Kinder-Wahlprüfsteine ohne den „Grauen Blick der Erwachsenen“

Kinder an die Macht

04.09.2017
Die Gruppe sitzt mit den drei Hündinnen und Moderatorin Renée Herrnkind auf einer Treppe

Bilder von Mohamad Osman


Moderation: Renée Herrnkind

Fünf Jugendliche treffen sich auf dem biodynamischen Dottenfelderhof in Bad Vilbel. Im Schulbauernhof-Haus kommen sie miteinander ins Gespräch über politische Weichenstellungen, die sie sich für die nächste Legislaturperiode wünschen. Ihre Gedanken für das Regieren ab Oktober 2017 sind Anregungen für Erwachsene, vor der Bundestagswahl eigene politische Vorstellungen mit den Programmen der Parteien abzugleichen.

Podcast zum Nachhören

Drei Hütehündinnen lockerten das Treffen der Jugendlichen auf. Sie „arbeiten“ als Coachs für Menschen, geben Rückmeldung über Ausstrahlung und Auftreten. Als Teams stellten die Jung-Politiker die Hunde etwa auf vier Joghurt-Becher und lernten sich spielerisch kennen.

Wo informiert ihr euch politisch, mit wem diskutiert ihr, wie bildet ihr euch eure Meinung?

Lilith: Ich schau fast jeden Tag Nachrichten im Fernsehen mit Mama und Papa, lese regelmäßig den Stern. Ich seh manches anders als meine Eltern, die sind natürlich erfahrener, aber ich schau unbefangener. In PoWi (Politik + Wirtschaft) diskutieren wir auch über aktuelle politische Ereignisse.

Lola: Wenn wir zu Hause Nachrichten im Fernsehen schauen, frag ich total viel. Oft sind mir Begriffe einfach fremd. Und wir sprechen in der Familie immer wieder auch über Politik. Dabei bin ich meist optimistischer als meine Eltern, hab nicht so den grauen Erwachsenenblick drauf. In der Schule haben wir manchmal bei dramatischen Geschehen schon die Chance, uns auszukotzen. Und nach der Trump-Wahl haben wir in der Klasse drüber geredet.

Charlotte: Ich guck gar keine Tagesschau. Morgens überfliege ich die Zeitung und lese dann im Internet nach, wenn mich etwas interessiert. Durch Gespräche am Esstisch kriege ich die meisten Sachen mit. Häufig diskutiere ich dann mit meiner Mutter.

Finn: Für mich ist die Tagesschau wichtig. Wir hatten wirklich ewig kein PoWi – und wenn, dann dabei wirklich keine aktuellen Themen. Bei uns wird manchmal am Frühstückstisch auch kurz über die aktuellen Themen wie die Trump-Wahl oder den Brexit oder das Klimaabkommen gesprochen.

Lena: Ich guck regelmäßig Nachrichten im Fernsehen – gerne BBC–, lese Zeitungen – die FAZ zum Beispiel – und war im Leistungskurs in PoWi. Da haben wir ziemlich viel diskutiert. Auch mit Freunden und Familie rede ich über Politik. In der Familie haben wir ziemlich unterschiedliche Meinungen. Ich glaub, ich bin ein bisschen radikaler als meine Eltern. Jetzt nach dem Abi habe ich auch wieder Zeit, auf Demos zu gehen – zum Beispiel zu Pulse of Europe sonntags in Frankfurt.

Welche Themen wären in deiner Regierung wichtig?

Auf Flipchartbögen schreiben die Jugendlichen all die Punkte auf, die ihnen ganz persönlich wichtig sind. Das Themenspektrum ist breit gefächert, dabei gibt es deutliche Übereinstimmungen. Sicherlich kein Wunder, dass die Bildungspolitik großen Raum einnimmt. Hier zeigt sich, dass Betroffene am besten wissen, wo der Schuh drückt und was notwendig wäre für Verbesserungen.

