Prof. Felix Ekardt und Antje Kölling im Gespräch

Wir können uns ändern. Und wir müssen es auch.

19.03.2018

Warum schaffen wir es nicht, unseren Lebensstil nachhaltiger zu gestalten, obwohl wir wissen, dass wir es sollten? Was steht unserem Wunsch entgegen, uns zu ändern – und wie gelingt es uns? Darüber sprachen Prof. Felix Ekardt, Nachhaltigkeits- und Klimaexperte, und Antje Kölling, politische Sprecherin von Demeter bei einem Spaziergang am Berliner Spreeufer.

Moderation: Susanne Kiebler

Herr Ekardt, Sie leiten die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und sind Professor an der Uni Rostock. Versuchen Sie in allen Bereichen nachhaltig zu leben?

Felix Ekardt: Ja, das versuche ich. Ich ernähre mich vegetarisch, fliege nicht, habe kein Auto – und auch keinen Führerschein – keinen Trockner, keine Mikrowelle, keine Spülmaschine, kein Tablet, nicht einmal ein Handy, sondern nur einen einzigen, alten Computer.

Antje Kölling: Auch ich bin glückliche Auto-Nichtbesitzerin und WG-Bewohnerin, ganz so konsequent wie Sie bin ich aber nicht: Ich habe sowohl Führerschein als auch ein Handy. Beim Essen setze ich auf bio, wenn möglich Demeter.


Antje Kölling und Felix EkardtBild: Frank Peters

Antje Kölling ist seit 2014 politische Sprecherin bei Demeter. Davor war sie in Brüssel Leiterin der Abteilung Agrarpolitik der IFOAMEU- Gruppe, wo sie für die europäischen Bioverbände die Lobbyarbeit zu Themen wie der EU-Agrarpolitik, Gentechnikfreiheit, Saatgutverkehrsrecht und Klimapolitik koordinierte.

Prof. Dr. Felix Ekardt 1972 geboren, ist Jurist, Soziologe, Philosoph und Religionswissenschaftler. Seit 2002 ist Felix Ekardt Professor an der Universität, zunächst in Bremen, später dann in Rostock. Zudem leitet er die selbst aufgebaute Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin. Seit 2013 ist er ehrenamtlicher Landesvorsitzender des BUND Sachsen.

Ihr vorletztes Buch heißt „Wir können uns ändern“. Provokant gefragt: Warum müssen wir uns ändern? Und warum sollten wir am besten jetzt gleich damit beginnen?

Felix Ekardt: Der Mensch kann ohne ein stabiles Klima, atembare Luft, trinkbares Wasser, Böden, auf denen etwas wächst, und halbwegs intakte Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe auf Dauer nicht überleben. Doch wir sind mit unserem Lebensstil gerade dabei, genau das alles zu riskieren. Wir müssen nach dem Pariser Klimaabkommen eigentlich innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren global auf Null-Emissionen kommen. Nur wenn wir das schaffen, haben wir überhaupt eine Chance, die Erderwärmung auf 1,5 bis 1,8 Grad zu beschränken. Doch Deutschland hat nach wie vor eine der höchsten Pro-Kopf-Emissionsraten der Welt. Und gerade die Leute, die am grünsten reden, haben oft den größten ökologischen Fußabdruck.

Antje Kölling: Im Bereich der Ernährung haben wir den Vorteil, dass es für klimafreundliche und ressourcenschonende Bioprodukte anerkannte Siegel gibt und dass hier Ressourcenschutz und Genuss oft gut zusammengehen. Doch wer jeden Tag Avocados oder Bio-Erdbeeren im Dezember will, begeht auch hier seine Klimasünden. Bioprodukte zu kaufen, ist ein wichtiger Schritt zum Umweltschutz – aber wer mehr erreichen will, muss den Ernährungsstil immer mitdenken.

Warum haben oft gerade die am „grünsten redenden“ Menschen einen großen ökologischen Abdruck?

Felix Ekardt: Weil sie gebildet und deshalb wohlhabend sind, gerne in den Urlaub fliegen und überall ihre Freunde über die Erde verstreut haben. Sie haben oft eine große Wohnung und auch sonst die ein oder andere Annehmlichkeit.

