An Ort und Ställe

Saatgut-Züchter*innen auf dem Dottenfelderhof

demeter-journal-45-dottenfelderhof-johanna-fellner-biodynamisch.pngBilder: YOOL

Ein Zu-sam(m)en-hang

Johanna Fellner und Carl Vollenweider sprechen über das, was sie antreibt: Sie züchten samenfeste, biodynamische Getreide- und Gemüsesorten. Diese verbinden die, die sie essen, mit dem Boden, der Bäuerin oder dem Bauern, dem Hof.

„Dotti“ nennen sie ihn, die hier arbeiten, leben oder sich mit dem Hof und der Hofgemeinschaft verbunden fühlen – und meinen damit den Dottenfelderhof. Nur zwölf Kilometer vom Frankfurter Zentrum entfernt, im hessischen Bad Vilbel, leben 50 und arbeiten über 100 Menschen, die alle eines teilen: ihre Leidenschaft für die biodynamische Landwirtschaft. Diese verstehen sie als „Pflege der Erde“, mit der sie so achtsam wie möglich umgehen wollen.

Zwei von ihnen, Johanna Fellner und Carl Vollenweider, haben sich der biodynamischen Landwirtschaft und Züchtung verschrieben. An die samenfesten Getreide- und Gemüsesorten, die sie züchten, haben sie hohe ­Ansprüche: „Sie sollen sich für die Bedingungen im ökologischen Anbau eignen, das heißt angepasst sein an die Verfügbarkeit von Nährstoffen und robust und widerstandsfähig gegenüber Beikräutern, Krankheiten und Schädlingen. Natürlich müssen sie ohne synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel auskommen und auch zufriedenstellende Erträge liefern. Doch wir haben noch weitere Ansprüche: Es müssen Sorten sein, die ­bekömmlich und wohlschmeckend sind und eine hohe Ernährungs­qualität aufweisen“, beschreibt Carl Vollenweider, der am „Dotti“ Getreide züchtet, die Züchtungsziele.

Hybride passen nicht

Die Züchter auf dem Dottenfelderhof arbeiten an Sorten, die keine Hybriden sind. Bäuerinnen und Bauern können so ihr eigenes Saatgut gewinnen. Dies ist bei Hybridsorten nicht möglich, da der Nachbau von Hybriden zu einem Verlust der Homogenität der Sorte und zu Ertragseinbußen führt. Zudem ist er sogar gesetzlich verboten. „Für mich widersprechen Hybridsorten dem Kreislaufgedanken des ökologischen Landbaus“, so der Getreidezüchter. „Hybridsaatgut muss vom Landwirt Jahr für Jahr neu eingekauft werden. Die Pflanzen können sich deshalb nicht wie bei samenfesten Sorten an den Betrieb anpassen und an die spezifischen Bedingungen des Standorts in Bezug auf den Boden, die Düngung, die klimatischen und mikroklimatischen Verhältnisse.“ Die Züchtungsarbeit und die Leidenschaft für ökologische und biodynamische Sorten haben für den Züchter auch eine politische Dimension: Als nachbaufähige Sorten sind die biodynamischen Züchtungen in Bauernhand – und nicht mit einem rechtlichen Copyrightschutz belegt. Mit ihnen sind die Bäuerinnen und Bauern nicht von großen Saatgutkonzernen abhängig.

Der Dottenfelderhof

Seit 1968 wird der Dottenfelderhof durch eine Betriebs­gemeinschaft aus mehreren Familien nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet und ist heute eine Institution in der Demeter-Welt. Heute arbeiten auf dem Dotten­felderhof mehr als 100 Menschen aus aller Welt: auf den Feldern, im Stall, in der Bäckerei, der Käserei, dem Hofladen oder in der Landbauschule und in den Laboren der Saatgutforschung.

