Rafael Cardoso und Marjolein van der Hulst

Ein Gefühl, tiefer als Heimat

22.10.2018
Marjolein van der Hulst und Rafael Cardoso

Bilder: Marco Baass


Er ist aus Brasilien, sie kommt aus den Niederlanden. Heute leben sie beide im Osten Deutschlands: er in Berlin, sie in der Nordwest-Uckermark. Bei einem Spaziergang über die Simonschen Anlagen in Seelow sprechen Schriftsteller Rafael Cardoso und Demeter-Bäuerin Marjolein van der Hulst über Heimat, Gemeinschaft und Familiengeschichte.

Moderation: Susanne Kiebler

Rafael Cardoso
„Ich empfinde die besondere Verbundenheit mit den Menschen hier und diesem besonderen Ort als eine andere Art, Heimat zu denken.“ Rafael Cardoso

Rafael, wir wären heute alle drei nicht an diesem wunderschönen Ort, am sogenannten Schweizerhaus Seelow, wenn dein Urgroßvater nicht gewesen wäre. Wie hat er dich hierher geführt?

Rafael Cardoso: Die Familiengeschichte ist ganz schön kompliziert und ich habe sie lange erforscht. Mein Urgroßvater war Hugo Simon und hat mit seiner Frau Gertrud in Berlin gelebt und das sogenannte „Schweizerhaus-Areal“ in Seelow, auf dem wir uns befinden, gebaut. Er war Bankier, Politiker und Kunstmäzen, Jude und Sozialist. 1933 musste er ins Exil nach Frankreich f liehen. Von Marseille aus mussten meine Urgroßeltern, Großeltern und mein Vater als Kind dann 1941 nach Brasilien fliehen.

Du kommst aus Brasilien...

Rafael Cardoso: Ja, ich bin in Brasilien und in den USA aufgewachsen – und wir hatten damals keine Ahnung von diesem Abschnitt in der Familiengeschichte. Erst als ich 16 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal den Namen Hugo Simons gehört.

Damals hat man mir erzählt: „Dein Urgroßvater war in Deutschland ein reicher und einflussreicher Bankier.“ Es war jedoch tabu, darüber zu sprechen, genauso wie es tabu war, dass im Haus meines Großvaters und Vaters die deutsche Sprache zu hören war. Erst als ich 23 war, holte mich die Figur Hugo Simons wieder ein, denn aus dem Nachlass meiner Großeltern bekam ich Kisten mit Fotos, Dokumenten, Briefen und Büchern – sogar ein Manuskript von meinem Urgroßvater. Allesamt auf Deutsch, das ich damals überhaupt nicht lesen konnte.

Jahrzehnte später habe ich mich dazu entschlossen, nach Deutschland zu kommen: 2006 war ich für nur einen Tag in diesem Land, in Frankfurt am Main, um das Manuskript Hugo Simons in das Exil-Archiv 1933–1945 an die deutsche Nationalbibliothek zu geben. Was interessant ist: Eine meiner ersten Erfahrungen in Deutschland war übrigens ein Bio-Markt! Es war damals ein seltsames Gefühl, in Deutschland zu sein; alles war sehr fremd. Und dennoch gab es gleichzeitig etwas, was mit vertraut war. Und ich fühlte: Es gibt hier etwas, das ich besser kennenlernen muss.

Und so bin ich mit meiner Frau 2012 nach Berlin gezogen, wo ich an meinem Buch über das Leben meines Großvaters arbeitete, das dann später unter dem Titel „Das Vermächtnis der Seidenraupen“ erschien. Durch einen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über meinen vorherigen Erzählband „Sechzehn Frauen“ ist dann der Heimatverein Seelow, der sich um die Simonschen Anlagen kümmert, auf mich aufmerksam geworden und hat mich eingeladen. So kam ich 2013 das erste Mal hierher.

Marjolein van der Hulst, Rafael Cardoso und Susanne Kiebler im Gespräch

Marjolein, du kommst aus Holland – wie hast du deinen Weg hierher in den Osten Deutschlands gefunden?

Marjolein van der Hulst: Ja, heute sind meine Mann und ich glückliche Bauern mit einem Demeter-Hof in der Uckermark, auch wenn das Leben manchmal hart ist in der Landwirtschaft. Bis dahin war es aber ein weiter Weg: Ich habe eigentlich etwas ganz anderes gelernt: Ich bin Betriebswirtschaftlerin und habe in einer Bank in den Niederlanden gearbeitet (lacht). Dann haben mein Mann und ich zehn Jahre lang Marktforschung betrieben. Das war wirklich gut bezahlt, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, wir verkaufen leere Kartons...

