Zu Besuch auf dem Bauckhof

Eine Idee, die trägt

02.09.2019
Carsten Bauck und Yanic Arndt mit Bruderhähnen

Carsten Bauck und Yanic Arndt mit Bruderhähnen auf dem Bauckhof Klein Süstedt. (Bilder: Annett Melzer)


Der „Bauckhof“ ist etwas Größeres als seine vier Standorte und ihre Gemeinschaften. Er ist vielmehr eine Idee, die die vielfältigen Betriebe und all die verschiedenen Menschen, die dort leben und arbeiten, vereint. Eine Bewegung, die weit über die Betriebe und das Land, über Landwirtschaft und Lebensmittel hinausreicht.

In der Lüneburger Heide fragen die Menschen sogleich „Auf welchem?“, wenn man erzählt, dass man gerade vom Bauckhof kommt. Im Gegensatz zu den meisten, die das Bauckhof-Logo nur von den vielfältigen Demeter- und Bioprodukten kennen, die inzwischen im ganzen Land und darüber hinaus im Naturkostfachhandel in den Regalen stehen, kennen sie sich aus. Die Bauckhöfe gehören zur Region, sind lebendige Orte der Gemeinschaft, die weit über die jeweiligen Höfe hinauswirken. Seit Jahrzehnten sorgt der Bauckhof mit neuen Ideen für Denkanstöße – für die Demeter-Gemeinschaft, die Biobranche und die Gesellschaft.

Jan-Peter-Bauck

„Die Bauckhof-Idee wurde vor 50 Jahren geboren. Damals wurde Eigentum in Gemeingut umgewandelt und Landwirtschaft neu gedacht: Sie dient dem Gemeinwohl und nicht dem Landwirt.“

Jan-Peter Bauck, Bauck GmbH

Die Bauckhöfe

Demeter-Pionier Eduard Bauck stellte bereits 1932 seinen Betrieb in Klein Süstedt auf die Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise um – somit ist der Bauckhof einer der ersten ­Demeter-Höfe überhaupt. Heute gibt es drei Bauckhöfe in der Lüneburger Heide. Der Bauckhof in Klein Süstedt ist dabei der Ursprungsbetrieb, die Bauck GmbH, ein Leuchtturmunternehmen für ökologische Tierhaltung, Forschung und (Weiter-)Entwicklung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Der Bauckhof in Amelinghausen (seit 1959 ­biodynamisch) ist ein Mischbetrieb mit Kühen, Schweinen, Kartoffeln, Gemüse und päda­gogischen Angeboten. Außerdem gibt es dort eine Käserei, Hofladen und Kräutergarten. Auf dem Bauckhof Stütensen (seit 1966 biodynamisch) wohnen und arbeiten, getragen und geleitet vom anthroposophischen Menschenbild, heute mehr als 40 Menschen mit Assistenzbedarf gemeinsam mit ebenso vielen Mitarbeitenden samt Familien.

Bauckhof Klein Süstedt:

Hähne vor dem Standort

„Unsere drei Höfe und das dazugehörige Land haben wir 1969 aus Privateigentum der Familie Bauck in das Eigentum der gemeinnützigen Landbauforschungsgesellschaft überführt. So können sie nicht vererbt und nicht verkauft werden – und sie gehören keiner Bank. Damit ist für die Zukunft gesichert, dass auf den Bauckhöfen biologisch-dynamisch gearbeitet wird und neben den Familienmitgliedern viele Menschen verantwortlich tätig sein können. Das ist eine große Chance – für die Bauckhöfe, aber auch für diejenigen, die zu uns kommen und hier gute Landwirtschaft betreiben wollen. Sie müssen keinen neuen Betrieb gründen, mit all den hohen Investitionen und Risiken, die damit verbunden sind, sondern können loslegen – und haben die Freiheit, Ideen auszuprobieren“, erklärt Carsten Bauck.

