Von Clara und ihren 50000 Kaubewegungen

Der Bauer, das unbekannte Wesen

Von Clara und ihren 50000 Kaubewegungen

11.04.2013

Viele Menschen wissen heute besser darüber Bescheid, was in der Werkstatt mit ihrem Auto ge­macht wird, als darüber, wie unsere Nahrungsmittel entstehen. Immer mehr verantwortungsvolle Konsumentinnen legen jedoch Wert darauf, dass die Tiere, welche ihnen Nahrung spenden, ein gutes Leben haben. Wie ergeht es eigentlich den Kühen auf Demeter-Höfen?

Mit vollem Mund - pardon: Maul - spricht man ja bekannt­lich nicht, aber für mich als Kuh wird's dann schwer, über­haupt mal zu Wort zu kommen. Schließlich ist mein Tag gut gefüllt mit mehr als 50.000 Kaubewegungen. Aber erst mal stelle ich mich vor: Clara, eine der 15.846 biodynamischen Milchkühe auf deutschen Demeter-Höfen. Zusammen mit 34 Kolleginnen lebe ich hier in einem großen Stall mit Au­ßenplatz. Auch die Wiesen sind ganz nah. Am liebsten liege ich bequem, träume in mich rein und kaue Pflanzenbrei – wieder und wieder, bin ja ein Wiederkäuer. Mein Bauer sagt, ich sei ein richtiges Wunderwerk. Nur mir und meinen Art­genossinnen gelingt es, das für andere Tierarten (inklusive der Spezies Mensch) unverdauliche Futter mit viel Rohfaser in wertvolle Lebensmittel zu verwandeln. Wir sind also richtige Zauberkünstler. Zaubern kann ich nämlich in mir drin, in meinem großen Verdauungstrakt. Da blubbert und kollert es so richtig laut, das sind alles Zaubersprüche.

Mit vier Mägen und 60 Meter Darm ausgestattet

Immerhin habe ich dafür vier Mägen - Pansen, Netz-, Blät­ter- und Labmagen. Da passen insgesamt locker 230 Liter Pflanzenbrei rein. Und mein Darm ist auch nicht so ohne, rund 60 Meter lang. Damit alles gut flutscht, brauch ich jeden Tag 110 bis 180 Liter Speichel. Und um den bereitzustellen, muss ich viel trinken. Jetzt im Sommer können das schon mal 150 Liter am Tag werden - 25 Liter pro Minute gluckern da durch meine Speiseröhre.

Mein Lieblingsessen? Natürlich das kräuterreiche satte Grün direkt auf der Sommerwiese. Morgens zupfe ich da am liebsten erst mal das Gras, gegen Abend suche ich mir dann die aromatischen Kräuter. Im Winter mag ich es ge­trocknet als duftendes Heu gemütlich im Stall knurbseln oder die Silage, gesäuert wie Ihr gesundes Sauerkraut. Ab und zu ein paar Rüben dazu oder die kräftigen Legumi­nosen, hmmm. Hier bei uns auf dem Demeter-Hof achtet mein Bauer natürlich darauf, dass ich nicht mit Kraftfutter voll gestopft werde. Er hat mir erzählt, dass es inzwischen Kühe gibt, die so viel Getreide und Sojaschrot fressen müs­sen, um immer mehr Milch zu geben, dass sie manchmal sogar Probleme mit den Bakterien im Pansen bekommen. Bakterien sind nichts Schlimmes. Sie helfen mir, die Zellu­lose, also die Rohfaser aus Gras und Heu, aufzuspalten. Nur meine Bakterien produzieren die Zellulase, die das kann. Außerdem kommen die anderen kleinen Tierchen - okay, wir nennen sie Bakterien — und bauen Eiweiß und die Koh­lenhydrate Stärke und Zucker ab, damit ich genug Energie habe. Die brauch ich, denn aus den rund 100 Kilo Futter am Tag produziere ich schnell mal fast 30 Liter Milch. Da kommen zwischen 5.000 und 6.000 Liter richtig gute Milch pro Jahr zusammen. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