Ich bin die neue Gesundheitsministerin und kremple das System um. Lilith (15)

Lilith

Lilith: Ich als Gesundheitsministerin würde Kassen- und Privatpatienten gleichstellen. Ich finde es unfair, dass Privatpatienten bevorzugt werden, schneller Termine bekommen, vom besseren Spezialisten behandelt werden. Über resistente Keime würde ich verstärkt forschen lassen. In der Massentierhaltung wird ja so viel Antibiotika gegeben, das würde ich deutlich einschränken. Massentierhaltung möchte ich ganz verbieten. Finanziell unterstützen würde ich eine Tierhaltung wie hier auf dem Dottenfelderhof. Das soll dann Bauern ermutigen umzustellen. Dabei muss es gar nicht unbedingt gleich bio oder Demeter sein, eine anständige Tierhaltung kann jeder umsetzen, der will. Mit mir gäbe es einen Mindestmilchpreis, damit die Bauern ihre Zukunft sichern können. Es kann doch nicht sein, dass sie Schulden machen müssen, um ihren Beruf auszuüben.

Außerdem steht in meinem Programm, mehr Geld in Schulen zu investieren. Auch die Schultoiletten müssen schöner werden. Es wird Zeit, einen Beamtentest einzuführen, manche Lehrer sind gar nicht fähig zu unterrichten. Außerdem schaffe ich die Bundesjugendspiele ab.

In meiner Regierung beenden wir Atomkraft und fördern konsequent erneuerbare Energien: Wind, Wasser, Sonne. Wichtig ist mir, die EU zu stärken und da besser zusammenzuarbeiten. Das Nichtrauchergesetz verschärfe ich vor allem gegenüber Kindern, dann darf in keinem Auto geraucht werden, in dem Kinder drin sind. Müttern wird Berufseinstieg und Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert. Und wenn Feiertage auf das Wochenende fallen, werden sie einfach in der Woche nachgeholt.

Lena

Als Außenministerin habe ich die globale Welt im Blick.Lena (18)

Lena: Soziale Gerechtigkeit steht bei mir ganz oben: als höherer Mindestlohn mit weniger Bürokratie. Chancengleichheit, Verteilungsgleichheit. Deshalb führe ich die Luxussteuer ein für teuren Schmuck, Jachten, Villen und Vermögen. Reiche sollen deutlich mehr zahlen als Arme. Gegen Rassismus, Radikalisierung, Terror müssen wir international besser zusammenarbeiten. Mir ist wichtig, die Weichen zu stellen, um Fluchtursachen zu bekämpfen. Natürlich treibe ich die Integration voran – mehr Angebote, um Deutsch zu lernen, Teilhabe sozial und wirtschaftlich. Das ist für mich auch Vorbeugung vor Radikalisierung. Rechtsextremen müssen wir klare Grenzen setzen. Im Klimaschutz gilt es, am Pariser Abkommen dran zu bleiben – auch ohne Trump. Außenpolitisch hat Entwicklungshilfe Priorität: Hunger bekämpfen vor Ort. Nicht nur Essen geben, sondern ermöglichen, dass Menschen für die eigene Versorgung gute Nahrungsmittel anbauen können. Wasserquellen erschließen. Mit ein bisschen mehr Geld lässt sich da viel bewegen. Ich will moralische Aspekte in der Politik befolgen und nicht nur Zweckbündnisse und wirtschaftliche Interessen verfolgen. Von diesem Ideal möchte ich nicht abrücken. Leider sehe ich das derzeit gar nicht umgesetzt. In der Bildungspolitik will ich in Lehrer investieren: mehr Lehrer. Und besser ausgebildet. Manche sind pädagogische Nieten und haben es auch fachlich nicht drauf. Hier ist die schwarze Null für mich unlogisch. Da spare ich lieber woanders und verteile das Geld anders, also Priorität für Bildung, soziale Gerechtigkeit und Entwicklungshilfe. Ganz wichtig ist mir, Versprechen auch einzuhalten. Sonst wird die Politikverdrossenheit weiter wachsen.

Familie und Umwelt sind die Ressorts, die mich am meisten reizen. Lola (14)

Lola

Lola: Gleichstellung ist mein Thema: Mann und Frau, nicht zuletzt beim Gehalt, gleich behandeln und Menschen aller Herkünfte, Hautfarben, sexuellen Orientierung auch. In der Bildung geht es mir darum, mehr Wert zu legen auf das bewusstere Leben, nicht nur auf Grammatik. In der Landwirtschaft plädiere ich für möglichst faire Preise. So haben Bauern die Chance, ihre Tiere gut zu halten, ohne zu verarmen. Fleisch muss mehr kosten und auch die Milch. Ich weiß zwar nicht, wie man das vereinbaren kann, denn es gibt ja auch Leute, die nicht so viel Geld haben, aber ich will, dass wir eher darauf gucken, wie es der Kuh geht. Tierschutz ist mir sehr wichtig. Mich stört, dass Tiere vor dem Gesetz Gegenstände sind – das kotzt mich richtig an.