Dottenfelderhof

Carl Vollenweider und Johanna Fellner

Das große Ganze im Blick

Konventionelle Sorten anzubauen – auch wenn sie dann bio oder sogar biodynamisch gehegt und gepflegt werden – passt für die beiden jungen Züchter*innen nicht zu den Idealen der biodynamischen Landwirtschaft. „Für mich ist der biodynamische Betrieb Grundlage meiner Arbeit“, erklärt Johanna, die bei Kultursaat e. V. züchtet und den Dottenfelderhof als Standort nutzt, „die Pflanze ist ein Teil des gesamten Hoforganismus.“ Für sie ist es wichtig, dass biodynamisches Saatgut im Betriebskreislauf vorhanden ist. Denn: „In der biodynamischen Arbeit geht es darum, die Pflanzen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Normalerweise von Aussaat bis Ernte oder eben schon davor, in der Sortenentwicklung. Die Pflanze
hat ja bereits vor der Aussaat eine Geschichte – nämlich ihre Züchtungsgeschichte. Wenn diese unter konventionellen Bedingungen erfolgt ist, dann passt sie meiner Meinung nach nicht zu einem biodynamischen Betrieb, wo größere Zusammenhänge, die manchmal nicht so leicht oder direkt erkennbar sind, umfassend berücksichtigt werden sollten.“

Wirklich nähren

Für Johanna Fellner ist es nur logisch, dass in der biodynamischen Züchtung der Fokus auf andere Qualitätsmerkmale als in der konventionellen Züchtung gerichtet wird: „Wir haben einen anderen Ansatz in der biodynamischen Züchtung, die Pflanzen werden in einem Betriebsorganismus gezüchtet! Ich versuche bei all dem, was ich tue – beim Selektieren, beim Pflegen, beim ­Betrachten –, ein besonderes Bewusstsein für das Wesen der Pflanze und einen inneren Bezug zu ihr herzustellen mit der Frage: Was ist überhaupt eine Pflanze? Demeter-Landwirtschaft, das bedeutet für mich ganzheitliches Arbeiten. Diese ganzheitliche Sicht auf die Dinge und die Verbindung der einzelnen Elemente miteinander, die es in einem Hoforganismus gibt, und darüber hinaus, bis hin zu den kosmischen Kräften, ist meine Grundlage.
So möchte ich arbeiten. Ein umfassendes Bewusstsein hat im Idealfall auch die Demeter-Bäuerin oder der Demeter-Bauer, wenn sie das Gemüse oder das Getreide säen, pflegen und ernten. Dadurch kann eine Verbindung zwischen Züchter, Anbauer und Konsument entstehen.“

Carl Vollenweider

„Bei der biodynamischen Züchtung verstehen wir die Pflanze als lebendiges Wesen – und es spielt von Anfang an eine Rolle, wie sie schmeckt und welche Ernährungsqualität sie hat.“

Carl Vollenweider, Getreidezüchter

Johanna möchte mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass Menschen, die biodynamische Lebensmittel essen, in ihrem Dasein als Mensch unterstützt werden, eben genau, weil auf eine hohe Ernährungsqualität gezüchtet wurde. Dabei, so Johanna, sind diese Lebensmittel besonders bekömmlich und gut schmeckend: „Wenn wir Sorten essen, die vom Züchter achtsam und liebevoll entwickelt wurden, wenn die Erde, in der sie wachsen, in dieser Art und Weise bearbeitet wurde und sie mit derselben Haltung verarbeitet werden, dann hat dies eine Wirkung auf die Menschen, die dieses Lebensmittel am Ende essen. Und ich finde, das kann man beim Essen bemerken.“

Johanna Fellner

„Ich liebe meine Arbeit. Ich liebe meine Pflanzen – ­und am meisten den Kohl. Es macht mir große Freude, zu selektieren, also besondere Pflanzen herauszusuchen, die zukunftsweisend sind, die Poten­ziale zeigen und wirklich ihre Aufgabe als Pflanze, die den ­Menschen nährt, weiterzuführen.“

Johanna Fellner, Gemüsezüchterin

Dieser Artikel stammt aus der Frühlingsausgabe 2020 des Demeter Journals.

Cover des Demeter Journal 45 zeigt eine Frau in der Luft