Glosse: Demeter-Mythen auf der Spur

Die heilige Kuh

14.06.2018
Enthornung einer Kuh und Kuh im Buddah-Sitz

Illustration: Julia Friese


Das muss doch mal gesagt werden! Findet jedenfalls eine Kuh, die leider nicht auf einem Demeter-Hof lebt. Eine lautstarke Tirade – oder wie es auf Neukuhdeutsch heißt: ein Rant.

An meinem Ruf könntet Ihr ruhig mal arbeiten. Eure Wahrnehmung irrt. Als stur nehmt Ihr mich wahr, und als einfältig; immer wieder benennt Ihr gar jemanden nach mir, der nicht ganz helle ist. Wenn ich wiederkäue, denkt Ihr an Reflux und greift nach den Tabletten. Hab’ ich Hörner, säbelt Ihr sie mir ab. Ich vermisse den Respekt. Die Hochachtung. Selbst wenn Ihr etwas vermasselt habt, ist es meine Schuld: Dann stand ich angeblich zu lang auf dem Eis. Dumpf und widerspenstig stand ich da, so seht Ihr das und atmet erst durch, wenn ich vom Eis wieder runter bin. Ginge es nach Euch, wäre ich nichts als ein wandelndes Euter. Ich muss mich ja beinahe schon entschuldigen, dass mir ein Körper darum gewachsen ist: Kopf, Beine, Rücken und Schwanz. All dieses nicht zu verwertende Zeugs!

Neuerdings bin ich sogar am Klimawandel schuld. Muss man sich mal vorstellen: Da verbrennt Ihr seit zweihundertfünfzig Jahren alles Erdöl, das Ihr nur kriegen könnt. Und wer ist am Klimawandel schuld? Ich! In Indien sind sie da weiter. Abends im Stall lausche ich den neuesten Anekdoten: Inder verhaftet, weil er eine Kuh zur Seite schubste! Kühe blockieren in Neu-Delhi den Zugang zum Parlament! Offensichtlich benötigt Ihr Inder statt Rinder. Die würden Euch erst einmal den nötigen, zivilisierten Umgangston lehren. Wisst Ihr ja gar nicht, dass die indische Armee im Kuhfleck unterwegs ist. Das ist im Gegensatz zum Tarnfleck wirklich ein schönes Muster! Und wenn jemand in der Lage ist, einen Kreis zu quadrieren oder, sagen wir mal: gegen Kasparow im Schach zu gewinnen, sagen die Inder: Was für eine kluge Kuh!

Ich weiß schon: Die heilige Kuh hierzulande hat nicht vier Beine, sondern vier Räder. Niemals würde hierzulande eine Kuh angebetet. Und nicht, dass wir uns missverstehen: Letztlich will ich das auch gar nicht. Ihr müsst mich nicht gleich heilig sprechen. Ich bin so wenig unfehlbar wie Ihr auch. Es würde mir schon genügen, wenn Ihr beim nächsten Mal genauer hinsehen würdet, wenn Ihr mich sichtet. Und die Wörter blöd, stur, Milch, vom Eis und Fleisch gleich mal streichen würdet. Und dann? Was seht Ihr dann? Schaut mir in die Augen, um es herauszufinden! Schaut beim nächsten Mal ganz genau hin!

Kuh trampt nach Indien

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Demeter-Kühe haben immer Hörner! Fragen Sie nach Produkten von horntragenden Kühen.

Unsere Kühe haben Hörner

Natürlich haben Kühe Hörner

Hörner passen nicht in eine Landwirtschaft, die möglichst viel Ertrag auf möglichst wenig Fläche erzielen will. Statt der Kuh einen Stall zu bauen, der ihren Bedürfnissen gerecht wird, wird die Kuh auf vielen Höfen kurzerhand dem Stall angepasst. Heutzutage werden fast alle Kälbchen ein paar Wochen nach der Geburt enthornt oder kommen durch Züchtung bereits hornlos zur Welt. Kaum zu glauben: Aktuell sind bereits über 90 Prozent der Kühe in Deutschland ‚oben ohne‘. Nicht bei Demeter: Nur der älteste Bioverband schreibt in seinen Richtlinien das Halten von Hornkühen vor.

Darum sind Hörner für Kühe wichtig:

  • Körpersprache: Kühe kommunizieren mit ihren Artgenossen auch über die Hörner.
  • Hörner sind Organe, die ein Leben lang wachsen und individuelle Formen bilden.
  • Die große Hornoberfläche trägt zur Regulierung der Körpertemperatur der Kühe bei.
  • Stirnhöhlen reichen weit in das Horn hinein. So schmeckt die Kuh beim Wiederkäuen ihr Futter bis in die Hornspitze.
  • Hörner haben einen Einfluss auf die Verdauung der Kühe – und damit auf die Qualität von Milch, Fleisch und Mist.