Möglichst die gesamte Welt muss umsteigen auf erneuerbare Energie – ich weiß zwar nicht, ob das so einfach machbar ist, aber es ist wichtig, damit es noch eine Weile läuft auf der Erde. Das Steuersystem will ich verändern. Wer mehr Geld hat, muss deutlich mehr zahlen. Durch die Vermögenssteuer will ich auch den Blickwinkel verändern: Andere Sachen sind wichtiger als noch ein Auto. Im Schulbereich will ich weniger Aushilfslehrer einsetzen. Ich finde, wir brauchen eine Kontrolle, dass Lehrer ihren Job gut machen – davon hängt doch einiges ab.

Dieser Aspekt tangiert alle. Lena sieht das Problem in der Verbeamtung. Lilith erinnert sich an den angekündigten Besuch zur Schulinspektion, als an ihrer Schule alles tipptopp war. Sie meint, das muss kontinuierlicher und unangemeldet kommen und wünscht sich mehr Stichproben durch unverhoffte Unterrichtsbesuche. Wenn es nach Charlotte geht, müssen Lehrer regelmäßig Nachprüfungen ablegen. Sie wünscht sich, dass Schüler mehr Feedback geben dürfen und sagt: „Ich nehme mir dieses Recht durchaus raus. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich.“ Alle sind sich einig, dass schon vor dem Studium besser selektiert werden sollte, wer für den Lehrer-Beruf wirklich geeignet ist. „Nicht nur vom Wissen her, sondern vor allem von sozialen Kompetenzen.“ Charlotte wünscht sich Unterricht in Lebensfähigkeit: „Da können wir alle wichtigen Sachen lehren, wie mach ich meine Steuer, wie eröffne ich ein Konto, schreibe ich Bewerbungen, finde den Job, der zu mir passt, wie sorge ich für meine Rente vor?“ Gerade diese lebenspraktischen Sachen fehlen den Fünfen in ihren Schulen. „Das ist gerade auch für Menschen mit Migrationshintergrund wichtig, deren Eltern häufig ebenfalls gar nicht wissen, wie unser System funktioniert“, erweitert Charlotte den Blickwinkel.

Charlotte

Ich würde mich für Gleichberechtigung einsetzen und deshalb Familienministerin werden. Charlotte (14)

Charlotte: Gleichberechtigung von Mann und Frau bei Gehalt, Stellenvergabe, Führungspositionen steht bei mir ganz vorn. Für die Umsetzung von erneuerbaren Energien gilt bei mir dann ein exakter Vier-Jahres-Plan. Das ist nicht einfach nur als Lippenbekenntnis gemeint, sondern mit klaren Zielen und transparent für jeden Bürger. Konkret investiere ich zudem in mehr Forschung, etwa in Brennstoffzellenautos.

Ich wäre ein Kanzler, der sich für die Umwelt einsetzt. Finn (14)

Finn

Finn: Auch wenn ich weiß, wie schwierig es ist, steht bei mir an erster Stelle, erneuerbare Energien zu fördern. Kohle- und Atomkraftwerke werden abgeschaltet. Regionale Landwirtschaft und Produktion werde ich stärken. Außerdem führe ich eine generelle Hilfe vom Staat für Landwirte ein. Damit vermeide ich, dass die Lebensmittelpreise steigen und dann zum Beispiel billigere Milch importiert wird. Mit mir gibt es keine Genmanipulationen bei Pflanzen und Tieren, aber mehr Forschung in diesem Bereich, damit wir die Risiken besser einschätzen können. Insgesamt will ich in meiner Politik mehr auf bio achten, Bio-Höfe finanziell unterstützen. Außerdem den Menschen helfen, die sozial benachteiligt sind. Durch die Stärkung der EU wird in Zukunft besser zusammengearbeitet, mehr Verständigung erreicht. Verbunden damit setze ich mich für die Unabhängigkeit Europas von anderen wie jetzt den USA unter Trump ein. Da wünsche ich mir deutlichere Ansagen von Politikern. Klar die eigene Meinung sagen – auch in Richtung Erdogan –, das finde ich wichtig. Bei der wichtigen Erneuerung des Schulsystems brauchen wir mehr Digitalisierung, zum Beispiel Tablets für die Schüler, EBooks statt fünf Kilo Bücher im Rucksack. Mir ist wichtig, wirklich kompetente Lehrer einzustellen.

