Klimatische Extreme fordern die Züchter von Bio-Getreidesorten heraus

Ergebnisse der Öko-Landessortenversuche 2014

Klimatische Extreme fordern die Züchter von Bio-Getreidesorten heraus

21.07.2014
Gruppe vor Weizenfeldern
Foto: Iris Mühlberger/Demeter Baden-Württemberg

Die klimatischen Ausnahmewinter der letzten Jahre stellen die Züchter von Bio-Getreide vor neue und immer gewichtigere Herausforderungen. Wie können frostbeständige und krankheitsresistente Getreidesorten bei immer extremeren, nicht vorhersehbaren Wetterbedingungen überhaupt noch entstehen? Diese wichtige Frage prägte vorrangig die Diskussionen und Gespräche der Züchter, Landwirte und Endverbraucher bei den Öko-Landessortenversuche 2014, die vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LT Z) koordiniert werden. Die Ergebnisse stimmen die Experten bedenklich.

Die Sortenversuche in Hohenlohe auf den Feldern des Demeter-Betriebs von Johanna Faure in Crailsheim-Beuerlbach (74564) gehören mit zu den langjährigsten. Seit 22 Jahren treffen sich hier an den Versuchsfeldern Getreidezüchter, Landwirte und interessierte Endverbraucher, um die jährlichen Ergebnisse zu begutachten, auszuwerten und Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Knapp einhundert Zuhörer waren am 3. Juli 2014 gekommen.

Reiner Schmidt vom Beratungsdienst Ökolandbau Schwäbisch Hall kam recht schnell auf eine neu aufgetretene Krankheit zu sprechen: „8 der 33 Getreidesorten im Versuch sind von Gelbrost befallen. Diese Infektion ist bisher nie aufgetreten“, äußerte er sich bedenklich. Der Befall zeigt sich durch gelbe Streifen auf der Blattoberfläche des Getreides und kann zu einem reduzierten Ertrag von bis zu 50 Prozent führen. Schmidt sieht die Ursache des Befalls in klimatischen Bedingungen: „Durch den vergangenen sehr milden Winter konnte sich der Gelbrost vermehren und so tritt er in diesem Jahr im Weizen und Dinkel verstärkt auf.“

Aktuelle Untersuchungen des deutschen Wetterdienst unterstreichen seine Vermutung: Seit 1980 bis heute ist die Durchschnittstemperatur in der Hauptwachstumszeit des Getreides um 3 Grad gestiegen. Das bedeutet, die wichtige Wachstumsphase der Kornfüllung und der Abreifung ist um bis zu 10 Tage kürzer, was in der Folge zu geringeren Erträgen führt.

„Die Entwicklungen des Klimas und ganz besonders die extreme Temperaturen stellen die Züchter vor schwierige Herausforderung“, so Reiner Schmidt weiter und erinnert an den sehr kalten Winter vor zwei Jahren. Durch den lang anhaltenden Kahlfrost – kein Schnee, bei gleichzeitigen Temperaturen von minus 20 Grad – war 2012 der ganze Versuch nicht auswertbar gewesen, da nur wenige Sorten überlebt hatten.

Die Züchter zogen daraus den Schluss, bei ihren Züchtungen eine besonders harte Winterfestigkeit zu erreichen. Doch dieses Jahr nun der milde Winter mit der Folge des Gelbrostbefalls. Und wer weiß, wie der kommende Winter wird? Fest steht: Die Züchtungen, die in diesem Jahr Gelbrost anfällig waren, sind komplett draußen, obwohl teils schon jahrelange Züchtungsarbeit darinsteckte und sie kurz vor der Sortenreife standen. Der Hauptgrund: Der diesjährige Befall führt dazu, dass kein Landwirt sie kaufen will. Resistenz gegen Gelbrost ist seit dem letzten Winter ein entscheidendes Kauf- und Verkaufsargument.

Vorausschauende Getreidezüchtung

Die einzelnen Jahre mit extremen klimatischen Bedingungen, auf die sich Landwirte wie Züchter nur schwer einstellen können, stellen ein echtes Problem dar. Gelbrost war seit 25 Jahren kein Thema mehr in der Region, jetzt wirft er in Crailsheim 8 von 33 Sorten und Zuchtlinien aus den Versuchen – das sind ein Viertel der Züchtungen. Reiner Schmidt: „Die Aufgabe in den kommenden Jahren wird es sein, vorausschauend Sorten zu entwickeln, die mit diesen Extremsituationen umgehen können.“ Wie das gelingt, werden die Öko-Landessortenversuche leider nicht im nächsten oder übernächsten Jahr zeigen. Die Arbeit der Getreidezüchter braucht Zeit.