Rafael Cardoso: Und dann habt ihr nochmals etwas ganz anderes angefangen?

Marjolein van der Hulst: Ja, wir haben uns entschlossen, dass wir Landwirtschaft machen wollen. Das haben wir erst in den Niederlanden getan, hatten dann aber große Schwierigkeiten, mehr Land zu finden. In den Niederlanden ist es voll, eng – und teuer. Als wir hier in der Gegend ein paar Tage Urlaub gemacht haben, habe ich mich einfach in diese Landschaft verliebt. Es ist ganz anders hier im Osten Deutschlands als in den Niederlanden. Hier ist es frei und weit … und das Land noch bezahlbar. Dass wir dann die Hofstelle in Weggun gefunden haben, als wir uns neu orientierten, das war Schicksal. Dort leben wir jetzt seit fast zehn Jahren mit mittlerweile sechs Kindern.

Bauernhof Weggun

Der Demeter-Hof Weggun liegt nahe Prenzlau in der Uckermark. Die Familie van der Hulst betreibt Beerenobstanbau, hält Hühner, Bienen und Schafe und baut für die Tiere das Futter selbst an. Die Beeren verarbeitet sie zu Fruchtaufstrichen und Sirupen und verkauft sie direkt ab Hof, in Berliner Bioläden und samstags in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg. Weitere Produkte sind Lammfleisch, Geflügel, Eier, Obst und Gemüse. Der Hof liegt mitten im Naturpark „Uckermärkische Seen“.

Würdet ihr sagen, dass ihr hier eine neue Heimat gefunden habt?

Marjolein van der Hulst: Ich fühle mich erstmal als Europäerin oder sogar Weltbürgerin. Wenn ich irgendwo bin und an diesem Ort Menschen sind, die ich mag und die ich kenne, dann fühle ich mich auch zu Hause.

Rafael Cardoso: Das geht mir genauso: Auf Portugiesisch gibt es auch keine genaue Entsprechung für den Begriff „Heimat“. Ich fühle mich in Brasilien mehr zu Hause als in Deutschland, denn dort spreche ich meine Muttersprache, habe Verwandte und Freunde. Jetzt bin ich hier – und ich finde Berlin eine sehr spannende und auch besondere Stadt, die Fremde umarmt. Die Stadt lebt von Fremden: Viele Menschen in Berlin sind aus anderen Ländern und selbst viele Deutsche, die in Berlin leben, sind ursprünglich keine Berliner. Es geht mir gut in Berlin und ich fühle mich dort sehr wohl.

Und Seelow?

Rafael Cardoso: Seelow hat für mich in der Tat eine ganz besondere Bedeutung. Für mich war es ein sehr bewegender Moment, als ich 2013 hier in Seelow beim Schweizerhaus ankam und ich zum ersten Mal auf die Nachfahren derer traf, die hier einst Seite an Seite mit Hugo Simon gearbeitet haben. Es war, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Als ich den ersten Apfel von einem der Obstbäume hier aß, war das sehr emotional für mich. Mein Urgroßvater hatte den Baum gepflanzt, vielleicht auch von ihm gegessen...

Die Simonschen Anlagen in Seelow

Marjolein van der Hulst und Rafael Cardoso vor dem Schweizerhaus
Bild: Rafael Cardoso/ Familienarchiv

Hugo Simon, geboren 1880 in Usch, Posen, gestorben 1950 im brasilianischen São Paulo, war ein Berliner Kunstsammler, Bankier und Politiker, der mit Albert Einstein und Thomas Mann befreundet war und Gemälde von Oskar Kokoschka, Max Pechstein und Edvard Munch sammelte.

In Seelow, rund 70 Kilometer östlich der Hauptstadt, hat er zwischen 1919 und 1933 ein landwirtschaftliches Mustergut rund um das „Schweizerhaus“ geschaffen. Der damals sehr moderne Gartenbaubetrieb strahlte weit über die Region hinaus; heute sind die damaligen Dimensionen nur noch zu erahnen.

