Martin Ott und sein Leben im Rhythmus der Kühe

Wenn Geist und Seele auf Materie treffen

Martin Ott und sein Leben im Rhythmus der Kühe

11.04.2013

Martin Ott ist Landwirt auf Gut Rheinau im Kanton Zürich, dem größten Demeter-Betrieb der Schweiz. Er betreut die 100-köpfige Milchviehherde und hat mit seinem Buch „Kühe verstehen - eine neue Partnerschaft beginnt" (Faro) den Blick geweitet für einen wesensge­mäßen Umgang mit Tieren, die individuelle Lebewesen sind, keine Milch- oder Fleischma­schinen. Dabei geht es auf Rheinau und im Buch durchaus pragmatisch zu - aber immer mit Respekt vor dem Tier. Wie erlebt der 57-jährige Biodynamiker die Lebensrhythmen der großen Wiederkäuer, wie gestaltet er sie für seine Herde?

Ott sagt: „Entscheidend für uns hier in Rheinau ist erst ein­mal die Frage ,Was ist Leben?'." Leben entsteht, wenn Geist und Seele auf Materie treffen. Welche Bedeutung hat dabei der Rhythmus? Er bewirkt, grob gesagt, die Öffnung der Materie für den Geist. Also müssen wir schauen: Welche Bedin­gungen braucht es, damit Leben in diesem Sinne entstehen kann? Viel Leben, gutes Leben. Für Kühe ist, wie für kaum ein anderes Tier, der Sonnenrhythmus prägend. Der steht ja für Punkt und Umkreis - nichts anderes zeigt sich vom Wie­derkäuen bis zum Kuhfladen. Und die Sonnenkräfte prägen die Ich-Kräfte - genau diese stellt die Kuh für die Pflanzen durch ihren Dünger bereit und lässt zugleich, wenn sie Pflan­zennahrung in Milch und Fleisch verwandelt, Menschen dar­an teilnehmen." Im Grunde ermöglicht die Kuh nach Martin Otts Philosophie dem Menschen die Sesshaftigkeit, weil sie durch Fressen und Verdauen eine Auseinandersetzung mit dem Standort führt. Sie entwickelt so Würde für den Stand­ort und prägt das Leben der Hofindividualität. „Das ist die eigentliche Aufgabe der Kuh - und dies zu erkennen, das ist unsere Aufgabe", betont der Schweizer voller Überzeugung.

Überall, wo Grenzen in Systemen auftauchen - zum Beispiel am Waldrand, am Ufer eines Bachs -, beginnt es zu ziselieren, entsteht so etwas wie eine eigene Melodie, voller Lebendigkeit wie sonst nirgendwo. Darin sieht Ott ein Vorbild für die Ge­staltung von Rhythmen, von Leben. „Nur wenn es gelingt, eine Einladung an das Geistige zu kreieren - und dabei zu schauen, welches Geistige laden wir ein, sind wir im Kern biodynamische Gestalter", meint er. Und um Qualität in den Rhythmen zu entwickeln, ist ein bisschen Chaos wichtig. Ein starrer Rhythmus steht für Maschinen, nicht für das Lebendi­ge. Auch der Lebensrhythmus der Kuhherde braucht ein biss­chen Chaos, um lebendig und gesund zu sein. Otts Beobach­tung: „Wenn wir zum Beispiel den Verdauungsrhythmus der Kühe analysieren, sehen wir drei Gruppen.

Ein wenig Chaos muss sein

Bei der einen fällt der Kuhfladen ausrechenbar in einem starren Rhythmus. Bei der zweiten Gruppe wird völlig chaotisch geschissen und bei der dritten Gruppe zeigt sich ein wiederkehrender Rhythmus, der jedoch eine gewisse Flexibilität und Anpassungsfähigkeit hat." Die gesündesten Kühe sind - welche Überraschung - die in der dritten Gruppe.

Mit der Seele der Kuh tritt der Mensch laut Ott am ehesten in Kontakt durch die bewusste, rhythmische Gestaltung ihrer Fress-, Wiederkau- und Ruhezeiten sowie die Nahrungsangebote selbst. „Der Wille der Kuh verbindet sich über die Ver­dauungsrhythmen mit dem Willen des Menschen, so entsteht die Kultur der Milchviehhaltung", ist für Martin Ott klar. Weil Kühe eben keine Maschinen sind, die immer jahraus, jahrein dasselbe Gemisch bekommen, sollten sie ein vielfältig abgestimmtes Futterangebot erhalten. Die wertvollen Ome­ga-Fettsäuren kommen eben genau dank der kleinen differenzierten Futterangebote, wie sie in der Natur durch die Witterung entstehen, in die Milch. „Wir müssen also einen lebendigen Futterrhythmus für die Kuhherde gestalten, keinen maschinellen. Ich nenne es einen offenen Rhythmus", so Ott.

