Hoffahrt der Sarah Wiener Stiftung zum Dottenfelderhof

Neugierige Kälber als Wärmespender für kalte Kinderhände

15.12.2016
Futtertafel

Die Weißfrauenschule aus Frankfurt besuchte im Dezember mit Unterstützung der Sarah Wiener Stiftung den biodynamischen Dottenfelderhof bei Frankfurt.

Max Landmann, Genussbotschafter der SWS, hat keine kalten Hände mehr – dafür sind sie jetzt nass.

„Jetzt hab ich warme Hände – im Gegensatz zu Euch!“ ruft Max Landmann, Lehrer an der Weißfrauenschule aus Frankfurt seinen Schülern zu und lacht. Denn seine rechte Hand droht gerade im Schlund eines anderthalb Wochen alten Kalbes zu verschwinden. Seine Schüler schauen verwundert, manche auch ein wenig angewidert zu. Fressen Kühe etwa Menschenfleisch? Oder wollen sie einfach, wie jedes Baby, an die Brust, bzw. den Euter ihrer Mutter? Fragen wie diese fliegen an einem neblig-kalten Morgen während der Hoffahrt der Sarah Wiener Stiftung zum Dottenfelderhof durch die Luft. Patricia Grimm, die dort jede Woche mit Verve und viel Herzblut Kinder und Jugendliche über den Demeter-Betrieb führt, beantwortet sie geduldig und sachkundig. Der ausgeprägte Saugreflex des Kälbchens gibt ihr Gelegenheit, den Schülern von einer Besonderheit des Hofes zu erzählen, der seit 1968 nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet wird: Die muttergebundene Kälberaufzucht, bei der die Kälber bis zum Alter von etwa drei Monaten zwei Mal täglich nach dem Melken ihre Mütter zum Trinken und zum Spielen treffen. Diese natürliche Aufzuchtmethode reduziert den Stress bei den Tieren und trägt zur Gesunderhaltung der Herde bei. Auf den meisten Bauernhöfen werden die Kälbchen üblicherweise bereits kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt.

Die Weißfrauenschule, eine Förderschule für Sprache, kommt schon seit mehreren Jahren mit Unterstützung der Sarah Wiener Stiftung regelmäßig auf den Dottenfelderhof. Gerade für seine Förderschüler seien außerschulische Lernorte eine wichtige Ergänzung zum Schulalltag, berichtet Max Landmann, der seit 2011 Kochkurse nach dem Konzept der Sarah Wiener Stiftung an seiner Schule anbietet. Für die Siebt- bis Zehntklässler, die im Wahlpflichtunterricht das Fach „Kochen“ gewählt haben, geht es sowohl beim Kochen als auch bei dem Besuch auf den Bauernhof um zwei Dinge: Da ist zum einen die Freude am körperlichen Einsatz im Kuhstall und am Arbeiten im Team, zum anderen bietet es ihnen aber auch die Möglichkeit einer Berufsorientierung.

Bei den Kälbern, die sich unversehens an jeder scheu hingehaltenen Hand festsaugen, treffen die 19 SchülerInnen aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel auf Tim Carlo, der wenig älter als sie selbst zu sein scheint und der offenbar keine Angst vor den aufdringlichen Tieren hat. Auf die Frage, warum er auf dem Bauernhof arbeitet, berichtet Tim Carlo, dass er nach der Schule etwas machen wollte, dass es ihm ermöglicht, selbst ganz praktisch für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Hierbei gehe es ihm darum, mitzuerleben, wie Lebensmittel entstehen und welche Freude und Anstrengung mit diesem Prozess verbunden sind.

Auch vor dem Stall muss alles sauber sein, bevor die Kühe zum Melken kommen.

Neben dem jungen Bundesfreiwilligendienstler teilen 150 weitere Menschen, die auf dem Dottenfelderhof arbeiten, dieses Interesse. Eine davon ist Margarethe Hinterlang, die seit 1984 auf dem Dottenfelderhof lebt und den Schulbauernhof aufgebaut und zu einem bundesweit beachteten Vorzeige-Projekt gemacht hat. Bei allen Angeboten des Schulbauernhofs gehe es, so Hinterlang, um die Frage, was der Mensch zum Leben braucht und in welcher Abhängigkeit er dabei zur Natur stehe: „Die Beschäftigung mit der Landwirtschaft leistet einen elementaren Beitrag zur Menschwerdung – dies sehe ich gerade bei jungen Menschen, die auf den Bauernhof kommen und von Tag zu Tag immer offener und freier werden.“