Den Zauber des Schweizerhaus-Areals erlebten zu Hugo Simons Zeiten seine Freunde, darunter die Schriftsteller Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin, der Maler Max Pechstein, aber auch viele Politiker, die sich alle im Gästebuch verewigten. 1933 musste Hugo Simon als Jude vor den Nazis fliehen und kam erst nach Frankreich, später nach Brasilien.

Zu DDR-Zeiten bewirtschaftete ein volkseigener Gartenbaubetrieb einen Teil des Geländes, nach der Wende verfiel das Gelände mit den Gebäuden immer mehr. Heute kümmert sich der gemeinnützige Heimatverein „Schweizerhaus Seelow“ um die Simonschen Anlagen – mit viel Engagement und ehrenamtlicher Arbeit.

An diesem besonderen Ort treffe ich auf meine eigene Geschichte und auf die meiner Familie. Für einen Kunsthistoriker ist die Vergangenheit keine abstrakte Idee, sondern sie existiert für mich in der Gegenwart. Seelow ist für mich anders als Heimat, es ist für mich die Vergangenheit zum Anfassen.

Marjolein van der Hulst und Rafael Cardoso vor dem SchweizerhausEin Meilenstein beim Wiederaufbau der Simonschen Anlagen ist geschafft: Im Sommer 2018 hat der Heimatverein „Schweizerhaus Seelow“ das frisch sanierte Schweizerhaus wieder eröffnet.

Marjolein van der Hulst: Mit Berlin geht es mir so wie dir – das ist eine tolle Stadt, die mir gefällt, und die Bio einfach liebt! Für uns als Landwirt ist die Nähe zu Berlin sehr wichtig. Wir brauchen Menschen, die gute Bio- und Demeter-Lebensmittel wertschätzen und für unsere Art von Landwirtschaft auch gern etwas mehr bezahlen. Wir kommen einmal die Woche in die Kreuzberger Markthalle Neun und verkaufen da unsere Produkte: alles, was wir aus unseren Beeren machen wie Fruchtaufstriche, Säfte, Sirupe, aber auch Eier, Obst, Lammfleisch und Geflügel.

Marjolein van der Hulst
„Die Anthroposophie und das Betreiben von biodynamischer Landwirtschaft ist für mich auch eine Art von ‚Zu-Hause-Sein‘, ein Heimatgefühl.“ Marjolein van der Hulst

Welche Rolle spielt Gemeinschaft für das Gefühl, zu Hause zu sein?

Marjolein van der Hulst: Das, was man braucht, um zu Hause zu sein, sind die Menschen, die das mittragen, was man macht. In unserem Fall brauchten wir Freunde und Mitarbeiter, die uns halfen, unseren Bauernhof aufzubauen. Es gibt zum Glück viele liebe Menschen, die schon seit Jahren bei uns Seite an Seite mitarbeiten. Wir alle sind als Menschen miteinander verbunden. In unserer Nähe leben Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan, und die leben auch im Hier und Jetzt – mit uns. Und dass sich Kulturen vermischen, finde ich bereichernd – vielleicht finde ich Berlin auch deswegen so schön. Doch auch in der Uckermark sind immer Menschen dazugekommen und haben dort ihre Heimat gefunden oder zumindest ihr Zuhause. So wie wir auch.

Rafael Cardoso und Marjolein van der Hulst

Rafael Cardoso, Schriftsteller und Kunsthistoriker, geboren 1964 in Rio de Janeiro, wuchs in den USA auf. Seit 2012 lebt er in Berlin, wo er auch „Das Vermächtnis der Seidenraupen“ schrieb. Gerade neu erschienen ist nun „Hugo Simon in Berlin: Handlungsorte und Denkräume“. Die brasilianischen Botschaft in Berlin zeigt die Austellung „Hugo Simon: Vom roten Bankier zum grünen Exilanten“.

Marjolein van der Hulst, Demeter-Bäuerin vom Hof Weggun, geboren 1971 im niederländischen Spijkenisse, wuchs in den Niederlanden auf, ist studierte Betriebswirtin, arbeitete in einer Bank und dann in der Marktforschung. 2009 wurde sie Demeter-Bäuerin und lebt nun seit fast zehn Jahren in Weggun mit Mann Frank van der Hulst und ihren sechs Kindern.

Ihr habt euch entschlossen, in Weggun biodynamische Landwirtschaft zu betreiben. Warum?