Lilith, Charlotte und Lola protestieren prompt. Sie finden es anstrengend, nur auf Bildschirme oder Whiteboards zu schauen, bekommen Kopfschmerzen oder „viereckige Augen“. Ihnen ist es wichtig, mit der Hand zu schreiben (dann kann ich es mir besser merken). Auch in Bezug auf Handy-Nutzung in Schulen tauschen sich die fünf aus. Im Unterricht finden sie Handy-Nutzung auf klare Ansage für Recherchen gut und hilfreich. In den Pausen wollen alle keinen Handy- Blick, sondern unmittelbare Begegnungen mit Freund*innen.

Was ist deine erste Maßnahme, wenn du Minister*in wärst?

Lola: Erneuerbare Energie als oberster Punkt, konkret mit Zeitplan. Zweiter Punkt wäre Tierschutz– also eher das Huhn im Blick haben und weniger das billige Ei.

Lena: Soziale Gleichheit steht für mich ganz vorn. Im Sinne von jeder darf mitmachen und ist gleichberechtigt – Mann, Frau, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, arm, reich. Steuerpolitik ist dafür mein Hebel. Dabei den Bogen nicht überspannen, damit nicht alle Reichen einfach ins Ausland gehen.

Charlotte: Gleichberechtigung für homosexuelle Paare schaffen – das beeinträchtigt niemanden, das bedeutet lediglich eine Gesetzesänderung. Als Zweites an die Änderung des Schulsystems gehen.

Lilith: Das Beamtentum abschaffen.

Finn: Meinen Plan für erneuerbare Energien vorstellen.

Die Kinder sitzen am Tisch und diskutieren

Die Nachdenklichkeit der fünf Jugendlichen beeindruckt. Was von dem, was ihnen gesellschaftspolitisch wichtig ist, haben sie im eigenen Alltag schon umgesetzt? In allen Familien werden Bio-Lebensmittel bevorzugt – sicherlich keine Überraschung, haben wir doch junge Menschen angesprochen, die bereits Bio- und Demeter-Höfe kennen. Bei Charlotte kommt das Gemüse in der Saison von einer SoLaWi (solidarische Landwirtschaft). Wie ihre Freundin Lola isst sie vegetarisch. Beide lassen ihre Mitschüler*innen an dieser Einstellung durchaus teilhaben („dafür werden wir manchmal als Bio- Tussies abgestempelt“). Die eigene Meinung zu vertreten, ist allen wichtig – bis hin zur Teilnahme an Demonstrationen etwa gegen rechts. Bus- und Fahrradfahren sind selbstverständlich, bei Lilith steht ein Hybridauto bereit. Finn mag überhaupt nicht Klamotten kaufen, dafür gibt er gerne Geld für Technik aus. Die Mädchen kaufen auch secondhand und auf Flohmärkten und bei ihren Eltern beobachten sie Entscheidungen für nachhaltige, langlebige Produkte. Angeregt durch die Diskussionen in der Dotti- Runde für das Demeter Journal wollen alle fünf zu Hause gleich mal nachfragen, woher eigentlich der häusliche Strom stammt.

Würdet ihr gerne wählen gehen?

Da sind sich alle einig: Wenn ich dürfte, würde ich wählen gehen – aber ich müsste mich noch mehr informieren als bisher. Lola findet es merkwürdig, dass alte Menschen wählen gehen und dabei dann Entscheidungen treffen, die gar keine Auswirkungen mehr auf ihr eigenes Leben haben, während die jungen Leute nicht gefragt werden. Lilith vermisst deutlich unterschiedliche Positionen bei den Parteien und beide stimmen zu, als Lena meint „Wenn es im Herbst dann keine Große Koalition mehr gibt, wäre es schon mal gut, denn die beiden Parteien hebeln sich dabei gegenseitig aus.“ Sie als 18-Jährige ist glücklich, zum ersten Mal mitwählen zu dürfen.

