Stell dir vor

Wenn wir mutig wären

Hände halten einen Schlüssel in der Hand und ein Herz mit geöffneter Tür, aus dem Blumen wachsen

Illustration: Inga Israel


Wenn wir mutig wären, würden wir morgen als Erstes einmal zu Hause bleiben. Wir würden ausschlafen. Wir würden uns mit einem heißen Tee ans Fenster stellen und endlich, endlich wieder zu uns kommen. Dieses Leben zwischen Globalisierung und Gletscherschmelze, zwischen Abwrackprämie und Artensterben, zwischen Konsum und Neokolonialismus soll alternativlos sein? Das soll nun immer so weitergehen mit Aufstehen und Pendeln und Herstellen und Wegschmeißen? Leben und Zerstören – muss das wirklich ein und dasselbe sein?

Wenn wir mutig wären, mit unserem Tee, am Fenster und mit klarem Kopf, würden wir dann doch zur Arbeit aufbrechen. Aber dorthin, wo unsere Arbeit dem Menschen, der Erde, dem Leben auch zuträglich ist. In die Krankenhäuser und in die Heime, auf die Äcker und in die Schulen. Die Arbeitsbedingungen dort würden gut sein, da eine Stelle auf einmal durch zwei oder vier Menschen besetzt würde. Statt der Vierzigstundenwoche wäre die Zwanzigstundenwoche Norm. Und wie soll das gehen? Und wer soll das bezahlen? Neue Wege würden wir finden – wenn wir nur mutig wären!

Wenn wir mutig wären, würden wir uns freuen an der frei gewordenen Zeit, in der wir unentgeltlich aktiv sein könnten. In der Nachbarschaft. Auf der Solawi. Beim Kinderlesenachmittag. Bei der Reifenflickstunde im Hinterhof. Und wofür noch ans andere Ende der Welt in den Urlaub jetten, wenn der Alltag zwischen begrünter Stadtautobahn, internationaler Nachbarschaftstafel im Kiez und einem wirklichen Miteinander so viel entspannter und resonanter geworden ist?

Wenn wir mutig wären, würden wir nun nicht anfangen zu lachen und „ja, aber“ zu sagen und infrage zu stellen. Weltfremd? Naiv? Nicht durchsetzbar? Ja, wahrscheinlich. Doch: Wir Menschen sind zum Mond geflogen, weil wir das wollten. Da müsste das bisschen Transformation von Verkehr und Energie, von Landwirtschaft und Ernährung doch zu schaffen sein. Wenn wir nur mutig wären.

„Stell dir vor“ widmet sich einer Utopie zum jeweiligen Heftthema. Einem Gedankenanstoß, der zugespitzt durchspielt, „was wäre, wenn …?“

Dieser Artikel stammt aus der Frühjahrsausgabe 49 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 49 zeigt eine Hand, die Möhren in die Luft hält