Der Bauer und Molker rechnet vor:

Milch muss 2 Euro kosten

01.06.2017
Kuh auf der Weide

Ludolf von MaltzanLudolf von Maltzan ist Bauer mit Leib und Seele. Damit nicht genug: Der Chef im Ökodorf Brodowin, dem größten deutschen Demeter-Betrieb im Landkreis Barnim in Brandenburg, ist auch stolzer Molkereibesitzer – der Milchkrise zum Trotz.

Direkt neben den Weideflächen liegt die hofeigene Meierei, in der frisch gemolkene Demeter-Milch von Brodowin und fünf anderen biodynamischen Höfen verarbeitet wird. Also kennt der 54-jährige die Facetten der Milchpreis- Politik wie kaum ein anderer. „Ich habe Verantwortung übernommen auch für andere Demeter- Milchbauern in unserer Region“, betont er. Rund vier Millionen Liter Demeter-Milch pro Jahr kommen zusammen, 1,6 Millionen Liter allein aus Brodowin. Also ist von Maltzan sowohl Lieferant als auch Abnehmer der einzigen größeren, ausschließlich biodynamisch ausgerichteten Molkerei der Republik. Im Gespräch Anfang Juni kann er noch stolz erklären, selbst in diesen harten Krisenzeiten rund um den Milchpreis standhaft geblieben zu sein. Er zahlt seinen Lieferanten nicht weniger als vor der Krise für den Liter Milch. Ob er auch jetzt, wenn das Journal im frühen Herbst erscheint, bei dieser an Nachhaltigkeit und Qualität orientierten Haltung bleiben kann, entscheiden nicht zuletzt die Konsument*innen. „Wir vertrauen in unseren Kundenstamm, den wir in 25 Jahren aufgebaut haben“, unterstreicht der Brodowin-Bauer im Jubiläumsjahr und spricht sich so vielleicht den Mut zu, den der Molker für Standhaftigkeit im Preiskampf braucht.

Seine Markt-Beobachtung lässt allerdings Sorgenfalten auf der hohen Stirn erscheinen. Der Abstand zwischen den Preisen für „normale“ Bio-Milch und Demeter-Milch wächst. „Jetzt muss sich zeigen, ob unsere Milchkäufer weiter dauerhaft zur inzwischen bis zu vierzig Cent teureren Brodowin-Milch greifen.“ Warum sollten sie das tun? Von Maltzan hat gute Argumente: „Unsere Kühe haben ein entspanntes Leben in der Herde, leben in luftigen hellen Ställen, bewegen sich frei, bekommen artgerecht überwiegend Raufutter vom eigenen Hof, also Heu und Grünzeug, tragen ihre Hörner wie von der Natur vorgesehen. Die Milch bleibt dank handwerklich gekonnter Verarbeitung so ursprünglich wie möglich, wird lediglich pasteurisiert und niemals homogenisiert. Das schmeckt man und sieht man am natürlichen Sahnepfropf.“

Was verdient die Kuh?

Sonne

Wesensgemässe Haltung

in meist kleineren Herden mit viel Platz im Stall und Auslauf

Kuh mit Hörnern

Körperliche
Unversehrtheit

also bleiben die Hörner dran

Getreide

Artgerechte Fütterung

mit reichlich Grünfutter, Heu und etwas Getreide vom eigenen Hof

Respekt!

Wer das Tier zum Wirtschaftsfaktor werden lässt, verliert die Achtung vor dem Lebewesen. Respekt vor den Tieren steht für Demeter-Bäuer*innen an erster Stelle.

Kuh auf der Weide

Den Milchpreis an der Qualität ausrichten

Die wenigsten wissen wohl, dass selbst im besten Fall vom Verkaufspreis gerade mal rund 50 Cent beim Brodowiner Milchlieferanten ankommen. „Ein Demeter-Bauer in Brandenburg braucht aber eigentlich 55 bis 60 Cent für den Liter, um zukunftsfähig zu sein“, hat von Maltzan akribisch durchgerechnet. In dieser trockenen Region muss für das Futter eben mehr investiert werden als in den Mittelgebirgen mit satten Weiden. „Ich brauche doppelt so viel Grünfläche wie die Kollegen an der Küste oder in Oberbayern.“ Zu den Kosten für den Bauern kommen in der Molkerei die Ausgaben für Verarbeitung, Abfüllung, Transport. Groß- und Einzelhandel setzen ihren Teil der Kalkulation drauf. „Eigentlich müsste unsere Milch 2 Euro pro Liter kosten“, fordert der Brodowiner entschlossen und glaubt dennoch nicht daran, ein solches Preisschild jemals am Kühlregal entdecken zu können.