Antje Kölling: Es ist eine spannende Frage, wie man internationale Vernetzung – wie sie ja auch für uns sehr wichtig ist, um die Biodynamische Wirtschaftsweise voranzubringen – mit einem ressourcenschonenderen Lebensstil zusammenbringen kann. Oft ist die Videokonferenz eben doch nicht so effektiv wie ein richtiges Treffen. Da sehe ich noch viel Experimentierbedarf für die soziale und politische Kultur.

In Ihrem Buch schreiben Sie, wie uns ein Wandel in unserem Lebensstil gelingen kann, um nachhaltiger zu leben. Haben Sie sich auch selbst geändert?

Felix Ekardt: Ich habe mich in diesem Punkt nicht bewusst geändert. Wir leben ja – in mancher Lebenswelt mehr, in mancher weniger – in einem postmetaphysischen Zeitalter. Natürlich kann man sich jeden Morgen fragen: Wofür stehe ich eigentlich auf? Eine Möglichkeit, sich Sinn zu geben, ist, bestimmten moralischen Standards zu folgen. Eine andere ist es, sich konsequent selbst zu entwickeln. Und ich ziehe in der Tat große Zufriedenheit aus dem, was ich mache.

Antje Kölling: Der soziale Zusammenhang, in dem man sich bewegt, spielt sicher eine sehr große Rolle. Bei mir war es der große Bruder, der mich früh darauf gebracht hat, dass unser Lebensstil die Natur und Ressourcen zerstört. Im Laufe des Lebens habe ich mir immer wieder Gruppen gesucht, für die auch ein nachhaltigerer Lebensstil Thema ist.

Diskussion am SpreeuferFelix Ekardt und Antje Kölling diskutieren, wie wir uns ändern können. (Bild: Frank Peters)

Es geht Ihrer Meinung nach aber nicht ohne Verzicht?

Felix Ekardt: Ich selbst kaufe seit 1994 praktisch ausschließlich im Bioladen. Mein Lebensstil würde aber nicht nachhaltig sein, wenn ich da im SUV hinfahre, dreimal im Jahr in den Urlaub fliege oder am Wochenende mal schnell nach Barcelona. Klar, wir können das Klimaproblem auch rein technisch angehen – durch die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien oder durch Energieeffizienz. Doch die Herausforderung ist zu groß, als dass dies allein reichen würde. Wir werden zukünftig auch mehr Genügsamkeit brauchen. Das gilt nicht nur für das Klima, sondern noch mehr für andere Umweltprobleme. Gerade bei der Landnutzung müssen wir schnell handeln, um Klima, Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit zu erhalten; Effizienzsteigerungen in der Landwirtschaft genügen nicht.

Antje Kölling: Es kann in der Landwirtschaft nicht nur um Produktivität gehen. Da setzen Demeter und unsere Mitglieder an. Unser Anspruch ist, Nahrungsmittel herzustellen, die eine Entwicklung des Menschen ermöglichen und die gleichzeitig die Erde heilen. Unsere Bäuerinnen und Bauern wollen so arbeiten, dass sie mit einem geschlossenen Betriebskreislauf Landwirtschaft nachhaltig betreiben. Was noch fehlt, ist die große Fläche für den biodynamischen und ökologischen Landbau.

Felix Ekardt: Ich plädiere sowohl als Nachhaltigkeitsforscher als auch als Vorsitzender des BUND Sachsen für einen zu 100 Prozent ökologischen Landbau. Und auch für eine sehr viel geringere Tierhaltung. Wir müssen auf Dauer natürlich Dünge- und Nährstoffkreisläufe erhalten, und deswegen ist es keine Lösung, den Veganismus zu propagieren. Doch zurzeit werden zwischen drei Viertel und vier Fünftel der weltweiten Agrarfläche für die tierische Nahrungsmittelproduktion eingesetzt. Ich sage es aus eigener Erfahrung: Eine Ernährung mit weniger Fleisch und weniger tierischen Lebensmitteln ist gesünder, man fühlt sich leichter – und sie schmeckt!