Kühe würden Grün wählen

Weil bei Demeter 100 Prozent Bio-Futter und das meiste da­von vom eigenen Hof ist, brauch ich mir keine Sorgen zu machen. Mein Bauer weiß immer, was bei mir im Trog ist. Deshalb schmeckt meine Milch auch am besten, so schön sahnig - ganz ohne Angeberei darf ich das behaupten, sagt er. Sie verstehen sicherlich, dass ich neben Futtern, Wiederkäu­en und Trinken nicht mehr viel Zeit für anderes hab. Aber schön ist immer, wenn unsere Herde gemeinsam in der Son­ne döst. Manche liegen, andere stehen - und der Stier hält Wache. Zu unserer Herde gehört der Chef dazu, das ist nicht überall so. Tja, dem werfe ich schon mal schmachtende Bli­cke zu, aber nur wenn ich brünstig bin. Neun Monate später bekomme ich dann mein Kalb. Ich bin jetzt zehn und habe schon sieben gesunde Kälbchen geboren. Vier Mädels durf­ten hier auf dem Hof bleiben. Mit denen hab ich nie Zoff, aber mit Liese schon mal. In unserer Herde wissen alle, wer was darf und wer die Leitkuh ist. Nur selten gibt es Zoff. An unseren Hörnern orientieren wir uns und wissen dann, wer was zu sagen hat. Letztens war ich gerade so ein bisschen am Wegträumen und hab Liese zu spät bemerkt. Da hat sie mich doch glatt in die Seite geboxt, weil ich ihr den Weg nicht sofort frei gemacht hab.

Das Horn wächst lebenslang mit

Nur selten brauchen wir die Hörner, aber zum Kämpfen. Meist rangeln wir nur mit unseren breiten Stirnen so lan­ge, bis die Schwächere weggedrückt wird. Damit ich keine schmerzhafte Prellung bekomm, hat mir mein Bauer gleich Globuli gegeben - homöopathische Heilmittel. Hörner sind für uns Kühe ganz wichtig, aber weniger zum Kämpfen als zum Kommunizieren. Manchmal dürfen die Kinder, die so gern auf den Hof zu Besuch kommen, sie sogar mal anfassen. Die sind dann immer total aufgeregt, wie warm mein Horn ist. Na klar, ist ja auch gut durchblutet und sehr lebendig. Es wächst mein ganzes Leben lang mit. Jedenfalls bin ich heil­froh, dass Demeter-Bauern uns Kühen die Hörner lassen. Was andere Rinder da alles aushalten müssen - abgesägt werden die stolzen Kronen, weggeätzt, bevor sie sich richtig entfal­ten können, aua! Selbst wenn wir geschlachtet werden, dient das Horn noch dem biodynamischen Bauern. Damit wird nämlich Hornmistpräparat hergestellt. Unser frischer Mist kommt da rein, wird samt Horn vergraben und sechs Mo­nate später wieder ausgebuddelt und mit Wasser verrührt -dynamisiert - damit Wiesen und Äcker fein damit besprüht werden können. Das macht den Boden fruchtbar und das Pflanzenwachstum harmonisch, haben Wissenschaftler her­ausgefunden. Mir reicht eigentlich, dass unsere Weiden da­durch so schön vielfältig werden - ideale Speisekammer für hungrige Kühe wie mich. Ich fress mich durch den ganzen Betrieb, sagt der Chef dann und meint natürlich, wie wichtig ich und mein guter Mist für den individuellen Hoforganis­mus sind. Der ist nämlich das Idealbild bei Demeter - und ohne mich läuft da gar nix. Deshalb könnte ich noch viel erzählen, als auf eine Kuhhaut geht ... aber jetzt muss ich in den Melkstand, damit mein Euter wieder leer wird und ich meine kleine Ration Kraftfutter verspeisen kann. Wenn Sie mich mal kennen lernen wollen, kommen Sie einfach mal vorbei. Jetzt im Sommer sind viele Hoffeste bei den Deme­ter-Bauern, da treffen Sie dann mich und meine Kolleginnen bei der Arbeit. Und wer uns dann verstehen lernt, wird nie wieder „dumme Kuh" schimpfen ...