Ein maßgeblicher Bestandteil dieses Prozesses ist der Kontakt zum Tier. Auch bei dieser Hoffahrt der Sarah Wiener Stiftung, von denen 2016 bundesweit knapp 150 Bauernhoffahrten mit Unterstützung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft durchgeführt wurden, zeigt sich einmal mehr, dass nicht nur Grundschulkinder, die die Hauptzielgruppe der Hoffahrten sind, Tiere für ihre geistig-emotionale Entwicklung benötigen. Bei den 14- bis 18-Jährigen FörderschülerInnen macht sich im Kälberstall, dem „Jugendklub“ des Hofes, stellenweise Panik breit, da manche Jugendliche noch nie eine Kuh angefasst haben. Auch für Neeruja ist das vor ihr stehende Kälbchen so exotisch wie ein Schneetiger. Am Ende siegt die Neugierde. Nach langer Beobachtungsphase führt sie, gemeinsam mit einer erwachsenen Begleiterin, ihre Hand zu den kleinen Hörnern des Tieres und ist erstaunt, wie warm die Hörner sind. Nach diesen Erlebnissen ist das Eis, trotz kalter Finger, gebrochen und die Stimmung gelöst. Beste Voraussetzung für Lehrer Max Landmann, seinen Beitrag zum Gelingen dieser Hoffahrt zu leisten. Mit leichter Hand stellt der Genussbotschafter der Sarah Wiener Stiftung für seine SchülerInnen immer wieder den Bezug zum Ursprung des Lebens und zu den Lebensmitteln her. Dort bricht er eine Pastinake, mit denen die Kälber gefüttert werden, auf und lässt seine Schützlinge daran schnuppern und beißt selbst herzhaft in das Wurzelgemüse, während er andernorts eine aufgeschnittene Rote Bete nutzt, um sie seinen schönheitsbewussten Schülerinnen als Rouge auf die Wange zu streichen.

Mehr Informationen zu den Kochkursen nach dem Konzept der Sarah Wiener Stiftung finden Sie hier.

Wenn Ihnen die Hoffahrten der Sarah Wiener Stiftung gefallen, können Sie die Hoffahrten mit einer Spende unterstützen. Weitere Infos gibt es hier.

Bericht und Fotos von Kerstin Ahrens (Sarah Wiener Stiftung).

15.12.2016
Neugierige Kälber als Wärmespender für kalte Kinderhände
Hoffahrt der Sarah Wiener Stiftung zum Dottenfelderhof

Die Weißfrauenschule aus Frankfurt besuchte im Dezember mit Unterstützung der Sarah Wiener Stiftung den biodynamischen Dottenfelderhof bei Frankfurt.

Max Landmann, Genussbotschafter der SWS, hat keine kalten Hände mehr – dafür sind sie jetzt nass.

„Jetzt hab ich warme Hände – im Gegensatz zu Euch!“ ruft Max Landmann, Lehrer an der Weißfrauenschule aus Frankfurt seinen Schülern zu und lacht. Denn seine rechte Hand droht gerade im Schlund eines anderthalb Wochen alten Kalbes zu verschwinden. Seine Schüler schauen verwundert, manche auch ein wenig angewidert zu. Fressen Kühe etwa Menschenfleisch? Oder wollen sie einfach, wie jedes Baby, an die Brust, bzw. den Euter ihrer Mutter? Fragen wie diese fliegen an einem neblig-kalten Morgen während der Hoffahrt der Sarah Wiener Stiftung zum Dottenfelderhof durch die Luft. Patricia Grimm, die dort jede Woche mit Verve und viel Herzblut Kinder und Jugendliche über den Demeter-Betrieb führt, beantwortet sie geduldig und sachkundig. Der ausgeprägte Saugreflex des Kälbchens gibt ihr Gelegenheit, den Schülern von einer Besonderheit des Hofes zu erzählen, der seit 1968 nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet wird: Die muttergebundene Kälberaufzucht, bei der die Kälber bis zum Alter von etwa drei Monaten zwei Mal täglich nach dem Melken ihre Mütter zum Trinken und zum Spielen treffen. Diese natürliche Aufzuchtmethode reduziert den Stress bei den Tieren und trägt zur Gesunderhaltung der Herde bei. Auf den meisten Bauernhöfen werden die Kälbchen üblicherweise bereits kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt.

