Der KuhBlog

Enthornung erklärt

05.09.2017
Sophia frisst Heu

Ich habe Hörner und das ist gut so. In meinem Blog trete ich dafür ein, dass wir Kühe unsere Hörner behalten dürfen. Aber weshalb wird darüber überhaupt diskutiert? Wozu Hörner gut sind, warum wir sie brauchen und welchen Nutzen auch Menschen aus ihnen ziehen können, habe ich ja bereits beleuchtet.

Nun aber mal andersrum: Warum wird enthornt und was genau wird da eigentlich gemacht?

Warum enthornt wird

Um es knackig auf den Punkt zu bringen, haben Menschen zwei Gründe, weshalb sie uns Kühen die Hörner entfernen: Sicherheit und Profit.

Betrachten wir als erstes den Punkt Sicherheit: Die Hörner von Kühen sind spitz zulaufend und können Menschen – sowie andere Kühe – verletzen. Das ist Fakt, das bestreite ich gar nicht. Aus dem Sicherheitsbedürfnis heraus, von uns nicht verletzt zu werden, entscheiden sich viele Bauern dafür, uns die Hörner zu entfernen. Allerdings muss ich dazu deutlich sagen, dass Kühe weder aggressiver, hinterhältiger noch sonst wie böser sind, nur weil sie Hörner haben. Und: je besser die Ställe für uns gestaltet sind und wir uns als Kühe gemäß unserer Sozialordnung darin verhalten können, umso weniger Auseinandersetzungen und Verletzungen gibt es bei uns in der Herde.

Hornlose KüheBild: istock/ahavelaar

Kommen wir zum Profit: eine Kuh mit Hörnern benötigt etwas mehr Platz im Stall und mehr Betreuung durch den Bauern oder die Bäuerin als eine Kuh ohne Hörner. Um aber möglichst viel „Ertrag“ aus einer bestimmten Stallfläche erwirtschaften zu können und „Zeit zu sparen“, entscheiden sich viele Bauern für: Hörner ab. Die Rechnung dabei ist einfach: mehr Kühe (ohne Hörner) im Stall = weniger Kosten = mehr Gewinn. Denn der Platz im Stall und die Arbeit des Bauern kosten Geld. Das Kuhwohl bleibt dabei auf der Strecke.

Wie macht man das Horn weg?

Um die Hörner der Kuh zu entfernen, hat der Mensch zwei Methoden entwickelt: Entfernen der Hornanlagen und Züchtung auf genetische Hornlosigkeit. Betrachten wir mal beide Möglichkeiten:

Enthornung mit Brennstab

Dabei werden bei den Kälbchen die Hornanlagen, also der kreisförmige Ansatz, aus dem das Horn wachsen würde, mit einem Brennstab ausgebrannt und die Nerven- und Blutbahnen verödet. Das Tierschutzgesetz sieht dafür eine lokal wirkende Betäubung und Gabe eines Schmerzmittels vor, das kann bis zu einem Alter von sechs Wochen gemacht werden. Je nach Bundesland kann eine Sedierung durch ein Beruhigungsmittel Pflicht sein. Es sollen jedoch alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um Schmerzen zu vermeiden. Der Eingriff wird dann von einem Tierarzt oder speziell geschultem Landwirt vorgenommen. Auffällig bei Kühen, die als Kälbchen enthornt wurden, ist oft, dass sie später einen eierförmigen Schädel bilden.

Ent- und behornte KuhFoto: Ulrich Mück; „Eierkopf“ versus Hornkuh.

Zucht auf genetische Hornlosigkeit

Hornlosigkeit wird dominant vererbt. Das nutzt man bei der Zucht auf genetische Hornlosigkeit aus und setzt – nach meinem Geschmack ziemlich unattraktive – Bullen ein, die keine Hörner tragen und somit auch keine Hörner vererben können. All ihre Nachkommen haben keine Hörner, die Armen. Eine schmerzhafte Enthornung wird ihnen so erspart, doch müssen sie zwangsweise auch auf all die Nutzen und Vorteile der Hörner verzichten, die eine Kuh mit ihren Hörnern sonst hat.

Dürfen Menschen einfach bestimmen, dass eine Tierart in wenigen Jahrzehnten ohne eine ihrer ureigenen Merkmale existieren muss? Denn das wird schon in wenigen Jahren der Fall sein, wenn es in manchen Rinderrassen keine Kühe mit dem Erbmerkmal für Hörner mehr gibt.

Beide Möglichkeiten sind leider auch im Ökolandbau erlaubt.

Trotzdem halten viele Biobauern zum Glück noch Kühe mit Hörnern und bei Demeter als einzigem ökologischen Anbauverband ist die Enthornung und Zucht auf genetische Hornlosigkeit sogar konsequent verboten – meine Leute sind auch bei Demeter.

Es geht auch anders

Das Risiko, dass ein Mensch oder eine Kuh durch Hörner verletzt wird, kann nie zu 100 Prozent ausgeschlossen, aber deutlich verringert werden. Wichtig ist, dass wir alle, also Kühe und Menschen, lernen, Vertrauen zueinander zu haben. Beispielsweise durch artgerechtes, geduldiges und aufmerksames Miteinanderumgehen von klein an. Der Mensch kann es uns leichter machen, indem er unsere Sprache lernt, um mit uns Kühen zu kommunizieren und „Warnungen“ frühzeitig zu erkennen. So lassen sich Stress- und Ausnahmesituationen vermeiden oder entschärfen. Dafür ist das Konzept des Low Stress Stockmanship wegweisend. Es wurde von einem amerikanischen Cowboy erfunden, um Kühe zu treiben. Auch einige Bäuerinnen und Bauern in Deutschland setzen es bereits erfolgreich um. Ein großer Stall und eben eine gute Kuh-Mensch-Beziehung tragen dazu bei, dass Problemsituationen minimiert werden.

In Bezug auf den Profit kann eine andere Rechnung angestellt werden: Wenn auf hochwertige regionale Qualität gesetzt wird, mit horntragenden Rindern, artgerechter Haltung und naturgemäßer Fütterung, ist vielleicht weniger Milch und Fleisch verfügbar. Dafür gibt es aber sehr gute Produkte, welche ihren Preis wert sind. Dann entsprechen die tierischen Nahrungsmittel auch wieder viel mehr den Vorstellungen der Menschen und werden bewusst und mit Genuss verzehrt. Dann kann auch der Bauer wieder von seiner Hände Arbeit, der Produktion von Lebensmitteln und der Pflege unser aller Natur leben und ist nicht auf „Hilfszahlungen“ angewiesen. So eine Welt wünsche ich mir.

Es ist wichtig zu hinterfragen, WARUM Kühen Teile ihres natürlichen Körpers entfernt werden, nur um wirtschaftlicher arbeiten zu können. Es ist nicht artgerecht, dass durch Enthornung die Kühe den Ställen angepasst werden. Wo bleiben da die Achtung und Würde des Lebewesens und der Respekt für die Lebensmittel, die es dem Menschen zur Verfügung stellt?