Antje Kölling: Bei Demeter haben die Tiere auf landwirtschaftlichen Betrieben eine wichtigen Rolle: Zum einen verdauen sie den Aufwuchs von Wiesen und Weiden, die als Kohlenstoffspeicher und für die biologische Vielfalt wichtig sind. Zum anderen hat der Mist auf dem Acker eine wichtige Funktion für die Bodenfruchtbarkeit. Biologische Vielfalt ist für uns der Schlüssel zu einer klimarobusten und wirklich nachhaltigen Landwirtschaft. Deshalb engagieren sich die Demeter-Höfe nicht nur beim Heckenpflanzen, sondern vor allem auch für die Biozüchtung, etwa von neuen Biogemüsesorten.

„Wir müssen uns engagieren: in Parteien, Vereinen, auf Demonstrationen – oder auf sozialen Plattformen wie Facebook.“ Felix Ekardt

Spaziergang am SpreeuferBild: Frank Peters

Warum können wir uns nicht so einfach ändern, wo wir doch wissen: Es ist allerhöchste Zeit dafür? Brauchen wir mehr Aufklärung oder Bildung?

Felix Ekardt: Menschen reagieren nur begrenzt auf Fakten und Werthaltungen – die schlagen nur dann durch, wenn sie mit unseren kurzfristigen Eigennutzenkalkülen, Gefühlen und Normalitätsvorstellungen zusammenfallen. Die meisten empfinden unsere fossile Welt eben als normal – genauso wie das tägliche Schnitzel auf dem Teller. Wenn unsere Freunde vom Urlaub in Malaysia erzählen – warum sollte gerade ich nicht auch hinfliegen? Dazu kommen unbewusste emotionale Antriebe wie Bequemlichkeit, Gewohnheit und Verdrängung. Wir leben mit vielen Widersprüchen und nehmen diese nicht einmal wahr. Wir erfinden Ausreden, warum unser kleines Leben nur genauso ablaufen kann, wie es das tut. Auch gebildete ‚Ökos‘ haben ihre einfachen Wahrheiten. Der Mensch ist so gestrickt, dass er häufig einfache Ursachenzuschreibungen bis hin zu Sündenböcken intuitiv plausibel findet. Da sind dann einfach die Kapitalisten an allem schuld, obwohl wir deren Kunden und Arbeitnehmer sind. Davon handelt auch mein ganz neues Buch „Kurzschluss: Wie einfache Wahrheiten die Demokratie untergraben“.

Antje Kölling: Ich fand in Ihrem Buch „Wir können uns ändern“ das Kapitel über Normalitäten sehr interessant. Normalität wird eben auch gemacht, und die Frage ist: Wie schaffen wir einen Wandel dessen, was wir als normal empfinden? Für die Landwirtschaft sollte es doch eigentlich normal sein, in Kreisläufen zu denken und ohne Kunstdünger und chemisch-synthetische Pestizide zu arbeiten. Doch das ist heute nicht der Fall: Als „normal“ gilt heute die konventionelle Landwirtschaft. Eigentlich sollten deren Produkte als „chemisch behandelt“ gekennzeichnet sein. „Bio“ hingegen ist heute das Besondere und wird aufwendig kontrolliert und zertifiziert. Natürlich brauchen wir eine gute Biozertifizierung, um die Bioqualität sicher zu stellen. Aber eigentlich läuft es derzeit verkehrt herum.

Wie ändert sich, was wir als normal empfinden? Braucht es dazu Vorgaben der Politik?

Felix Ekardt: Gesellschaftlicher Wandel geschieht in einem Wechselspiel verschiedener Kräfte. Wir brauchen eine grundlegend andere Politik, das ist richtig. Die muss aber auch jemand einfordern. Deswegen muss sich jeder von uns in Parteien oder Vereinen engagieren, auf Demonstrationen in der Nachbarschaft oder auch auf Facebook.

Diskussion am SpreeuferBild: Frank Peters

Was raten Sie jemandem, der sich ändern will und nachhaltiger leben möchte? Wo fange ich an?

Felix Ekardt: Ich muss mein Wissen erweitern, meine Werte und meine Normalitätsvorstellungen hinterfragen. Um etwas zu bewegen, muss ich mich gemeinsam dafür mit anderen zusammentun, um anderes Leben, andere Ernährung, andere Fortbewegung, anderes Wohnen auszuprobieren. Ich muss mir meiner emotionalen Blockaden bewusst sein und meinen Eigennutzen längerfristig sehen. Wenn wir in eine Welt hineinlaufen, die sich immer mehr erwärmt, werden Nahrung und Wasser knapp. Die Folge sind große Migrationsströme und die Gefahr von Kriegen und Bürgerkriegen. Dann dient es auch meinem höchstpersönlichen Eigennutzen, mich zu ändern.