Die Bedenken von Reiner Schmidt bestätigte im Anschluss an die Vorstellung der Ergebnisse auch Peter Kunz, der sich auf die Züchtung biodynamischer Sorten spezialisiert hat: „Die Auswahl, welche Sorten ich weiterverfolge und welche nicht, hat mir in diesem Jahr einfach und schnell der Gelbrost abgenommen. Ein einzelnes Argument hat viel Arbeit, sprich Sorten kurz vor der Reife, aussortiert.“

Ziel der biodynamischen Züchter sind samenfeste und keine Hybrid- oder gentechnisch veränderte Sorten. Diese samenfesten Sorten können jederzeit vom Landwirt nachgebaut werden und müssen nicht jedes Jahr zur Aussaat neu vom Landwirt vom Züchter gekauft werden. Weiterhin ist auch eine hohe Biodiversität innerhalb von zum Beispiel Weizen oder Dinkel sowie die Anpassung der Sorten auf die jeweiligen Standortverhältnisse nicht nur erwünscht, sondern erklärtes Ziel der Züchter.

Sortenversuche in Kleinhohenheim mit ähnlichen Ergebnissen

In Kleinhohenheim informierten sich am 4. Juli 2014 rund 50 Landwirte über die Leistungsfähigkeit der insgesamt 118 Getreide- und Leguminosensorten im Öko-Landessortenversuch. Erhard Gapp vom Beratungsdienst ökologischer Landbau Ulm übernahm die Versuchsführung und Sortenansprache. Mitarbeiter der Getreidezüchter Peter Kunz, Hartmut Spieß und Berthold Heyden stellten die biodynamischen Sorten und Linien im Versuchssortiment vor.

Ähnlich wie in Crailsheim zeigten auch in Hohenheim manche der 38 Weizen- und 13 Dinkelsorten einen hohen Gelbrostbefall. Spezielle Gelbroststämme haben den milden Winter schadlos überstanden und konnten sich im feucht-kühlen Frühjahr rasant vermehren. „In der Praxis zeigen Spätsaaten oft weniger Gelbrost“, so Gapp. Biodynamisch gezüchtete Weizen und Dinkel zeigten in der Tendenz eine überdurchschnittlich gute Blattgesundheit, jedoch gibt es auch hier einige besonders anfällige Zuchtlinien, die voraussichtlich vom Züchter zurückgezogen werden. Wichtig für die Landwirte: Biodynamisch gezüchtete Weizen fallen bei mittleren Erträgen durch hohe Qualitätstreue und geringere Neigung zu Steinbrandbefall auf.

Die Versuche in Crailsheim und Klein-Hohenheim sind zwei von vier Standorten der Öko-Landessortenversuche in Baden-Württemberg. Die Koordination und Auswertung aller Versuche läuft über das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ).

Klimatische Extreme fordern die Züchter von Bio-Getreidesorten heraus
Ergebnisse der Öko-Landessortenversuche 2014

Die klimatischen Ausnahmewinter der letzten Jahre stellen die Züchter von Bio-Getreide vor neue und immer gewichtigere Herausforderungen. Wie können frostbeständige und krankheitsresistente Getreidesorten bei immer extremeren, nicht vorhersehbaren Wetterbedingungen überhaupt noch entstehen? Diese wichtige Frage prägte vorrangig die Diskussionen und Gespräche der Züchter, Landwirte und Endverbraucher bei den Öko-Landessortenversuche 2014, die vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LT Z) koordiniert werden. Die Ergebnisse stimmen die Experten bedenklich.

Die Sortenversuche in Hohenlohe auf den Feldern des Demeter-Betriebs von Johanna Faure in Crailsheim-Beuerlbach (74564) gehören mit zu den langjährigsten. Seit 22 Jahren treffen sich hier an den Versuchsfeldern Getreidezüchter, Landwirte und interessierte Endverbraucher, um die jährlichen Ergebnisse zu begutachten, auszuwerten und Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Knapp einhundert Zuhörer waren am 3. Juli 2014 gekommen.

Reiner Schmidt vom Beratungsdienst Ökolandbau Schwäbisch Hall kam recht schnell auf eine neu aufgetretene Krankheit zu sprechen: „8 der 33 Getreidesorten im Versuch sind von Gelbrost befallen. Diese Infektion ist bisher nie aufgetreten“, äußerte er sich bedenklich. Der Befall zeigt sich durch gelbe Streifen auf der Blattoberfläche des Getreides und kann zu einem reduzierten Ertrag von bis zu 50 Prozent führen. Schmidt sieht die Ursache des Befalls in klimatischen Bedingungen: „Durch den vergangenen sehr milden Winter konnte sich der Gelbrost vermehren und so tritt er in diesem Jahr im Weizen und Dinkel verstärkt auf.“

Aktuelle Untersuchungen des deutschen Wetterdienst unterstreichen seine Vermutung: Seit 1980 bis heute ist die Durchschnittstemperatur in der Hauptwachstumszeit des Getreides um 3 Grad gestiegen. Das bedeutet, die wichtige Wachstumsphase der Kornfüllung und der Abreifung ist um bis zu 10 Tage kürzer, was in der Folge zu geringeren Erträgen führt.