Marjolein van der Hulst: Ich habe schon früher viel Bio gegessen, doch als ich mich mit Anthroposophie und der biodynamischen Landwirtschaft beschäftigt habe, wusste ich, dass dies die Art von Landwirtschaft ist, die ich leben möchte. Es ist lustig: Ich habe früher kaum Bücher gelesen. Und jetzt habe ich einen ganzen Schrank voller Bücher von und über Rudolf Steiner, die ich alle gelesen habe. Seine Herangehensweise hat mich sehr berührt, deswegen ist für mich die biologisch-dynamische Landwirtschaft der einzige Weg, der zu mir passt: Den Hof als Organismus empfinden und ganzheitlich zu denken. Die Anthroposophie und das Betreiben von biodynamischer Landwirtschaft ist für mich auch eine Art von „Zu-Hause-Sein“, ein Heimatgefühl. Die Idee, dass Tiere, Pflanzen und Menschen zusammengehören und einander verstärken, finde ich eine sehr schöne Idee. Oft empfinde ich einfach nur große Dankbarkeit, in diesem Organismus mitwirken, mitarbeiten zu dürfen. Auch der Kontakt mit meinen Demeter-Kolleginnen und -Kollegen ist für mich sehr wichtig. Diese Gemeinschaft liegt mir so am Herzen, dass ich mich entschlossen habe, mich in unsere Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg und Sachsen als Vorstand einzubringen.

Marjolein van der Hulst, Rafael Cardoso und Susanne Kiebler im GesprächLebendiger Austausch in Seelow: Rafael Cardoso und Marjolein van der Hulst im Gespräch mit Moderatorin Susanne Kiebler.

Rafael Cardoso: Ich spüre eine tiefe Verbindung zu den Menschen, deren Vorfahren hier mit meinen Vorfahren gelebt und gearbeitet haben. Sie teilen mit mir die Vergangenheit. Das schafft eine Nähe, obwohl wir ganz verschieden aufgewachsen sind – sie in der DDR und ich in Brasilien und in den USA. Ihre Vorfahren setzten die unglaubliche Utopie meines Urgroßvaters gemeinsam mit ihm in die Tat um. Sie erschufen diesen besonderen Ort, dieses besondere Mustergut. Das war eine große Idee, ein Prinzip. Sie haben es zusammen geschafft, dass hier in der Mark Brandenburg Feigen, Aprikosen und Wein wuchsen. Das, was ich an Verbundenheit mit den Menschen spüre, die ich hier kennengelernt habe, geht tiefer als das Gefühl von Heimat. So gibt es eine Art Familiengeschichte mit Menschen hier, die ich vor fünf Jahren noch nicht gekannt habe. Und die verbindet uns. Heutzutage wird viel über Heimat und Identität gesprochen, vor allem wird damit auch Politik gemacht. Ich empfinde die besondere Verbundenheit mit den Menschen hier und diesem besonderen Ort als eine andere Art, Heimat zu denken.

Marjolein van der Hulst: Wir als Hof sind einerseits eine biodynamische Insel zwischen konventionell betriebenen Monokulturen und haben unsere eigene Kreislaufwirtschaft – und gleichzeitig haben wir Wurzeln in der Umgebung geschlagen, sind aktiv ins Dorfgeschehen eingebunden und beschäftigen auch Mitarbeiter aus der Region. Heute gehören wir in die Nordwest- Uckermark wie die sanft gewellten Hügel und die Seen.

Bücher Das Vermächtnis der Seidenraupen und Sechzehn Frauen

Lesetipps

Rafael Cardoso:Das Vermächtnis der Seidenraupen“, 576 Seiten, S. Fischer Verlag

Als Rafael Cardoso auf Briefe und Dokumente seines Urgroßvaters stößt, ist seine Neugierde geweckt. Wer war Hugo Simon? Seine Nachforschungen führen ihn von São Paulo nach Berlin, wo er dem Familiengeheimnis auf die Spur kommt: Er verfolgt die schillernde Biografie Hugo Simons von Berlin und den Simonschen Anlagen in Seelow bis zu dessen Exil in Brasilien. Eine faszinierende Familienchronik, eine behutsame Erkundung von Besitz, Verlust und Identität, vor allem aber vom Wert der Erinnerung.

Zudem veröffentlichte Rafael Cardoso die Erzählungen „Sechzehn Frauen“ – ebenfalls im S. Fischer Verlag.

