Gespräch auf Orange

Essen wir bunter! Sonst wird die Welt grau

Tanja Busse steht mit dem orangen Würfel auf einem Baum

Bilder: YOOL


Alles hängt mit allem zusammen: das Artensterben mit dem Klimawandel, der Klimawandel mit unserer Lebensmittelproduktion, unsere Lebensmittelproduktion wiederum mit dem Artensterben. Davon ist Tanja Busse, Landwirtschaftsexpertin und Fachfrau für Ökosysteme, überzeugt. So spiegele sich der Verlust an Arten, Sorten und Naturlandschaften auch auf unserem Teller wider. Spannende These – höchste Zeit für ein Gespräch auf Orange!

Wie steht es aktuell um unsere Ernährungsweise und ihre Folgen für die Erde?

Studien lassen keinen anderen Schluss zu: Die industrialisierte Lebensmittelproduktion verursacht enorme Mengen Treibhausgase und trägt damit zur Klimakrise bei. Gleichzeitig zerstört sie viele Ökosysteme auf der ganzen Welt – und beschleunigt das Artensterben in ungekanntem Ausmaß.

Welche Auswirkungen hat unsere Lebensmittelproduktion direkt auf die Landwirtschaft?

Man muss das jetzige Agrarsystem als unfassbar große Respektlosigkeit bezeichnen. Diese äußert sich den Tieren gegenüber, die in diesem System nicht ihren Bedürfnissen entsprechend leben können, aber auch den Menschen gegenüber, die in ihm arbeiten, etwa die Schlachtarbeiter, die vielen Plantagenarbeiter überall in der Welt und auch die Landwirt:innen hier und anderswo. Der globale Markt – und damit meine ich vor allem große, marktbeherrschende Konzerne in einer Oligopolstruktur – diktiert ihnen schwierige Rahmenbedingungen. Bäuerinnen und Bauern erfüllen mit ihrer Arbeit vielfältige und wertvolle Rollen im Naturschutz und für die Artenvielfalt, im Sozialen und natürlich in der Lebensmittelproduktion. Doch in unserem globalen System werden sie in der Regel auf eine einzige Rolle reduziert, nämlich auf die des anonymen, möglichst günstigen Rohstofflieferanten für die Industrie. Das Perfide: Wer auf Kosten von Umwelt, Tieren und der biologischen Vielfalt Rohstoffe liefert, der wird heute dafür belohnt. Da müssen wir jetzt das Ruder herumreißen, sonst ist es zu spät.

Der Verlust der biologischen Vielfalt beispielsweise scheint uns jedoch noch nicht existenzbedrohend genug, um aktiv gegenzusteuern?

Das stimmt leider, und das ist fatal. Wir sind mittendrin im siebten großen Massenaussterben. Das hat ein ebenso großes Ausmaß wie das, das vor 66 Millionen Jahren die Erde so veränderte, dass Flora und Fauna der Dinosaurierwelt ausgestorben sind. Das heutige Artensterben ist jedoch nicht die Folge eines Meteoriten-Einschlags, sondern ebenso menschengemacht wie die Klimakrise. Während Letztere als Bedrohung endlich in den Köpfen angekommen ist, fehlt das Bewusstsein dafür, dass der Verlust von Biodiversität für unser Überleben als Spezies Mensch genauso wichtig ist. Das macht mir große Sorgen: Schon auf die Klimakrise reagieren wir nicht angemessen, aber beim Verlust von biologischer Vielfalt sprechen wir immer noch von einzelnen Arten, die vom Aussterben bedroht sind, etwa von der Gelbbauchunke oder dem Schierlingswasserfenchel.

Tanja Busse mit Schafen

Was ist daran problematisch?

Wenn wir so isoliert über einzelne Arten sprechen, ist die Relevanz, die deren Verlust für uns hat, nicht zu ermessen. Wir müssen jedoch verstehen, dass all diese Arten zu einem Ökosystem gehören, von dem auch wir ein Teil sind. Es ist fundamental falsch, die Natur als eine Art „Rohstofflager“ zu begreifen, aus dem wir herausholen, was wir brauchen. Wir müssen uns vielmehr als Teil dieser Natur verstehen und sie als eine Mitwelt begreifen, nicht mehr als Umwelt: Wir leben in einem vielfältigen Stoffaustausch, in dem alles miteinander verbunden ist. Eine einzige Art, die ausstirbt, kann letztlich den Zusammenbruch eines Ökosystems anstoßen, in dem wir dann nicht mehr leben können.

Was können wir tun, um das Artensterben zu stoppen?

