Hörner drohen auszusterben

Gibt es bald keine Kühe mit Hörnern mehr? Demeter hält dagegen

04.06.2019
Kühe mit Hörnern auf der Weide

Worauf sie sich verlassen können: Mit jedem Liter Demeter-Milch unterstützen Sie die Erhaltung hörnertragender Rinder – damit auch Ihre Enkel Kühe mit Hörnern nicht nur im Bilderbuch, sondern noch auf der Weide sehen können.

Die Kuh mit Hörnern – in der Werbung ist sie allgegenwärtig. Doch in der Realität ist die Lage dramatisch: Horntragende Rinder sind fast verschwunden. Entweder werden die kleinen Kälber enthornt, das heißt die Wachstumsknospen der Hörner ausgebrannt, oder es wird auf genetische Hornlosigkeit gezüchtet. Neben dem schmerzhaften Enthornen praktizieren viele Betriebe die Zucht auf genetische Hornlosigkeit – ein Weg ohne Wiederkehr. Denn dadurch wird es bald keine hörnertragenden Zuchttiere mehr geben.

Ein Beispiel: Die besonders in Süddeutschland weit verbreitete Rasse „Fleckvieh“ – weißes Fell mit großen rotbraunen Flecken – bringt als Milchkuh gute Leistungen, aber auch die Bullenkälber wachsen zu stattlichen Stieren oder Ochsen heran. Beim Fleckvieh lag der Anteil registrierter hornloser Zuchtbullen im Jahr 2014 bereits bei knapp 16 Prozent. Aktuell erfolgen über 20 Prozent der Besamungen mit genetisch hornlosen Fleckvieh-Stieren – dies leider auch im Ökolandbau.

Wissenschaftler der Universität Gießen prognostizieren, dass bei einigen Rassen bereits ab 2025 mit einer komplett hornlosen Bullenpopulation zu rechnen ist, bei den Schwarzbunten sogar noch früher. Für eine weitere Beschleunigung spricht die derzeit offensive Vermarktung hornloser, genomisch geprüfter Zuchtbullen durch die Zuchtorganisationen. Verläuft die Entwicklung stetig, gibt es ab 2040 bis 2050 keine horntragenden Zuchtbullen mehr – und daher auch keine horntragenden Milchkühe auf den Weiden. In jedem Fall ist der Rückgang der Hörnergenetik dramatisch. Begründet wird die Hornlosigkeit damit, dass die Haltung hornloser Kühe sicherer sei und die Ställe nicht so groß gebaut werden müssen, weil horntragende Herden mehr Platz brauchen.

Demeter-Kühe haben Hörner – in aller Regel

Das Demeter-Logo steht dafür, dass die Produkte von horntragenden Kühen und Rindern stammen, denn der Verband schreibt die Haltung horntragender Rinder vor. Von dieser Regel gibt es sehr wenige Ausnahmen. Das sind einerseits zwei sozialtherapeutische Einrichtungen, bei denen auch Menschen mit Tieren Kontakt kommen, die mit horntragenden Kühen nicht so versiert sind.

Außerdem sind das Betriebe, die auf Demeter umgestellt haben, aber zum Zeitpunkt der Umstellung bereits genetisch hornlose oder enthornte Tiere in der Herde hatten. Diese Betriebe müssen ihre Herden Schritt für Schritt umstellen auf hörnertragende Tiere. Anders kann es in Anbetracht von über 90 % hornlosen Milchkühen in Deutschland auch gar nicht gehen. Doch die Hornlosigkeit vererbt sich genetisch dominant, daher kann es mehrere Generationen dauern, bis auf dem Betrieb tatsächlich nur noch Kälber geboren werden, die zu hörnertragenden Rindern heranwachsen. Da eine Demeter-Kuh schon mal 10, 12 Jahre alt wird, stehen also womöglich noch einige Zeit auch einzelne hornlose Kühe in der Herde. Die Kontrolle des Züchtungsfortschritts wird vom Verband an die Kontrollstellen beauftragt.

Diese Umstellungspraxis ist sinnvoll, denn, auch um mittelfristig hörnertragende Kühe zu erhalten, brauchen wir weitere Demeter-Betriebe, die umstellen. Zum einen wäre es nicht im Sinne eines respektvollen Umgangs mit Tieren, wenn man bei Umstellung auf Demeter alle hornlosen Tiere schlachten und durch neue ersetzen würde. Zum anderen wäre es für einen Betrieb wirtschaftlich kaum zu leisten – und es würde ihm auch die Möglichkeit genommen, die für die betrieblichen Besonderheiten gezüchtete Herde weiter zu entwickeln.