Von Clara und ihren 50000 Kaubewegungen
Der Bauer, das unbekannte Wesen

Viele Menschen wissen heute besser darüber Bescheid, was in der Werkstatt mit ihrem Auto ge­macht wird, als darüber, wie unsere Nahrungsmittel entstehen. Immer mehr verantwortungsvolle Konsumentinnen legen jedoch Wert darauf, dass die Tiere, welche ihnen Nahrung spenden, ein gutes Leben haben. Wie ergeht es eigentlich den Kühen auf Demeter-Höfen?

Mit vollem Mund - pardon: Maul - spricht man ja bekannt­lich nicht, aber für mich als Kuh wird's dann schwer, über­haupt mal zu Wort zu kommen. Schließlich ist mein Tag gut gefüllt mit mehr als 50.000 Kaubewegungen. Aber erst mal stelle ich mich vor: Clara, eine der 15.846 biodynamischen Milchkühe auf deutschen Demeter-Höfen. Zusammen mit 34 Kolleginnen lebe ich hier in einem großen Stall mit Au­ßenplatz. Auch die Wiesen sind ganz nah. Am liebsten liege ich bequem, träume in mich rein und kaue Pflanzenbrei – wieder und wieder, bin ja ein Wiederkäuer. Mein Bauer sagt, ich sei ein richtiges Wunderwerk. Nur mir und meinen Art­genossinnen gelingt es, das für andere Tierarten (inklusive der Spezies Mensch) unverdauliche Futter mit viel Rohfaser in wertvolle Lebensmittel zu verwandeln. Wir sind also richtige Zauberkünstler. Zaubern kann ich nämlich in mir drin, in meinem großen Verdauungstrakt. Da blubbert und kollert es so richtig laut, das sind alles Zaubersprüche.

Mit vier Mägen und 60 Meter Darm ausgestattet

Immerhin habe ich dafür vier Mägen - Pansen, Netz-, Blät­ter- und Labmagen. Da passen insgesamt locker 230 Liter Pflanzenbrei rein. Und mein Darm ist auch nicht so ohne, rund 60 Meter lang. Damit alles gut flutscht, brauch ich jeden Tag 110 bis 180 Liter Speichel. Und um den bereitzustellen, muss ich viel trinken. Jetzt im Sommer können das schon mal 150 Liter am Tag werden - 25 Liter pro Minute gluckern da durch meine Speiseröhre.

Mein Lieblingsessen? Natürlich das kräuterreiche satte Grün direkt auf der Sommerwiese. Morgens zupfe ich da am liebsten erst mal das Gras, gegen Abend suche ich mir dann die aromatischen Kräuter. Im Winter mag ich es ge­trocknet als duftendes Heu gemütlich im Stall knurbseln oder die Silage, gesäuert wie Ihr gesundes Sauerkraut. Ab und zu ein paar Rüben dazu oder die kräftigen Legumi­nosen, hmmm. Hier bei uns auf dem Demeter-Hof achtet mein Bauer natürlich darauf, dass ich nicht mit Kraftfutter voll gestopft werde. Er hat mir erzählt, dass es inzwischen Kühe gibt, die so viel Getreide und Sojaschrot fressen müs­sen, um immer mehr Milch zu geben, dass sie manchmal sogar Probleme mit den Bakterien im Pansen bekommen. Bakterien sind nichts Schlimmes. Sie helfen mir, die Zellu­lose, also die Rohfaser aus Gras und Heu, aufzuspalten. Nur meine Bakterien produzieren die Zellulase, die das kann. Außerdem kommen die anderen kleinen Tierchen - okay, wir nennen sie Bakterien — und bauen Eiweiß und die Koh­lenhydrate Stärke und Zucker ab, damit ich genug Energie habe. Die brauch ich, denn aus den rund 100 Kilo Futter am Tag produziere ich schnell mal fast 30 Liter Milch. Da kommen zwischen 5.000 und 6.000 Liter richtig gute Milch pro Jahr zusammen. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

