Gespräch auf Orange

Ein Bad im Wald

Lia Braun auf dem Orange CubeBilder: YOOL

Wie schmeckt die Erde? Wie klingt mein Atem inmitten der Geräusche des Waldes? Wie riecht ein Tannenzapfen, wie bewegt sich ein Grashalm auf der Lichtung? Im Interview mit dem Demeter Journal erzählt Psychologin Lia Braun, wie das geht: den Wald mit wachen Sinnen wahrzunehmen und sich allem, was dort lebt, verbunden zu fühlen. Susanne Kiebler hat Lia Braun mitten im Berliner Grunewald getroffen.

Lia, du bist Psychologin und leitest Menschen beim „Waldbaden“ an. Was hat es damit auf sich?

Beim „Bad im Wald“ geht es darum, die Atmosphäre des Waldes mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Übrigens bin ich im Wald nicht in der Rolle der Therapeutin, hier ist der Wald selbst der Therapeut! Meine Aufgabe ist vielmehr, eine Tür aufzustoßen, also Menschen einzuladen, die Sinne zu wecken, langsamer zu werden und sich auf eine Begegnung mit dem Wald einzulassen.

Was unterscheidet Waldbaden von einem Spaziergang im Wald?

Das sind zwei ganz unterschiedliche Ansätze! Auch ich gehe gerne im Wald spazieren. Ich mag es, mich zu bewegen, und wenn ich mit anderen unterwegs bin, bin ich oft zusätzlich in ein Gespräch vertieft. Beim „Bad im Wald“ dagegen bin ich ganz mit der Natur, die mich unmittelbar umgibt. Ich will dann nirgendwo hin, sondern genieße es, anzukommen in diesem einen Moment. Je langsamer ich gehe, umso mehr entdecke ich. Ich spreche daher gern von „wandeln“ oder von „mich treiben lassen“. Da gibt es kein festgelegtes Programm, kein Ziel. Stattdessen folge ich meiner Intuition, ohne viel Strecke zurückzulegen. Ich kann nicht wissen, wo mein Blick hängen bleibt, wem ich begegne und was ich erfahren werde. Diese Offenheit macht den Zauber aus. Ich nähere mich dem Wald – atmend, horchend, tastend, schnuppernd …

Schalen auf dem Boden

Das klingt sehr sinnlich!

Das Waldbaden ist eine Einladung, ganz präsent zu sein. Alles darf genau so geschehen, wie es jetzt geschieht. Wir müssen nichts Bestimmtes tun; alles ist bereits da. Dies zu erleben, fällt leichter, wenn wir mehr Körperlichkeit, mehr Sinnlichkeit zulassen. Horch doch mal, dieses wunderbare Konzert gerade! Die unterschiedlichen Vogelstimmen, der Wind hier in den Gräsern und dort in den Baumkronen. Immer wieder anders, in jeder Sekunde. Und wir können uns zugehörig erleben, wenn wir ganz bewusst mit dem Klang des eigenen Atems leise mitspielen in diesem Konzert.

Wie erreiche ich diesen Zustand, in dem ich den Alltag einmal ganz hinter mir lassen kann?

Wenn ich Menschen beim Waldbaden anleite, dann nehmen wir uns zwei bis vier Stunden Zeit. Und ich betone gleich zu Beginn, dass man nichts richtig oder falsch machen kann. Im Nachhinein fühlen sich die Teilnehmenden oft erinnert an die Leichtigkeit und das Sich-frei-Fühlen wie im Spiel: ausschwärmen, erkunden, gedankenverloren und verbunden einfach nur sein.

Wie finden sie zu ihrer individuellen Begegnung mit dem Wald?