Auf Gut Rheinau gehen die Kühe in der Fruchtfolge mit, so ­dass ihre Weiden jedes Jahr an einem anderen Ort liegen. „Wir könnten das nun dem Zufall überlassen oder eben bewusst gestalten. Da schauen wir darauf, dass die Kühe in den elf Jah­ren der Fruchtfolge zuerst nah am Betrieb weiden, dann suk­zessive weiter vom Hof weggehen und in den nächsten Jahren wieder näher zum Stall wandern. Im Stall sorgen wir dafür, dass sich die Kühe nicht in strengen Linien hinlegen müssen, sondern dank baulicher Optimierung ein Leben in Gruppen führen. So können sie Zentrum und periphere Zonen im So­zialen erleben, wie sie das auf der Weide sofort tun, wenn sie den Platz dafür haben", erläutert der Kuhversteher seinen aus Beobachtungen entwickelten Plan. Der Rhythmus der Kühe hat natürlich auch Wirkung auf den Kuhhalter. „Der Lebens­rhythmus der Kuh ist in meinen eigenen Tagesrhythmus in­tegriert", verrät Martin Ott und spürt: „Das führt beim Men­schen zu Gleichmaß und Kraft." Sogar therapeutisch kann das genutzt werden. Wer seine Zeit mit Kühen verbringt, ist demnach zufriedener - er bringt sein eigenes Metronom in harmonischen Schwung, wie Ott es nennt. Sicherlich hat er dabei den Klang der für die Schweiz typischen Kuhglocken im Ohr. „Wenn man mit Kühen geht, die alle rhythmisch ihre Glocken bewegen, kommt instinktiv die Lust, dazu eine Melodie zu singen, diesen wunderbaren lebensvollen Takt mit menschlicher Fantasie und Melodie aus vollem Herzen zu begleiten." Schöner kann Martin Ott die richtige Kuhkultur doch nicht beschreiben.

Martin Ott und sein Leben im Rhythmus der Kühe
Wenn Geist und Seele auf Materie treffen

Martin Ott ist Landwirt auf Gut Rheinau im Kanton Zürich, dem größten Demeter-Betrieb der Schweiz. Er betreut die 100-köpfige Milchviehherde und hat mit seinem Buch „Kühe verstehen - eine neue Partnerschaft beginnt" (Faro) den Blick geweitet für einen wesensge­mäßen Umgang mit Tieren, die individuelle Lebewesen sind, keine Milch- oder Fleischma­schinen. Dabei geht es auf Rheinau und im Buch durchaus pragmatisch zu - aber immer mit Respekt vor dem Tier. Wie erlebt der 57-jährige Biodynamiker die Lebensrhythmen der großen Wiederkäuer, wie gestaltet er sie für seine Herde?

Ott sagt: „Entscheidend für uns hier in Rheinau ist erst ein­mal die Frage ,Was ist Leben?'." Leben entsteht, wenn Geist und Seele auf Materie treffen. Welche Bedeutung hat dabei der Rhythmus? Er bewirkt, grob gesagt, die Öffnung der Materie für den Geist. Also müssen wir schauen: Welche Bedin­gungen braucht es, damit Leben in diesem Sinne entstehen kann? Viel Leben, gutes Leben. Für Kühe ist, wie für kaum ein anderes Tier, der Sonnenrhythmus prägend. Der steht ja für Punkt und Umkreis - nichts anderes zeigt sich vom Wie­derkäuen bis zum Kuhfladen. Und die Sonnenkräfte prägen die Ich-Kräfte - genau diese stellt die Kuh für die Pflanzen durch ihren Dünger bereit und lässt zugleich, wenn sie Pflan­zennahrung in Milch und Fleisch verwandelt, Menschen dar­an teilnehmen." Im Grunde ermöglicht die Kuh nach Martin Otts Philosophie dem Menschen die Sesshaftigkeit, weil sie durch Fressen und Verdauen eine Auseinandersetzung mit dem Standort führt. Sie entwickelt so Würde für den Stand­ort und prägt das Leben der Hofindividualität. „Das ist die eigentliche Aufgabe der Kuh - und dies zu erkennen, das ist unsere Aufgabe", betont der Schweizer voller Überzeugung.

