tiefer gehende Freiheiten erwirken. Es war dieser Dominoeffekt, den spätere Historiker*innen als charakteristisch bezeichneten: Fielen die Eichstriche, fielen auch die Gehaltszettel. Vertrauten die Kneipengäste dem Wirt, vertraute auch der seinen Angestellten. Wurde den Angestellten Vertrauen entgegengebracht, verhielten sie sich großzügiger gegenüber ihren Nachbarn, im steten Vertrauen, dass sich das Leben in Gemeinschaft fröhlicher, lustvoller, körperlicher gestalten ließ. Mit den Kontrollen der Maße und den Kontrollen der Saläre fiel zwangsläufig auch die Kontrolle der Körper, die fortan im Vertrauen auf das Beste, das in jedem Menschen steckte, weder in Schönheitsideale noch in monatlich neu zu kaufende Klamotten gezwängt wurden.

Es war die erste Revolution der Weltgeschichte, die nicht aus Wutbürgern, sondern aus Lustbürgern bestand. Bereits an Silvester des Revolutionsjahres 2020 waren sämtliche Armeen, Bundesgrenzschutzbataillone, Frontex-Einheiten, Söldnerheere und Personenschützer abgeschafft. Es lebte und reiste sich fortan in vollem Vertrauen. Da der Norden dem Süden nichts mehr stahl, verringerten sich die Flüchtlingsströme; wer dennoch kommen wollte, wurde freundlich begrüßt, im vollen Vertrauen, einer Kontrolle durch die Ausländerbehörde nicht erst zu bedürfen. Kinder meldeten sich nicht ab, kamen dafür aber überpünktlich wieder, Reiche zahlten Steuern, im Vertrauen, dass der Staat das Richtige damit anstellte, und richtig war, was das Vertrauen der Menschen stärkte: Festivals ohne Einlasskontrollen. Fußgängerzonen ohne Polizeistreifen. Einkaufsläden ohne Detektive. Die Absage an jede Kontrolle brachte ganze Industrien zum Erliegen – zum Glück: Wo nichts produziert wurde, wurden auch keine Ressourcen vernichtet. Alarmanlagen und Schießgewehre fanden keine Abnehmer*innen mehr. Die Menschen näherten sich einander an, hatten sie doch, was jahrelang vergessen worden war, dieselben Bedürfnisse: nach Liebe, Frieden und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Nach dem Ende aller Kontrollen, aller Verbote und Gebote, erdete nun eine ganz besondere Glaubensrichtung den Menschen von seiner selbst ernannten Schöpfungsspitze zurück in den Acker alles Seienden: das grenzenlose Vertrauen in sich selbst, die Mitmenschen und das Gute in der Welt.

Bei „Stell dir vor“ träumen wir von einem Alltag in einer Welt, die sich besser anfühlt. Was sind deine Utopien? Bitte schicke uns deine Themenvorschläge an info[ / at \ ]demeter [ / dot \ ] de

Dieser Artikel stammt aus der Winterausgabe 2020 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 48 zeigt Zwillinge, die sich anschauen