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 38.

 
14.06.2018
Die heilige Kuh
Glosse: Demeter-Mythen auf der Spur

Das muss doch mal gesagt werden! Findet jedenfalls eine Kuh, die leider nicht auf einem Demeter-Hof lebt. Eine lautstarke Tirade – oder wie es auf Neukuhdeutsch heißt: ein Rant.

An meinem Ruf könntet Ihr ruhig mal arbeiten. Eure Wahrnehmung irrt. Als stur nehmt Ihr mich wahr, und als einfältig; immer wieder benennt Ihr gar jemanden nach mir, der nicht ganz helle ist. Wenn ich wiederkäue, denkt Ihr an Reflux und greift nach den Tabletten. Hab’ ich Hörner, säbelt Ihr sie mir ab. Ich vermisse den Respekt. Die Hochachtung. Selbst wenn Ihr etwas vermasselt habt, ist es meine Schuld: Dann stand ich angeblich zu lang auf dem Eis. Dumpf und widerspenstig stand ich da, so seht Ihr das und atmet erst durch, wenn ich vom Eis wieder runter bin. Ginge es nach Euch, wäre ich nichts als ein wandelndes Euter. Ich muss mich ja beinahe schon entschuldigen, dass mir ein Körper darum gewachsen ist: Kopf, Beine, Rücken und Schwanz. All dieses nicht zu verwertende Zeugs!

Neuerdings bin ich sogar am Klimawandel schuld. Muss man sich mal vorstellen: Da verbrennt Ihr seit zweihundertfünfzig Jahren alles Erdöl, das Ihr nur kriegen könnt. Und wer ist am Klimawandel schuld? Ich! In Indien sind sie da weiter. Abends im Stall lausche ich den neuesten Anekdoten: Inder verhaftet, weil er eine Kuh zur Seite schubste! Kühe blockieren in Neu-Delhi den Zugang zum Parlament! Offensichtlich benötigt Ihr Inder statt Rinder. Die würden Euch erst einmal den nötigen, zivilisierten Umgangston lehren. Wisst Ihr ja gar nicht, dass die indische Armee im Kuhfleck unterwegs ist. Das ist im Gegensatz zum Tarnfleck wirklich ein schönes Muster! Und wenn jemand in der Lage ist, einen Kreis zu quadrieren oder, sagen wir mal: gegen Kasparow im Schach zu gewinnen, sagen die Inder: Was für eine kluge Kuh!

Ich weiß schon: Die heilige Kuh hierzulande hat nicht vier Beine, sondern vier Räder. Niemals würde hierzulande eine Kuh angebetet. Und nicht, dass wir uns missverstehen: Letztlich will ich das auch gar nicht. Ihr müsst mich nicht gleich heilig sprechen. Ich bin so wenig unfehlbar wie Ihr auch. Es würde mir schon genügen, wenn Ihr beim nächsten Mal genauer hinsehen würdet, wenn Ihr mich sichtet. Und die Wörter blöd, stur, Milch, vom Eis und Fleisch gleich mal streichen würdet. Und dann? Was seht Ihr dann? Schaut mir in die Augen, um es herauszufinden! Schaut beim nächsten Mal ganz genau hin!

Kuh trampt nach Indien

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Unsere Kühe haben Hörner

Natürlich haben Kühe Hörner

Hörner passen nicht in eine Landwirtschaft, die möglichst viel Ertrag auf möglichst wenig Fläche erzielen will. Statt der Kuh einen Stall zu bauen, der ihren Bedürfnissen gerecht wird, wird die Kuh auf vielen Höfen kurzerhand dem Stall angepasst. Heutzutage werden fast alle Kälbchen ein paar Wochen nach der Geburt enthornt oder kommen durch Züchtung bereits hornlos zur Welt. Kaum zu glauben: Aktuell sind bereits über 90 Prozent der Kühe in Deutschland ‚oben ohne‘. Nicht bei Demeter: Nur der älteste Bioverband schreibt in seinen Richtlinien das Halten von Hornkühen vor.

Darum sind Hörner für Kühe wichtig:

  • Körpersprache: Kühe kommunizieren mit ihren Artgenossen auch über die Hörner.
  • Hörner sind Organe, die ein Leben lang wachsen und individuelle Formen bilden.
  • Die große Hornoberfläche trägt zur Regulierung der Körpertemperatur der Kühe bei.
  • Stirnhöhlen reichen weit in das Horn hinein. So schmeckt die Kuh beim Wiederkäuen ihr Futter bis in die Hornspitze.
  • Hörner haben einen Einfluss auf die Verdauung der Kühe – und damit auf die Qualität von Milch, Fleisch und Mist.

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 38.