Glosse: Demeter-Mythen auf der Spur

Die mit dem Mond tanzen

25.09.2018
Radieschen im Engtanz

Illustrationen: Julia Friese


Demeter-Gärtner – sind das nicht die, die vielleicht nicht hinter’m Mond leben, wohl aber ganz gern mit ihm tanzen? Um das ein für alle Mal zu klären, legten wir uns in einer Vollmondnacht neben einem Gemüsebeet auf die Lauer…

French Breakfast hatte heimlich ein Auge auf Marike geworfen. Ihre kugelige, rote Form hatte es ihm angetan. Wie sie da halb aus der Erde linste, mit dem schönen grünen Haar auf dem Kopf, war das nicht süß? Er selbst dagegen: seltsam in die Länge geschossen, oben rot, unten weiß. Als Radieschen kaum zu erkennen. Und dann dieser Name! French Breakfast! Wer hatte ihm das bloß angetan? Beim letzten Vollmondtanz hatte Marike nur Augen für ihresgleichen und die eine oder andere breite Möhre gehabt. Doch French Breakfast gab nicht auf. Zunächst beschloss er, sich umzubenennen. Petit déjeuner français? Schon besser. Colazione Italiano? Perfekt. Das klang so feurig wie sein Radieschenhaupt aussah. Und als der Mond wieder zuzunehmen begann und Marike schon schlief in der Beetreihe neben ihm, ruckelte er sich frei und übte heimlich Tango. Mit diesem Namen, mit diesem Tanz würde Marike ihm sofort verfallen. Und endlich: Der Tag des Vollmonds nahte. Allenthalben kam Bewegung ins Beet. Auberginen rieben ihre Schühchen, Mangold kämmte sich das Haar, Gurken streckten ihre krummen Rücken. Und als der Kohlrabi am Abend im Mondlicht zu singen begann, hoben sich alle aus den Wurzeln.

Kürbis und Möhre musizieren

Colazione Italiano war nervös, seine Wangen noch röter als sonst, sein Rumpf aber vor Aufregung weiß. Auf der Tanzfläche im Mondschein herrschte schon großes Gedränge. Galante Zucchini, die um Kürbisse staksten, geschniegelter Lauch, der mit Sellerie flirtete, am Rand einige einsam trinkende Melonen. Dann sah er sie. Hinten, an der Mondscheinbar. Marike hatte sich mit einigen gegelten Buschbohnen verquatscht, sie kicherten und krümmten ihre eitlen Leiber. Irgendwas sagt Colazione, dass sie ihn auslachten. Also legte er einige auswendig gelernte Tanzschritte hin. Mit Schmiss! Mit Gefühl! Leider war das Beet ein wenig feucht und er schlug der Länge nach vor seiner Angebeteten hin. Marike lachte und lachte. „Was war denn das“, fragte sie, „ein betrunkener Derwisch?“ „Darf ich vorstellen“, sagte Colazione, „ich heiße Colazione Italiano, und was Sie soeben sahen, war reinster Tango, und zwar von argentinischer Natur!“ Marike hatte nicht aufgehört zu lachen, lachte nun gar schon Tränen, und dann geschah das Unglaubliche: Sie fiel Colazione um den Hals und gab ihm einen Kuss. „Eine Bitte“, sagte sie, „hör lieber auf zu tanzen. Aber wenn du mir das versprichst, will ich gern mit dir eine Runde Radieschenballett im Mondlicht drehen.“

Melone und Lauch an der Bar

Lesetipps:

Unter dem Einfluss des Mondes

Nicht nur die Sonne, auch der Mond wirkt auf die Erde. Diese Wirkung wird spür- und sichtbar beim ständigen Wechsel der Gezeiten. Doch der Mond wirkt auch auf Menschen und Tiere. Und auf Pflanzen, so sind viele überzeugt: Einige biodynamische Gärtnerinnen und Gärtner orientieren sich beim Säen, Pflanzen und Ernten deswegen an den Mondrhythmen.

„Auch wenn es oft heißt, ‚Demeter, das sind doch die mit dem Mond‘, ist die Ausrichtung nach den Mondphasen mit gutem Grund kein Bestandteil der Demeter-Richtlinien“, erklärt Michael Olbrich-Majer, der bei Demeter die Abteilung Agrar- und Ernährungskultur leitet. Es ist kompliziert, erklärt er: „Die biodynamische Gärtnerin Maria Thun war durch ihre Versuche überzeugt davon, dass es bei der Aussaat auf bestimmte Einflüsse des Mondes ankommt. In ihrem Garten erforschte sie ein System, das auf dem Mondlauf durch die Tierkreisbilder beruht. Wenn auch dieses wissenschaftlich nicht bestätigt werden konnte, fand das Institut für Biologisch-Dynamische Forschung heraus, dass Pflanzen auf den Mond reagieren.“

Langzeit-Studie zu Mondrhythmen

So wies der Forscher Dr. Hartmut Spieß vom Dottenfelderhof in seiner Studie mit Saatzeit-Versuchen den Einfluss von Mondrhythmen nach. Er fand unter anderem heraus, dass Roggen sich am vitalsten bei einer Aussaat um Vollmond und am schlechtesten bei Neumond entwickelte. Und die Radieschen? Die wuchsen am besten, wenn sie in der ersten aufsteigenden Mondperiode und bei größter Erdnähe ausgesät wurden. Eines betont er jedoch: „Egal, wie der Mond steht: Am besten wachsen die Pflanzen bei guter Pflege und wenn es warm und der Boden feucht ist.“

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 39.