Antje Kölling: Da sehe ich auch uns mit dem Demeter Journal in der Pflicht, um aufzuklären. Die besten Botschafter für Nachhaltigkeit sind die Bäuerinnen und Bauern. Sie verstehen den Hof als individuellen Organismus, den es zu bewahren und nähren gilt. Davon können sich Verbraucherinnen und Verbraucher auch vor Ort überzeugen. Und bekommen dort vielleicht auch Impulse, Gewohnheiten infrage zu stellen.

Die letzte Frage an Sie, Herr Ekardt, ist vielleicht die wichtigste: Macht Nachhaltigkeit glücklich?

Felix Ekardt: Es geht bei Nachhaltigkeit auch darum, an die Menschen zu denken, die nach uns leben und die in anderen Teilen der Welt leben. Das ist eine moralische und rechtliche Verpflichtung, auch dann, wenn mich bisher vielleicht fünf Flugreisen im Jahr glücklich gemacht haben. Unabhängig davon bietet eine gewisse Genügsamkeit, eine Konzentration auf das Wesentliche, ein gesünderes, stärker vegetarisches Essen häufig auch mehr Fitness und Zufriedenheit. Mich macht Nachhaltigkeit glücklich.

Felix Ekardt liefert in seinem Buch eine kompakte und innovative Analyse zum Thema »Wandel und Veränderung«. Indem er die Erkenntnisse aus zahlreichen Forschungsrichtungen zusammenführt, legt er nicht nur den Grundstein für ein besseres Verständnis von Wandel – sondern zeigt auf, wie wir ihn herbeiführen können. Oekom Verlag, 2017, ISBN-13: 978-3-86581-842-3

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Buchcover "Wir können uns ändern"

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 37.

 
19.03.2018
Wir können uns ändern. Und wir müssen es auch.
Prof. Felix Ekardt und Antje Kölling im Gespräch

Warum schaffen wir es nicht, unseren Lebensstil nachhaltiger zu gestalten, obwohl wir wissen, dass wir es sollten? Was steht unserem Wunsch entgegen, uns zu ändern – und wie gelingt es uns? Darüber sprachen Prof. Felix Ekardt, Nachhaltigkeits- und Klimaexperte, und Antje Kölling, politische Sprecherin von Demeter bei einem Spaziergang am Berliner Spreeufer.

Moderation: Susanne Kiebler

Herr Ekardt, Sie leiten die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und sind Professor an der Uni Rostock. Versuchen Sie in allen Bereichen nachhaltig zu leben?

Felix Ekardt: Ja, das versuche ich. Ich ernähre mich vegetarisch, fliege nicht, habe kein Auto – und auch keinen Führerschein – keinen Trockner, keine Mikrowelle, keine Spülmaschine, kein Tablet, nicht einmal ein Handy, sondern nur einen einzigen, alten Computer.

Antje Kölling: Auch ich bin glückliche Auto-Nichtbesitzerin und WG-Bewohnerin, ganz so konsequent wie Sie bin ich aber nicht: Ich habe sowohl Führerschein als auch ein Handy. Beim Essen setze ich auf bio, wenn möglich Demeter.


Antje Kölling und Felix EkardtBild: Frank Peters

Antje Kölling ist seit 2014 politische Sprecherin bei Demeter. Davor war sie in Brüssel Leiterin der Abteilung Agrarpolitik der IFOAMEU- Gruppe, wo sie für die europäischen Bioverbände die Lobbyarbeit zu Themen wie der EU-Agrarpolitik, Gentechnikfreiheit, Saatgutverkehrsrecht und Klimapolitik koordinierte.

Prof. Dr. Felix Ekardt 1972 geboren, ist Jurist, Soziologe, Philosoph und Religionswissenschaftler. Seit 2002 ist Felix Ekardt Professor an der Universität, zunächst in Bremen, später dann in Rostock. Zudem leitet er die selbst aufgebaute Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin. Seit 2013 ist er ehrenamtlicher Landesvorsitzender des BUND Sachsen.

