Biodynamische Höfe in Nordkalifornien

Reisen in Rhythmen

15.05.2018
Landschaft in Nordkalifornien

Bild: Shutterstock, Matthew Connolly


Unsere Autorin ist im September letzten Jahres nach Nordkalifornien aufgebrochen und besucht dort verschiedene biodynamische Höfe. Gedanken über Anthroposophie und die wilde Natur aus der Region nahe des Mount Shasta, die Sehnsucht wecken.

Von Olga-Milena Ragazzo

Der Oktobervollmond funkelt hinter den Tannen auf dem Bergrücken, dann bricht er über ihren Wipfeln hervor. Sein gleißendes Licht ergießt sich über die waldbedeckten Hänge, während über uns die Meteorschauer regnen. Diese Sternschnuppenregen sind auch in Deutschland typisch für die Nächte um Michaeli. Zwar weiß ich: Dieser Mond ging neun Stunden zuvor in Deutschland auf, strahlte auf meine Heimat, ihre Berge, Flüsse und Städte. Und doch, hier scheint der „Harvest Moon“, wie er in Amerika um diese Zeit genannt wird, in einer ganz eigenen Qualität. Ich betrachte die silbernen Rücken von schlafenden Bergriesen, die sich am Horizont aneinanderschmiegen. Eines nachts schrecke ich aus meinem Schlaf. Ein vielstimmiges Heulen von Kojoten zieht sich in der Ferne durch die Dunkelheit. Ich bin hier nicht in einer vom Menschen getakteten Welt. Dies ist die Wildnis, das wahre Herz der Natur mit seinen eigenen Rhythmen und Geheimnissen. In mir wächst Ehrfurcht.

Der erste biodynamische Hof, den ich besuche, ist klein und wirkt beinahe, als würde er schlafen. Einige Jersey-Kühe streifen durch das gelbe, strohige Gras der Weiden und fügen sich perfekt in das Panorama der sonnenüberfluteten Bergketten. Während zur selben Zeit weiter südlich verheerende Waldbrände über Städte hinwegrollen und mit gierigen Flammen das Zuhause vieler Menschen verschlingen, spüren wir hier nichts von alledem. Schafe blöken und Hühner scharren im Gemüsegarten zwischen orangegelben Ringelblumen und Grünkohl. Auch hier im Norden kämpft die Bevölkerung mit der Trockenheit; in den letzten Jahrzehnten haben sich fruchtbare und feuchte Böden in steppengleiche Staubfelder verwandelt. Aber für dieses Jahr ist die Hitze überstanden und der Herbst legt sich mit seinen Frostnächten ruhig auf die Landschaft, bis sie im Frühling von der Sonne geweckt wird. In dieser Natur, die so ungezähmt lebt, bekommt der Begriff „Hoforganismus“ einen neuen Sinn für mich. Ein Hoforganismus ist ein großer Kreislauf, der all seine einzelnen Organe, Mensch, Pflanze und Tier, vereint und in rhythmischer Harmonie hält. Der Mensch als aufrechtes und denkendes Wesen hat hier eine eigene Aufgabe. Er kann tätig werden und dem Hoforganismus zu wahrem Leben verhelfen. Mir stellt sich angesichts dieser wilden Natur die Frage: Wie muss ein Hoforganismus in sich aufgebaut sein, um diesen Kräften standhalten zu können? Ihnen zu trotzen, sie aber auch einzubinden und in ihnen zu leben? Wie kann der Landwirt die Lebenskräfte des Bodens stärken, angesichts der Trockenheit? In Deutschland sind die meisten Höfe in ein infrastrukturelles Netz eingebunden. Eingebettet in fremde Ländereien, Straßen, Gleise und angrenzende Städte oder Dörfer. Eine Insel der Hoffnung in einer materialisierten und schnellen „Welt to go“.

Weltweit bringen Demeter-Landwirte nicht nur den kostbaren Kuhmist auf ihre Ländereien aus, der Humus aufbaut. Auch die verschiedenen Präparate helfen ihnen, bestimmte Lebens- und Wachstumskräfte zu unterstützen und ein Gleichgewicht zu fördern. Auch in Kalifornien werden sie angewendet. Mir begegnet hier eine wahre Passion für Anthroposophie. Die Werke Steiners werden in Lesezirkeln gelesen und durchgearbeitet, um die Ideen in Ideale zu verwandeln und zur Tat zu bringen. Auch begeistert mich eine Getreidemühle, deren Mahlsteine in den Winkeln von Sonne, Mond und Erde zueinander ausgerichtet sind. Ganz langsam mahlt diese Mühle über Nacht ein wahrlich „kosmisches“ Mehl!