Richtig viel gute Milch

Regionale Besonderheiten bestimmen die Kosten für die Milcherzeugung mit. Wo wenig wächst, ist die Futtererzeugung teurer.

25 Euro mehr im Jahr tun keinem weh und dem Bauern gut!

Statistiken gehen davon aus, dass der Durchschnittsdeutsche gut 50 Liter Milch pro Jahr verbraucht. Würde diese Ottilie Normalverbraucherin die fehlenden 50 Cent zum jetzigen Demeter-Milchpreis drauflegen, um die ersehnten 2 Euro pro Flasche zu erzielen, hätte sie gerade mal 25 Euro mehr ausgegeben – im Jahr! Dem biodynamischen Landwirt und Molker könnte diese Ausgabe als Einnahme das Überleben sichern.

Milch wird in Kaffeetasse gegossen

Beim Kaffeetrinken schon mal drüber nachgedacht, ob der Bauer für seine Milch den fairen Preis bekommen hat?

Tierisch gut – der Brodowin Milchhof


x 7.500 L = 1.650.000 L Milch pro Jahr


x 750 L = 210.000 L Milch pro Jahr

In der Brodowiner Meierei werden daraus frische Ziegentrinkmilch, Ziegenfrischkäse, Ziegenkäse in Salzlake, ein aromatischer Ziegenschnittkäse sowie von den Milchkühen frische Brodowiner Trinkmilch, Mozzarella, Sauerrahmbutter, Quark, Schnittkäse und der Rote Brodowiner, ein Weichkäse. Es gibt das alles und noch mehr nicht nur im Hofladen, auch im Lieferservice „Brodowiner Ökokorb“, der direkt ins Haus kommt, und in den Berliner und Brandenburger Naturkostläden.

Transparenz herstellen: Melker und Molker über die Schulter schauen

„Vielleicht zahlt sich meine bäuerliche Sturheit ja irgendwann mal aus“, lächelt Ludolf von Maltzan und lädt gern und kontinuierlich die Berliner*innen und Brandenburger*innen ins Ökodorf Brodowin. Dort können sie den Akteuren über die Schulter schauen und dank großer Glasfassade dabei sein, wenn in der Meierei Milch, Joghurt, Mozzarella hergestellt werden. Sie sehen dann, wie viel traditionelle Handarbeit gepflegt wird. Diese Transparenz überzeugt. „Wir legen besonderen Wert auf die schonende und sorgfältige Herstellung unserer Molkereiprodukte, denn Milch ist ein sensibles Frischeprodukt, das umso besser schmeckt, je schonender es bei der Verarbeitung behandelt wird. Bei der Herstellung unserer frischen Trinkmilch verzichten wir ganz bewusst auf das Homogenisieren. Nur so können wir den natürlich-ursprünglichen Geschmack unserer guten Demeter-Milch bewahren“, erfahren sie beim Rundgang – und erleben sie beim Probieren.

Mehr Demeter-Milch ist gewollt – und ein Risiko

Die Nachfrage nach Bio- und Demeter-Milch wächst. Der Zuwachs an Höfen, die auf biodynamisch umstellen, könnte also größer sein. Interesse ist da, weiß Ludolf von Maltzan. Einerseits freut er sich darüber, denn Wachstum für die Demeter-Gemeinschaft ist genau in seinem Sinne. Andererseits kann, wie der konventionelle Milchmarkt gerade beweist, ein Mengendruck zum Preisverfall führen. „Wenn Auszahlungspreise für Bauern dann sinken, rechnen sich Kosten für größere Ställe, mehr Zeit für Herdenbetreuung, wesensgemäßes Futter und die niedrigeren Milchleistungen nicht mehr.“

Dieser Artikel erschien im Demeter Journal 31 im Herbst 2016.