Ihr vorletztes Buch heißt „Wir können uns ändern“. Provokant gefragt: Warum müssen wir uns ändern? Und warum sollten wir am besten jetzt gleich damit beginnen?

Felix Ekardt: Der Mensch kann ohne ein stabiles Klima, atembare Luft, trinkbares Wasser, Böden, auf denen etwas wächst, und halbwegs intakte Stickstoff- und Phosphor-Kreisläufe auf Dauer nicht überleben. Doch wir sind mit unserem Lebensstil gerade dabei, genau das alles zu riskieren. Wir müssen nach dem Pariser Klimaabkommen eigentlich innerhalb von zehn bis zwanzig Jahren global auf Null-Emissionen kommen. Nur wenn wir das schaffen, haben wir überhaupt eine Chance, die Erderwärmung auf 1,5 bis 1,8 Grad zu beschränken. Doch Deutschland hat nach wie vor eine der höchsten Pro-Kopf-Emissionsraten der Welt. Und gerade die Leute, die am grünsten reden, haben oft den größten ökologischen Fußabdruck.

Antje Kölling: Im Bereich der Ernährung haben wir den Vorteil, dass es für klimafreundliche und ressourcenschonende Bioprodukte anerkannte Siegel gibt und dass hier Ressourcenschutz und Genuss oft gut zusammengehen. Doch wer jeden Tag Avocados oder Bio-Erdbeeren im Dezember will, begeht auch hier seine Klimasünden. Bioprodukte zu kaufen, ist ein wichtiger Schritt zum Umweltschutz – aber wer mehr erreichen will, muss den Ernährungsstil immer mitdenken.

Warum haben oft gerade die am „grünsten redenden“ Menschen einen großen ökologischen Abdruck?

Felix Ekardt: Weil sie gebildet und deshalb wohlhabend sind, gerne in den Urlaub fliegen und überall ihre Freunde über die Erde verstreut haben. Sie haben oft eine große Wohnung und auch sonst die ein oder andere Annehmlichkeit.

Antje Kölling: Es ist eine spannende Frage, wie man internationale Vernetzung – wie sie ja auch für uns sehr wichtig ist, um die Biodynamische Wirtschaftsweise voranzubringen – mit einem ressourcenschonenderen Lebensstil zusammenbringen kann. Oft ist die Videokonferenz eben doch nicht so effektiv wie ein richtiges Treffen. Da sehe ich noch viel Experimentierbedarf für die soziale und politische Kultur.

In Ihrem Buch schreiben Sie, wie uns ein Wandel in unserem Lebensstil gelingen kann, um nachhaltiger zu leben. Haben Sie sich auch selbst geändert?

Felix Ekardt: Ich habe mich in diesem Punkt nicht bewusst geändert. Wir leben ja – in mancher Lebenswelt mehr, in mancher weniger – in einem postmetaphysischen Zeitalter. Natürlich kann man sich jeden Morgen fragen: Wofür stehe ich eigentlich auf? Eine Möglichkeit, sich Sinn zu geben, ist, bestimmten moralischen Standards zu folgen. Eine andere ist es, sich konsequent selbst zu entwickeln. Und ich ziehe in der Tat große Zufriedenheit aus dem, was ich mache.

Antje Kölling: Der soziale Zusammenhang, in dem man sich bewegt, spielt sicher eine sehr große Rolle. Bei mir war es der große Bruder, der mich früh darauf gebracht hat, dass unser Lebensstil die Natur und Ressourcen zerstört. Im Laufe des Lebens habe ich mir immer wieder Gruppen gesucht, für die auch ein nachhaltigerer Lebensstil Thema ist.

Diskussion am SpreeuferFelix Ekardt und Antje Kölling diskutieren, wie wir uns ändern können. (Bild: Frank Peters)

Es geht Ihrer Meinung nach aber nicht ohne Verzicht?