Der 43-jährige Demeter-Landwirt lebt und arbeitet auf dem Ursprungshof in Klein Süstedt in der Nähe von Uelzen. Hier begann 1931 die Geschichte des Bauckhofs mit echten Pionieren: Wilhelmine und Eduard Bauck stellten damals – lange, bevor der Begriff „bio“ geprägt wurde – als eine der ersten ihren Bauernhof auf die Biodynamische Wirtschaftsweise um. So visionär Urgroßvater und -mutter die Demeter-Landwirtschaft der einsetzenden industriellen Herangehensweise mit dem aufkommenden Kunstdünger und Tiefpflug entgegensetzte, so visionär ist auch die heutige Generation in diesem modernen Betrieb. Genau an diesem Ort begann vor zehn Jahren eine zweite Revolution, die bis heute weite Kreise zieht: Carsten Bauck und Yanic Arndt – die beiden Geschäftsführer des Bauckhofs Klein Süstedt – rückten die Brüder der Legehennen in die Aufmerksamkeit, die ganz selbstverständlich von den Brütereien aussortiert und vergast wurden (bis heute werden übrigens jährlich noch 45 Millionen männliche Küken nach dem Schlupf getötet). Unvereinbar mit ihren eigenen ethischen Ansprüchen! So sieht Carsten Bauck es auch heute: „Der Umgang mit diesen Bruderhähnen, die aus rein wirtschaftlichen Gründen getötet werden, und als Abfall einer Geflügelhaltungsindustrie gelten, ist ein Armutszeugnis für die Gesellschaft.“ Zusammen mit Vertreter*innen aus dem Naturkostfachhandel gründete er und Yanic Arndt 2013 die Bruderhahn Initiative (BID), die es geschafft hat, das Thema der getöteten Bruderküken in der Gesellschaft sichtbar zu machen.

Hähne in der Pubertät

Hähne vor dem StandortViel frische Luft und Platz für die Bruderhähne, die aufgezogen werden, anstatt aussortiert.

Die Idee: Mit vier Cent pro Ei subventioniert die Henne die Aufzucht eines Bruderhahns, der leben darf und 22 Wochen aufgezogen wird. Dann wird er geschlachtet. Nach einem guten Leben im sogenannten „Männerwohnheim“, einem luftigen Hühnerstall mit Wintergarten, viel Platz und Auslauf unter zahlreichen Pappeln. Wenn man die munteren, neugierigen und stolzen Hähne sieht, will man sich nicht vorstellen, dass sie nicht hätten leben dürfen. Sie – laut Carsten Bauck „alles Jungs in der Pubertät und so verhalten sie sich auch!“ – sitzen auf verschiedenen Höhen auf Stangen im Stall oder erkunden in Grüppchen draußen das weitläufige Gelände, scharren, picken Futter auf. Sie schütteln ihr Gefieder, flattern und krähen mit Hingabe. Einer lauter als der andere. „Testosteron“, kommentiert Carsten Bauck. Für ihn ist die Bruderhahnaufzucht so lange eine Brücke, bis die Zucht der Zweinutzungshühner der Ökotierzucht (ÖTZ, siehe Artikel "Alt & neu") so weit gediehen ist, dass es den Bruderhahn nicht mehr geben muss. Nicht weil er etwa vor dem Schlupf aussortiert wird, wie bei der Geschlechtsbestimmung im Ei, sondern weil die Hähne eines solchen Zweinutzungshuhns als Fleischtiere ökologisch und zugleich wirtschaftlich aufgezogen werden können und nicht von den eierlegenden Schwestern querfinanziert werden müssen. Eine Herde ÖTZ-Hühner gibt es bereits auf dem Bauckhof. Carsten Bauck und Yanic Arndt waren 2015 Mit­initiatoren der ÖTZ, eine gemeinsame Initiative von Demeter und Bioland, die das Ziel hat, ein echtes Zweinutzungshuhn für den Ökolandbau zu züchten: „Ein Huhn, das noch genügend Eier legt für einen Biobetrieb und ein Hahn, der Fleisch ansetzt – damit sind die Brüder nicht mehr ökonomisch ‚wertlos‘ und müssen auch nicht mehr von der Henne querfinanziert werden.“