Unser Konsum ist dafür sehr relevant – über alle Stoffströme hinweg. Je mehr Ressourcen wir verbrauchen, desto mehr Ökosysteme gehen verloren. Auch die Art und Weise, wie wir uns ernähren, hat eine große Auswirkung: Je weniger vielfältig wir essen, desto mehr biologische Vielfalt verlieren wir. Die Verarmung auf dem Teller und in den Ökosystemen sind eng aneinander gekoppelt.

Ist es nicht so, dass wir unglaublich viel Auswahl haben, was Lebensmittel angeht?

Das Bild täuscht. Auf den ersten Blick sehen wir übervolle Supermarktregale. Nehmen wir das Beispiel Müsli: Da stehen 50 verschiedene Müslisorten, und die Vielfalt scheint riesengroß. Doch wenn wir genauer hinschauen, wird offensichtlich: Sie haben alle den gleichen Inhalt. Weizen oder Mais, Hafer, vielleicht noch Reis, dazu Zucker, Glukosesirup, Aromen, Farbstoffe und andere Zusatzstoffe, die in den hochverarbeiteten Lebensmitteln üblicherweise noch dabei sind.

Wir haben also nur eine Pseudoauswahl?

Ja, die Vielfalt kommt allein aus dem Chemielabor oder aus dem Marketing der Werbeagenturen. Das hat Folgen. Wenn ich überall nur Weizen, Mais, Reis und Zuckerrüben anbaue, dann habe ich nicht die Vielfalt, die ich für eine gute Ernährung brauche. Und gleichzeitig habe ich auch keine Vielfalt in der Landschaft, sondern nur noch große Schläge dieser sogenannten „Standard Commodities“, also zusammenhängende Flächen, auf denen jeweils eine dieser Kulturen angebaut wird.

"Die Natur ist kein Rohstofflager, aus dem der Mensch sich beliebig bedienen kann. Versteht er sich als Teil des Ökosystems, wird die Umwelt zur Mitwelt. Und der Respekt ihr gegenüber gilt gleichzeitig auch dem Menschen selbst.“

Tanja Busse, Autorin und Journalistin

Das war früher übrigens anders. Vor zwei Generationen gab es noch auf dem kleinsten Bauernhof eine gigantische Vielfalt: Streuobstwiesen, eine breite Auswahl an verschiedenen Getreidearten inklusive Leguminosen wie Linsen, die einerseits den Proteinbedarf mit deckten und gleichzeitig den Boden gedüngt haben, aber auch zig verschiedene Gemüsearten, Beeren und Salate – eine Vielfalt, wie sie heute auf Demeter-Höfen zu finden ist. Die sah man auch der Landschaft an: Dort wuchsen Holunder, Hagebutte und Haselnuss neben Hecken und Streuobstwiesen, dazu Weidebäume, die Schatten spendeten, und Hecken, die Weiden einrahmten. So gab es nicht nur auf den Äckern eine größere Diversität, sondern auch eine buntere Kulturlandschaft – und gleichzeitig mehr Vielfalt auf dem Teller. Da müssen wir wieder hin! Das ist auch das Ergebnis, zu dem die EAT-Lancet-Kommission kommt, ein Gremium aus Mediziner:innen und Erdsystemforscher:innen, das die „Planetary Health Diet“ entwickelt hat (siehe Infobox).

Was heißt das konkret für unser Konsumverhalten?

Viel weniger Fleisch! Die Menschen haben immer schon Fleisch gegessen, doch mit der globalen Fleischindustrie, die in den letzten Jahren entstanden ist, sprengen wir jegliche planetare Grenze. Als ich für mein Buch „Fleischkonsum“ recherchiert habe, hat mich eine Erkenntnis schockiert: Weltweit wird so unfassbar viel Fleisch produziert, dass die Biomasse der sogenannten Nutztiere inzwischen 60 Prozent der Biomasse aller lebenden Säugetiere ausmacht, weitere 36 Prozent entfallen auf die knapp acht Milliarden Menschen und nur vier Prozent auf die restlichen freilebenden Tiere. Noch eine frappierende Zahl: Heute werden in Deutschland zwei Millionen Tiere geschlachtet. Jeden Tag. Wir sind also umgeben von einer Tötungsmaschinerie, die unsichtbar ist. Diese Tierfabriken verursachen eine riesige Verkehrsblase um sie herum – Transporte von Futter, Tieren und Gülle –, die auch mit für die hohen Emissionen verantwortlich ist. Klar ist auch: Die vielen Milliarden Tiere in der Landwirtschaft haben Folgen für das Klima, den Boden, das Grundwasser, die Biodiversität und auch für unsere Gesundheit.