Überall, wo Grenzen in Systemen auftauchen - zum Beispiel am Waldrand, am Ufer eines Bachs -, beginnt es zu ziselieren, entsteht so etwas wie eine eigene Melodie, voller Lebendigkeit wie sonst nirgendwo. Darin sieht Ott ein Vorbild für die Ge­staltung von Rhythmen, von Leben. „Nur wenn es gelingt, eine Einladung an das Geistige zu kreieren - und dabei zu schauen, welches Geistige laden wir ein, sind wir im Kern biodynamische Gestalter", meint er. Und um Qualität in den Rhythmen zu entwickeln, ist ein bisschen Chaos wichtig. Ein starrer Rhythmus steht für Maschinen, nicht für das Lebendi­ge. Auch der Lebensrhythmus der Kuhherde braucht ein biss­chen Chaos, um lebendig und gesund zu sein. Otts Beobach­tung: „Wenn wir zum Beispiel den Verdauungsrhythmus der Kühe analysieren, sehen wir drei Gruppen.

Ein wenig Chaos muss sein

Bei der einen fällt der Kuhfladen ausrechenbar in einem starren Rhythmus. Bei der zweiten Gruppe wird völlig chaotisch geschissen und bei der dritten Gruppe zeigt sich ein wiederkehrender Rhythmus, der jedoch eine gewisse Flexibilität und Anpassungsfähigkeit hat." Die gesündesten Kühe sind - welche Überraschung - die in der dritten Gruppe.

Mit der Seele der Kuh tritt der Mensch laut Ott am ehesten in Kontakt durch die bewusste, rhythmische Gestaltung ihrer Fress-, Wiederkau- und Ruhezeiten sowie die Nahrungsangebote selbst. „Der Wille der Kuh verbindet sich über die Ver­dauungsrhythmen mit dem Willen des Menschen, so entsteht die Kultur der Milchviehhaltung", ist für Martin Ott klar. Weil Kühe eben keine Maschinen sind, die immer jahraus, jahrein dasselbe Gemisch bekommen, sollten sie ein vielfältig abgestimmtes Futterangebot erhalten. Die wertvollen Ome­ga-Fettsäuren kommen eben genau dank der kleinen differenzierten Futterangebote, wie sie in der Natur durch die Witterung entstehen, in die Milch. „Wir müssen also einen lebendigen Futterrhythmus für die Kuhherde gestalten, keinen maschinellen. Ich nenne es einen offenen Rhythmus", so Ott.

Auf Gut Rheinau gehen die Kühe in der Fruchtfolge mit, so ­dass ihre Weiden jedes Jahr an einem anderen Ort liegen. „Wir könnten das nun dem Zufall überlassen oder eben bewusst gestalten. Da schauen wir darauf, dass die Kühe in den elf Jah­ren der Fruchtfolge zuerst nah am Betrieb weiden, dann suk­zessive weiter vom Hof weggehen und in den nächsten Jahren wieder näher zum Stall wandern. Im Stall sorgen wir dafür, dass sich die Kühe nicht in strengen Linien hinlegen müssen, sondern dank baulicher Optimierung ein Leben in Gruppen führen. So können sie Zentrum und periphere Zonen im So­zialen erleben, wie sie das auf der Weide sofort tun, wenn sie den Platz dafür haben", erläutert der Kuhversteher seinen aus Beobachtungen entwickelten Plan. Der Rhythmus der Kühe hat natürlich auch Wirkung auf den Kuhhalter. „Der Lebens­rhythmus der Kuh ist in meinen eigenen Tagesrhythmus in­tegriert", verrät Martin Ott und spürt: „Das führt beim Men­schen zu Gleichmaß und Kraft." Sogar therapeutisch kann das genutzt werden. Wer seine Zeit mit Kühen verbringt, ist demnach zufriedener - er bringt sein eigenes Metronom in harmonischen Schwung, wie Ott es nennt. Sicherlich hat er dabei den Klang der für die Schweiz typischen Kuhglocken im Ohr. „Wenn man mit Kühen geht, die alle rhythmisch ihre Glocken bewegen, kommt instinktiv die Lust, dazu eine Melodie zu singen, diesen wunderbaren lebensvollen Takt mit menschlicher Fantasie und Melodie aus vollem Herzen zu begleiten." Schöner kann Martin Ott die richtige Kuhkultur doch nicht beschreiben.