Gutes Essen – arme Erzeuger

Demeter International-Generalsekretär Christoph Simpfendöfer bei Brot für die Welt

Gutes Essen – arme Erzeuger

21.06.2016
v.l.n.r.: Co-Autor Rudulf Buntzel und Demeter International-Generalsekretär Christoph Simpfendörfer (Foto: Eva Müller, Demeter e.V.)

Demeter International-Generalsekretär Christoph Simpfendörfer diskutierte im Rahmen einer „Brot für die Welt“-Veranstaltung, welche Auswirkungen die wachsende Anzahl privatwirtschaftlicher Siegel auf die Arbeit von Erzeuger*innen in Entwicklungsländern hat. Anlass war die Vorstellung des neuen Buchs „Gutes Essen – arme Erzeuger. Wie die Agrarwirtschaft mit Standards die Nahrungsmärkte beherrscht“ von Rudolf Buntzel und Francisco Marí. Die Veranstaltung wurde von der Journalistin Tanja Busse moderiert.

Zertifizierung als Voraussetzung für den Markteintritt

Erzeuger*innen, die nach Bio- bzw. Demeter- und Fairtrade-Standards arbeiten, erhalten für die aufwendigere Produktion der zertifizierten Produkte einen Aufpreis. Handelsketten fordern jedoch häufig auch für konventionelle Produkte die Einhaltung bestimmter Standards, die teilweise für den Konsumenten gar nicht transparent sind. Oft benötigen Landwirt*innen mehrere Zertifizierungen, um überhaupt in den Handel einsteigen zu können. Einen Mehrpreis für die zertifizierten Produkte erhalten sie in der Regel nicht. Von diesen Zuständen berichtete Dr. habil Ullrich Hoffmann, der Gründer des UN-Forums für nachhaltige Standardsetzung.

Standards werden diktiert, Kleinbauern können nicht mithalten

Gerade für Kleinbauern in Entwicklungsländern wird es zunehmend unmöglich die Fülle der Standards einzuhalten – zumal diese in der Regel nordeuropäischen bzw. nordamerikanischen Ursprungs sind und weder die Gegebenheiten noch die Kenntnisse und Erfahrungen der Erzeuger vor Ort ausreichend berücksichtigen. Die Kosten für Zertifizierung und Beratung um den Anforderungen gerecht zu werden, tragen in der Regel die Erzeuger*innen selbst. Plötzliche Änderungen können die Produktion der Kleinbauern im Erzeugerland komplett auf den Kopf stellen. Dies führt auch in den Entwicklungsländern zu einer zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft vor Ort.

Flut an Siegeln nimmt stetig zu

Viele Verbraucher*innen wünschen sich von Siegeln einen Garant für sichere Lebensmittel und eine nachhaltige Produktion. Für die Handelsketten geht es aber eher um Risikomanagement in ihrem Produktionsprozess.

Dazu kommt, dass der Wert eines Siegels für Verbraucher*innen in der Flut immer neuer Siegel zunehmend unübersichtlich wird. Mittlerweile gibt es über 400 Standards für Lebensmittel, die in Deutschland verkauft werden. Da sich hinter der Flut an Siegeln ein ganzer Geschäftszweig gebildet hat, geht der Trend keineswegs dahin, ähnliche Siegel miteinander zu verschmelzen, sondern vielmehr immer weitere Siegel zu schaffen. Und auf die Erzeuger*innen kommen so immer weitere Regelwerke und Kosten für Zertifizierung und Beratung zu.

Erzeuger*innen einbinden und von anderen Kulturen lernen

Demeter-Generalsekretär Christoph Simpfendörfer setzt sich für eine Entwicklung weg von starren Richtlinien und hin zu transparenten Entwicklungsgemeinschaften ein. Diese sollen selbstbestimmt und eigenmotiviert sein und Landwirt*innen Lernprozesse selbst gestalten, aber gleichzeitig Rechenschaft über ihr Handeln ablegen. Wichtig sei es die Landwirt*innen miteinzubeziehen und von den Methoden anderer Kulturen zu lernen, statt nordeuropäische Standards stur auf andere Regionen zu übertragen.