So stehe ich staunend vor diesem weiten Horizont, in dessen Blau die Spitzen der großen Nadelbäume ragen. Zwischen ihnen färben sich die Blätter der Kalifornischen Schwarzeiche feuerfarben. Vögel kreischen in der Ferne. Angesichts dieser großen Weiten fühle ich mich klein. Wie kann ich dieser Natur etwas zurückgeben? Als Organismus in einem größeren Hoforganismus, der wiederum heilsam sein will? „Es ist eine Ernährungsfrage“, sagte Rudolf Steiner einst. Ich bin sehr dankbar für all diese kleinen Inseln der Hingabe, die Demeter-Höfe auf der Welt sein können. Sie sind ein Symbol der Hoffnung, die „schöne“ Art der Landwirtschaft weiter zu bewahren. Und das kostbare Wissen über alle Rhythmen der Erde weiterzugeben an junge Menschen. Ob in Europa, in Kalifornien oder sonst irgendwo in dieser großen, weiten Welt.

Auf nach Kalifornien!

Olga-Milena Ragazzo, 26, studiert im Masterstudiengang Ökologische Landwirtschaft an der Universität Kassel/ Witzenhausen. Für mehrere Monate reist sie durch Nordkalifornien und lebt auf biodynamischen Höfen.

Olga-Milena Ragazzo

Warum bist du nach Kalifornien aufgebrochen?

Kalifornien ist der westlichste Teil der USA, hier ballt sich die Willenskraft, das Streben nach Freiheit. Ich wollte das spüren und eine neue Sicht auf Europa und Deutschland gewinnen.

Was schätzt du dort besonders?

Die Hilfsbereitschaft. Das habe ich so noch nicht erlebt!

Deine schönsten Momente?

Der Sonnenuntergang vor einem Herbstwald, wenn der Himmel beginnt, zu erröten. Der Sturm, der die feinen Nadeln der Kiefern mit sich reißt, und ihr Rauschen, das mich umhüllt und Sehnsucht weckt.

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 37.

 
15.05.2018
Reisen in Rhythmen
Biodynamische Höfe in Nordkalifornien

Unsere Autorin ist im September letzten Jahres nach Nordkalifornien aufgebrochen und besucht dort verschiedene biodynamische Höfe. Gedanken über Anthroposophie und die wilde Natur aus der Region nahe des Mount Shasta, die Sehnsucht wecken.

Von Olga-Milena Ragazzo

Der Oktobervollmond funkelt hinter den Tannen auf dem Bergrücken, dann bricht er über ihren Wipfeln hervor. Sein gleißendes Licht ergießt sich über die waldbedeckten Hänge, während über uns die Meteorschauer regnen. Diese Sternschnuppenregen sind auch in Deutschland typisch für die Nächte um Michaeli. Zwar weiß ich: Dieser Mond ging neun Stunden zuvor in Deutschland auf, strahlte auf meine Heimat, ihre Berge, Flüsse und Städte. Und doch, hier scheint der „Harvest Moon“, wie er in Amerika um diese Zeit genannt wird, in einer ganz eigenen Qualität. Ich betrachte die silbernen Rücken von schlafenden Bergriesen, die sich am Horizont aneinanderschmiegen. Eines nachts schrecke ich aus meinem Schlaf. Ein vielstimmiges Heulen von Kojoten zieht sich in der Ferne durch die Dunkelheit. Ich bin hier nicht in einer vom Menschen getakteten Welt. Dies ist die Wildnis, das wahre Herz der Natur mit seinen eigenen Rhythmen und Geheimnissen. In mir wächst Ehrfurcht.