Tanja Busse liegt auf einer Wiese und wirft einen Apfel in die Luft

Dr. phil. Tanja Busse, geboren 1970 in Bad Driburg, aufgewachsen auf einem Bauernhof, ist Moderatorin, Autorin und Journalistin, schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, den Freitag.

Sie moderiert Diskussionen und Konferenzen zu den Themen Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, Ernährung, Ökologie und Ressourceneffizienz und erhielt zahlreiche Preise für ihre Veröffentlichungen.

2015 erschien ihr Buch „Die Wegwerfkuh“ im Blessing Verlag, 2019 folgte dort „Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können“. Aktuell ist ihr neues Buch „Fleischkonsum (33 Fragen – 33 Antworten) “ im Piper Verlag erschienen.

Kann man heute überhaupt noch mit gutem Gewissen Fleisch genießen?

Es ist für den Planeten gut, dass es immer mehr Menschen gibt, die vegan oder vegetarisch leben. Diejenigen, die Fleisch essen möchten, müssen sich bewusst sein, dass sie sich die verbleibende, kostbare Fleischmenge aufteilen müssen. Wir müssen nicht nur insgesamt viel, viel weniger Fleisch essen, sondern uns auch die Frage stellen, aus welchen Strukturen es stammt. Wie hat das Tier gelebt? Das fängt schon bei der Züchtung an, zieht sich fort über die Aufzucht bis hin zu seinem letzten Weg zur Schlachtung. Aber auch: Was hat das Tier gefressen? Ein Tier aus ökologischer Weidehaltung auf Flächen, die sich nicht für den Ackerbau eignen, sorgt mit seinem Dung nicht nur für einen guten Boden, der CO2 speichern kann, sondern sorgt auch für mehr biologische Vielfalt. Der Kuhfladen ist ein regelrechter Hort der Artenvielfalt: Darin tummeln und vermehren sich Käfer, Fliegen und andere Insekten, die wiederum Futter sind für größere Tiere wie Vögel. Und zum Respekt vor dem Tier und den ganzen Ressourcen, die in einem Stück Fleisch stecken, gehört auch: nicht nur Steak zu essen, sondern Fleisch vom ganzen Tier!

Tanja Busse pflückt einen Apfel

"Die Art, wie wir Lebensmittel erzeugen und konsumieren – und am Ende auch wertschätzen –, ist eng mit der Frage verknüpft, wie gut zukünftige Generationen auf diesem Planeten leben können.“

Tanja Busse, Autorin und Journalistin

Haben Sie Hoffnung, dass sich das Bewusstsein ändert und wir Lebensmitteln wieder den Wert beimessen, den sie verdienen?

Eine Kehrtwende deutet sich zum Glück an, unter den 15- bis 29-Jährigen gibt es in Deutschland doppelt so viele Veganerinnen und Vegetarier wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Fast drei Viertel der jungen Menschen lehnen die heutige industrielle Tierhaltung ab und fordern vom Staat, für eine umweltgerechte Lebensmittelproduktion zu sorgen. Dass eine solche Lebensweise nicht nur gesund und rational angebracht, sondern auch genussvoll sein kann, das sollten schon die Kleinen im Kindergarten und in der Schule erfahren, zum Beispiel über das Essen, das es dort gibt. Und gleichzeitig sollte uns allen viel stärker bewusst werden: Wie wir uns ernähren, das hat ganz konkreten Einfluss darauf, ob unsere Mitwelt wieder bunter und vielfältiger wird – vom Acker bis zum Teller!

Planetary Health Diet

Speiseplan für „planetare Gesundheit“

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der EAT-Lancet-Kommission haben einen Speiseplan erstellt, der gut ist für unsere Gesundheit wie für die Erde:

  • basiert stark auf Pflanzen; tierische Produkte nur in Maßen
  • doppelt so viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Nüsse, wie wir heute essen
  • nur halb so viel Fleisch und Zucker
  • Lebensmittelverschwendung muss eingedämmt werden
  • Lebensmittelproduktion muss verbessert werden

Die gute Nachricht: Der EAT-Lancet-Bericht zeigt, dass es möglich wäre, bis 2050 die rund 10 Milliarden Menschen gesund zu ernähren, die dann voraussichtlich auf der Erde leben werden, ohne den Planeten zu zerstören – wenn wir unser Konsumverhalten daran ausrichten.

Dieser Artikel stammt aus der Winterausgabe 52 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 52 zeigt das schwarz-weiß Portrait einer Kuh