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 35.

04.09.2017
Kinder an die Macht
Kinder-Wahlprüfsteine ohne den „Grauen Blick der Erwachsenen“

Moderation: Renée Herrnkind

Fünf Jugendliche treffen sich auf dem biodynamischen Dottenfelderhof in Bad Vilbel. Im Schulbauernhof-Haus kommen sie miteinander ins Gespräch über politische Weichenstellungen, die sie sich für die nächste Legislaturperiode wünschen. Ihre Gedanken für das Regieren ab Oktober 2017 sind Anregungen für Erwachsene, vor der Bundestagswahl eigene politische Vorstellungen mit den Programmen der Parteien abzugleichen.

Podcast zum Nachhören

Drei Hütehündinnen lockerten das Treffen der Jugendlichen auf. Sie „arbeiten“ als Coachs für Menschen, geben Rückmeldung über Ausstrahlung und Auftreten. Als Teams stellten die Jung-Politiker die Hunde etwa auf vier Joghurt-Becher und lernten sich spielerisch kennen.

Wo informiert ihr euch politisch, mit wem diskutiert ihr, wie bildet ihr euch eure Meinung?

Lilith: Ich schau fast jeden Tag Nachrichten im Fernsehen mit Mama und Papa, lese regelmäßig den Stern. Ich seh manches anders als meine Eltern, die sind natürlich erfahrener, aber ich schau unbefangener. In PoWi (Politik + Wirtschaft) diskutieren wir auch über aktuelle politische Ereignisse.

Lola: Wenn wir zu Hause Nachrichten im Fernsehen schauen, frag ich total viel. Oft sind mir Begriffe einfach fremd. Und wir sprechen in der Familie immer wieder auch über Politik. Dabei bin ich meist optimistischer als meine Eltern, hab nicht so den grauen Erwachsenenblick drauf. In der Schule haben wir manchmal bei dramatischen Geschehen schon die Chance, uns auszukotzen. Und nach der Trump-Wahl haben wir in der Klasse drüber geredet.

Charlotte: Ich guck gar keine Tagesschau. Morgens überfliege ich die Zeitung und lese dann im Internet nach, wenn mich etwas interessiert. Durch Gespräche am Esstisch kriege ich die meisten Sachen mit. Häufig diskutiere ich dann mit meiner Mutter.

Finn: Für mich ist die Tagesschau wichtig. Wir hatten wirklich ewig kein PoWi – und wenn, dann dabei wirklich keine aktuellen Themen. Bei uns wird manchmal am Frühstückstisch auch kurz über die aktuellen Themen wie die Trump-Wahl oder den Brexit oder das Klimaabkommen gesprochen.

Lena: Ich guck regelmäßig Nachrichten im Fernsehen – gerne BBC–, lese Zeitungen – die FAZ zum Beispiel – und war im Leistungskurs in PoWi. Da haben wir ziemlich viel diskutiert. Auch mit Freunden und Familie rede ich über Politik. In der Familie haben wir ziemlich unterschiedliche Meinungen. Ich glaub, ich bin ein bisschen radikaler als meine Eltern. Jetzt nach dem Abi habe ich auch wieder Zeit, auf Demos zu gehen – zum Beispiel zu Pulse of Europe sonntags in Frankfurt.

Welche Themen wären in deiner Regierung wichtig?

Auf Flipchartbögen schreiben die Jugendlichen all die Punkte auf, die ihnen ganz persönlich wichtig sind. Das Themenspektrum ist breit gefächert, dabei gibt es deutliche Übereinstimmungen. Sicherlich kein Wunder, dass die Bildungspolitik großen Raum einnimmt. Hier zeigt sich, dass Betroffene am besten wissen, wo der Schuh drückt und was notwendig wäre für Verbesserungen.