Felix Ekardt: Ich selbst kaufe seit 1994 praktisch ausschließlich im Bioladen. Mein Lebensstil würde aber nicht nachhaltig sein, wenn ich da im SUV hinfahre, dreimal im Jahr in den Urlaub fliege oder am Wochenende mal schnell nach Barcelona. Klar, wir können das Klimaproblem auch rein technisch angehen – durch die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien oder durch Energieeffizienz. Doch die Herausforderung ist zu groß, als dass dies allein reichen würde. Wir werden zukünftig auch mehr Genügsamkeit brauchen. Das gilt nicht nur für das Klima, sondern noch mehr für andere Umweltprobleme. Gerade bei der Landnutzung müssen wir schnell handeln, um Klima, Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit zu erhalten; Effizienzsteigerungen in der Landwirtschaft genügen nicht.

Antje Kölling: Es kann in der Landwirtschaft nicht nur um Produktivität gehen. Da setzen Demeter und unsere Mitglieder an. Unser Anspruch ist, Nahrungsmittel herzustellen, die eine Entwicklung des Menschen ermöglichen und die gleichzeitig die Erde heilen. Unsere Bäuerinnen und Bauern wollen so arbeiten, dass sie mit einem geschlossenen Betriebskreislauf Landwirtschaft nachhaltig betreiben. Was noch fehlt, ist die große Fläche für den biodynamischen und ökologischen Landbau.

Felix Ekardt: Ich plädiere sowohl als Nachhaltigkeitsforscher als auch als Vorsitzender des BUND Sachsen für einen zu 100 Prozent ökologischen Landbau. Und auch für eine sehr viel geringere Tierhaltung. Wir müssen auf Dauer natürlich Dünge- und Nährstoffkreisläufe erhalten, und deswegen ist es keine Lösung, den Veganismus zu propagieren. Doch zurzeit werden zwischen drei Viertel und vier Fünftel der weltweiten Agrarfläche für die tierische Nahrungsmittelproduktion eingesetzt. Ich sage es aus eigener Erfahrung: Eine Ernährung mit weniger Fleisch und weniger tierischen Lebensmitteln ist gesünder, man fühlt sich leichter – und sie schmeckt!

Antje Kölling: Bei Demeter haben die Tiere auf landwirtschaftlichen Betrieben eine wichtigen Rolle: Zum einen verdauen sie den Aufwuchs von Wiesen und Weiden, die als Kohlenstoffspeicher und für die biologische Vielfalt wichtig sind. Zum anderen hat der Mist auf dem Acker eine wichtige Funktion für die Bodenfruchtbarkeit. Biologische Vielfalt ist für uns der Schlüssel zu einer klimarobusten und wirklich nachhaltigen Landwirtschaft. Deshalb engagieren sich die Demeter-Höfe nicht nur beim Heckenpflanzen, sondern vor allem auch für die Biozüchtung, etwa von neuen Biogemüsesorten.

„Wir müssen uns engagieren: in Parteien, Vereinen, auf Demonstrationen – oder auf sozialen Plattformen wie Facebook.“ Felix Ekardt

Spaziergang am SpreeuferBild: Frank Peters

Warum können wir uns nicht so einfach ändern, wo wir doch wissen: Es ist allerhöchste Zeit dafür? Brauchen wir mehr Aufklärung oder Bildung?

Felix Ekardt: Menschen reagieren nur begrenzt auf Fakten und Werthaltungen – die schlagen nur dann durch, wenn sie mit unseren kurzfristigen Eigennutzenkalkülen, Gefühlen und Normalitätsvorstellungen zusammenfallen. Die meisten empfinden unsere fossile Welt eben als normal – genauso wie das tägliche Schnitzel auf dem Teller. Wenn unsere Freunde vom Urlaub in Malaysia erzählen – warum sollte gerade ich nicht auch hinfliegen? Dazu kommen unbewusste emotionale Antriebe wie Bequemlichkeit, Gewohnheit und Verdrängung. Wir leben mit vielen Widersprüchen und nehmen diese nicht einmal wahr. Wir erfinden Ausreden, warum unser kleines Leben nur genauso ablaufen kann, wie es das tut. Auch gebildete ‚Ökos‘ haben ihre einfachen Wahrheiten. Der Mensch ist so gestrickt, dass er häufig einfache Ursachenzuschreibungen bis hin zu Sündenböcken intuitiv plausibel findet. Da sind dann einfach die Kapitalisten an allem schuld, obwohl wir deren Kunden und Arbeitnehmer sind. Davon handelt auch mein ganz neues Buch „Kurzschluss: Wie einfache Wahrheiten die Demokratie untergraben“.

