Lösungen des Herzens finden

Tanja Busse und ihr neues Buch „Die Wegwerfkuh“

Lösungen des Herzens finden

08.04.2015
Autorin und Journalistin Tanja Busse (Copyright WDR / Bettina Fürst-Fastré)

Tanja Busse steht nicht im Verdacht, Bauern-Bashing zu betreiben. Die Autorin – aufgewachsen auf einem Bauernhof – stellt Fragen, recherchiert gründlich Zusammenhänge und scheut sich nicht, deutlich Position zu beziehen. In ihrem gerade erschienenen neuen Buch „Die Wegwerfkuh“ (Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können. Blessing) verknüpft sie das eigene, durchaus emotional gefärbte Erleben rund um ein „untaugliches“ Kalb mit tiefgründigen Einblicken in die real existierenden Automatismen der Landwirtschaft, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen inklusive deren Irrungen und mit entschlossenen Forderungen für ein Umsteuern. Sie stellt Zusammenhänge her zwischen dem Imperativ der Leistung, der zu verinnerlichter Gewalt führt, und neben Wegwerfkühen auch Wegwerflandwirte hervorbringt, der dank irregeleiteter Züchtung erschöpfte Kühe für eine erschöpfte Gesellschaft produziert.

Im Gespräch mit Renée Herrnkind (Demeter Journal) geht es um die Motive für das Buch, um eigenes Verhalten, philosophische Überlegungen, Lösungsansätze, Forderungen an die Bio-Bewegung und um Ziele.

Was hat Sie bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Letztlich war es ein Vortrag von Staatssekretär Griese, der mir klar gemacht hat, welche Verschwendung in der Landwirtschaft betrieben wird. Das ist heute so weit weg vom ursprünglichen bäuerlichen Verständnis, Boden, Pflanzen, Tiere möglichst lange zu nutzen – eigentlich unglaublich. Heute geht es um schnelles Auspowern, Wegwerfen, kurze Nutzungsdauer – fern jeder Effizienz. Allein wirtschaftlich betrachtet können wir uns das nicht leisten und ethisch schon gar nicht.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem neuen Buch?

Ich möchte gern auch innerhalb der Agro-Industrie, in dieser Szene stolzer Unternehmer, eine Debatte anstoßen. Ich möchte die Bauern erreichen, die bereits Zweifel haben und Ungereimtheiten in ihren angeblichen Fortschrittsrechnungen entdecken. Ich packe sie an ihrem eigenen Anspruch eines hocheffizienten Systems und führe ihnen ihre eigenen „Rechenfehler“ vor.

Was erwarten Sie von der Bio-Bewegung, von Demeter?

Auch in der Bio-Landwirtschaft muss darüber gesprochen werden, wie wir Tiere nutzen. Ich sehe durchaus erfreut, wie die vegane Bewegung dafür sorgt, dass es Thema wird. Eine Auseinandersetzung mit Tierrechtlern ist notwendig, die Ökos dürfen die Debatte nicht verschlafen. Auch auf Bio-Höfen und selbst auf Demeter-Höfen werden Bullenkälber der Milchkühe in die konventionelle Vermarktung abgegeben. Der Kreislaufgedanke muss auch in diesem Bereich stärker werden. Ich wünsche mir, dass mehr Forschung und mehr Versuche laufen zum Nutzen ohne töten. Wie lange kann ich melken, ohne wieder ein Kalb zu produzieren, für das kein gutes Leben vorgesehen ist? Es gibt einen Markt für Milch von Kühen, die ihre Kälber behalten dürfen – davon bin ich überzeugt. Ich plädiere dafür, die Spezialisierung auf Einnutzungsrassen zu beenden und auch dafür, den Weideschuss und andere gute Schlachtmethoden zu fördern.

Wo sehen Sie bereits Entwicklungen in eine gute Richtung?

Die solidarische Landwirtschaft ist ein großartiges Konzept. Das geht genau in die Richtung, dass Konsumenten zu Koproduzenten werden. So lässt sich die Kluft zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern schließen. Das meine ich mit „Lösungen des Herzens“, die ich für notwendig halte. Und sie passt gut zu meiner Wunsch-Vorstellung, zu meiner Idee, dass jeder Schule einen eigenen Bauernhof bekommt, zur Versorgung und als außerschulischer Lernort. Da wird Landwirtschaft hautnah erfahrbar, werden nicht nur gute Lebensmittel für die eigene Kantine erzeugt, sondern Zusammenhänge erlebbar und der Unterricht insgesamt verändert. Volumina-Berechnungen für den Stallbau in Mathe, das wäre doch mal was Konkretes für Schüler, die fragen, warum braucht man das?