Ich bin die neue Gesundheitsministerin und kremple das System um. Lilith (15)

Lilith

Lilith: Ich als Gesundheitsministerin würde Kassen- und Privatpatienten gleichstellen. Ich finde es unfair, dass Privatpatienten bevorzugt werden, schneller Termine bekommen, vom besseren Spezialisten behandelt werden. Über resistente Keime würde ich verstärkt forschen lassen. In der Massentierhaltung wird ja so viel Antibiotika gegeben, das würde ich deutlich einschränken. Massentierhaltung möchte ich ganz verbieten. Finanziell unterstützen würde ich eine Tierhaltung wie hier auf dem Dottenfelderhof. Das soll dann Bauern ermutigen umzustellen. Dabei muss es gar nicht unbedingt gleich bio oder Demeter sein, eine anständige Tierhaltung kann jeder umsetzen, der will. Mit mir gäbe es einen Mindestmilchpreis, damit die Bauern ihre Zukunft sichern können. Es kann doch nicht sein, dass sie Schulden machen müssen, um ihren Beruf auszuüben.

Außerdem steht in meinem Programm, mehr Geld in Schulen zu investieren. Auch die Schultoiletten müssen schöner werden. Es wird Zeit, einen Beamtentest einzuführen, manche Lehrer sind gar nicht fähig zu unterrichten. Außerdem schaffe ich die Bundesjugendspiele ab.

In meiner Regierung beenden wir Atomkraft und fördern konsequent erneuerbare Energien: Wind, Wasser, Sonne. Wichtig ist mir, die EU zu stärken und da besser zusammenzuarbeiten. Das Nichtrauchergesetz verschärfe ich vor allem gegenüber Kindern, dann darf in keinem Auto geraucht werden, in dem Kinder drin sind. Müttern wird Berufseinstieg und Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert. Und wenn Feiertage auf das Wochenende fallen, werden sie einfach in der Woche nachgeholt.

Lena

Als Außenministerin habe ich die globale Welt im Blick.Lena (18)

Lena: Soziale Gerechtigkeit steht bei mir ganz oben: als höherer Mindestlohn mit weniger Bürokratie. Chancengleichheit, Verteilungsgleichheit. Deshalb führe ich die Luxussteuer ein für teuren Schmuck, Jachten, Villen und Vermögen. Reiche sollen deutlich mehr zahlen als Arme. Gegen Rassismus, Radikalisierung, Terror müssen wir international besser zusammenarbeiten. Mir ist wichtig, die Weichen zu stellen, um Fluchtursachen zu bekämpfen. Natürlich treibe ich die Integration voran – mehr Angebote, um Deutsch zu lernen, Teilhabe sozial und wirtschaftlich. Das ist für mich auch Vorbeugung vor Radikalisierung. Rechtsextremen müssen wir klare Grenzen setzen. Im Klimaschutz gilt es, am Pariser Abkommen dran zu bleiben – auch ohne Trump. Außenpolitisch hat Entwicklungshilfe Priorität: Hunger bekämpfen vor Ort. Nicht nur Essen geben, sondern ermöglichen, dass Menschen für die eigene Versorgung gute Nahrungsmittel anbauen können. Wasserquellen erschließen. Mit ein bisschen mehr Geld lässt sich da viel bewegen. Ich will moralische Aspekte in der Politik befolgen und nicht nur Zweckbündnisse und wirtschaftliche Interessen verfolgen. Von diesem Ideal möchte ich nicht abrücken. Leider sehe ich das derzeit gar nicht umgesetzt. In der Bildungspolitik will ich in Lehrer investieren: mehr Lehrer. Und besser ausgebildet. Manche sind pädagogische Nieten und haben es auch fachlich nicht drauf. Hier ist die schwarze Null für mich unlogisch. Da spare ich lieber woanders und verteile das Geld anders, also Priorität für Bildung, soziale Gerechtigkeit und Entwicklungshilfe. Ganz wichtig ist mir, Versprechen auch einzuhalten. Sonst wird die Politikverdrossenheit weiter wachsen.

Familie und Umwelt sind die Ressorts, die mich am meisten reizen. Lola (14)

Lola

Lola: Gleichstellung ist mein Thema: Mann und Frau, nicht zuletzt beim Gehalt, gleich behandeln und Menschen aller Herkünfte, Hautfarben, sexuellen Orientierung auch. In der Bildung geht es mir darum, mehr Wert zu legen auf das bewusstere Leben, nicht nur auf Grammatik. In der Landwirtschaft plädiere ich für möglichst faire Preise. So haben Bauern die Chance, ihre Tiere gut zu halten, ohne zu verarmen. Fleisch muss mehr kosten und auch die Milch. Ich weiß zwar nicht, wie man das vereinbaren kann, denn es gibt ja auch Leute, die nicht so viel Geld haben, aber ich will, dass wir eher darauf gucken, wie es der Kuh geht. Tierschutz ist mir sehr wichtig. Mich stört, dass Tiere vor dem Gesetz Gegenstände sind – das kotzt mich richtig an.