Die Weißfrauenschule, eine Förderschule für Sprache, kommt schon seit mehreren Jahren mit Unterstützung der Sarah Wiener Stiftung regelmäßig auf den Dottenfelderhof. Gerade für seine Förderschüler seien außerschulische Lernorte eine wichtige Ergänzung zum Schulalltag, berichtet Max Landmann, der seit 2011 Kochkurse nach dem Konzept der Sarah Wiener Stiftung an seiner Schule anbietet. Für die Siebt- bis Zehntklässler, die im Wahlpflichtunterricht das Fach „Kochen“ gewählt haben, geht es sowohl beim Kochen als auch bei dem Besuch auf den Bauernhof um zwei Dinge: Da ist zum einen die Freude am körperlichen Einsatz im Kuhstall und am Arbeiten im Team, zum anderen bietet es ihnen aber auch die Möglichkeit einer Berufsorientierung.

Bei den Kälbern, die sich unversehens an jeder scheu hingehaltenen Hand festsaugen, treffen die 19 SchülerInnen aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel auf Tim Carlo, der wenig älter als sie selbst zu sein scheint und der offenbar keine Angst vor den aufdringlichen Tieren hat. Auf die Frage, warum er auf dem Bauernhof arbeitet, berichtet Tim Carlo, dass er nach der Schule etwas machen wollte, dass es ihm ermöglicht, selbst ganz praktisch für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Hierbei gehe es ihm darum, mitzuerleben, wie Lebensmittel entstehen und welche Freude und Anstrengung mit diesem Prozess verbunden sind.

Auch vor dem Stall muss alles sauber sein, bevor die Kühe zum Melken kommen.

Neben dem jungen Bundesfreiwilligendienstler teilen 150 weitere Menschen, die auf dem Dottenfelderhof arbeiten, dieses Interesse. Eine davon ist Margarethe Hinterlang, die seit 1984 auf dem Dottenfelderhof lebt und den Schulbauernhof aufgebaut und zu einem bundesweit beachteten Vorzeige-Projekt gemacht hat. Bei allen Angeboten des Schulbauernhofs gehe es, so Hinterlang, um die Frage, was der Mensch zum Leben braucht und in welcher Abhängigkeit er dabei zur Natur stehe: „Die Beschäftigung mit der Landwirtschaft leistet einen elementaren Beitrag zur Menschwerdung – dies sehe ich gerade bei jungen Menschen, die auf den Bauernhof kommen und von Tag zu Tag immer offener und freier werden.“

Ein maßgeblicher Bestandteil dieses Prozesses ist der Kontakt zum Tier. Auch bei dieser Hoffahrt der Sarah Wiener Stiftung, von denen 2016 bundesweit knapp 150 Bauernhoffahrten mit Unterstützung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft durchgeführt wurden, zeigt sich einmal mehr, dass nicht nur Grundschulkinder, die die Hauptzielgruppe der Hoffahrten sind, Tiere für ihre geistig-emotionale Entwicklung benötigen. Bei den 14- bis 18-Jährigen FörderschülerInnen macht sich im Kälberstall, dem „Jugendklub“ des Hofes, stellenweise Panik breit, da manche Jugendliche noch nie eine Kuh angefasst haben. Auch für Neeruja ist das vor ihr stehende Kälbchen so exotisch wie ein Schneetiger. Am Ende siegt die Neugierde. Nach langer Beobachtungsphase führt sie, gemeinsam mit einer erwachsenen Begleiterin, ihre Hand zu den kleinen Hörnern des Tieres und ist erstaunt, wie warm die Hörner sind. Nach diesen Erlebnissen ist das Eis, trotz kalter Finger, gebrochen und die Stimmung gelöst. Beste Voraussetzung für Lehrer Max Landmann, seinen Beitrag zum Gelingen dieser Hoffahrt zu leisten. Mit leichter Hand stellt der Genussbotschafter der Sarah Wiener Stiftung für seine SchülerInnen immer wieder den Bezug zum Ursprung des Lebens und zu den Lebensmitteln her. Dort bricht er eine Pastinake, mit denen die Kälber gefüttert werden, auf und lässt seine Schützlinge daran schnuppern und beißt selbst herzhaft in das Wurzelgemüse, während er andernorts eine aufgeschnittene Rote Bete nutzt, um sie seinen schönheitsbewussten Schülerinnen als Rouge auf die Wange zu streichen.

Mehr Informationen zu den Kochkursen nach dem Konzept der Sarah Wiener Stiftung finden Sie hier.

Wenn Ihnen die Hoffahrten der Sarah Wiener Stiftung gefallen, können Sie die Hoffahrten mit einer Spende unterstützen. Weitere Infos gibt es hier.

Bericht und Fotos von Kerstin Ahrens (Sarah Wiener Stiftung).