Das Ende mitdenken

Carsten Bauck denkt alles bis zum Ende. Auch das Leben der Tiere, die er hält. Ihm ist es ein echtes Anliegen, auch über das Sterben seiner Tiere zu sprechen – und damit auch über das Töten. „Heute ist das Töten ein Tabuthema! Früher, noch vor 40 Jahren, wurde ganz selbstverständlich darüber gesprochen, wie die Tiere getötet werden, zum Beispiel Hühner, die die Menschen zum Eierlegen hielten und die irgendwann als ­Suppenhuhn im Kochtopf landeten. Dafür waren jedoch andere Themen wie die Sexualität tabu. Heute ist es umgekehrt. Über das Töten der Tiere spricht keiner und niemand will davon hören, während Sexualität allgegenwärtig ist. Dabei ist es wichtig, über das Töten zu sprechen. Denn nur dann diskutieren wir: Was ist der bestmögliche und respektvollste Weg, ein Tier zu töten? Ich möchte das Thema in den Fokus rücken und es hier auf unserem Betrieb so gut wie möglich tun.“ Das fängt schon an, wenn die Tiere gefangen werden – das geschieht durch die Mitarbeiter*innen, die auch für ihre Aufzucht verantwortlich sind. Und das nachts, wenn sie gerade ihre Ruhephase haben, was zu bedeutend weniger Stress führt. In der Schlachterei, die nur 100 Meter von den Aufzuchtställen entfernt liegt, zeigt Carsten Bauck den „Warteraum“, in dem für Ruhe gesorgt wird. Ihm ist es wichtig, dass diejenigen, die die Schlachtung vornehmen, nicht abgestumpft sind, sondern jedem Tier Respekt entgegenbringen.

Dass es Raum für solche Gedanken und Initiativen gibt, dafür steht seiner Meinung nach der Bauckhof – und das hat wieder mit der Gemeinnützigkeit zu tun. „Bauckhof, das ist ein Zusammenschluss von Menschen, die unter diesem Namen arbeiten – und das tun sie richtig gut, mit hohen Idealen und Anspruch. Sie alle kommen aber natürlich nicht nur von hier. Ich bin mir sicher: Würden nicht neue Menschen auf dem Bauckhof in Verantwortung arbeiten, sondern nur Bauck-Nachfahren, wären wir heute ganz bestimmt nicht da, wo wir jetzt sind.“

Eine Bewegung

Ideale pflegen, Ideen verwirklichen – diese Freiheit bietet der Bauckhof all jenen, die sich hier einbringen. Alle Geschäfts­führer*innen, die die drei landwirtschaftlichen Betriebe jeweils in Betriebsgemeinschaften führen, sind Pächter*innen der Höfe und des Landes. Die Konstruktion mit der gemeinnützigen Landbauforschung wurde vor 50 Jahren durch den Vorläufer der GLS-Bank ermöglicht. Das anthroposophische Weltbild reicht nicht nur bis in die Geldströme hinein, sondern auch in die Organisation. Die Gesellschafter*innen der Landbauforschung, die regelmäßig über die Geschicke des Bauckhofs mitentscheiden und beraten, speisen sich aus anderen Demeter-Bäuer*innen, Waldorfpädagog*innen oder Vertreter*innen anthroposophischer Wirtschaftsunternehmen. „Die Idee ist nun 50 Jahre alt, doch moderner denn je! Der Bauckhof begründet sich nicht auf Landbesitz und Erbfolge, sondern ist eine Bewegung!“, sagt Carsten Bauck.