Möglichst die gesamte Welt muss umsteigen auf erneuerbare Energie – ich weiß zwar nicht, ob das so einfach machbar ist, aber es ist wichtig, damit es noch eine Weile läuft auf der Erde. Das Steuersystem will ich verändern. Wer mehr Geld hat, muss deutlich mehr zahlen. Durch die Vermögenssteuer will ich auch den Blickwinkel verändern: Andere Sachen sind wichtiger als noch ein Auto. Im Schulbereich will ich weniger Aushilfslehrer einsetzen. Ich finde, wir brauchen eine Kontrolle, dass Lehrer ihren Job gut machen – davon hängt doch einiges ab.

Dieser Aspekt tangiert alle. Lena sieht das Problem in der Verbeamtung. Lilith erinnert sich an den angekündigten Besuch zur Schulinspektion, als an ihrer Schule alles tipptopp war. Sie meint, das muss kontinuierlicher und unangemeldet kommen und wünscht sich mehr Stichproben durch unverhoffte Unterrichtsbesuche. Wenn es nach Charlotte geht, müssen Lehrer regelmäßig Nachprüfungen ablegen. Sie wünscht sich, dass Schüler mehr Feedback geben dürfen und sagt: „Ich nehme mir dieses Recht durchaus raus. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich.“ Alle sind sich einig, dass schon vor dem Studium besser selektiert werden sollte, wer für den Lehrer-Beruf wirklich geeignet ist. „Nicht nur vom Wissen her, sondern vor allem von sozialen Kompetenzen.“ Charlotte wünscht sich Unterricht in Lebensfähigkeit: „Da können wir alle wichtigen Sachen lehren, wie mach ich meine Steuer, wie eröffne ich ein Konto, schreibe ich Bewerbungen, finde den Job, der zu mir passt, wie sorge ich für meine Rente vor?“ Gerade diese lebenspraktischen Sachen fehlen den Fünfen in ihren Schulen. „Das ist gerade auch für Menschen mit Migrationshintergrund wichtig, deren Eltern häufig ebenfalls gar nicht wissen, wie unser System funktioniert“, erweitert Charlotte den Blickwinkel.

Charlotte

Ich würde mich für Gleichberechtigung einsetzen und deshalb Familienministerin werden. Charlotte (14)

Charlotte: Gleichberechtigung von Mann und Frau bei Gehalt, Stellenvergabe, Führungspositionen steht bei mir ganz vorn. Für die Umsetzung von erneuerbaren Energien gilt bei mir dann ein exakter Vier-Jahres-Plan. Das ist nicht einfach nur als Lippenbekenntnis gemeint, sondern mit klaren Zielen und transparent für jeden Bürger. Konkret investiere ich zudem in mehr Forschung, etwa in Brennstoffzellenautos.

Ich wäre ein Kanzler, der sich für die Umwelt einsetzt. Finn (14)

Finn

Finn: Auch wenn ich weiß, wie schwierig es ist, steht bei mir an erster Stelle, erneuerbare Energien zu fördern. Kohle- und Atomkraftwerke werden abgeschaltet. Regionale Landwirtschaft und Produktion werde ich stärken. Außerdem führe ich eine generelle Hilfe vom Staat für Landwirte ein. Damit vermeide ich, dass die Lebensmittelpreise steigen und dann zum Beispiel billigere Milch importiert wird. Mit mir gibt es keine Genmanipulationen bei Pflanzen und Tieren, aber mehr Forschung in diesem Bereich, damit wir die Risiken besser einschätzen können. Insgesamt will ich in meiner Politik mehr auf bio achten, Bio-Höfe finanziell unterstützen. Außerdem den Menschen helfen, die sozial benachteiligt sind. Durch die Stärkung der EU wird in Zukunft besser zusammengearbeitet, mehr Verständigung erreicht. Verbunden damit setze ich mich für die Unabhängigkeit Europas von anderen wie jetzt den USA unter Trump ein. Da wünsche ich mir deutlichere Ansagen von Politikern. Klar die eigene Meinung sagen – auch in Richtung Erdogan –, das finde ich wichtig. Bei der wichtigen Erneuerung des Schulsystems brauchen wir mehr Digitalisierung, zum Beispiel Tablets für die Schüler, EBooks statt fünf Kilo Bücher im Rucksack. Mir ist wichtig, wirklich kompetente Lehrer einzustellen.

Lilith, Charlotte und Lola protestieren prompt. Sie finden es anstrengend, nur auf Bildschirme oder Whiteboards zu schauen, bekommen Kopfschmerzen oder „viereckige Augen“. Ihnen ist es wichtig, mit der Hand zu schreiben (dann kann ich es mir besser merken). Auch in Bezug auf Handy-Nutzung in Schulen tauschen sich die fünf aus. Im Unterricht finden sie Handy-Nutzung auf klare Ansage für Recherchen gut und hilfreich. In den Pausen wollen alle keinen Handy- Blick, sondern unmittelbare Begegnungen mit Freund*innen.

Was ist deine erste Maßnahme, wenn du Minister*in wärst?

Lola: Erneuerbare Energie als oberster Punkt, konkret mit Zeitplan. Zweiter Punkt wäre Tierschutz– also eher das Huhn im Blick haben und weniger das billige Ei.

Lena: Soziale Gleichheit steht für mich ganz vorn. Im Sinne von jeder darf mitmachen und ist gleichberechtigt – Mann, Frau, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, arm, reich. Steuerpolitik ist dafür mein Hebel. Dabei den Bogen nicht überspannen, damit nicht alle Reichen einfach ins Ausland gehen.

Charlotte: Gleichberechtigung für homosexuelle Paare schaffen – das beeinträchtigt niemanden, das bedeutet lediglich eine Gesetzesänderung. Als Zweites an die Änderung des Schulsystems gehen.

Lilith: Das Beamtentum abschaffen.

Finn: Meinen Plan für erneuerbare Energien vorstellen.

Die Kinder sitzen am Tisch und diskutieren

Die Nachdenklichkeit der fünf Jugendlichen beeindruckt. Was von dem, was ihnen gesellschaftspolitisch wichtig ist, haben sie im eigenen Alltag schon umgesetzt? In allen Familien werden Bio-Lebensmittel bevorzugt – sicherlich keine Überraschung, haben wir doch junge Menschen angesprochen, die bereits Bio- und Demeter-Höfe kennen. Bei Charlotte kommt das Gemüse in der Saison von einer SoLaWi (solidarische Landwirtschaft). Wie ihre Freundin Lola isst sie vegetarisch. Beide lassen ihre Mitschüler*innen an dieser Einstellung durchaus teilhaben („dafür werden wir manchmal als Bio- Tussies abgestempelt“). Die eigene Meinung zu vertreten, ist allen wichtig – bis hin zur Teilnahme an Demonstrationen etwa gegen rechts. Bus- und Fahrradfahren sind selbstverständlich, bei Lilith steht ein Hybridauto bereit. Finn mag überhaupt nicht Klamotten kaufen, dafür gibt er gerne Geld für Technik aus. Die Mädchen kaufen auch secondhand und auf Flohmärkten und bei ihren Eltern beobachten sie Entscheidungen für nachhaltige, langlebige Produkte. Angeregt durch die Diskussionen in der Dotti- Runde für das Demeter Journal wollen alle fünf zu Hause gleich mal nachfragen, woher eigentlich der häusliche Strom stammt.

Würdet ihr gerne wählen gehen?

Da sind sich alle einig: Wenn ich dürfte, würde ich wählen gehen – aber ich müsste mich noch mehr informieren als bisher. Lola findet es merkwürdig, dass alte Menschen wählen gehen und dabei dann Entscheidungen treffen, die gar keine Auswirkungen mehr auf ihr eigenes Leben haben, während die jungen Leute nicht gefragt werden. Lilith vermisst deutlich unterschiedliche Positionen bei den Parteien und beide stimmen zu, als Lena meint „Wenn es im Herbst dann keine Große Koalition mehr gibt, wäre es schon mal gut, denn die beiden Parteien hebeln sich dabei gegenseitig aus.“ Sie als 18-Jährige ist glücklich, zum ersten Mal mitwählen zu dürfen.

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 35.