Außerdem spricht sich Christoph Simpfendörfer dafür aus Märkte so zu entwickeln, dass sich der Handel auf die jeweilige Region fokussiert und ein Großteil der Erzeugnisse vor Ort vermarktet wird. Leuchtturmprojekte wie der Demeter-Partner Sekem in Ägypten haben beispielsweise in den Anfangsjahren viele Waren nach Europa exportiert, vermarkten mittlerweile aber den Großteil der Erzeugnisse in der Region. Der Kauf bestimmter Produkte ändere dabei nicht das System, „aber der Kauf bestimmter Produkte schafft die Erfahrungsfelder, in denen Bewusstseinsprozesse stattfinden, die Voraussetzung für Systemwechsel sind.“

Buchcover

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Gutes Essen – arme Erzeuger
Demeter International-Generalsekretär Christoph Simpfendöfer bei Brot für die Welt

Demeter International-Generalsekretär Christoph Simpfendörfer diskutierte im Rahmen einer „Brot für die Welt“-Veranstaltung, welche Auswirkungen die wachsende Anzahl privatwirtschaftlicher Siegel auf die Arbeit von Erzeuger*innen in Entwicklungsländern hat. Anlass war die Vorstellung des neuen Buchs „Gutes Essen – arme Erzeuger. Wie die Agrarwirtschaft mit Standards die Nahrungsmärkte beherrscht“ von Rudolf Buntzel und Francisco Marí. Die Veranstaltung wurde von der Journalistin Tanja Busse moderiert.

Zertifizierung als Voraussetzung für den Markteintritt

Erzeuger*innen, die nach Bio- bzw. Demeter- und Fairtrade-Standards arbeiten, erhalten für die aufwendigere Produktion der zertifizierten Produkte einen Aufpreis. Handelsketten fordern jedoch häufig auch für konventionelle Produkte die Einhaltung bestimmter Standards, die teilweise für den Konsumenten gar nicht transparent sind. Oft benötigen Landwirt*innen mehrere Zertifizierungen, um überhaupt in den Handel einsteigen zu können. Einen Mehrpreis für die zertifizierten Produkte erhalten sie in der Regel nicht. Von diesen Zuständen berichtete Dr. habil Ullrich Hoffmann, der Gründer des UN-Forums für nachhaltige Standardsetzung.

Standards werden diktiert, Kleinbauern können nicht mithalten

Gerade für Kleinbauern in Entwicklungsländern wird es zunehmend unmöglich die Fülle der Standards einzuhalten – zumal diese in der Regel nordeuropäischen bzw. nordamerikanischen Ursprungs sind und weder die Gegebenheiten noch die Kenntnisse und Erfahrungen der Erzeuger vor Ort ausreichend berücksichtigen. Die Kosten für Zertifizierung und Beratung um den Anforderungen gerecht zu werden, tragen in der Regel die Erzeuger*innen selbst. Plötzliche Änderungen können die Produktion der Kleinbauern im Erzeugerland komplett auf den Kopf stellen. Dies führt auch in den Entwicklungsländern zu einer zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft vor Ort.

Flut an Siegeln nimmt stetig zu

Viele Verbraucher*innen wünschen sich von Siegeln einen Garant für sichere Lebensmittel und eine nachhaltige Produktion. Für die Handelsketten geht es aber eher um Risikomanagement in ihrem Produktionsprozess.

Dazu kommt, dass der Wert eines Siegels für Verbraucher*innen in der Flut immer neuer Siegel zunehmend unübersichtlich wird. Mittlerweile gibt es über 400 Standards für Lebensmittel, die in Deutschland verkauft werden. Da sich hinter der Flut an Siegeln ein ganzer Geschäftszweig gebildet hat, geht der Trend keineswegs dahin, ähnliche Siegel miteinander zu verschmelzen, sondern vielmehr immer weitere Siegel zu schaffen. Und auf die Erzeuger*innen kommen so immer weitere Regelwerke und Kosten für Zertifizierung und Beratung zu.

Erzeuger*innen einbinden und von anderen Kulturen lernen

Demeter-Generalsekretär Christoph Simpfendörfer setzt sich für eine Entwicklung weg von starren Richtlinien und hin zu transparenten Entwicklungsgemeinschaften ein. Diese sollen selbstbestimmt und eigenmotiviert sein und Landwirt*innen Lernprozesse selbst gestalten, aber gleichzeitig Rechenschaft über ihr Handeln ablegen. Wichtig sei es die Landwirt*innen miteinzubeziehen und von den Methoden anderer Kulturen zu lernen, statt nordeuropäische Standards stur auf andere Regionen zu übertragen.

Außerdem spricht sich Christoph Simpfendörfer dafür aus Märkte so zu entwickeln, dass sich der Handel auf die jeweilige Region fokussiert und ein Großteil der Erzeugnisse vor Ort vermarktet wird. Leuchtturmprojekte wie der Demeter-Partner Sekem in Ägypten haben beispielsweise in den Anfangsjahren viele Waren nach Europa exportiert, vermarkten mittlerweile aber den Großteil der Erzeugnisse in der Region. Der Kauf bestimmter Produkte ändere dabei nicht das System, „aber der Kauf bestimmter Produkte schafft die Erfahrungsfelder, in denen Bewusstseinsprozesse stattfinden, die Voraussetzung für Systemwechsel sind.“

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