Bauckhof Amelinghausen:

Standort Amelinghausen

„Kooooomm, kooooomm, Kleopa­tra, hierher, koooomm!“ Ralf Weber schüttet eine Schaufel Kartoffeln dorthin, wo die Kuh sich neben ihren Kolleginnen zum Fressen einreihen soll. Doch Kleopatra will nicht recht, der Stall ist neu und alles ist anders – und Kleopatra ist, so wie Goldi, Gisela und ihre anderen Kolleginnen, ein Gewohnheitstier. In Grüppchen werden die 45 Kühe von helfenden Hofbewohner*innen in das neue Zuhause getrieben. Dass es anfangs noch etwas dauert, bis jede ihren Platz gefunden hat, damit war zu rechnen. Dabei steht der luftige neue Laufstall am schönsten Ort des Hofes – mit wunderschönem Blick auf die nahen Weiden und Wald, hinab in ein kleines Tal. Hinter dem Stall: eine Baustelle. In Zukunft, erklärt der Landwirt, soll hier der neue Melkstand entstehen und die neue Schaukäserei. Dazu ein Hofcafé samt Laden und ein Kälberauslauf. Die Idee dahinter: Besucher*innen des Bauckhofs Amelinghausen haben durch den offenen Stall sowie durch die Fenster im neuen Gebäude Einblicke in die gesamte Verarbeitungskette der Milch: von der Kuh bis zum Milchprodukt.

Michaela und Ralf WeberMichaela und Ralf Weber am Bauckhof Amelinghausen.

Ralf und Michaela Weber leben und arbeiten seit 25 Jahren hier als eine der drei Pächterfamilien aus der Betriebsgemeinschaft und haben auf dem Hof drei Kinder großgezogen. Michaela ist die Enkelin von Eduard Bauck und selbst auf dem Bauckhof aufgewachsen. Ralf kommt aus Oberschwaben und ist nicht wie Michaela auf einem Bauernhof groß geworden, sondern auf dem Fußballplatz. Michaela Weber lacht, wenn sie von ihrem ersten Treffen in einem SOS-Kinderdorf erzählt, wo sie beide gearbeitet haben: sie „Hippie“, er „Popper“. „Ich finde es gut, dass mein Mann nicht aus der Landwirtschaft stammt, sondern sich bewusst dafür entschieden hat!“, sagt sie. „Menschen wie er, die mit Leib und Seele diesen Hof mit Ideen und Leben füllen, sind ein großes Geschenk.“ Bevor die beiden einstiegen, hatte der Standort eine ganz andere Ausrichtung. Er war ein berühmter Forschungsbetrieb unter Dr. Nicolaus Remer. „Doch der Bauckhof ist immer im Wandel“, erklärt Ralf, „ich liebe die Landwirtschaft, wollte unbedingt Landwirt sein und kein Forscher. Hier konnte ich gestalten. So haben wir die Fruchtfolge intensiviert und jedes Jahr etwa einen Hektar mehr Gemüse angebaut als im Vorjahr, wir halten heute zudem deutlich mehr Tiere – und diese auch anders. Dadurch entwickeln wir uns stetig weiter. So haben wir vor fünf Jahren etwa die muttergebundene Kälberhaltung eingeführt.“ Auch werden die hofeigenen Produkte in viel höherem Maß als früher vor Ort auf dem Hof verarbeitet. Die Käserei, die Michaela Weber 15 Jahre lang geleitet hat, liegt seit zehn Jahren in den Händen von Mitpächterin Nora Mannhardt, die hier köstliche Käsekreationen herstellt, die unter anderem im eigenen Hofladen verkauft werden.

Am nächsten Morgen, um Viertel vor sechs, scheint es, als hätten die Kühe schon immer die Nacht hier verbracht. Das Morgenlicht, das durch die letzten Nebelschwaden über dem Wäldchen im Osten dringt, zeichnet scharfe Konturen von ihren Körpern gegen die Sonne: feine Haare um die Mäuler, die Hörner nach vorn, manche ganz spitz und gerade, manche gebogen, manche krumm. Kleine Wölkchen steigen aus ihren Flotzmäulern in die noch kühle und feuchte Luft. Ein paar Tiere, die Frühaufsteher unter ihnen, haben die Köpfe am Boden, fischen bereits geschickt einige Maulvoll Heu aus den jetzt kleinen Häufchen, die Ralf der Länge des Laufstalls entlang für sie am Vorabend verteilt hat. Manche Kühe liegen noch in der Mitte des Laufstalls im Stroh, gemütlich und noch müde, eine einzige macht Morgengymnastik an der Schubberbürste. Und alle kauen. Atmen. Kauen. Ein jedes Tier noch versunken in seinem Tun; die Zeit vergeht und steht zugleich still. Doch als sie Ralfs Rufe hören, kommen sie in Gang: Jetzt geht es zum Melken!

