Nikolai Fuchs bei Demeter Hessen

Evolutive Agrarkultur: Von der Vielfalt zur Komplexität


Wer Neues denken will findet in Nikolai Fuchs immer einen inspirierenden Impulsgeber. Das nutzte Demeter Hessen für seine Mitgliederversammlung, in der es Nachmitttags um nicht weniger als um „biodynamische Landwirtschaft als Beitrag zur Erdentwicklung“ ging. Der ehemalige Geschäftsführer von Demeter NRW und des Forschungsrings, langjährige Leiter der Landwirtschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach, europäische Netzwerker unter anderem in der Nexus-Foundation und jetzige Vorstand der GLS Treuhand plädiert inzwischen leidenschaftlich für eine „evolutive Agrarkultur“. Wie sie sich als „Landwirtschaft nach dem Bildeprinzip des Menschen“ entwickeln lässt, umriss Fuchs in seinem Vortrag – angelehnt an sein gleichnamiges Buch. Seine Ideenskizze dazu lenkte die Fragen nach der Zukunftsfähigkeit für die biodynamischen Akteure in Hessen weg vom sonst häufig dominierenden Wettstreit zwischen Ideal und Marktrealität.

Nikolai Fuchs füllte Steiners zentrale Aufforderung im Landwirtschaftlichen Kurs, den Menschen als Grundlage für die Landwirtschaft zu nehmen, mit Leben. Ganz konkret setzte er Organe des Hofes in Bezug zu Organen des menschlichen Körpers und ermutigte zugleich, dabei kreativ und eigensinnig zu denken. Ist der Kompost das Herz oder eher der Kuhstall? Und was macht den Menschen aus? Als wesentliches Element des Menschseins und zugleich als evolutives Grundprinzip arbeitete Fuchs die Freiheit heraus. Eigenverantwortlich, selbstbestimmt handeln – wo gelingt das im Alltag als Bauer/Bäuerin? Wo kann den Tieren (mehr) Freiheit ermöglicht werden, wie Freiheitsgedanke und damit auch Würde für Pflanzen und das Lebewesen Boden umgesetzt werden?

Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet „Mensch als Grundlage“ demnach eben auch, den Menschen in der Landwirtschaft nachzuahmen – und nicht die Natur zu imitieren, wie es Ökolandbau landläufig tut. Darin sieht Nikolai Fuchs das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen ökologisch wirtschaften und biodynamisch Agrarkultur betreiben. Was kennzeichnet diesen Anspruch neben dem Freiheitsaspekt? Für den Agrarwissenschaftler mit geisteswissenschaftlicher Tiefe ist es klar: Komplexität. Sie ist eindeutig mehr als Vielfalt, von der inzwischen überall die Rede ist. Vielfalt ist eine Voraussetzung für Komplexität, die Interaktionen zwischen möglichst vielen einzelnen Elementen voraussetzt. Komplexität schafft Zusammenhänge und wirkt positiv in die Evolution, behauptet Nikolai Fuchs. Für die Bewusstseinsbildung des Menschen ist Komplexität zudem eine Voraussetzung, so betonte er. In der Diskussion der Demeter-Hessen-Mitglieder stellte sich folgerichtig die Frage, ob der Mensch nur Schädling in der Natur sein/bleiben will oder direkt entwicklungsfördernd agieren kann.

In Arbeitsgruppen zu den Bereichen Boden, Pflanze, Tier, Mensch und Organisationen wie zum Beispiel dem Demeter e.V. beleuchteten die Bäuerinnen und die Bauern Fragen nach Freiheit im eigenen Betrieb, im eigenen Handeln, nach Potentialen, die auf Entfaltung warten. Da wägte zum Beispiel die Arbeitsgruppe „Mensch“ den Freiheitsimpuls gegen die knappe Freizeit als Landwirt ab. Von außen aufgezwungene Komplexität mit immer mehr Vorschriften und Formularen beurteilten die Bäuerinnen und Bauern eindeutig als hinderlich für ihre eigentliche Kernaufgabe. Die Boden-Gruppe diskutierte die Eigentumsfrage ebenso wie die tiefe Erfahrung, fühlig zum Boden zu werden, ihm mit Empathie zu begegnen und seine Substanzbildung wahrzunehmen. Mit Blick auf die Pflanzen entstand eine Diskussion zum inzwischen üblichen Abfetzen von Hecken mit der Frage, ob nicht auch Bäume ein Recht auf einen sauberen Schnitt haben. Natürlich streifte die Arbeitsgruppe auch die Frage nach Pflanzenzüchtung im high-tec-Labor, wo mit gentechnischen Manipulationen die Integrität der Pflanze verletzt werde. Freiheit für die so genannten Nutztiere und deren Betreuer steht im Spannungsfeld der gegenseitigen Bindung, die etwa zeitliche Vorgaben mit sich bringt und dadurch einschränkt, erarbeitete die Tier-Gruppe. Die harmonisierende, seelisch bewegende Wirkung von Tieren auf den Höfen lenkte die Aufmerksamkeit im Gespräch auf weitgehende Effekte von Agrarkultur bis hin in die Landschaft und in den Menschen. Der Gedankenblitz, auch Organisationen im Demeter-Zusammenhang aus dem Organismus-Gedanken heraus zu gestalten, könnte zudem Neues für die herkömmlichen Strukturen ermöglichen, wagte sich die Arbeitsgruppe „Organisationen“ in die Runde zu geben.