Ich folge immer einer bestimmten Reihenfolge, um Menschen erst einmal abzuholen und dann mehr und mehr einzustimmen: Zuerst orientieren wir uns, machen uns miteinander und dem Wald vertraut. Es braucht ein Erleben von Sicherheit, sonst wird die Sinnesreise nicht gelingen. Daher frage ich: Schau dich um, was gibt es hier alles? Was ist neben dir, über dir? Dann lenke ich die Aufmerksamkeit auf den Atem, auf die Bewegungen, die der Atem im Körper bewirkt. Darüber kommen wir ins Spüren: die ein- und ausströmende Luft, die Erde unter uns, die Luft auf der Haut, vielleicht die Sonnenstrahlen, die wärmen, oder aber die Brise, die kühlt. So spreche ich die einzelnen Sinne nacheinander an. Wenn wir die Erde ertasten, an ihr riechen, vielleicht Spuren davon an den Fingern schmecken, dann geht es um nichts mehr als das. Vor dem Öffnen der Augen lade ich ein, mal wie mit neuen Augen zu sehen, ganz frisch. Nach einer kurzen Runde ist es Zeit für das, was ich als „wandeln“ beschreibe. Langsam, im eigenen Rhythmus, die Rhythmen des Waldes um mich herum wahrnehmen. Das kann die leichte, feine Bewegung der Gräser sein oder eine Hummel, die sich summend nähert und wieder entfernt. Ich möchte nicht übertreiben, aber wenn ich eintauche, ist es manchmal so, als spürte ich die Bewegung der Grashalme, die Bewegung der Hummel in mir.

Dieser besondere Zustand beim Waldbaden ist also ein Spüren in doppeltem Sinn?

Ja, das „Bad im Wald“ ist zum einen die Einladung, die Sinne zu öffnen. Darüber hinaus spüre ich aber auch in mich hinein: Auf welche Art berührt mich das Lebendige, das ich derart erspüre? Das eine ist eine Sinneserfahrung. Das andere ist eine Resonanzerfahrung, also so etwas wie mein „Antworten“ auf das, was ich wahrnehme. Dafür Zeit zu haben – für meine eigenen, langsamen Bewegungen, für die Bewegungen um mich herum und für die Interaktion von beidem – ist für mich wahre Fülle und eine tiefe Freude!

Lia Braun hält eine Feder in der Hand

Gelingt es dir jedes Mal von Neuem, diesen Zustand zu erreichen?

Ja, durch die regelmäßige Erfahrung vertieft sich diese Praxis, bis sie allmählich zu einer neuen Gewohnheit wird. Durch die immer gleiche Reihenfolge, in der ich in die Atmosphäre des Waldes eintauche, komme ich dann zunehmend leichter an: bei mir selbst und in meiner ganz eigenen Beziehung mit dem Wald.

Erinnerst du dich an dein erstes „Bad im Wald“?

Rückblickend erinnere ich eine ganze Reihe von Momenten, in denen ich eine tiefe Verbundenheit mit dem Wald und auch mit anderen Landschaften erlebt habe, ohne dass es einen besonderen Namen dafür gegeben hätte. Ein Erlebnis aus früher Kindheit ist mir noch in vielen Einzelheiten gegenwärtig: Ich hatte als Kind das große Glück, dass mein Großvater vor seinem Tod einige Zeit bei uns lebte. Damals war er fast 80 und ich etwa drei Jahre alt. Uns verband eine große Liebe. Mit ihm war ich das erste Mal „waldbaden“. Da er schon alt war und ich kurze Beine hatte, bewegten wir uns ganz von allein sehr langsam durch den Wald – und wir teilten die Gabe, uns staunend in die Natur vertiefen zu können. Er hat nur auf etwas gezeigt, ohne jede Erklärung, und hat so meine Neugier auf das Leben geweckt. Ich sehe noch heute, wie die Sonnenstrahlen damals durch die Blätter fielen. Für mich sind diese Erinnerungen ein Geschenk, das er mir mitgegeben hat.

Lia Braun

„Die Verbundenheit wird spürbar, wenn ich die Welt über die Sinne erfahre und gleichzeitig wahrnehme: Da geht etwas in mir in Resonanz, ich bin in Beziehung.“

Lia Braun

Vom Waldbaden habe ich erst in den letzten Jahren gehört – ist das ein neuer Trend?