Kühe würden Grün wählen

Weil bei Demeter 100 Prozent Bio-Futter und das meiste da­von vom eigenen Hof ist, brauch ich mir keine Sorgen zu machen. Mein Bauer weiß immer, was bei mir im Trog ist. Deshalb schmeckt meine Milch auch am besten, so schön sahnig - ganz ohne Angeberei darf ich das behaupten, sagt er. Sie verstehen sicherlich, dass ich neben Futtern, Wiederkäu­en und Trinken nicht mehr viel Zeit für anderes hab. Aber schön ist immer, wenn unsere Herde gemeinsam in der Son­ne döst. Manche liegen, andere stehen - und der Stier hält Wache. Zu unserer Herde gehört der Chef dazu, das ist nicht überall so. Tja, dem werfe ich schon mal schmachtende Bli­cke zu, aber nur wenn ich brünstig bin. Neun Monate später bekomme ich dann mein Kalb. Ich bin jetzt zehn und habe schon sieben gesunde Kälbchen geboren. Vier Mädels durf­ten hier auf dem Hof bleiben. Mit denen hab ich nie Zoff, aber mit Liese schon mal. In unserer Herde wissen alle, wer was darf und wer die Leitkuh ist. Nur selten gibt es Zoff. An unseren Hörnern orientieren wir uns und wissen dann, wer was zu sagen hat. Letztens war ich gerade so ein bisschen am Wegträumen und hab Liese zu spät bemerkt. Da hat sie mich doch glatt in die Seite geboxt, weil ich ihr den Weg nicht sofort frei gemacht hab.

Das Horn wächst lebenslang mit

Nur selten brauchen wir die Hörner, aber zum Kämpfen. Meist rangeln wir nur mit unseren breiten Stirnen so lan­ge, bis die Schwächere weggedrückt wird. Damit ich keine schmerzhafte Prellung bekomm, hat mir mein Bauer gleich Globuli gegeben - homöopathische Heilmittel. Hörner sind für uns Kühe ganz wichtig, aber weniger zum Kämpfen als zum Kommunizieren. Manchmal dürfen die Kinder, die so gern auf den Hof zu Besuch kommen, sie sogar mal anfassen. Die sind dann immer total aufgeregt, wie warm mein Horn ist. Na klar, ist ja auch gut durchblutet und sehr lebendig. Es wächst mein ganzes Leben lang mit. Jedenfalls bin ich heil­froh, dass Demeter-Bauern uns Kühen die Hörner lassen. Was andere Rinder da alles aushalten müssen - abgesägt werden die stolzen Kronen, weggeätzt, bevor sie sich richtig entfal­ten können, aua! Selbst wenn wir geschlachtet werden, dient das Horn noch dem biodynamischen Bauern. Damit wird nämlich Hornmistpräparat hergestellt. Unser frischer Mist kommt da rein, wird samt Horn vergraben und sechs Mo­nate später wieder ausgebuddelt und mit Wasser verrührt -dynamisiert - damit Wiesen und Äcker fein damit besprüht werden können. Das macht den Boden fruchtbar und das Pflanzenwachstum harmonisch, haben Wissenschaftler her­ausgefunden. Mir reicht eigentlich, dass unsere Weiden da­durch so schön vielfältig werden - ideale Speisekammer für hungrige Kühe wie mich. Ich fress mich durch den ganzen Betrieb, sagt der Chef dann und meint natürlich, wie wichtig ich und mein guter Mist für den individuellen Hoforganis­mus sind. Der ist nämlich das Idealbild bei Demeter - und ohne mich läuft da gar nix. Deshalb könnte ich noch viel erzählen, als auf eine Kuhhaut geht ... aber jetzt muss ich in den Melkstand, damit mein Euter wieder leer wird und ich meine kleine Ration Kraftfutter verspeisen kann. Wenn Sie mich mal kennen lernen wollen, kommen Sie einfach mal vorbei. Jetzt im Sommer sind viele Hoffeste bei den Deme­ter-Bauern, da treffen Sie dann mich und meine Kolleginnen bei der Arbeit. Und wer uns dann verstehen lernt, wird nie wieder „dumme Kuh" schimpfen ...