Und wie geht es Jonny Roastbeef (das Kalb, das Tanja Busses Familie dem konventionellen Landwirt abgekauft und bei einem Bio-Bauern untergebracht hat)?

Naja, wir haben jetzt dieses Kälbchen, das längst ein halbstarker, einjähriger Jungbulle ist, beziehungsweise jetzt ein Ochse, weil wir ihn haben kastrieren lassen. Er hat unseren Blick auf die Tierrechtsfrage geschärft und führt zu interessanten Gesprächen auch mit den Kindern. Wir sind uns einig, dass wir weiterhin ein Zusammenleben von Menschen und Tieren wollen. Unsere Gesellschaft muss das Wie diskutieren und gemeinsam so entwickeln, dass wir den Tieren gerecht werden. Was uns übrigens bei Jonny erst so richtig klar geworden ist - das wird Sie von Demeter freuen – ist die Kommunikation über die Hörner. Das lässt sich in seiner neuen Herde einfach toll beobachten. Auch wenn er mich selbst durchaus beeindruckt, mit seinen Hörnern!  

Zur Person

Tanja Busse formuliert es so: Ich schreibe über Ökonomie, Ökologie, Umwelt, Nachhaltigkeit, Ernährung, Landwirtschaft, Konsum & Politik oder kurz: über Konsumieren & Denken und Leben & Lernen, vor allem für den WDR und Die Zeit. Die Autorin und Moderatorin wurde 1970 in Bad Driburg in Westfalen geboren und hatte eine Bullerbü-Kindheit auf dem Bauernhof ihres Vaters. 2006 erschien von ihr “Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht”, 2009 folgte “Die Ernährungsdiktatur. Warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt”. Fünf Apfel- und zwei Kirschbäume – alte Sorten aus Westfalen - und Jonny Roastbeef stehen für das, was sie scherzhaft ihren Wiedereinstieg in die Landwirtschaft nennt. Tanja Busse wurde 2010 mit dem Journalistenpreis Bio des PresseForum BioBranche (PFBB) ausgezeichnet. Sie lebt mit Mann und drei Kindern in Hamburg.

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Tanja Busse
Wegwerfkuh
Kuh
Rind
Kalb
08.04.2015
Lösungen des Herzens finden
Tanja Busse und ihr neues Buch „Die Wegwerfkuh“

Tanja Busse steht nicht im Verdacht, Bauern-Bashing zu betreiben. Die Autorin – aufgewachsen auf einem Bauernhof – stellt Fragen, recherchiert gründlich Zusammenhänge und scheut sich nicht, deutlich Position zu beziehen. In ihrem gerade erschienenen neuen Buch „Die Wegwerfkuh“ (Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können. Blessing) verknüpft sie das eigene, durchaus emotional gefärbte Erleben rund um ein „untaugliches“ Kalb mit tiefgründigen Einblicken in die real existierenden Automatismen der Landwirtschaft, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen inklusive deren Irrungen und mit entschlossenen Forderungen für ein Umsteuern. Sie stellt Zusammenhänge her zwischen dem Imperativ der Leistung, der zu verinnerlichter Gewalt führt, und neben Wegwerfkühen auch Wegwerflandwirte hervorbringt, der dank irregeleiteter Züchtung erschöpfte Kühe für eine erschöpfte Gesellschaft produziert.

Im Gespräch mit Renée Herrnkind (Demeter Journal) geht es um die Motive für das Buch, um eigenes Verhalten, philosophische Überlegungen, Lösungsansätze, Forderungen an die Bio-Bewegung und um Ziele.

Was hat Sie bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Letztlich war es ein Vortrag von Staatssekretär Griese, der mir klar gemacht hat, welche Verschwendung in der Landwirtschaft betrieben wird. Das ist heute so weit weg vom ursprünglichen bäuerlichen Verständnis, Boden, Pflanzen, Tiere möglichst lange zu nutzen – eigentlich unglaublich. Heute geht es um schnelles Auspowern, Wegwerfen, kurze Nutzungsdauer – fern jeder Effizienz. Allein wirtschaftlich betrachtet können wir uns das nicht leisten und ethisch schon gar nicht.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem neuen Buch?