Antje Kölling: Ich fand in Ihrem Buch „Wir können uns ändern“ das Kapitel über Normalitäten sehr interessant. Normalität wird eben auch gemacht, und die Frage ist: Wie schaffen wir einen Wandel dessen, was wir als normal empfinden? Für die Landwirtschaft sollte es doch eigentlich normal sein, in Kreisläufen zu denken und ohne Kunstdünger und chemisch-synthetische Pestizide zu arbeiten. Doch das ist heute nicht der Fall: Als „normal“ gilt heute die konventionelle Landwirtschaft. Eigentlich sollten deren Produkte als „chemisch behandelt“ gekennzeichnet sein. „Bio“ hingegen ist heute das Besondere und wird aufwendig kontrolliert und zertifiziert. Natürlich brauchen wir eine gute Biozertifizierung, um die Bioqualität sicher zu stellen. Aber eigentlich läuft es derzeit verkehrt herum.

Wie ändert sich, was wir als normal empfinden? Braucht es dazu Vorgaben der Politik?

Felix Ekardt: Gesellschaftlicher Wandel geschieht in einem Wechselspiel verschiedener Kräfte. Wir brauchen eine grundlegend andere Politik, das ist richtig. Die muss aber auch jemand einfordern. Deswegen muss sich jeder von uns in Parteien oder Vereinen engagieren, auf Demonstrationen in der Nachbarschaft oder auch auf Facebook.

Diskussion am SpreeuferBild: Frank Peters

Was raten Sie jemandem, der sich ändern will und nachhaltiger leben möchte? Wo fange ich an?

Felix Ekardt: Ich muss mein Wissen erweitern, meine Werte und meine Normalitätsvorstellungen hinterfragen. Um etwas zu bewegen, muss ich mich gemeinsam dafür mit anderen zusammentun, um anderes Leben, andere Ernährung, andere Fortbewegung, anderes Wohnen auszuprobieren. Ich muss mir meiner emotionalen Blockaden bewusst sein und meinen Eigennutzen längerfristig sehen. Wenn wir in eine Welt hineinlaufen, die sich immer mehr erwärmt, werden Nahrung und Wasser knapp. Die Folge sind große Migrationsströme und die Gefahr von Kriegen und Bürgerkriegen. Dann dient es auch meinem höchstpersönlichen Eigennutzen, mich zu ändern.

Antje Kölling: Da sehe ich auch uns mit dem Demeter Journal in der Pflicht, um aufzuklären. Die besten Botschafter für Nachhaltigkeit sind die Bäuerinnen und Bauern. Sie verstehen den Hof als individuellen Organismus, den es zu bewahren und nähren gilt. Davon können sich Verbraucherinnen und Verbraucher auch vor Ort überzeugen. Und bekommen dort vielleicht auch Impulse, Gewohnheiten infrage zu stellen.

Die letzte Frage an Sie, Herr Ekardt, ist vielleicht die wichtigste: Macht Nachhaltigkeit glücklich?

Felix Ekardt: Es geht bei Nachhaltigkeit auch darum, an die Menschen zu denken, die nach uns leben und die in anderen Teilen der Welt leben. Das ist eine moralische und rechtliche Verpflichtung, auch dann, wenn mich bisher vielleicht fünf Flugreisen im Jahr glücklich gemacht haben. Unabhängig davon bietet eine gewisse Genügsamkeit, eine Konzentration auf das Wesentliche, ein gesünderes, stärker vegetarisches Essen häufig auch mehr Fitness und Zufriedenheit. Mich macht Nachhaltigkeit glücklich.

Felix Ekardt liefert in seinem Buch eine kompakte und innovative Analyse zum Thema »Wandel und Veränderung«. Indem er die Erkenntnisse aus zahlreichen Forschungsrichtungen zusammenführt, legt er nicht nur den Grundstein für ein besseres Verständnis von Wandel – sondern zeigt auf, wie wir ihn herbeiführen können. Oekom Verlag, 2017, ISBN-13: 978-3-86581-842-3

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Buchcover "Wir können uns ändern"

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 37.