 
01.06.2017
Milch muss 2 Euro kosten
Der Bauer und Molker rechnet vor:

Ludolf von MaltzanLudolf von Maltzan ist Bauer mit Leib und Seele. Damit nicht genug: Der Chef im Ökodorf Brodowin, dem größten deutschen Demeter-Betrieb im Landkreis Barnim in Brandenburg, ist auch stolzer Molkereibesitzer – der Milchkrise zum Trotz.

Direkt neben den Weideflächen liegt die hofeigene Meierei, in der frisch gemolkene Demeter-Milch von Brodowin und fünf anderen biodynamischen Höfen verarbeitet wird. Also kennt der 54-jährige die Facetten der Milchpreis- Politik wie kaum ein anderer. „Ich habe Verantwortung übernommen auch für andere Demeter- Milchbauern in unserer Region“, betont er. Rund vier Millionen Liter Demeter-Milch pro Jahr kommen zusammen, 1,6 Millionen Liter allein aus Brodowin. Also ist von Maltzan sowohl Lieferant als auch Abnehmer der einzigen größeren, ausschließlich biodynamisch ausgerichteten Molkerei der Republik. Im Gespräch Anfang Juni kann er noch stolz erklären, selbst in diesen harten Krisenzeiten rund um den Milchpreis standhaft geblieben zu sein. Er zahlt seinen Lieferanten nicht weniger als vor der Krise für den Liter Milch. Ob er auch jetzt, wenn das Journal im frühen Herbst erscheint, bei dieser an Nachhaltigkeit und Qualität orientierten Haltung bleiben kann, entscheiden nicht zuletzt die Konsument*innen. „Wir vertrauen in unseren Kundenstamm, den wir in 25 Jahren aufgebaut haben“, unterstreicht der Brodowin-Bauer im Jubiläumsjahr und spricht sich so vielleicht den Mut zu, den der Molker für Standhaftigkeit im Preiskampf braucht.

Seine Markt-Beobachtung lässt allerdings Sorgenfalten auf der hohen Stirn erscheinen. Der Abstand zwischen den Preisen für „normale“ Bio-Milch und Demeter-Milch wächst. „Jetzt muss sich zeigen, ob unsere Milchkäufer weiter dauerhaft zur inzwischen bis zu vierzig Cent teureren Brodowin-Milch greifen.“ Warum sollten sie das tun? Von Maltzan hat gute Argumente: „Unsere Kühe haben ein entspanntes Leben in der Herde, leben in luftigen hellen Ställen, bewegen sich frei, bekommen artgerecht überwiegend Raufutter vom eigenen Hof, also Heu und Grünzeug, tragen ihre Hörner wie von der Natur vorgesehen. Die Milch bleibt dank handwerklich gekonnter Verarbeitung so ursprünglich wie möglich, wird lediglich pasteurisiert und niemals homogenisiert. Das schmeckt man und sieht man am natürlichen Sahnepfropf.“

Was verdient die Kuh?

Sonne

Wesensgemässe Haltung

in meist kleineren Herden mit viel Platz im Stall und Auslauf

Kuh mit Hörnern

Körperliche
Unversehrtheit

also bleiben die Hörner dran

Getreide

Artgerechte Fütterung

mit reichlich Grünfutter, Heu und etwas Getreide vom eigenen Hof

Respekt!

Wer das Tier zum Wirtschaftsfaktor werden lässt, verliert die Achtung vor dem Lebewesen. Respekt vor den Tieren steht für Demeter-Bäuer*innen an erster Stelle.

Kuh auf der Weide

Den Milchpreis an der Qualität ausrichten

Die wenigsten wissen wohl, dass selbst im besten Fall vom Verkaufspreis gerade mal rund 50 Cent beim Brodowiner Milchlieferanten ankommen. „Ein Demeter-Bauer in Brandenburg braucht aber eigentlich 55 bis 60 Cent für den Liter, um zukunftsfähig zu sein“, hat von Maltzan akribisch durchgerechnet. In dieser trockenen Region muss für das Futter eben mehr investiert werden als in den Mittelgebirgen mit satten Weiden. „Ich brauche doppelt so viel Grünfläche wie die Kollegen an der Küste oder in Oberbayern.“ Zu den Kosten für den Bauern kommen in der Molkerei die Ausgaben für Verarbeitung, Abfüllung, Transport. Groß- und Einzelhandel setzen ihren Teil der Kalkulation drauf. „Eigentlich müsste unsere Milch 2 Euro pro Liter kosten“, fordert der Brodowiner entschlossen und glaubt dennoch nicht daran, ein solches Preisschild jemals am Kühlregal entdecken zu können.