Ich möchte gern auch innerhalb der Agro-Industrie, in dieser Szene stolzer Unternehmer, eine Debatte anstoßen. Ich möchte die Bauern erreichen, die bereits Zweifel haben und Ungereimtheiten in ihren angeblichen Fortschrittsrechnungen entdecken. Ich packe sie an ihrem eigenen Anspruch eines hocheffizienten Systems und führe ihnen ihre eigenen „Rechenfehler“ vor.

Was erwarten Sie von der Bio-Bewegung, von Demeter?

Auch in der Bio-Landwirtschaft muss darüber gesprochen werden, wie wir Tiere nutzen. Ich sehe durchaus erfreut, wie die vegane Bewegung dafür sorgt, dass es Thema wird. Eine Auseinandersetzung mit Tierrechtlern ist notwendig, die Ökos dürfen die Debatte nicht verschlafen. Auch auf Bio-Höfen und selbst auf Demeter-Höfen werden Bullenkälber der Milchkühe in die konventionelle Vermarktung abgegeben. Der Kreislaufgedanke muss auch in diesem Bereich stärker werden. Ich wünsche mir, dass mehr Forschung und mehr Versuche laufen zum Nutzen ohne töten. Wie lange kann ich melken, ohne wieder ein Kalb zu produzieren, für das kein gutes Leben vorgesehen ist? Es gibt einen Markt für Milch von Kühen, die ihre Kälber behalten dürfen – davon bin ich überzeugt. Ich plädiere dafür, die Spezialisierung auf Einnutzungsrassen zu beenden und auch dafür, den Weideschuss und andere gute Schlachtmethoden zu fördern.

Wo sehen Sie bereits Entwicklungen in eine gute Richtung?

Die solidarische Landwirtschaft ist ein großartiges Konzept. Das geht genau in die Richtung, dass Konsumenten zu Koproduzenten werden. So lässt sich die Kluft zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern schließen. Das meine ich mit „Lösungen des Herzens“, die ich für notwendig halte. Und sie passt gut zu meiner Wunsch-Vorstellung, zu meiner Idee, dass jeder Schule einen eigenen Bauernhof bekommt, zur Versorgung und als außerschulischer Lernort. Da wird Landwirtschaft hautnah erfahrbar, werden nicht nur gute Lebensmittel für die eigene Kantine erzeugt, sondern Zusammenhänge erlebbar und der Unterricht insgesamt verändert. Volumina-Berechnungen für den Stallbau in Mathe, das wäre doch mal was Konkretes für Schüler, die fragen, warum braucht man das?

Und wie geht es Jonny Roastbeef (das Kalb, das Tanja Busses Familie dem konventionellen Landwirt abgekauft und bei einem Bio-Bauern untergebracht hat)?

Naja, wir haben jetzt dieses Kälbchen, das längst ein halbstarker, einjähriger Jungbulle ist, beziehungsweise jetzt ein Ochse, weil wir ihn haben kastrieren lassen. Er hat unseren Blick auf die Tierrechtsfrage geschärft und führt zu interessanten Gesprächen auch mit den Kindern. Wir sind uns einig, dass wir weiterhin ein Zusammenleben von Menschen und Tieren wollen. Unsere Gesellschaft muss das Wie diskutieren und gemeinsam so entwickeln, dass wir den Tieren gerecht werden. Was uns übrigens bei Jonny erst so richtig klar geworden ist - das wird Sie von Demeter freuen – ist die Kommunikation über die Hörner. Das lässt sich in seiner neuen Herde einfach toll beobachten. Auch wenn er mich selbst durchaus beeindruckt, mit seinen Hörnern!  

Zur Person

Tanja Busse formuliert es so: Ich schreibe über Ökonomie, Ökologie, Umwelt, Nachhaltigkeit, Ernährung, Landwirtschaft, Konsum & Politik oder kurz: über Konsumieren & Denken und Leben & Lernen, vor allem für den WDR und Die Zeit. Die Autorin und Moderatorin wurde 1970 in Bad Driburg in Westfalen geboren und hatte eine Bullerbü-Kindheit auf dem Bauernhof ihres Vaters. 2006 erschien von ihr “Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht”, 2009 folgte “Die Ernährungsdiktatur. Warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt”. Fünf Apfel- und zwei Kirschbäume – alte Sorten aus Westfalen - und Jonny Roastbeef stehen für das, was sie scherzhaft ihren Wiedereinstieg in die Landwirtschaft nennt. Tanja Busse wurde 2010 mit dem Journalistenpreis Bio des PresseForum BioBranche (PFBB) ausgezeichnet. Sie lebt mit Mann und drei Kindern in Hamburg.