In Deutschland ist das Waldbaden in den letzten Jahren zunehmend bekannter geworden. Hier war ich 2016 die Erste, die sich zum „Guide“ der „Association of Nature & Forest Therapy“ hat ausbilden lassen. Das „Bad im Wald“ ist eine japanische Tradition. „Shinrin-yoku“: So hieß die Kampagne, die 1982 ausgerufen wurde, damit sich die Menschen vom Stress erholten und einen gesünderen Lebensstil entwickelten. Seit gut 15 Jahren beschäftigt sich die Forschung verstärkt mit der Wirkkraft des Waldes auf die Gesundheit und es entwickelte sich eine evidenzbasierte Waldtherapie und Waldmedizin. Heute gibt es in Japan um die 60 Waldtherapiezentren.

Lia Braun spielt auf einer Holzflöte

Ist Waldbaden also eine Therapie?

Nicht in dem Sinne, dass es die Behandlung einer bestimmten Krankheit ersetzen könnte. Aber es kann eine Behandlung sinnvoll ergänzen. Inzwischen haben viele Studien gezeigt, dass ein Aufenthalt im Wald stressreduzierend wirkt. Die Stresshormone und der Blutdruck sinken, das Immunsystem wird gestärkt, die Menschen kommen zur Ruhe. Deshalb gibt es angeleitete Aufenthalte im Wald mittlerweile auch in Deutschland als anerkannte Präventionsmaßnahmen.

Auch für die Psyche?

In jedem Fall. Die Lebensgeister werden geweckt, das Wohl­befinden steigt, Kreativität wird angeregt. Wir spüren die Verbindung mit dem Wald unmittelbar und körperlich. Wir werden mit Sauerstoff versorgt und die Pflanzen wiederum atmen ein, was wir ausatmen. Ich entdecke die Schönheit in jedem Element und auch das Zusammenspiel von allem. Da bin ich nicht mehr nur im Wald, sondern Teil von ihm. Aus solchen sich wiederholenden Begegnungen kann sich über die Zeit ein Gefühl der Dankbarkeit und Zugehörigkeit entwickeln und damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich auch für die Natur einsetze. Das bereichert mein Leben, ich werde zufriedener, vielleicht sogar glücklicher und damit auch widerstandsfähiger. Wenn ich mich als Teil von etwas Größerem fühle, bin ich anders in der Welt. Wir wissen aus der Resilienzforschung, dass unterstützende Beziehungen uns stärken: Beziehungen zu Mitmenschen, aber auch solche zur Natur. Wenn ich das Waldbaden anleite, geht es auch um dieses Miteinander, ein wechselseitiges Geben und Empfangen. Man kann nicht nur mit Menschen und anderen Tieren eine Beziehung aufbauen, sondern auch mit Pflanzen, mit allem Lebendigen. Nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Ich wünsche mir sehr, dass das Bewusstsein dafür wächst.

Lia Braun legt ein Muster aus Blättern und Steinen auf dem Boden

Lia Braun ist Diplom-Psychologin, systemische Kurzzeit­therapeutin und Resilienz-Trainerin. 2016 wurde sie von der Association of Nature & Forest Therapy als erster „Guide“ in Deutschland ausgebildet und zertifiziert. Vor dieser Ausbildung absolvierte sie Weiterbildungen im Bereich Naturerleben und Naturverbindung: systemische Prozessgestaltung in der Natur, Wildnispädagogik und Permakultur. Neben ihrer Teilzeitstelle als Soziotherapeutin bietet sie begleitetes Waldbaden und Natur-Resilienz-Präventionskurse an.

www.naturspirale.de

Dieser Artikel stammt aus der Herbstausgabe 2020 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 47 zeigt das Geischt einer Frau umgeben von Erde

Und du so?