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 39.

 
22.10.2018
Ein Gefühl, tiefer als Heimat
Rafael Cardoso und Marjolein van der Hulst

Er ist aus Brasilien, sie kommt aus den Niederlanden. Heute leben sie beide im Osten Deutschlands: er in Berlin, sie in der Nordwest-Uckermark. Bei einem Spaziergang über die Simonschen Anlagen in Seelow sprechen Schriftsteller Rafael Cardoso und Demeter-Bäuerin Marjolein van der Hulst über Heimat, Gemeinschaft und Familiengeschichte.

Moderation: Susanne Kiebler

Rafael Cardoso
„Ich empfinde die besondere Verbundenheit mit den Menschen hier und diesem besonderen Ort als eine andere Art, Heimat zu denken.“ Rafael Cardoso

Rafael, wir wären heute alle drei nicht an diesem wunderschönen Ort, am sogenannten Schweizerhaus Seelow, wenn dein Urgroßvater nicht gewesen wäre. Wie hat er dich hierher geführt?

Rafael Cardoso: Die Familiengeschichte ist ganz schön kompliziert und ich habe sie lange erforscht. Mein Urgroßvater war Hugo Simon und hat mit seiner Frau Gertrud in Berlin gelebt und das sogenannte „Schweizerhaus-Areal“ in Seelow, auf dem wir uns befinden, gebaut. Er war Bankier, Politiker und Kunstmäzen, Jude und Sozialist. 1933 musste er ins Exil nach Frankreich f liehen. Von Marseille aus mussten meine Urgroßeltern, Großeltern und mein Vater als Kind dann 1941 nach Brasilien fliehen.

Du kommst aus Brasilien...

Rafael Cardoso: Ja, ich bin in Brasilien und in den USA aufgewachsen – und wir hatten damals keine Ahnung von diesem Abschnitt in der Familiengeschichte. Erst als ich 16 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal den Namen Hugo Simons gehört.

Damals hat man mir erzählt: „Dein Urgroßvater war in Deutschland ein reicher und einflussreicher Bankier.“ Es war jedoch tabu, darüber zu sprechen, genauso wie es tabu war, dass im Haus meines Großvaters und Vaters die deutsche Sprache zu hören war. Erst als ich 23 war, holte mich die Figur Hugo Simons wieder ein, denn aus dem Nachlass meiner Großeltern bekam ich Kisten mit Fotos, Dokumenten, Briefen und Büchern – sogar ein Manuskript von meinem Urgroßvater. Allesamt auf Deutsch, das ich damals überhaupt nicht lesen konnte.

Jahrzehnte später habe ich mich dazu entschlossen, nach Deutschland zu kommen: 2006 war ich für nur einen Tag in diesem Land, in Frankfurt am Main, um das Manuskript Hugo Simons in das Exil-Archiv 1933–1945 an die deutsche Nationalbibliothek zu geben. Was interessant ist: Eine meiner ersten Erfahrungen in Deutschland war übrigens ein Bio-Markt! Es war damals ein seltsames Gefühl, in Deutschland zu sein; alles war sehr fremd. Und dennoch gab es gleichzeitig etwas, was mit vertraut war. Und ich fühlte: Es gibt hier etwas, das ich besser kennenlernen muss.

Und so bin ich mit meiner Frau 2012 nach Berlin gezogen, wo ich an meinem Buch über das Leben meines Großvaters arbeitete, das dann später unter dem Titel „Das Vermächtnis der Seidenraupen“ erschien. Durch einen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über meinen vorherigen Erzählband „Sechzehn Frauen“ ist dann der Heimatverein Seelow, der sich um die Simonschen Anlagen kümmert, auf mich aufmerksam geworden und hat mich eingeladen. So kam ich 2013 das erste Mal hierher.

Marjolein van der Hulst, Rafael Cardoso und Susanne Kiebler im Gespräch

Marjolein, du kommst aus Holland – wie hast du deinen Weg hierher in den Osten Deutschlands gefunden?

Marjolein van der Hulst: Ja, heute sind meine Mann und ich glückliche Bauern mit einem Demeter-Hof in der Uckermark, auch wenn das Leben manchmal hart ist in der Landwirtschaft. Bis dahin war es aber ein weiter Weg: Ich habe eigentlich etwas ganz anderes gelernt: Ich bin Betriebswirtschaftlerin und habe in einer Bank in den Niederlanden gearbeitet (lacht). Dann haben mein Mann und ich zehn Jahre lang Marktforschung betrieben. Das war wirklich gut bezahlt, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, wir verkaufen leere Kartons...