Ein Hof wird zum Dorf

Viertel vor Acht gibt es wochentags im lichtdurchfluteten Pavillon Frühstück für die Menschen, die hier leben und arbeiten. Aus allen Richtungen sind heute zehn Mitarbeiter*innen gekommen, manchmal sind es doppelt so viele: aus dem Melkstand, vom Kuhstall, aus der Küche, aus der Käserei, aus dem Hofladen … Michaela und Ralf sitzen immer nebeneinander. Beim Essen wird gelacht und der Tag geplant, über den reißenden Absatz des neuen Heide-Halloumi gesprochen, den Nora gemeinsam mit einem syrischen Mitarbeiter nach dessen Rezeptur hergestellt hat. Dann müssen alle wieder los, an ihren nächsten Einsatzort.

Michaela bleibt zurück; in ihrer Rolle als Hauswirtschafterin für das gesamte Hofgelände bespricht sie mit ihren beiden ­Mitarbeiterinnen die Aufgaben für den Tag. Sie ist die Seele des Hofes und ­kümmert sich um alle, die Orientierung brauchen: Praktikanten, Lehrlinge, ­Bufdis und die Schüler*innen der 7. Klassen, die je zwei Wochen auf dem Bauckhof verbringen. Zentral dabei: „Unser gutes und gemeinsames Essen – das strukturiert den Tag.“ So wirbelt sie zwischen drei Küchen – der Hofküche, der Küche im Pavillon und der eigenen privaten. Neben der Versorgung von rund 40 Menschen, die auf dem Hof leben, kümmert sie sich darum, dass die Gemeinschaftsräume, die Häuser und das Gelände in Ordnung gehalten werden. Auch organisiert sie Veranstaltungen vom Kaffeekränzchen für die Landfrauen bis hin zu Beerdigungen oder großen Feiern. Für die Dorfbewohner*innen aus Amelinghausen ist der Bauckhof längst ein lebendiger kultureller Ort der Gemeinschaft geworden. Dazu passt der Leitspruch des Bauckhofs Amelinghausen: „Hof wird Dorf“. Unter diesem Gedanken wurde auch in den letzten Jahren ein gemischtes Wohnprojekt in unmittelbarer Hofnähe umgesetzt, dessen ältere Bewohner sich am Leben und Treiben des Bauckhofs beteiligen, etwa bei der Pflege des Kräutergartens.

Auch sie will mit ihrem Mann eines Tages hier auf dem Hof alt werden. Werden ihre Kinder einmal, wie sie, an diesen besonderen Ort zurückkehren und hier leben und arbeiten? „Wir würden lügen, wenn wir sagten, dass uns das nicht freuen würde“, antwortet sie, „doch ich finde es richtig und gut, dass unsere Kinder völlig frei in ihrer Entscheidung sind. Da wir den Hof nicht ‚vererben‘, fühlen sie sich auch nicht verpflichtet, zurückzukommen. Wenn sie eine Idee haben und hier wirken wollen, sollen sie es tun. Wenn sie ihre Bestimmung woanders finden, freue ich mich auch für sie.“

Bauckhof Stütensen:

Michaela und Ralf Weber

Jakob Schererz hat Ideen. Im Herbst 2019 übernimmt er die Geschäftsführung von Reiner von Kamen, der seit über 40 Jahren den Bauckhof ­Stütensen in Rosche geprägt hat. Jetzt steht der 33-Jährige mit Jan-Peter Bauck, Geschäfts­führer der Bauck GmbH, der zu Besuch ist, vor dem Kompost. Der liegt auf mehrere lange Mieten verteilt auf einer hofnahen Wiese. Jakob Schererz greift mit beiden Händen in einen Komposthaufen hinein. Beide Köpfe neigen sich über seine Hände und untersuchen die braune krümelige Masse. Da! Der Dinkelspelz ist ganz einfach zu erkennen, weil er noch nicht vollständig verrottet ist. Er stammt aus der Mühle der Bauck GmbH und diente den Tieren auf Stütensen als Einstreu. Hier wird er – ganz im Sinne des Kreislaufgedankens – wieder zurück in die Erde gebracht. Sonst noch zu erkennen sind Laub, Rinde. „Und hier“, ruft Jakob Schererz und zeigt auf schwarze Scheibchen, „Gemüse­putzabfälle vom Hof.“ Er selbst bezeichnet sich als „bekennender Kompostliebhaber“ – für ihn gibt es keinen Biomüll, sondern nur „Biogut“. Er sieht es als Herausforderung, Organisches wie Mist oder Gemüsereste mit möglichst wenig Verlusten in Humus umzuwandeln, der auch wirklich lebendig ist. „Humusaufbau kann einer der Hebel für uns Landwirte sein, das Klima zu schützen. Denn lebendiger und guter Humus voller Kleinstlebewesen bringt nicht nur beste Lebensmittel hervor, sondern bindet CO2 aus der Atmosphäre. Das tut er – im Gegensatz zur umstrittenen CO2-Verpressung – in einer vollkommen ungefährlichen Art und Weise“, erklärt er.

Jakob Schererz und Jan-Peter-BauckJakob Schererz vom Bauckhof Stütensen und Jan-Peter Bauck von der Bauck GmbH untersuchen den Kompost und freuen sich über den Kreislauf.

Farmers for Future

aktuell-farmers-for-future-logo-boden-kompost-co2-klima-demeter-biodynamisch.jpg Jakob Schererz hat nicht nur Ideen, sondern auch Energie. Im Frühjahr 2019 hat er die Initiative „Farmers for Future“ für Biobäue­rinnen und -bauern ins Leben gerufen, um sich mit den Schülerinnen und Schülern zu solidarisieren, die mit der „Fridays for Future“-Bewegung einen wirkungsvollen Klimaschutz von der Politik einfordern. Mit ihren Unterschriften rufen Jakob Schererz und die anderen Bäuer*innen die Bundesregierung dazu auf, für eine konsequente Klimapolitik in der Landwirtschaft einzutreten.

Die Kompostleidenschaft des 33-Jährigen wie auch sein Engagement als „Farmer for Future“ ist nur möglich, weil er dafür am Bauckhof den Freiraum hat. So kann er andere Menschen mit seiner Begeisterung anstecken, die sie wiederum weitertragen, auch als Gemeinschaft. Und die Sozialtherapeutische Gemeinschaft Bauckhof Stütensen e. V. ist groß. Längst passen die Bewohner*innen nicht mehr in das alte Bauernhaus wie vor 50 Jahren. Heute arbeiten und leben fast 100 Menschen in fünf Anwesen und Nebengebäuden. Auch die Sozialtherapeutische Gemeinschaft entwickele sich ständig weiter, erklärt Jakob Sche­rerz. Heute leben keine Hausmutter und Hausvater mehr mit den rund 40 Betreuten. Diese leben vielmehr so selbstständig wie möglich und können frei darüber entscheiden, worauf sie in ihrer Freizeit Lust haben und be­stimmen die Regeln und die Gemeinschaft mit. Für die Mitarbeiter*innen sind die Bereiche Arbeit und Privatleben getrennter als früher. Alleine ist hier aber kaum einer mal. „Ja, man muss schon bewusst in einer Gemeinschaft leben und sich auch einbringen wollen“, sagt Jakob Schererz, der hier mit seiner Partnerin und seinen zwei Kindern lebt. Das Zusammenleben und -arbeiten ist schön und erfüllend, aber natürlich nicht immer einfach. Wie das eben so sein kann, wenn viele Menschen mit Idealen und Ideen aufeinandertreffen. „Da muss man oft und wiederholt Überzeugungsarbeit leisten, wenn man seine Idee verfolgen will.“