Schließlich gibt es noch einige wenige Ausnahmen für die Haltung traditionell genetisch hornloser Fleischrinderrassen wie etwa Angus- oder Galloway-Rinder, die auf Betrieben bereits vor dem Verbot der Hornlosigkeit gehalten wurde, das 2014 beschlossen wurde.

Was tut der Demeter e.V. für den Erhalt der horntragenden Kühe?

Was tut der Demeter e.V. für den Erhalt der
horntragenden Kühe?

  • Aufbau eines Züchternetzwerks für Hörnergenetik

    Sokönnen Betriebe verbandsübergreifend in Kontakt treten und bspw. Zuchttiere austauschen oder Arbeitskreise zum Erfahrungsaustausch bilden. Die Resonanz bei den Züchter*innen ist gut und das Interesse hoch; wöchentlich kommen ein bis zwei neue Betriebe hinzu.

  • Infoveranstaltungen zur Zucht horntragender Rinder

    In verschiedenen Regionen Deutschlands, verbandsoffene Infotage mit Vermittlung von Basiswissen zur Zucht, der Geschichte der Hornlosigkeit und Möglichkeiten einer eigenen Zucht.

  • Präsenz auf Veranstaltungen und eigene Termine

    Infos zum Thema bspw. auf den Öko-Feldtagen, dann Infotage zu verschiedenen Themen (bspw. Praktikertag Milchvieh am 17.7.2019).

  • Kategorie „behornt“ in der Biowarenbörse

  • Beratung zu Stallbau, Herdenführung, Zucht, etc.

    Durch Berater vor Ort, unter anderem durch den Werkzeugkasten „Hörner im Laufstall“.

  • Einstellung eines Zuchtkoordinators für horntragende Kühe im Sommer 2019

  • Kooperation mit anderen Verbänden und Institutionen

    Wie Biokreis, Bioland, GLS Treuhand, etc. bspw. bei Zukunftsstiftung Landwirtschaft, Ökotierzucht gGmbH, EUNA

  • Informieren

    UmVerbraucher*innen über den drohenden Verlust der Hörnergenetik und die Bedeutung der Hörner für die Kuh aufzuklären, nutzen wir verschiedene Mittel/Wege: den KuhBlog, die Hornkuh-Webseite und www.demeter.de/kuehe-haben-hoerner

Hörnertragende Kühe heute

Hörnertragende Kühe heute

Ulrich Mück ist seit 31 Jahren als Demeter-Berater in der Landwirtschaft tätig. Der Experte für Rinderhaltung hat gerade gemeinsam mit der Universität Kassel ein Forschungsprojekt zum Thema „Hörner im Laufstall“ abgeschlossen.

Herr Mück, ist es denn überhaupt so tragisch, wenn die Kuh keine Hörner mehr hat?

Ulrich Mück: Wenn die hörnertragende Kuh ausstirbt, ist das für uns Menschen erst einmal ein Verlust an biologischer, aber auch an kultureller Vielfalt. Die Kulturgeschichte des Menschen ist geprägt von horntragenden Rindern. Zudem sind Hornkühe einfach schöner, wenn ich das so persönlich einmal sagen darf. Die genetische Erosion wäre zudem sehr bedenklich, denn die Auswirkungen sind überhaupt nicht absehbar.

Besonders wichtig sollte aber sein, dass für die Kuh als Wesen so wie sie in der Natur aufgetreten ist, die Hörner eine wichtige Rolle spielen. Davon sind auch viele Demeter-Bäuerinnen und Bauern überzeugt. Und das bestätigen auch Verhaltensforscher. Sie haben herausgefunden, dass die Hörner der Kuh eine wichtige Rolle bei der Kommunikation in der Herde spielen. Kühe sehen eher schemenhaft und erkennen die freundliche oder drohende Kopfhaltung ihrer Kolleginnen besser, wenn der Kopf durch die Hörner an Kontur gewinnt. Einige Erfahrungsberichte deuten darauf hin, dass Hörner womöglich dabei helfen können, Wölfe abzuwehren – dies könnte in Mitteleuropa bei der Weidehaltung wieder zunehmend eine Rolle spielen.

Weitere mögliche Funktionen der Hörner, zum Beispiel bei der Wärmeregulation oder im Verdauungsgeschehen, sind bisher erst anfänglich erforscht. Klar ist jedoch, dass das Horn ein voll entwickeltes und gut durchblutetes eigenes Organ der Rinder ist. Bis weit in seine Spitzen strömt das Blut und Luft und Verdauungsgase. Was gibt uns das Recht, dieses einfach wegzubrennen oder wegzuzüchten?

Das Enthornen der Kühe und die moderne Hornloszucht begann, als die Anbindeställe nach und nach durch Laufställe ersetzt wurden – die Kuh konnte sich im Stall bewegen, und dadurch wuchs die Verletzungsgefahr durch Hörner. Ist es nicht schlicht zu gefährlich, Kühen die Hörner zu lassen?