So kam im offenen Austausch zu der Skepsis, ob Kraft und Mut zur Freiheit sich finden lassen, die gemeinsame Hoffnung, individuell passend in kleinen Schritten das Menschengesetzliche in das „Zivilisationsprojekt Landwirtschaft“ einbauen zu können. Übereinstimmung herrschte, dass es am ehesten da gelingen kann, wo der Konsument unmittelbar als Teil der Komplexität einbezogen ist. Nachdenklich stimmte Nikolai Fuchs` Erfahrung, dass auch die Eigentumsfrage in Bezug auf den Boden und die Rechtsform des Betriebes wesentlich seien für eine evolutive Agrarkultur. Die Frage, wie sich Vielfalt zur Komplexität entwickeln lässt, wird die Biodynamiker Hessens sicherlich weiter begleiten.

Evolutive Agrarkultur
Landwirtschaft nach dem Bildprinzip des Menschen. Eine Skizze.
Von Nikolai Fuchs
Verlag Lebendige Erde Demeter e.V., Darmstadt, 2014
98 Seiten, 16,00€, ISBN 978-3-941-232-12-9

06.06.2018
Evolutive Agrarkultur: Von der Vielfalt zur Komplexität
Nikolai Fuchs bei Demeter Hessen

Wer Neues denken will findet in Nikolai Fuchs immer einen inspirierenden Impulsgeber. Das nutzte Demeter Hessen für seine Mitgliederversammlung, in der es Nachmitttags um nicht weniger als um „biodynamische Landwirtschaft als Beitrag zur Erdentwicklung“ ging. Der ehemalige Geschäftsführer von Demeter NRW und des Forschungsrings, langjährige Leiter der Landwirtschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach, europäische Netzwerker unter anderem in der Nexus-Foundation und jetzige Vorstand der GLS Treuhand plädiert inzwischen leidenschaftlich für eine „evolutive Agrarkultur“. Wie sie sich als „Landwirtschaft nach dem Bildeprinzip des Menschen“ entwickeln lässt, umriss Fuchs in seinem Vortrag – angelehnt an sein gleichnamiges Buch. Seine Ideenskizze dazu lenkte die Fragen nach der Zukunftsfähigkeit für die biodynamischen Akteure in Hessen weg vom sonst häufig dominierenden Wettstreit zwischen Ideal und Marktrealität.

Nikolai Fuchs füllte Steiners zentrale Aufforderung im Landwirtschaftlichen Kurs, den Menschen als Grundlage für die Landwirtschaft zu nehmen, mit Leben. Ganz konkret setzte er Organe des Hofes in Bezug zu Organen des menschlichen Körpers und ermutigte zugleich, dabei kreativ und eigensinnig zu denken. Ist der Kompost das Herz oder eher der Kuhstall? Und was macht den Menschen aus? Als wesentliches Element des Menschseins und zugleich als evolutives Grundprinzip arbeitete Fuchs die Freiheit heraus. Eigenverantwortlich, selbstbestimmt handeln – wo gelingt das im Alltag als Bauer/Bäuerin? Wo kann den Tieren (mehr) Freiheit ermöglicht werden, wie Freiheitsgedanke und damit auch Würde für Pflanzen und das Lebewesen Boden umgesetzt werden?

Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet „Mensch als Grundlage“ demnach eben auch, den Menschen in der Landwirtschaft nachzuahmen – und nicht die Natur zu imitieren, wie es Ökolandbau landläufig tut. Darin sieht Nikolai Fuchs das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen ökologisch wirtschaften und biodynamisch Agrarkultur betreiben. Was kennzeichnet diesen Anspruch neben dem Freiheitsaspekt? Für den Agrarwissenschaftler mit geisteswissenschaftlicher Tiefe ist es klar: Komplexität. Sie ist eindeutig mehr als Vielfalt, von der inzwischen überall die Rede ist. Vielfalt ist eine Voraussetzung für Komplexität, die Interaktionen zwischen möglichst vielen einzelnen Elementen voraussetzt. Komplexität schafft Zusammenhänge und wirkt positiv in die Evolution, behauptet Nikolai Fuchs. Für die Bewusstseinsbildung des Menschen ist Komplexität zudem eine Voraussetzung, so betonte er. In der Diskussion der Demeter-Hessen-Mitglieder stellte sich folgerichtig die Frage, ob der Mensch nur Schädling in der Natur sein/bleiben will oder direkt entwicklungsfördernd agieren kann.

In Arbeitsgruppen zu den Bereichen Boden, Pflanze, Tier, Mensch und Organisationen wie zum Beispiel dem Demeter e.V. beleuchteten die Bäuerinnen und die Bauern Fragen nach Freiheit im eigenen Betrieb, im eigenen Handeln, nach Potentialen, die auf Entfaltung warten. Da wägte zum Beispiel die Arbeitsgruppe „Mensch“ den Freiheitsimpuls gegen die knappe Freizeit als Landwirt ab. Von außen aufgezwungene Komplexität mit immer mehr Vorschriften und Formularen beurteilten die Bäuerinnen und Bauern eindeutig als hinderlich für ihre eigentliche Kernaufgabe. Die Boden-Gruppe diskutierte die Eigentumsfrage ebenso wie die tiefe Erfahrung, fühlig zum Boden zu werden, ihm mit Empathie zu begegnen und seine Substanzbildung wahrzunehmen. Mit Blick auf die Pflanzen entstand eine Diskussion zum inzwischen üblichen Abfetzen von Hecken mit der Frage, ob nicht auch Bäume ein Recht auf einen sauberen Schnitt haben. Natürlich streifte die Arbeitsgruppe auch die Frage nach Pflanzenzüchtung im high-tec-Labor, wo mit gentechnischen Manipulationen die Integrität der Pflanze verletzt werde. Freiheit für die so genannten Nutztiere und deren Betreuer steht im Spannungsfeld der gegenseitigen Bindung, die etwa zeitliche Vorgaben mit sich bringt und dadurch einschränkt, erarbeitete die Tier-Gruppe. Die harmonisierende, seelisch bewegende Wirkung von Tieren auf den Höfen lenkte die Aufmerksamkeit im Gespräch auf weitgehende Effekte von Agrarkultur bis hin in die Landschaft und in den Menschen. Der Gedankenblitz, auch Organisationen im Demeter-Zusammenhang aus dem Organismus-Gedanken heraus zu gestalten, könnte zudem Neues für die herkömmlichen Strukturen ermöglichen, wagte sich die Arbeitsgruppe „Organisationen“ in die Runde zu geben.

So kam im offenen Austausch zu der Skepsis, ob Kraft und Mut zur Freiheit sich finden lassen, die gemeinsame Hoffnung, individuell passend in kleinen Schritten das Menschengesetzliche in das „Zivilisationsprojekt Landwirtschaft“ einbauen zu können. Übereinstimmung herrschte, dass es am ehesten da gelingen kann, wo der Konsument unmittelbar als Teil der Komplexität einbezogen ist. Nachdenklich stimmte Nikolai Fuchs` Erfahrung, dass auch die Eigentumsfrage in Bezug auf den Boden und die Rechtsform des Betriebes wesentlich seien für eine evolutive Agrarkultur. Die Frage, wie sich Vielfalt zur Komplexität entwickeln lässt, wird die Biodynamiker Hessens sicherlich weiter begleiten.

Evolutive Agrarkultur
Landwirtschaft nach dem Bildprinzip des Menschen. Eine Skizze.
Von Nikolai Fuchs
Verlag Lebendige Erde Demeter e.V., Darmstadt, 2014
98 Seiten, 16,00€, ISBN 978-3-941-232-12-9