Richtig viel gute Milch

Regionale Besonderheiten bestimmen die Kosten für die Milcherzeugung mit. Wo wenig wächst, ist die Futtererzeugung teurer.

25 Euro mehr im Jahr tun keinem weh und dem Bauern gut!

Statistiken gehen davon aus, dass der Durchschnittsdeutsche gut 50 Liter Milch pro Jahr verbraucht. Würde diese Ottilie Normalverbraucherin die fehlenden 50 Cent zum jetzigen Demeter-Milchpreis drauflegen, um die ersehnten 2 Euro pro Flasche zu erzielen, hätte sie gerade mal 25 Euro mehr ausgegeben – im Jahr! Dem biodynamischen Landwirt und Molker könnte diese Ausgabe als Einnahme das Überleben sichern.

Milch wird in Kaffeetasse gegossen

Beim Kaffeetrinken schon mal drüber nachgedacht, ob der Bauer für seine Milch den fairen Preis bekommen hat?

Tierisch gut – der Brodowin Milchhof


x 7.500 L = 1.650.000 L Milch pro Jahr


x 750 L = 210.000 L Milch pro Jahr

In der Brodowiner Meierei werden daraus frische Ziegentrinkmilch, Ziegenfrischkäse, Ziegenkäse in Salzlake, ein aromatischer Ziegenschnittkäse sowie von den Milchkühen frische Brodowiner Trinkmilch, Mozzarella, Sauerrahmbutter, Quark, Schnittkäse und der Rote Brodowiner, ein Weichkäse. Es gibt das alles und noch mehr nicht nur im Hofladen, auch im Lieferservice „Brodowiner Ökokorb“, der direkt ins Haus kommt, und in den Berliner und Brandenburger Naturkostläden.

Transparenz herstellen: Melker und Molker über die Schulter schauen

„Vielleicht zahlt sich meine bäuerliche Sturheit ja irgendwann mal aus“, lächelt Ludolf von Maltzan und lädt gern und kontinuierlich die Berliner*innen und Brandenburger*innen ins Ökodorf Brodowin. Dort können sie den Akteuren über die Schulter schauen und dank großer Glasfassade dabei sein, wenn in der Meierei Milch, Joghurt, Mozzarella hergestellt werden. Sie sehen dann, wie viel traditionelle Handarbeit gepflegt wird. Diese Transparenz überzeugt. „Wir legen besonderen Wert auf die schonende und sorgfältige Herstellung unserer Molkereiprodukte, denn Milch ist ein sensibles Frischeprodukt, das umso besser schmeckt, je schonender es bei der Verarbeitung behandelt wird. Bei der Herstellung unserer frischen Trinkmilch verzichten wir ganz bewusst auf das Homogenisieren. Nur so können wir den natürlich-ursprünglichen Geschmack unserer guten Demeter-Milch bewahren“, erfahren sie beim Rundgang – und erleben sie beim Probieren.

Mehr Demeter-Milch ist gewollt – und ein Risiko

Die Nachfrage nach Bio- und Demeter-Milch wächst. Der Zuwachs an Höfen, die auf biodynamisch umstellen, könnte also größer sein. Interesse ist da, weiß Ludolf von Maltzan. Einerseits freut er sich darüber, denn Wachstum für die Demeter-Gemeinschaft ist genau in seinem Sinne. Andererseits kann, wie der konventionelle Milchmarkt gerade beweist, ein Mengendruck zum Preisverfall führen. „Wenn Auszahlungspreise für Bauern dann sinken, rechnen sich Kosten für größere Ställe, mehr Zeit für Herdenbetreuung, wesensgemäßes Futter und die niedrigeren Milchleistungen nicht mehr.“

Dieser Artikel erschien im Demeter Journal 31 im Herbst 2016.