Rafael Cardoso: Und dann habt ihr nochmals etwas ganz anderes angefangen?

Marjolein van der Hulst: Ja, wir haben uns entschlossen, dass wir Landwirtschaft machen wollen. Das haben wir erst in den Niederlanden getan, hatten dann aber große Schwierigkeiten, mehr Land zu finden. In den Niederlanden ist es voll, eng – und teuer. Als wir hier in der Gegend ein paar Tage Urlaub gemacht haben, habe ich mich einfach in diese Landschaft verliebt. Es ist ganz anders hier im Osten Deutschlands als in den Niederlanden. Hier ist es frei und weit … und das Land noch bezahlbar. Dass wir dann die Hofstelle in Weggun gefunden haben, als wir uns neu orientierten, das war Schicksal. Dort leben wir jetzt seit fast zehn Jahren mit mittlerweile sechs Kindern.

Bauernhof Weggun

Der Demeter-Hof Weggun liegt nahe Prenzlau in der Uckermark. Die Familie van der Hulst betreibt Beerenobstanbau, hält Hühner, Bienen und Schafe und baut für die Tiere das Futter selbst an. Die Beeren verarbeitet sie zu Fruchtaufstrichen und Sirupen und verkauft sie direkt ab Hof, in Berliner Bioläden und samstags in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg. Weitere Produkte sind Lammfleisch, Geflügel, Eier, Obst und Gemüse. Der Hof liegt mitten im Naturpark „Uckermärkische Seen“.

Würdet ihr sagen, dass ihr hier eine neue Heimat gefunden habt?

Marjolein van der Hulst: Ich fühle mich erstmal als Europäerin oder sogar Weltbürgerin. Wenn ich irgendwo bin und an diesem Ort Menschen sind, die ich mag und die ich kenne, dann fühle ich mich auch zu Hause.

Rafael Cardoso: Das geht mir genauso: Auf Portugiesisch gibt es auch keine genaue Entsprechung für den Begriff „Heimat“. Ich fühle mich in Brasilien mehr zu Hause als in Deutschland, denn dort spreche ich meine Muttersprache, habe Verwandte und Freunde. Jetzt bin ich hier – und ich finde Berlin eine sehr spannende und auch besondere Stadt, die Fremde umarmt. Die Stadt lebt von Fremden: Viele Menschen in Berlin sind aus anderen Ländern und selbst viele Deutsche, die in Berlin leben, sind ursprünglich keine Berliner. Es geht mir gut in Berlin und ich fühle mich dort sehr wohl.

Und Seelow?

Rafael Cardoso: Seelow hat für mich in der Tat eine ganz besondere Bedeutung. Für mich war es ein sehr bewegender Moment, als ich 2013 hier in Seelow beim Schweizerhaus ankam und ich zum ersten Mal auf die Nachfahren derer traf, die hier einst Seite an Seite mit Hugo Simon gearbeitet haben. Es war, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Als ich den ersten Apfel von einem der Obstbäume hier aß, war das sehr emotional für mich. Mein Urgroßvater hatte den Baum gepflanzt, vielleicht auch von ihm gegessen...

Die Simonschen Anlagen in Seelow

Marjolein van der Hulst und Rafael Cardoso vor dem Schweizerhaus
Bild: Rafael Cardoso/ Familienarchiv

Hugo Simon, geboren 1880 in Usch, Posen, gestorben 1950 im brasilianischen São Paulo, war ein Berliner Kunstsammler, Bankier und Politiker, der mit Albert Einstein und Thomas Mann befreundet war und Gemälde von Oskar Kokoschka, Max Pechstein und Edvard Munch sammelte.

In Seelow, rund 70 Kilometer östlich der Hauptstadt, hat er zwischen 1919 und 1933 ein landwirtschaftliches Mustergut rund um das „Schweizerhaus“ geschaffen. Der damals sehr moderne Gartenbaubetrieb strahlte weit über die Region hinaus; heute sind die damaligen Dimensionen nur noch zu erahnen.