 
25.09.2018
Die mit dem Mond tanzen
Glosse: Demeter-Mythen auf der Spur

Demeter-Gärtner – sind das nicht die, die vielleicht nicht hinter’m Mond leben, wohl aber ganz gern mit ihm tanzen? Um das ein für alle Mal zu klären, legten wir uns in einer Vollmondnacht neben einem Gemüsebeet auf die Lauer…

French Breakfast hatte heimlich ein Auge auf Marike geworfen. Ihre kugelige, rote Form hatte es ihm angetan. Wie sie da halb aus der Erde linste, mit dem schönen grünen Haar auf dem Kopf, war das nicht süß? Er selbst dagegen: seltsam in die Länge geschossen, oben rot, unten weiß. Als Radieschen kaum zu erkennen. Und dann dieser Name! French Breakfast! Wer hatte ihm das bloß angetan? Beim letzten Vollmondtanz hatte Marike nur Augen für ihresgleichen und die eine oder andere breite Möhre gehabt. Doch French Breakfast gab nicht auf. Zunächst beschloss er, sich umzubenennen. Petit déjeuner français? Schon besser. Colazione Italiano? Perfekt. Das klang so feurig wie sein Radieschenhaupt aussah. Und als der Mond wieder zuzunehmen begann und Marike schon schlief in der Beetreihe neben ihm, ruckelte er sich frei und übte heimlich Tango. Mit diesem Namen, mit diesem Tanz würde Marike ihm sofort verfallen. Und endlich: Der Tag des Vollmonds nahte. Allenthalben kam Bewegung ins Beet. Auberginen rieben ihre Schühchen, Mangold kämmte sich das Haar, Gurken streckten ihre krummen Rücken. Und als der Kohlrabi am Abend im Mondlicht zu singen begann, hoben sich alle aus den Wurzeln.

Kürbis und Möhre musizieren

Colazione Italiano war nervös, seine Wangen noch röter als sonst, sein Rumpf aber vor Aufregung weiß. Auf der Tanzfläche im Mondschein herrschte schon großes Gedränge. Galante Zucchini, die um Kürbisse staksten, geschniegelter Lauch, der mit Sellerie flirtete, am Rand einige einsam trinkende Melonen. Dann sah er sie. Hinten, an der Mondscheinbar. Marike hatte sich mit einigen gegelten Buschbohnen verquatscht, sie kicherten und krümmten ihre eitlen Leiber. Irgendwas sagt Colazione, dass sie ihn auslachten. Also legte er einige auswendig gelernte Tanzschritte hin. Mit Schmiss! Mit Gefühl! Leider war das Beet ein wenig feucht und er schlug der Länge nach vor seiner Angebeteten hin. Marike lachte und lachte. „Was war denn das“, fragte sie, „ein betrunkener Derwisch?“ „Darf ich vorstellen“, sagte Colazione, „ich heiße Colazione Italiano, und was Sie soeben sahen, war reinster Tango, und zwar von argentinischer Natur!“ Marike hatte nicht aufgehört zu lachen, lachte nun gar schon Tränen, und dann geschah das Unglaubliche: Sie fiel Colazione um den Hals und gab ihm einen Kuss. „Eine Bitte“, sagte sie, „hör lieber auf zu tanzen. Aber wenn du mir das versprichst, will ich gern mit dir eine Runde Radieschenballett im Mondlicht drehen.“

Melone und Lauch an der Bar

Lesetipps:

Unter dem Einfluss des Mondes

Nicht nur die Sonne, auch der Mond wirkt auf die Erde. Diese Wirkung wird spür- und sichtbar beim ständigen Wechsel der Gezeiten. Doch der Mond wirkt auch auf Menschen und Tiere. Und auf Pflanzen, so sind viele überzeugt: Einige biodynamische Gärtnerinnen und Gärtner orientieren sich beim Säen, Pflanzen und Ernten deswegen an den Mondrhythmen.

„Auch wenn es oft heißt, ‚Demeter, das sind doch die mit dem Mond‘, ist die Ausrichtung nach den Mondphasen mit gutem Grund kein Bestandteil der Demeter-Richtlinien“, erklärt Michael Olbrich-Majer, der bei Demeter die Abteilung Agrar- und Ernährungskultur leitet. Es ist kompliziert, erklärt er: „Die biodynamische Gärtnerin Maria Thun war durch ihre Versuche überzeugt davon, dass es bei der Aussaat auf bestimmte Einflüsse des Mondes ankommt. In ihrem Garten erforschte sie ein System, das auf dem Mondlauf durch die Tierkreisbilder beruht. Wenn auch dieses wissenschaftlich nicht bestätigt werden konnte, fand das Institut für Biologisch-Dynamische Forschung heraus, dass Pflanzen auf den Mond reagieren.“

Langzeit-Studie zu Mondrhythmen

So wies der Forscher Dr. Hartmut Spieß vom Dottenfelderhof in seiner Studie mit Saatzeit-Versuchen den Einfluss von Mondrhythmen nach. Er fand unter anderem heraus, dass Roggen sich am vitalsten bei einer Aussaat um Vollmond und am schlechtesten bei Neumond entwickelte. Und die Radieschen? Die wuchsen am besten, wenn sie in der ersten aufsteigenden Mondperiode und bei größter Erdnähe ausgesät wurden. Eines betont er jedoch: „Egal, wie der Mond steht: Am besten wachsen die Pflanzen bei guter Pflege und wenn es warm und der Boden feucht ist.“

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 39.