Der erste biodynamische Hof, den ich besuche, ist klein und wirkt beinahe, als würde er schlafen. Einige Jersey-Kühe streifen durch das gelbe, strohige Gras der Weiden und fügen sich perfekt in das Panorama der sonnenüberfluteten Bergketten. Während zur selben Zeit weiter südlich verheerende Waldbrände über Städte hinwegrollen und mit gierigen Flammen das Zuhause vieler Menschen verschlingen, spüren wir hier nichts von alledem. Schafe blöken und Hühner scharren im Gemüsegarten zwischen orangegelben Ringelblumen und Grünkohl. Auch hier im Norden kämpft die Bevölkerung mit der Trockenheit; in den letzten Jahrzehnten haben sich fruchtbare und feuchte Böden in steppengleiche Staubfelder verwandelt. Aber für dieses Jahr ist die Hitze überstanden und der Herbst legt sich mit seinen Frostnächten ruhig auf die Landschaft, bis sie im Frühling von der Sonne geweckt wird. In dieser Natur, die so ungezähmt lebt, bekommt der Begriff „Hoforganismus“ einen neuen Sinn für mich. Ein Hoforganismus ist ein großer Kreislauf, der all seine einzelnen Organe, Mensch, Pflanze und Tier, vereint und in rhythmischer Harmonie hält. Der Mensch als aufrechtes und denkendes Wesen hat hier eine eigene Aufgabe. Er kann tätig werden und dem Hoforganismus zu wahrem Leben verhelfen. Mir stellt sich angesichts dieser wilden Natur die Frage: Wie muss ein Hoforganismus in sich aufgebaut sein, um diesen Kräften standhalten zu können? Ihnen zu trotzen, sie aber auch einzubinden und in ihnen zu leben? Wie kann der Landwirt die Lebenskräfte des Bodens stärken, angesichts der Trockenheit? In Deutschland sind die meisten Höfe in ein infrastrukturelles Netz eingebunden. Eingebettet in fremde Ländereien, Straßen, Gleise und angrenzende Städte oder Dörfer. Eine Insel der Hoffnung in einer materialisierten und schnellen „Welt to go“.

Weltweit bringen Demeter-Landwirte nicht nur den kostbaren Kuhmist auf ihre Ländereien aus, der Humus aufbaut. Auch die verschiedenen Präparate helfen ihnen, bestimmte Lebens- und Wachstumskräfte zu unterstützen und ein Gleichgewicht zu fördern. Auch in Kalifornien werden sie angewendet. Mir begegnet hier eine wahre Passion für Anthroposophie. Die Werke Steiners werden in Lesezirkeln gelesen und durchgearbeitet, um die Ideen in Ideale zu verwandeln und zur Tat zu bringen. Auch begeistert mich eine Getreidemühle, deren Mahlsteine in den Winkeln von Sonne, Mond und Erde zueinander ausgerichtet sind. Ganz langsam mahlt diese Mühle über Nacht ein wahrlich „kosmisches“ Mehl!

So stehe ich staunend vor diesem weiten Horizont, in dessen Blau die Spitzen der großen Nadelbäume ragen. Zwischen ihnen färben sich die Blätter der Kalifornischen Schwarzeiche feuerfarben. Vögel kreischen in der Ferne. Angesichts dieser großen Weiten fühle ich mich klein. Wie kann ich dieser Natur etwas zurückgeben? Als Organismus in einem größeren Hoforganismus, der wiederum heilsam sein will? „Es ist eine Ernährungsfrage“, sagte Rudolf Steiner einst. Ich bin sehr dankbar für all diese kleinen Inseln der Hingabe, die Demeter-Höfe auf der Welt sein können. Sie sind ein Symbol der Hoffnung, die „schöne“ Art der Landwirtschaft weiter zu bewahren. Und das kostbare Wissen über alle Rhythmen der Erde weiterzugeben an junge Menschen. Ob in Europa, in Kalifornien oder sonst irgendwo in dieser großen, weiten Welt.

Auf nach Kalifornien!

Olga-Milena Ragazzo, 26, studiert im Masterstudiengang Ökologische Landwirtschaft an der Universität Kassel/ Witzenhausen. Für mehrere Monate reist sie durch Nordkalifornien und lebt auf biodynamischen Höfen.

Olga-Milena Ragazzo

Warum bist du nach Kalifornien aufgebrochen?

Kalifornien ist der westlichste Teil der USA, hier ballt sich die Willenskraft, das Streben nach Freiheit. Ich wollte das spüren und eine neue Sicht auf Europa und Deutschland gewinnen.

Was schätzt du dort besonders?

Die Hilfsbereitschaft. Das habe ich so noch nicht erlebt!

Deine schönsten Momente?

Der Sonnenuntergang vor einem Herbstwald, wenn der Himmel beginnt, zu erröten. Der Sturm, der die feinen Nadeln der Kiefern mit sich reißt, und ihr Rauschen, das mich umhüllt und Sehnsucht weckt.

Dieser Artikel stammt aus dem Demeter Journal 37.