Den Wald spüren mit allen Sinnen

Psychologin Lia Braun begleitet Menschen beim Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes. Doch im Prinzip kann man Waldbaden auch allein. Ihre Tipps für diese besondere Sinnesreise:

Schale auf dem Boden

  • Wähle ein Waldstück, einen Park, einen Platz in Deinem Garten, der Dich anspricht, und wo Du Dich wohl und sicher fühlst. Entscheide Dich bewusst für diese Auszeit unter Bäumen.
  • Reserviere Dir eine bestimmte Zeit - 20 Minuten sind ein guter Start - und schalte Dein Handy auf Flugmodus. Es gibt nichts zu erreichen. Dies ist eine Zeit für die Sinne.
  • Finde einen Platz auf der Erde, vielleicht an einen Baum gelehnt. Mach Dich zunächst vertraut und richte Dich dort bequem ein. Senke den Blick oder schließe die Augen … und spüre Deinem Atem nach. Wie bewegt er Deinen Körper?
  • Lenke Deine Aufmerksamkeit auf den Kontakt mit der Erde: Wo spürst Du sie unter Dir? Wie fühlt sich das an? Und was gibt es noch zu spüren? Vielleicht magst Du die Erde auch mit Deinen Händen berühren. Lass Dich überraschen, wie Deine Finger sie erkunden, über sie streichen, vielleicht etwas aufnehmen, zwischen den Fingern reiben. Was nimmst Du wahr? Wenn Du magst, führe die Finger zur Nase. Was nimmst Du wahr und was geschieht mit Deinem Atem?
  • Und was gibt es alles zu hören? Je nachdem, an welchem Ort Du bist, vielleicht magst Du probieren, alles wie einen großen Klangteppich wahrzunehmen: Da sind all die natürlichen Klänge und vielleicht Maschinengeräusche, Menschenstimmen… Klänge von nah und fern, melodisch und rhythmisch. Welches ist der leiseste Vogel?
  • Bevor Du Deine Augen öffnest, lade ich Dich ein, ganz frisch, gleichsam mit neuen Augen zu sehen: Welche Farben, welche Formen sprechen Dich an? Was ist alles in Bewegung?
  • Und dann beende diese Begegnung auf eine für Dich stimmige Art und Weise. Und wenn es Dir gefallen hat, komme ein andermal wieder und gönne Dir erneut eine Reise der Sinne.

„Waldbaden ist eine Praxis für den Alltag. Wenn Du regelmäßig in denselben Wald, an denselben Ort gehst, wird er Dir immer vertrauter – und es entwickelt sich eine Beziehung. Es ist spannend, den Wald auch einmal bei Regen zu erleben. Dann werden die Düfte, die Farben intensiver. Da lässt sich staunend beobachten, welche Wirkung die Tropfen haben, auf der Haut, auf den Blättern, im Moos. Wann hast Du das letzte Mal barfuß in einer Pfütze gestanden? Oder auf der Erde gelegen und die Tropfen auf Dich zufliegen sehen?“

Lia Braun

Lias Buchtipps

Buchtipp: Waldbaden

„Waldbaden: Mit der heilenden Kraft der Natur sich selbst neu entdecken“ von Annette Bernjus mit Anna Cavelius (mvg Verlag, 2018). In den Wald gehen, das Rascheln der Bäume und das Grün auf sich wirken lassen, nicht denken und die Ruhe und Unaufgeregtheit der Natur genießen – und das in Zeiten der ständigen Erreichbarkeit.

Annette Bernjus lädt dazu ein, was in Japan längst zur präventiven Gesundheitsvorsorge gehört: Shinrin Yoku, an der Waldluft zu baden. In 10 einfachen Schritten beschreibt sie den ursprünglichen Weg, in der unverfälschten Natur wieder zu uns selbst zu finden, uns zu zentrieren und uns von äußerem Druck und Eile abzugrenzen.

Buchtipp: Waldbaden

„Waldtherapie - das Potential des Waldes für Ihre Gesundheit“ von Angela Schuh und Gisela Immich (Springer, 2019). Dies handelt von der medizinischen Auseinandersetzung mit der Natur und Konzepten für die präventive Waldnutzung und schlägt einen Bogen vom Waldbaden „Shinrin-yoku“ zur Waldtherapie.