Den Zauber des Schweizerhaus-Areals erlebten zu Hugo Simons Zeiten seine Freunde, darunter die Schriftsteller Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin, der Maler Max Pechstein, aber auch viele Politiker, die sich alle im Gästebuch verewigten. 1933 musste Hugo Simon als Jude vor den Nazis fliehen und kam erst nach Frankreich, später nach Brasilien.

Zu DDR-Zeiten bewirtschaftete ein volkseigener Gartenbaubetrieb einen Teil des Geländes, nach der Wende verfiel das Gelände mit den Gebäuden immer mehr. Heute kümmert sich der gemeinnützige Heimatverein „Schweizerhaus Seelow“ um die Simonschen Anlagen – mit viel Engagement und ehrenamtlicher Arbeit.

An diesem besonderen Ort treffe ich auf meine eigene Geschichte und auf die meiner Familie. Für einen Kunsthistoriker ist die Vergangenheit keine abstrakte Idee, sondern sie existiert für mich in der Gegenwart. Seelow ist für mich anders als Heimat, es ist für mich die Vergangenheit zum Anfassen.

Marjolein van der Hulst und Rafael Cardoso vor dem SchweizerhausEin Meilenstein beim Wiederaufbau der Simonschen Anlagen ist geschafft: Im Sommer 2018 hat der Heimatverein „Schweizerhaus Seelow“ das frisch sanierte Schweizerhaus wieder eröffnet.

Marjolein van der Hulst: Mit Berlin geht es mir so wie dir – das ist eine tolle Stadt, die mir gefällt, und die Bio einfach liebt! Für uns als Landwirt ist die Nähe zu Berlin sehr wichtig. Wir brauchen Menschen, die gute Bio- und Demeter-Lebensmittel wertschätzen und für unsere Art von Landwirtschaft auch gern etwas mehr bezahlen. Wir kommen einmal die Woche in die Kreuzberger Markthalle Neun und verkaufen da unsere Produkte: alles, was wir aus unseren Beeren machen wie Fruchtaufstriche, Säfte, Sirupe, aber auch Eier, Obst, Lammfleisch und Geflügel.

Marjolein van der Hulst
„Die Anthroposophie und das Betreiben von biodynamischer Landwirtschaft ist für mich auch eine Art von ‚Zu-Hause-Sein‘, ein Heimatgefühl.“ Marjolein van der Hulst

Welche Rolle spielt Gemeinschaft für das Gefühl, zu Hause zu sein?

Marjolein van der Hulst: Das, was man braucht, um zu Hause zu sein, sind die Menschen, die das mittragen, was man macht. In unserem Fall brauchten wir Freunde und Mitarbeiter, die uns halfen, unseren Bauernhof aufzubauen. Es gibt zum Glück viele liebe Menschen, die schon seit Jahren bei uns Seite an Seite mitarbeiten. Wir alle sind als Menschen miteinander verbunden. In unserer Nähe leben Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan, und die leben auch im Hier und Jetzt – mit uns. Und dass sich Kulturen vermischen, finde ich bereichernd – vielleicht finde ich Berlin auch deswegen so schön. Doch auch in der Uckermark sind immer Menschen dazugekommen und haben dort ihre Heimat gefunden oder zumindest ihr Zuhause. So wie wir auch.

Rafael Cardoso und Marjolein van der Hulst

Rafael Cardoso, Schriftsteller und Kunsthistoriker, geboren 1964 in Rio de Janeiro, wuchs in den USA auf. Seit 2012 lebt er in Berlin, wo er auch „Das Vermächtnis der Seidenraupen“ schrieb. Gerade neu erschienen ist nun „Hugo Simon in Berlin: Handlungsorte und Denkräume“. Die brasilianischen Botschaft in Berlin zeigt die Austellung „Hugo Simon: Vom roten Bankier zum grünen Exilanten“.

Marjolein van der Hulst, Demeter-Bäuerin vom Hof Weggun, geboren 1971 im niederländischen Spijkenisse, wuchs in den Niederlanden auf, ist studierte Betriebswirtin, arbeitete in einer Bank und dann in der Marktforschung. 2009 wurde sie Demeter-Bäuerin und lebt nun seit fast zehn Jahren in Weggun mit Mann Frank van der Hulst und ihren sechs Kindern.

Ihr habt euch entschlossen, in Weggun biodynamische Landwirtschaft zu betreiben. Warum?

