Demeter-Mythen auf der Spur

Eins mit Allem

Frau wird eins mit einem Baum

Illustration: Julia Friese


Demeter-Bauern, das hat man gehört, sind doch die, die sich immer eins fühlen mit dem Universum. Wer macht denn da noch die ganze Arbeit?

Friedhilde-Minou legte sich auf den Acker und spürte, wie sie eins mit dem bestellten Boden wurde. Die frühlingsnass durchsottene Krume unter dem Rücken, der windig durchwobene Himmel, alles eins. Friedhilde-Minou löste sich auf und wurde Natur, und die Natur löste sich auf und wurde Mensch. Nichts hatte eine Grenze, nichts hatte einen Namen, alles floss.

Es hätte Friedhilde-Minou nicht gewundert, wenn ihre Füße Wurzeln geschlagen hätten, in diesem Moment, wenn sich ihr Haar erhoben hätte und zum Brutplatz auf der Kirchturmspitze geflattert wäre. Sie spürte die Vergangenheit in sich und die Gegenwart und die Zukunft, und merkte, was für lächerlich unbeholfene Kategorien das überhaupt waren: Raum und Zeit. Hatte sie im Handumdrehen abgeschafft.

Im nächsten Moment vergaß Friedhilde- Minou gar, wie sie hieß. Judith-Mara? Friederike-Cheyenne? Egal, alles Schall und Rauch, spielte keinerlei Rolle mehr. Sie spürte die Kraft des Bodens, aus dem sie getreten war und in den sie wieder eintreten würde, sie spürte sich als namenlosen, ichlosen Teil eines Kreislaufs, der so viel größer war als sie und der Acker und das bisschen zu erkennende Welt von hier unten bis zum Horizont.

Frau auf einem Podest auf dem Acker

Friederike-Minou, die in ihrer Ackerapotheose längst einen vorsprachlichen, präkausalen, weitgehend entstofflichten Zustand erlangt hatte, war nicht nur mit dem Acker und der darin keimenden Saat verbunden, sondern auch mit Hildegard von Bingen, die neben ihr im Dreck lag, mit Gandhi und Edward Snowden, die sich an ihrer Seite wälzten, mit William “the Conquerer” und Friedrich dem Zweiten, deren Köpfe aus der Erde ragten, vor allem aber natürlich mit Mutter Teresa und Wangari Maathai, die mal wieder eine bessere Figur machten, als alle anderen zusammen.

Alle da. Alle hier. Alles eins. Ein belebendes Gefühl überkam Friederike-Minou, denn wenn sie das alles war: eine Möhre und der Mond, der Boden und die Bahamas, eine Gurke von Schlangenform und der Regenwurm unter der Kohlrabiwurzel, dann war sie nicht nur eins mit allem, dann war sie auch die eine. Die Auserwählte. The one. War sie, wenn sie eins mit allem war, dann nicht auch weiter, edler, schöner als alle, die das nicht waren? Erleuchtet! Natürlich, in der Theorie schloss das Einssein aus, besser als der andere zu sein. Aber praktisch war es, für ein kaum eingestandenes Nanosekündchen, ein bestechend schönes Gefühl.

Sie stand auf, wurde sogleich wieder zwei mit der Welt. Sie klopfte sich die Erde von der Kleidung. Und ging zurück an die Arbeit.

Jeder Hof ein lebendiger, individueller Organismus

Demeter-Bäuerinnen und -Bauern arbeiten nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft: Diese entsteht durch das individuelle Gestalten des Hoforganismus, in dem auf dem gewählten Fleckchen Erde genau die angemessene Menge Tiere gehalten wird, deren Mist dann für dauerhafte Bodenfruchtbarkeit und volle Pflanzenreife sorgt. So bekommen Tiere Futter vom Hof und Menschen beste Lebensmittel. Die angestrebte Vielfalt geht noch weiter: Biodynamische Landwirtschaft wird erst dann ein harmonisches Ganzes, wenn auch die unbewirtschafteten Flächen eingebunden werden. Demeter-Bauern betrachten ihren Hof als einen lebendigen, individuell zu entwickelnden Organismus, der über das Ideal der Kreislaufwirtschaft hinausgeht. Der Begriff Hoforganismus spielt in der biodynamischen Landwirtschaft eine wichtige Rolle und regt an, den landwirtschaftlichen Betrieb ganzheitlich zu denken. Mithilfe von Biodynamischen Präparaten ordnen die biodynamischen Landwirtinnen und Landwirte Naturprozesse. Jedes „Organ“ braucht dabei das andere: Mensch, Pflanze, Tier und Boden wirken zusammen.

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Fakt 11

Jeder Hof ist ein lebendiger Organismus: Mensch, Pflanze, Tier und Boden wirken zusammen.

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