Hauptursache der Enthornung und Hornloszucht war, dass den Kühen viel zu wenig Platz gegeben wurde. Sogenannte „Laufställe“ waren in den 80iger Jahren ungeheuer eng. Die Tiere konnten ihr arteigenes Herdenverhalten nicht ausüben und reagierten aggressiv.  Folge war, dass die Stallbauberatung allen Bauern empfahl, die Laufställe bauten, ihre Kühe zu enthornen. Es wurde nicht gefragt, wie Ställe gebaut werden müssten, um horntragende Kühe halten zu können.

Heute ist das weitgehend bekannt und man weiß, dass Kühe in der Herde einen Raumanspruch um sich brauchen – man nennt das Individualdistanz –, damit die Rangordnung nicht laufend neu ausgefochten werden muss. Die Erfahrungen vieler Demeter-Milchviehhalter zeigen, dass mit entsprechender Mensch-Tier-Beziehung und Achtsamkeit im Umgang horntragende Kühe auch nicht gefährlicher sind als andere Tiere in der Tierhaltung.

Wesentliche Einflussfaktoren auf eine ruhige Herde sind bei der Haltung horntragender Kühe ein kluges Herdenmanagement, eine gute Mensch-Tier-Beziehung mit Respekt und Vertrauen, sowie artgerechte Haltungsbedingungen und Stalleinrichtungen. Unser Projekt „Hörner im Laufstall“ hat gezeigt, dass die Haltung von horntragenden Kühen im Laufstall sehr gut möglich ist. Um Auseinandersetzungen zwischen den Tieren und Unfallgefahren für die Menschen zu minimieren, ist ein gutes Verständnis von Herde und Herdenverhalten nötig. Rangeleien um das Futter können durch möglichst häufige Futtervorlage oder hörnergeeignete Fressgitter vermieden werden. Auch bei geringerer Kraftfuttergabe treten weniger Auseinandersetzungen auf. Behornte Tiere brauchen natürlich auch ausreichend Platz. Grundsätzlich gilt es, die Haltungsbedingungen den Bedürfnissen der Tiere anzupassen – und nicht die Tiere den Haltungsbedingungen. Enthornung und genetische Hornlosigkeit folgen leider dem letzteren Ansatz. Bauliche Schwächen in bestehenden Ställen können durch Herdenführung sogar teilweise ausgeglichen werden, wenn die Betriebsleitung einen aufmerksamen Blick für die Herde und den Charakter der Einzeltiere hat.

Also ist die Haltung hörnertragender Milchkühe möglich, aber etwas aufwendiger und womöglich teurer. Artenschutz ist ein Thema für Naturschutzbehörden – wer kümmert sich um die Erhaltung hörnertragender Rinder?

Zurzeit gibt es keine staatlichen Fördermittel für die Erhaltung hörnertragender Rinder. Wir bei Demeter wollen aber horntragende Rinder erhalten. Wir bieten Betrieben dafür Beratung zur Haltung und zum Stallbau für horntragende Milchkühe an.

Der Demeter-Verband hat als einziger Ökoverband ein klares Bekenntnis zu hörnertragenden Kühen abgegeben. Demeter hat 2014 in den Verbandsrichtlinien festgelegt, dass nicht nur Enthornung, sondern, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch die Haltung genetisch hornloser Tiere auf Demeter-Höfen unterbunden wird.

Auch im Bereich der Züchtung wird gearbeitet. Entgegen der raschen Ausbreitung der Hornloszucht muss das Vorkommen in verschiedenen Rassen erhalten, aber durchaus auch züchterisch bearbeitet und weiterentwickelt werden. Es geht um die Zucht langlebiger, robuster und für den Ökolandbau geeigneter, vitaler Milchkühe mit Hörnern. Dabei sind an erster Stelle die Bäuerinnen und Bauern wichtig, viele engagieren sich hier aktiv. Rinderzüchtung findet zu weiten Teilen auf den Höfen statt.

Dabei arbeiten wir gerne mit Partnern zusammen, um die Erhaltung horntragender Kühe zu erreichen. Das Forschungsprojekt „Hörner im Laufstall“ hat in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel sowie den Verbänden Bioland und Demeter stattgefunden – also auch in Forschung und anderen Verbänden gibt es Interesse.

Eine zentrale Rolle spielen letztendlich aber die Verbraucherinnen und Verbraucher. Nur wenn sie Produkte von hörnertragenden Rindern nachfragen und bereit sind, für deren Erhalt wenige Cent mehr pro Liter Milch zu bezahlen, dann können die Höfe, die auf hörnertragende Rinder setzen, wirtschaftlich überleben und diese Arbeit weiterführen.

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