Marjolein van der Hulst: Ich habe schon früher viel Bio gegessen, doch als ich mich mit Anthroposophie und der biodynamischen Landwirtschaft beschäftigt habe, wusste ich, dass dies die Art von Landwirtschaft ist, die ich leben möchte. Es ist lustig: Ich habe früher kaum Bücher gelesen. Und jetzt habe ich einen ganzen Schrank voller Bücher von und über Rudolf Steiner, die ich alle gelesen habe. Seine Herangehensweise hat mich sehr berührt, deswegen ist für mich die biologisch-dynamische Landwirtschaft der einzige Weg, der zu mir passt: Den Hof als Organismus empfinden und ganzheitlich zu denken. Die Anthroposophie und das Betreiben von biodynamischer Landwirtschaft ist für mich auch eine Art von „Zu-Hause-Sein“, ein Heimatgefühl. Die Idee, dass Tiere, Pflanzen und Menschen zusammengehören und einander verstärken, finde ich eine sehr schöne Idee. Oft empfinde ich einfach nur große Dankbarkeit, in diesem Organismus mitwirken, mitarbeiten zu dürfen. Auch der Kontakt mit meinen Demeter-Kolleginnen und -Kollegen ist für mich sehr wichtig. Diese Gemeinschaft liegt mir so am Herzen, dass ich mich entschlossen habe, mich in unsere Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg und Sachsen als Vorstand einzubringen.

Marjolein van der Hulst, Rafael Cardoso und Susanne Kiebler im GesprächLebendiger Austausch in Seelow: Rafael Cardoso und Marjolein van der Hulst im Gespräch mit Moderatorin Susanne Kiebler.

Rafael Cardoso: Ich spüre eine tiefe Verbindung zu den Menschen, deren Vorfahren hier mit meinen Vorfahren gelebt und gearbeitet haben. Sie teilen mit mir die Vergangenheit. Das schafft eine Nähe, obwohl wir ganz verschieden aufgewachsen sind – sie in der DDR und ich in Brasilien und in den USA. Ihre Vorfahren setzten die unglaubliche Utopie meines Urgroßvaters gemeinsam mit ihm in die Tat um. Sie erschufen diesen besonderen Ort, dieses besondere Mustergut. Das war eine große Idee, ein Prinzip. Sie haben es zusammen geschafft, dass hier in der Mark Brandenburg Feigen, Aprikosen und Wein wuchsen. Das, was ich an Verbundenheit mit den Menschen spüre, die ich hier kennengelernt habe, geht tiefer als das Gefühl von Heimat. So gibt es eine Art Familiengeschichte mit Menschen hier, die ich vor fünf Jahren noch nicht gekannt habe. Und die verbindet uns. Heutzutage wird viel über Heimat und Identität gesprochen, vor allem wird damit auch Politik gemacht. Ich empfinde die besondere Verbundenheit mit den Menschen hier und diesem besonderen Ort als eine andere Art, Heimat zu denken.

Marjolein van der Hulst: Wir als Hof sind einerseits eine biodynamische Insel zwischen konventionell betriebenen Monokulturen und haben unsere eigene Kreislaufwirtschaft – und gleichzeitig haben wir Wurzeln in der Umgebung geschlagen, sind aktiv ins Dorfgeschehen eingebunden und beschäftigen auch Mitarbeiter aus der Region. Heute gehören wir in die Nordwest- Uckermark wie die sanft gewellten Hügel und die Seen.

Bücher Das Vermächtnis der Seidenraupen und Sechzehn Frauen

Lesetipps

Rafael Cardoso:Das Vermächtnis der Seidenraupen“, 576 Seiten, S. Fischer Verlag

Als Rafael Cardoso auf Briefe und Dokumente seines Urgroßvaters stößt, ist seine Neugierde geweckt. Wer war Hugo Simon? Seine Nachforschungen führen ihn von São Paulo nach Berlin, wo er dem Familiengeheimnis auf die Spur kommt: Er verfolgt die schillernde Biografie Hugo Simons von Berlin und den Simonschen Anlagen in Seelow bis zu dessen Exil in Brasilien. Eine faszinierende Familienchronik, eine behutsame Erkundung von Besitz, Verlust und Identität, vor allem aber vom Wert der Erinnerung.

Zudem veröffentlichte Rafael Cardoso die Erzählungen „Sechzehn Frauen“ – ebenfalls im S. Fischer Verlag.

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 39.