Auf dem Fahrrad fährt Jakob Schererz auf sandigen Wegen durch den Bauckhof-Wald, an den zum Hof gehörenden Äckern vorbei – Hafer, Gerste, Kartoffeln, Roggen, Futterbau, Gründüngung. Deren karge, sandige Böden profitieren von seinem hochwertigen Kompost, von dem er dieses Jahr zum ersten Mal so viel produzieren konnte, wie gebraucht wird. Das ist sein Beitrag für den Boden, der hier seit 50 Jahren nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet wird. Irgendwann, weiß Jakob, wird jemand anderes mit vielleicht ganz neuen Ansätzen genau diese Äcker weiter bewirtschaften und für lebendige Erde sorgen. Erde, die – so viel ist sicher – nie wieder konventionell bewirtschaftet werden wird. Ein schöner Gedanke.

Aufladen auf SchubkarreOliver Weser (links), Bewohner des Bauckhofs Stütensen, lädt mit Julius Knippers reifen Kompost in die Schubkarre …

Im Gewächshaus... und bringt ihn in das Gewächshaus, damit der Boden für die Paprikapflanzen gut vorbereitet ist.

Bauckhof Naturkost Rosche:

Bauck GmbH – in 50 Jahren zum großen Mühlenbetrieb

Müsli-Verpackungen im Regal

Mehle, Müslis, Flocken, Backmischungen, Porridges und mehr!

Aus den Bauckhöfen hervorgegangen ist 1969 ein Naturkost­hersteller und Mühlenbetrieb mit dem Ziel, die Rohstoffe der Demeter-Landwirt*innen aus der Region zu vermarkten. Firmensitz war anfangs der Bauckhof Klein Süstedt, dann der Bauckhof Stütensen, bevor es im Jahr 2000 schließlich nach Rosche ging. Das Sortiment bestand in der Anfangszeit nur aus den Rohstoffen der umliegenden Demeter-Höfe, dann startete die eigene Produktion von Getreideprodukten mit der eigenen Mühle in Rosche. Auch heute noch sieht es die Bauck GmbH als ihre wichtigste Aufgabe an, mit Bauckhof-Produkten aus der Mühle die biologische und vor allem die biodynamische Landwirtschaft zu fördern. Das Unternehmen pflegt langjährige, faire und stabile Beziehungen zu den Demeter-Betrieben in Norddeutschland, deren heimisches Getreide verarbeitet wird. „Das führt zu Planungssicherheit auf beiden Seiten“, sagt Geschäftsführer Jan-Peter Bauck. Da es nicht für alle Produkte Rohstoffe in ausreichender Menge in Demeter-Qualität gibt, ist sein Leitsatz: „Bio wenn nötig, Demeter wo ­möglich.“ Dabei unterstützt die Bauck GmbH auch Umstellungs­projekte auf Demeter.

Die Bauck GmbH ist heute noch familiengeführt und hat auch Mitarbeiter*innen als Gesellschafter. Rund 180 Beschäftigte produzieren für den deutschen und internationalen Naturkosthandel Bio- und Demeter-Produkte wie Mehl, Müslis und Backmischungen. Außerdem beliefert die Bauck GmbH bundesweit Bäckereien und andere Großkunden mit Rohstoffen.

Die Bauck GmbH bietet neben Mehlen, Müslis und Flocken bis zu Burgern, Kuchen- und Brotback­mischungen auch kontrolliert glutenfreie Haferprodukte wie etwa die Demeter-zertifizierten „Hot Hafer“-Porridges an. Möglich macht das ein gemeinsam mit Landwirt*innen entwickeltes Programm für den Anbau und die Verarbeitung von glutenfreiem Hafer. Am Firmensitz in Rosche baut die Bauck GmbH derzeit eine zweite Mühle, um noch mehr glutenfreies Getreide selbst verarbeiten zu können. Bei der Finanzierung ist die Bauck GmbH neue Wege gegangen und hat einen Teil der Investitionssumme erfolgreich über Crowd­invest generiert.

www.bauckhof.de