„Die Entwicklungen des Klimas und ganz besonders die extreme Temperaturen stellen die Züchter vor schwierige Herausforderung“, so Reiner Schmidt weiter und erinnert an den sehr kalten Winter vor zwei Jahren. Durch den lang anhaltenden Kahlfrost – kein Schnee, bei gleichzeitigen Temperaturen von minus 20 Grad – war 2012 der ganze Versuch nicht auswertbar gewesen, da nur wenige Sorten überlebt hatten.

Die Züchter zogen daraus den Schluss, bei ihren Züchtungen eine besonders harte Winterfestigkeit zu erreichen. Doch dieses Jahr nun der milde Winter mit der Folge des Gelbrostbefalls. Und wer weiß, wie der kommende Winter wird? Fest steht: Die Züchtungen, die in diesem Jahr Gelbrost anfällig waren, sind komplett draußen, obwohl teils schon jahrelange Züchtungsarbeit darinsteckte und sie kurz vor der Sortenreife standen. Der Hauptgrund: Der diesjährige Befall führt dazu, dass kein Landwirt sie kaufen will. Resistenz gegen Gelbrost ist seit dem letzten Winter ein entscheidendes Kauf- und Verkaufsargument.

Vorausschauende Getreidezüchtung

Die einzelnen Jahre mit extremen klimatischen Bedingungen, auf die sich Landwirte wie Züchter nur schwer einstellen können, stellen ein echtes Problem dar. Gelbrost war seit 25 Jahren kein Thema mehr in der Region, jetzt wirft er in Crailsheim 8 von 33 Sorten und Zuchtlinien aus den Versuchen – das sind ein Viertel der Züchtungen. Reiner Schmidt: „Die Aufgabe in den kommenden Jahren wird es sein, vorausschauend Sorten zu entwickeln, die mit diesen Extremsituationen umgehen können.“ Wie das gelingt, werden die Öko-Landessortenversuche leider nicht im nächsten oder übernächsten Jahr zeigen. Die Arbeit der Getreidezüchter braucht Zeit.

Die Bedenken von Reiner Schmidt bestätigte im Anschluss an die Vorstellung der Ergebnisse auch Peter Kunz, der sich auf die Züchtung biodynamischer Sorten spezialisiert hat: „Die Auswahl, welche Sorten ich weiterverfolge und welche nicht, hat mir in diesem Jahr einfach und schnell der Gelbrost abgenommen. Ein einzelnes Argument hat viel Arbeit, sprich Sorten kurz vor der Reife, aussortiert.“

Ziel der biodynamischen Züchter sind samenfeste und keine Hybrid- oder gentechnisch veränderte Sorten. Diese samenfesten Sorten können jederzeit vom Landwirt nachgebaut werden und müssen nicht jedes Jahr zur Aussaat neu vom Landwirt vom Züchter gekauft werden. Weiterhin ist auch eine hohe Biodiversität innerhalb von zum Beispiel Weizen oder Dinkel sowie die Anpassung der Sorten auf die jeweiligen Standortverhältnisse nicht nur erwünscht, sondern erklärtes Ziel der Züchter.

Sortenversuche in Kleinhohenheim mit ähnlichen Ergebnissen

In Kleinhohenheim informierten sich am 4. Juli 2014 rund 50 Landwirte über die Leistungsfähigkeit der insgesamt 118 Getreide- und Leguminosensorten im Öko-Landessortenversuch. Erhard Gapp vom Beratungsdienst ökologischer Landbau Ulm übernahm die Versuchsführung und Sortenansprache. Mitarbeiter der Getreidezüchter Peter Kunz, Hartmut Spieß und Berthold Heyden stellten die biodynamischen Sorten und Linien im Versuchssortiment vor.

Ähnlich wie in Crailsheim zeigten auch in Hohenheim manche der 38 Weizen- und 13 Dinkelsorten einen hohen Gelbrostbefall. Spezielle Gelbroststämme haben den milden Winter schadlos überstanden und konnten sich im feucht-kühlen Frühjahr rasant vermehren. „In der Praxis zeigen Spätsaaten oft weniger Gelbrost“, so Gapp. Biodynamisch gezüchtete Weizen und Dinkel zeigten in der Tendenz eine überdurchschnittlich gute Blattgesundheit, jedoch gibt es auch hier einige besonders anfällige Zuchtlinien, die voraussichtlich vom Züchter zurückgezogen werden. Wichtig für die Landwirte: Biodynamisch gezüchtete Weizen fallen bei mittleren Erträgen durch hohe Qualitätstreue und geringere Neigung zu Steinbrandbefall auf.

Die Versuche in Crailsheim und Klein-Hohenheim sind zwei von vier Standorten der Öko-Landessortenversuche in Baden-Württemberg. Die Koordination und Auswertung aller Versuche läuft über das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ).