Demeter-Agrarkultur als Mittlerin im Dialog der Kulturen

Helmy Abouleish von SEKEM und Alexander Gerber

Demeter-Agrarkultur als Mittlerin im Dialog der Kulturen

30.05.2016
Alexander Gerber und Helmy Abouleish
In der Analyse waren sich Helmy Abouleish und Alexander Gerber einig: Für unsere heutige Krise sind Energiepolitik und Klimawandel wirksame Faktoren.

Welche Antworten kann die biodynamische Agrarkultur auf aktuelle Fragen der Gesellschaft geben? Darüber haben sich Helmy Abouleish, Geschäftsführer der ägyptischen SEKEM Initiative, die unter anderem biodynamische Landwirtschaft betreibt, und Alexander Gerber, Vorstandssprecher des Demeter e. V. Deutschland und Vize-Präsident von Demeter International, ausgetauscht.

Moderation: Renée Herrnkind

Podcast zum Gespräch

 

Das Gespräch zum Nachlesen

Durch Terror, Flüchtlingsbewegungen und religiös motivierte Auseinandersetzungen steht die Welt vor besonderen Herausforderungen. Für uns als biodynamische Gemeinschaft ist SEKEM ein herausragendes Beispiel für den gelungenen Brückenschlag zwischen Kulturen und Religionen. Deshalb ist es spannend zu fragen: Was ist charakteristisch für SEKEM, was lässt sich aus dem Vorbild in der ägyptischen Wüste lernen?

Helmy Abouleish: SEKEM wurde seit der Gründung vor über 38 Jahren von einem ganzheitlichen Ansatz getragen. Mein Vater hat es wirklich so verstanden und erlebt, dass die Biodynamische Wirtschaftsweise nicht nur eine Landwirtschaftsmethode ist. Wir sind inspiriert von Steiners Gedanken der Dreigliederung und wollen ganzheitliche Entwicklung vorantreiben, das heißt in den Bereichen Ökologie und Wirtschaft ebenso wie im sozialens und kulturellen Leben. Das zeichnet SEKEM aus. Die Biodynamische Wirtschaftsweise ist dafür unsere Basis, ohne die Demeter-Arbeit gäbe es SEKEM nicht. Ich bin wirklich froh, dass wir jetzt auch bei Demeter International in unserer Vision zum Ausdruck bringen, dass ein Arbeiten entlang all dieser Aspekte zur biodynamischen Bewegung gehört. SEKEM ist  dafür vielleicht ein Inspirationsfeld, aber auf keinen Fall ein einfaches Rezept, das nur wiederholt werden muss. SEKEM zeigt, was möglich ist.

Alexander Gerber: Die Verknüpfung von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten ist ja durchaus in vielen Demeter-Zusammenhängen lebendig. SEKEM ist ein herausragender Leuchtturm, aber nicht der einzige. Wir haben einen ganzen Strauß von Initiativen über die ganze Welt verteilt, die zeigen, dass die biodynamische Arbeit vor Ort fruchtbar wird. Engagierte Inder bauen gerade ein Projekt auf, um jungen Menschen aus der Stadt landwirtschaftliche Betriebe mit jeweils 25 Kühen zur Verfügung stellen zu können. Deren Milch wird dann über eine gemeinsame Molkerei vermarktet. Wie professionell das läuft hat mich sehr beeindruckt. Gerade in den Ländern des Südens wird Biodynamisch nicht nur als Landbaumethode gesehen, sondern eigentlich immer in den sozialen Kontext hineingestellt. Der kulturelle Impuls folgt dann geradezu zwangsläufig. Ich erkläre das gern so: Zunächst sind wir als Menschen in unserem physischen Leib nur Naturwesen. In dem Augenblick, in dem wir in eine Familie geboren werden, in einer Gesellschaft beheimatet sind, werden wir zu sozialen Wesen. Zur wirklichen Individualität, zur persönlichen Freiheit, kommen wir erst durch das eigene Denken. Es ermöglicht uns, Entscheidungen für unser Handeln zu treffen. Auf SEKEM bezogen: Ich glaube, dass SEKEM auch deshalb ein so herausragendes Beispiel ist, weil es Erkenntnis mit einer großen Energieleistung zu einer praktischen Initiative wurde. Sie wird permanent weiter getrieben und ist inspiriert durch ein kulturübergreifendes Verständnis.  Inzwischen ist der nachhaltige, soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Impuls wirksam für Ägypten. Wurde zunächst fas alles exportiert bleiben heute 70 Prozent der SEKEM-Waren im Land, über 30 000 Menschen sind mit der Initiative verbunden und haben sinnvolle Arbeit gefunden. Der Impuls ist buchstäblich auf fruchtbaren Boden gefallen – nicht zuletzt auch deshalb, weil ihr eine ganz innige Verbindung zum Islam habt und Teil der islamischen Gemeinschaft seid. Wenn wir uns alle wieder als Bewohner eines großen Dorfes Erde verstehen und uns verbinden statt uns abzugrenzen, gehen wir einen ähnlichen Weg.

Wie können wir diesen individuellen Impuls für das Richtige fruchtbar machen, wegkommen vom destruktiven Agieren?  

HA  Nur Dank unseres biodynamischen Netzwerks mit seinen vielen Initiativen werden wir weltweit wirksam. Ohne die konkrete Unterstützung unser Partner, gerade auch Demeter Deutschland, hätte SEKEM nicht zu dem werden können was es heute ist. Das war und ist ganz besonders wichtig.. Wir verstehen uns immer als Teil einer Bewegung. Uns alle eint doch diese Idee, die meinen Vater getrieben hat und die Alexander Gerber gerade benannt hat: Wir wollen die Welt weiter entwickeln zum Besseren, angepasst an und inspiriert durch das jeweilige Seelen- und Bewusstseinsentwicklungsumfeld vor Ort.

Wie ist Ihnen dieses Seelen-Umfeld begegnet als Sie mit 16 Jahren aus Österreich nach Ägypten kamen?

Da gibt es verschiedene Seiten: die der Herzlichkeit, der familiären Verbundenheit, der Freude, des religiös-inbrünstigen Lebens. In Ägypten ist es emotional und seelisch liebevoll und angenehm. Damit verbunden kommen uns natürlich auch Dogmen entgegen, wie es sie früher auch in Europa gab. Natürlich haben wir erlebt, und erleben immer noch,  dass man erstmal nicht den eigenen individuellen Gedanken pflegt oder sich traut dem Vorbeter  eine eigene Position entgegenzustellen. Das war für uns alle ein Lernprozess. Mein Vater war überrascht, dass die Menschen nicht so wie Mitteleuropäer Verantwortung übernehmen und umsetzen, was sie sich vornehmen. Dass sie nicht frei entscheiden, sondern Entscheidungen von anderen, Vorgesetzten, wollen. In dieser anderen Kultur leben wir nun seit über 38 Jahren. Wir haben deshalb eine andere Verantwortung, brauchen andere Gedanken als in Europa. Und wir erleben, wieviel sich dann positiv entwickelt. Die nächste Generation ist bereits ganz anders als die vorige und selbst die Eltern haben sich in den 38 Jahren erkennbar verändert – durch unsere Art, Verantwortung, Selbstständigkeit oder Zielstrebigkeit zu schulen, durch die Kunst, der sie in SEKEM jeden Tag begegnen, durch Freude an sinnvoller Arbeit oder durch das gemeinsame Feiern. Und zwar nicht nur in unserem SEKEM-Zusammenhang, sondern in Ägypten. Das gibt uns Hoffnung. Entwicklungssprünge sind bei liebevoller Unterstützung möglich.

„Jedes Kulturleben kann nur in Freiheit blühen, unter der Glocke der Dogmen geht das nicht.“

Was braucht es, um liebevoll zu unterstützen?

HA Erstmal das Verständnis, dass Menschen in verschiedenen Zusammenhängen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. Also zum Beispiel das Wissen, dass es für einen Ägypter aus einem kleinen Dorf Demokratie im europäischen Sinne offensichtlich gar nicht gibt. Eigene Entscheidungen zu treffen ist kulturell da erst mal gar nicht angelegt. Wir müssen erst in diese Richtung führen. Oder, dass ein ganz anderes Verständnis von Ordnung und auch Nachhaltigkeit herrscht. Hier sitzen Menschen gemütlich mitten im Müll und trinken Tee. Jeder Europäer würde wohl erst mal aufräumen. Aber viele Ägypter sehen underleben das anders. Sie gucken eben mehr nach innen, erleben mehr, was sie am anderen entdecken können. Wir schulen die Wahrnehmung. Das ist überall notwendig, aber in Ägypten ganz besonders. Und wir wissen, jedes Kulturleben kann nur in Freiheit blühen, unter der Glocke der Dogmen geht das nicht. In der arabischen Welt hat ganz keimhaft der Prozess begonnen, Dogmen anzugreifen. Das können wir unterstützen. Gerade wenn Menschen jetzt kommen und sagen „es ist schwer, es gibt so viele Probleme“ ist das für mich ein Zeichen dafür, das etwas in Bewegung kommt.

AG Wenn man auf die großen Kulturen schaut – Ägypten war ja eine davon – dann sieht man, dass sich solche Kulturentwicklungen immer in Wachstum- und Sterbeprozessen bewegen. Absterbeprozesse sind ja wie Kompost. Sie sind Keim für das Neue. Wir stehen sicherlich an einem Kreuzungspunkt. Wir erleben eine ökologische Krise mit der Klimafrage, eine soziale Krise mit Terror und Flüchtlingsbewegung und natürlich die wirtschaftliche Krise. Alle drei hängen unmittelbar zusammen. Die spannende Frage ist nun, wie gestalten wir den Übergang - wie kommen wir zu diesem Komposthaufen für das Neue.

Alles was ich auf meinen Stück Boden tue, tue ich der ganzen Welt an.

Wo kann Demeter, das Biodynamische, dabei modellhaft sein?  

AG Die landwirtschaftliche Tagung am Goetheanum in Dornach hatte dieses Jahr den Titel „Die Welt - Ein globaler Garten“. Eine junge Gärtnerin entwickelte folgendes Bild: ich bearbeite mein Stück Boden. Es grenzt an ein anderes Stück Land, zusammen sind sie Teil einer Landschaft, diese bildet mit anderen ein Land. So ist  ihr Stück Erde verbunden mit dem ganzen Kontinent, ist Teil des Organismus Erde. Alles was ich auf meinem Stück Boden tue, tue ich der ganzen Welt an. Das bedeutet: Wir alle bilden und gestalten den Organismus Erde, sind die Weltengemeinschaft. Unsere Gärten sind individuell jeweils in ihren Regionen, entwickeln sich unterschiedlich. Der biodynamische Impuls lässt den Menschen in seiner Freiheit und Individualität. Also schaut man auf die Seele des Ägypters und gleichzeitig sieht man ihn als Teil der ganzen Menschheitsentwicklung. So  wird es bunt, vielfältig. Wir verstehen, was der Einzelne zum großen Ganzen beiträgt. Genau diese Offenheit bringt der biodynamische Impuls mit. Und unsere Landwirtschaft als Idee für die Agrar- und Ernährungskultur der Zukunft verbindet  das. Bei Demeter sind wir Individualisten, aber wenn wir uns in Dornach treffen und fragen, wie wir mit Landwirtschaft sinnvoll für die Erde wirken können, sind wir alle miteinander verbunden.

HA Ich will nicht arrogant klingen, aber ich sage voller Überzeugung: wir haben mit der biodynamischen Landwirtschaft Lösungen für alle großen Probleme der Welt. Klimawandel, Wassermangel, Bodenfrage. Wir zeigen mit der biodynamischen Arbeit das beste landwirtschaftliche System der Welt. Wir haben den besten Umgang mit Ressourcen. Wir zeigen den globalen Riesen wie Monsanto und Syngenta die Stirn. So weit geht das mit der Demeter-Arbeit, auch wenn es noch nicht global verstanden wird. Aber wir haben ja noch Zeit. Gerade jetzt, wo die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, zeigen wir andere Formen des Wirtschaftens. Wir übernehmen Verantwortung für den anderen. Wir sind eben nicht  glücklich, wenn es dem anderen schlecht geht.

Welche Rolle spielen dabei die Religionen?

HA Wir in SEKEM sehen Islam und Christentum nicht als Widerspruch. Wer so schaut arbeitet mit am Clash. Wer mit ein bisschen Tiefblick auf die Zyklen schaut muss doch wahrnehmen, dass der Islam gerade versucht, seine Dogmen abzulegen. Deshalb  werden die Widersacherkräfte besonders vehement. Eine konservative Bewegung versucht den Islam in der Vergangenheit zu halten. Aber die Modernisierung des Islam ist nicht aufzuhalten. Er geht in die Zukunft. Er bietet genau die Elemente zukünftiger Wirtschaftsformen und eine Nachhaltigkeitsphilosophie, die das globale Gespräch zu diesen Themen bereichern kann. Ich sehe da ganz viel Potential.

Und warum fliehen die Menschen trotzdem?

Jeder Syrer oder Nordafrikaner, der über das Mittelmeer kommt, sieht in Deutschland das Paradies. Was er nicht sieht: die westliche Welt hat in den letzten 100 Jahren an neuen Dogmen gebaut. Der Westen denkt immer noch, Kapitalismus und Technologie können die Welt retten. Wo ist die Wirtschaft der Zukunft? Da gibt es hier in Europa, im Westen, doch kaum Ideen. Da kann der Osten, Afrika, gerade auch durch den Glauben an übersinnliche geistige Kräfte neue Impulse setzen. Sind wir offen das zu sehen?

Bei Demeter International einigt sich die weltweite biodynamische Bewegung auf Regelwerke, verabredet sich  agrarkulturell, wirtschaftlich. Wirken da die unterschiedlichen Kulturen bereits befruchtend?

AG Wir diskutieren bei Demeter International durchaus kontrovers,  erleben Unterschiede. Letztlich können wir uns aber einigen.  Nährboden dafür ist  Respekt vor Vielfalt, regionalen Besonderheiten und Verbundenheit in der Idee der Nachhaltigkeit, der Zukunftsfähigkeit. Wir haben ein gemeinsames Verständnis von Landwirtschaft, von Wirtschaft. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen steht dabei im Mittelpunkt. Wir sprechen den Menschen in seiner Verantwortung für die ganze Welt an, das ist der wesentliche Kern.  

Eines unserer zentralen und unumstößlichen Dogmen – das Wachstumsdiktat – ist ja gerade Mitverursacher für die  derzeitigen existentiellen Krisen. Auch als biodynamischer Unternehmer bin ich gefangen in diesem Prozess und kann nur durch Investitionen überleben. Das führt zu Verlust von Vielfalt, zu  Monopolisierung,  Böden werden zur Kapitalanlage. Wie dreht man das um und stellt den Menschen mit  seinen Bedürfnissen wieder in den Mittelpunkt? Unsere Antworten auf diese Frage sind biodynamisch: wir entwickeln einen Organismus,  züchten Pflanzen und Tiere, bauen Fruchtbarkeit auf, pflegen neue Handelsbeziehungen, entwickeln Höfe als soziale Elemente, gestalten Arbeitsplatze für Menschen mit besonderen Fähigkeiten, verwandeln Besitzverhältnisse in Richtung Gemeinschaft.

Das funktioniert mit den vergleichsweise wenigen Demeter-Partnern, aber was hat das mit den gesellschaftlichen Herausforderungen dieses Jahrhunderts zu tun?

AG Schauen wir uns Syrien an. Der Klimawandel hat dort für dramatische Dürreperioden gesorgt. Davon waren  800 000 Menschen direkt betroffen. Irgendwann sind sie in ihrer Verzweiflung auf die Straße gegangen. Die Machthaber antworteten mit Militärgewalt. Religiöse Konflikte kamen dazu und immer mehr Menschen müssen aus dieser Unterdrückung, aus Terror und Krieg fliehen, um zu überleben. Es gibt diesen unmittelbaren Zusammenhang von Klimawandel, Landwirtschaft, Terror und Flucht. Er stellt uns in die Verantwortung, verlangt neues Handeln.

Alexander Gerber überreicht Helmy Abouleish ein KuhhornDas Horn, das Demeter-Kühe mit Stolz tragen dürfen, symbolisiert die entscheidende Frage der Evolution. Wenn das Kuhhorn in den technischen Abläufen stört wird es einfach weggeätzt oder weggezüchtet. Wenn wir Menschen danach schauen, was wir wirklich wollen, werden die Ställe so gebaut, dass Kühe mit ihren Hörnern dort alle ihre Bedürfnisse leben können.

Nur mit einem neuen Verständnis für das, was wir global brauchen, kann nachhaltig Frieden entstehen.

HA Was der Westen in unserer Region seit dem Ende des Kolonialismus bis heute an Machtpolitik betreibt ist eigentlich unbeschreiblich. Was als Schutz von Rohstoffquellen und Einsatz für die Demokratie verkauft wird, füllt ganz konkret Konten von Konzernen. Nur mit einem neuen Verständnis für das, was wir global brauchen, kann nachhaltig Frieden entstehen.Wir müssen den Menschen zuhören, brauchen neues Denken. Wir in SEKEM wollen zeigen wie Synergien zwischen Westen und Osten fruchtbar sind. Ohne diese Synergien wäre SEKEM gar nicht denkbar. Wir sind nur durch das Netzwerk, das wir stetig knüpfen so resilient geworden.

Ist SEKEM multikulturell angelegt oder ist der Islam die Grundlage?

HA In Ägypten gibt es traditionell 10 Prozent Christen - Kopten – und 90 Prozent Muslime. Das bildet auch SEKEM ab. Im engeren und im größeren Kreis von SEKEM, also mit  Studenten unserer Uni, Familien unserer Mitarbeiter und mit den Millionen Verbrauchern lebt ein weltoffenes, liberales, multikulturelles Bewusstsein. Nur im Zusammentreffen der Kulturen konnte und kann etwas Neues entstehen.

Wie spiegelt sich das im Alltäglichen wider?  

HA Der morgendliche Kreis ist ein tolles Mittel, den Menschen zu helfen, sich bewusstseinsmäßig zu entwickeln, sich und den anderen als  Gemeinschaft wahrzunehmen.  Weit über die religiöse Frage hinaus ist für uns wichtig, wie wir Frauen stärken. Wie können wir so unterstützen, dass Frauen selbstmotiviert eine bedeutendere Rolle übernehmen? Gerade in diesem Bereich haben wir in den letzten Jahren Wunder erlebt. Wir hätten nicht erwartet, dass diese Entwicklung so schnell geht. An der Uni haben wir bereits über 50 Prozent Studentinnen. Bei den Professoren und Ausbildern sind mehr als 50 Prozent Frauen. In den Unternehmen sind es um die 30 Prozent, bis 2020 wollen wir 50 Prozent  erreichen. Frauen nehmen in SEKEM eine andere Rolle ein, seitdem wir ihnen Unterstützung geben. Der wichtigste Schritt war unser Kinderhort. Kaum ein Ägypter hätte geglaubt, dass eine Frau ihr kleines Kind in einen Hort gibt und dann weiter zur Arbeit geht. Inzwischen haben wir 38 Kinder in unserem Hort und es gibt sogar Frauen, die ihre Kinder danach planen, wann sie einen Platz im Hort bekommen können. Das ist Revolution. Frauen sind fitter als Männer für dieses 21. Jahrhundert. Letztes Jahr kamen dann SEKEM-Männer und haben nach Unterstützung gefragt. Gender Equality ist ein wichtiges Thema für SEKEM. Dazu gehört Unterstützung, die über reine Gleichheit hinausgeht. Das ist für die Entwicklung genauso wichtig wie die Frage Christen/Muslime.

Be the change – wir müssen der Wandel sein – das haben Sie, Helmy Abouleish, vor einigen Jahren beim Karma-Konsum-Kongress gefordert. Wer kann den Wandel ermöglichen, was braucht es dafür?  

AG Dazu fällt mir ein großer landwirtschaftlicher Betrieb mit 3 000 Hektar Fläche in Tschechien ein. 30 Mitarbeiter einer Kooperative haben ihn übernommen und auf biodynamisch umgestellt. Wenn wir dann nachgefragt haben wann endlich die Zertifizierung als Demeter-Betrieb erfolgen soll, kam als Antwort: Wenn wir überzeugt davon sind, wir machen es richtig gut mit unserer biodynamischen Erzeugung, dann melden wir uns. Seit letztem Jahr sind sie Mitglied. Wenn also etwas ganz aus der Gruppe heraus, aus der Situation vor Ort entsteht, und sich am Ideal misst, dann entsteht der Wandel. So wie in  Nordindien. Da hat eine Inderin angefangen, Präparate herzustellen. Inzwischen ist es zu einer Art Volkssport geworden, Biodynamische Präparate zu machen. 70 000 Tonnen Kompost  werden präpariert und verteilt, jeder Distrikt will unbedingt seinen eigenen Präparate-Platz anlegen.

Ägypter erleben, dass ihre Pflanzen lächeln - dank Biodynamischer Wirtschaftsweise. Da brauchen sie keinen Beweis von Wissenschaftlern.

Sind Menschen in diesen Ländern vielleicht offener für Biodynamisch weil sie ohnehin einen anderen Zugang zum Geistigen, zum Spirituellen haben?

HA Auf jedem Fall. Jeder Moslem und jeder Kopte wiederholt in seinem Glaubensbekenntnis täglich „ich glaube ans Übersinnliche“ und Engel sind trotz des kapitalistischen Einflusses ständige Begleiter. Ägypter erleben, dass ihre Pflanzen lächeln - dank Biodynamischer Wirtschaftsweise. Da brauchen sie keinen Beweis von Wissenschaftlern.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass viele dieser Länder jahrhundertelang fremd regiert wurden. Den Menschen wurde verantwortliches Handeln aberzogen. Sie sind in einer Haltung des Empfangens erstarrt. Sie erleben sich nicht als den Kreator der Zukunft. Das geht sicherlich auch vielen Menschen in Osteuropa noch so. Das müssen wir erst wieder aufbauen. Wir üben das aktiv, im Morgenkreis, bei Festen, in Gesprächen. Spüren und wissen, ich verändere jeden Tag die Welt.

Wir müssen uns davon verabschieden – auch ich, und das war durchaus eine schmerzliche Erfahrung – dass Politiker die Welt retten können. Politiker sind Sklaven ihres Systems, sie können gar nicht mehr frei umsetzen, bleiben in Sachzwängen gefangen und reagieren unter Druck. Sie können nicht mehr agieren oder inspirieren. Ich setze auf die Zivilgesellschaft. Jeder einzelne muss die Verantwortung des Tuns übernehmen. Zusammen können wir es, ich bin da gar nicht pessimistisch. Wir müssen es nur tun, denn wir können nicht mehr warten.  

Unternehmer, Bauern oder Sozialunternehmer haben dabei ebenfalls eine viel wichtigere Rolle als ich es mir vor vier Jahren vorgestellt habe. Wenn wir ermöglichen, sinnvolle Agrarkultur zu betreiben und sinnvolle Formen des Wirtschaftens zu etablieren, dann verändert sich der ganze Strom des Geldflusses. Dann hört dieser Irrsinn auf, dass man aus Geld Geld macht. Wir müssen zeigen, was Entwicklung bedeutet, nicht Wachstum.

Was brauchen wir, um das zu erreichen, was wir eigentlich wollen?

Ich höre hier durchaus viel Vertrauen in die Zukunft und Entschlossenheit, Zukunft zu gestalten. Was brauchen wir alle im Alltag, um entsprechend zu agieren?

HA Für mich war die Zeit im Gefängnis dafür ganz entscheidend. Danach habe ich mich wieder neu mit den Netzwerken verbunden, mit denen ich aufgewachsen bin und die mich inspirieren. Seitdem bin ich in der Demeter-Bewegung wieder sehr aktiv. Vor zehn Jahren war ich größer angelegt, wollte die Welt retten und zwar schnell. Da war mir Demeter International zu langsam. Damals dachte ich, Merkel und Obama seien schneller. Jetzt weiß ich, in dem was wir am Boden tun liegt die Antwort. Deshalb bin ich auch zutiefst überzeugt,  dass biodynamisch landwirtschaftlicher Mainstream werden wird. Entweder es kommt aus Einsicht oder aus Krise hat Rudolf Steiner gesagt. Wir müssen nur an uns selber gut arbeiten, um das alles gut zu verdauen und gut beantworten zu können wenn die Fragen kommen. Das was wahr ist wird sich durchsetzen.

AG Der Mensch ist längst zur treibenden Kraft von Evolution geworden. Wie gestalte ich Evolution? Wir Menschen wollen doch eine vielfältige, lebendige Umgebung, ein funktionierendes soziales Miteinander und eine natürliche Umwelt.  Also lautet die Frage nicht mehr: was können wir? Sondern: Was brauchen wir, um das zu erreichen, was wir eigentlich wollen? Dann wird Technik Mittel zum Zweck und das Lebendige steht wieder im Mittelpunkt.

SEKEM

Die SEKEM Initiative ist ein Modell für nachhaltige Entwicklung in Ägypten. Ende der 1970er Jahre begann Dr. Ibrahim Abouleish Wüstenboden zu kultivieren und SEKEM als ganzheitliche Initiative aufzubauen, die in vier Dimensionen tätig ist: Wirtschaft und Ökologie, sowie kulturelles und soziales Leben. Aus den landwirtschaftlichen Produkte, die SEKEM unter biologisch-dynamischen Richtlinien anbaut, produzieren die SEKEM-Firmen Lebensmittel, Gesundheitsprodukte und Textilien. Von einem Teil des Profits werden verschiedene Bildungseinrichtungen finanziert, die alle auf eine ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung des Menschen ausgerichtet sind. Außerdem unterstützt SEKEM die eigenen Mitarbeiter und Bewohner der umliegenden Dörfer mit einem medizinischen Zentrum und bietet ein umfangreiches Angebot an kulturellen Aktivitäten. SEKEM gilt als ägyptischer „Bio-Pionier“ und wurde 2003 mit dem „Right Livelihood Award“ ausgezeichnet, auch bekannt als „Alternativer Nobelpreis“. www.sekem.com

Buchtipp

Für alle, die gemeinsames Denken voranbringen möchten:

Dialogische Intelligenz. Aus dem Käfig des Gedachten in den Kosmos gemeinsamen Denkens. Von Martina, Johannes und Tobias Hartkemeyer mit Einführung in das Wesen des echten Dialogs und praktischen Hinweise zur Anwendung.

Demeter-Agrarkultur als Mittlerin im Dialog der Kulturen
Helmy Abouleish von SEKEM und Alexander Gerber

Welche Antworten kann die biodynamische Agrarkultur auf aktuelle Fragen der Gesellschaft geben? Darüber haben sich Helmy Abouleish, Geschäftsführer der ägyptischen SEKEM Initiative, die unter anderem biodynamische Landwirtschaft betreibt, und Alexander Gerber, Vorstandssprecher des Demeter e. V. Deutschland und Vize-Präsident von Demeter International, ausgetauscht.

Moderation: Renée Herrnkind

Podcast zum Gespräch

 

Das Gespräch zum Nachlesen

Durch Terror, Flüchtlingsbewegungen und religiös motivierte Auseinandersetzungen steht die Welt vor besonderen Herausforderungen. Für uns als biodynamische Gemeinschaft ist SEKEM ein herausragendes Beispiel für den gelungenen Brückenschlag zwischen Kulturen und Religionen. Deshalb ist es spannend zu fragen: Was ist charakteristisch für SEKEM, was lässt sich aus dem Vorbild in der ägyptischen Wüste lernen?

Helmy Abouleish: SEKEM wurde seit der Gründung vor über 38 Jahren von einem ganzheitlichen Ansatz getragen. Mein Vater hat es wirklich so verstanden und erlebt, dass die Biodynamische Wirtschaftsweise nicht nur eine Landwirtschaftsmethode ist. Wir sind inspiriert von Steiners Gedanken der Dreigliederung und wollen ganzheitliche Entwicklung vorantreiben, das heißt in den Bereichen Ökologie und Wirtschaft ebenso wie im sozialens und kulturellen Leben. Das zeichnet SEKEM aus. Die Biodynamische Wirtschaftsweise ist dafür unsere Basis, ohne die Demeter-Arbeit gäbe es SEKEM nicht. Ich bin wirklich froh, dass wir jetzt auch bei Demeter International in unserer Vision zum Ausdruck bringen, dass ein Arbeiten entlang all dieser Aspekte zur biodynamischen Bewegung gehört. SEKEM ist  dafür vielleicht ein Inspirationsfeld, aber auf keinen Fall ein einfaches Rezept, das nur wiederholt werden muss. SEKEM zeigt, was möglich ist.

Alexander Gerber: Die Verknüpfung von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten ist ja durchaus in vielen Demeter-Zusammenhängen lebendig. SEKEM ist ein herausragender Leuchtturm, aber nicht der einzige. Wir haben einen ganzen Strauß von Initiativen über die ganze Welt verteilt, die zeigen, dass die biodynamische Arbeit vor Ort fruchtbar wird. Engagierte Inder bauen gerade ein Projekt auf, um jungen Menschen aus der Stadt landwirtschaftliche Betriebe mit jeweils 25 Kühen zur Verfügung stellen zu können. Deren Milch wird dann über eine gemeinsame Molkerei vermarktet. Wie professionell das läuft hat mich sehr beeindruckt. Gerade in den Ländern des Südens wird Biodynamisch nicht nur als Landbaumethode gesehen, sondern eigentlich immer in den sozialen Kontext hineingestellt. Der kulturelle Impuls folgt dann geradezu zwangsläufig. Ich erkläre das gern so: Zunächst sind wir als Menschen in unserem physischen Leib nur Naturwesen. In dem Augenblick, in dem wir in eine Familie geboren werden, in einer Gesellschaft beheimatet sind, werden wir zu sozialen Wesen. Zur wirklichen Individualität, zur persönlichen Freiheit, kommen wir erst durch das eigene Denken. Es ermöglicht uns, Entscheidungen für unser Handeln zu treffen. Auf SEKEM bezogen: Ich glaube, dass SEKEM auch deshalb ein so herausragendes Beispiel ist, weil es Erkenntnis mit einer großen Energieleistung zu einer praktischen Initiative wurde. Sie wird permanent weiter getrieben und ist inspiriert durch ein kulturübergreifendes Verständnis.  Inzwischen ist der nachhaltige, soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Impuls wirksam für Ägypten. Wurde zunächst fas alles exportiert bleiben heute 70 Prozent der SEKEM-Waren im Land, über 30 000 Menschen sind mit der Initiative verbunden und haben sinnvolle Arbeit gefunden. Der Impuls ist buchstäblich auf fruchtbaren Boden gefallen – nicht zuletzt auch deshalb, weil ihr eine ganz innige Verbindung zum Islam habt und Teil der islamischen Gemeinschaft seid. Wenn wir uns alle wieder als Bewohner eines großen Dorfes Erde verstehen und uns verbinden statt uns abzugrenzen, gehen wir einen ähnlichen Weg.

Wie können wir diesen individuellen Impuls für das Richtige fruchtbar machen, wegkommen vom destruktiven Agieren?  

HA  Nur Dank unseres biodynamischen Netzwerks mit seinen vielen Initiativen werden wir weltweit wirksam. Ohne die konkrete Unterstützung unser Partner, gerade auch Demeter Deutschland, hätte SEKEM nicht zu dem werden können was es heute ist. Das war und ist ganz besonders wichtig.. Wir verstehen uns immer als Teil einer Bewegung. Uns alle eint doch diese Idee, die meinen Vater getrieben hat und die Alexander Gerber gerade benannt hat: Wir wollen die Welt weiter entwickeln zum Besseren, angepasst an und inspiriert durch das jeweilige Seelen- und Bewusstseinsentwicklungsumfeld vor Ort.

Wie ist Ihnen dieses Seelen-Umfeld begegnet als Sie mit 16 Jahren aus Österreich nach Ägypten kamen?

Da gibt es verschiedene Seiten: die der Herzlichkeit, der familiären Verbundenheit, der Freude, des religiös-inbrünstigen Lebens. In Ägypten ist es emotional und seelisch liebevoll und angenehm. Damit verbunden kommen uns natürlich auch Dogmen entgegen, wie es sie früher auch in Europa gab. Natürlich haben wir erlebt, und erleben immer noch,  dass man erstmal nicht den eigenen individuellen Gedanken pflegt oder sich traut dem Vorbeter  eine eigene Position entgegenzustellen. Das war für uns alle ein Lernprozess. Mein Vater war überrascht, dass die Menschen nicht so wie Mitteleuropäer Verantwortung übernehmen und umsetzen, was sie sich vornehmen. Dass sie nicht frei entscheiden, sondern Entscheidungen von anderen, Vorgesetzten, wollen. In dieser anderen Kultur leben wir nun seit über 38 Jahren. Wir haben deshalb eine andere Verantwortung, brauchen andere Gedanken als in Europa. Und wir erleben, wieviel sich dann positiv entwickelt. Die nächste Generation ist bereits ganz anders als die vorige und selbst die Eltern haben sich in den 38 Jahren erkennbar verändert – durch unsere Art, Verantwortung, Selbstständigkeit oder Zielstrebigkeit zu schulen, durch die Kunst, der sie in SEKEM jeden Tag begegnen, durch Freude an sinnvoller Arbeit oder durch das gemeinsame Feiern. Und zwar nicht nur in unserem SEKEM-Zusammenhang, sondern in Ägypten. Das gibt uns Hoffnung. Entwicklungssprünge sind bei liebevoller Unterstützung möglich.

„Jedes Kulturleben kann nur in Freiheit blühen, unter der Glocke der Dogmen geht das nicht.“

Was braucht es, um liebevoll zu unterstützen?

HA Erstmal das Verständnis, dass Menschen in verschiedenen Zusammenhängen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. Also zum Beispiel das Wissen, dass es für einen Ägypter aus einem kleinen Dorf Demokratie im europäischen Sinne offensichtlich gar nicht gibt. Eigene Entscheidungen zu treffen ist kulturell da erst mal gar nicht angelegt. Wir müssen erst in diese Richtung führen. Oder, dass ein ganz anderes Verständnis von Ordnung und auch Nachhaltigkeit herrscht. Hier sitzen Menschen gemütlich mitten im Müll und trinken Tee. Jeder Europäer würde wohl erst mal aufräumen. Aber viele Ägypter sehen underleben das anders. Sie gucken eben mehr nach innen, erleben mehr, was sie am anderen entdecken können. Wir schulen die Wahrnehmung. Das ist überall notwendig, aber in Ägypten ganz besonders. Und wir wissen, jedes Kulturleben kann nur in Freiheit blühen, unter der Glocke der Dogmen geht das nicht. In der arabischen Welt hat ganz keimhaft der Prozess begonnen, Dogmen anzugreifen. Das können wir unterstützen. Gerade wenn Menschen jetzt kommen und sagen „es ist schwer, es gibt so viele Probleme“ ist das für mich ein Zeichen dafür, das etwas in Bewegung kommt.

AG Wenn man auf die großen Kulturen schaut – Ägypten war ja eine davon – dann sieht man, dass sich solche Kulturentwicklungen immer in Wachstum- und Sterbeprozessen bewegen. Absterbeprozesse sind ja wie Kompost. Sie sind Keim für das Neue. Wir stehen sicherlich an einem Kreuzungspunkt. Wir erleben eine ökologische Krise mit der Klimafrage, eine soziale Krise mit Terror und Flüchtlingsbewegung und natürlich die wirtschaftliche Krise. Alle drei hängen unmittelbar zusammen. Die spannende Frage ist nun, wie gestalten wir den Übergang - wie kommen wir zu diesem Komposthaufen für das Neue.

Alles was ich auf meinen Stück Boden tue, tue ich der ganzen Welt an.

Wo kann Demeter, das Biodynamische, dabei modellhaft sein?  

AG Die landwirtschaftliche Tagung am Goetheanum in Dornach hatte dieses Jahr den Titel „Die Welt - Ein globaler Garten“. Eine junge Gärtnerin entwickelte folgendes Bild: ich bearbeite mein Stück Boden. Es grenzt an ein anderes Stück Land, zusammen sind sie Teil einer Landschaft, diese bildet mit anderen ein Land. So ist  ihr Stück Erde verbunden mit dem ganzen Kontinent, ist Teil des Organismus Erde. Alles was ich auf meinem Stück Boden tue, tue ich der ganzen Welt an. Das bedeutet: Wir alle bilden und gestalten den Organismus Erde, sind die Weltengemeinschaft. Unsere Gärten sind individuell jeweils in ihren Regionen, entwickeln sich unterschiedlich. Der biodynamische Impuls lässt den Menschen in seiner Freiheit und Individualität. Also schaut man auf die Seele des Ägypters und gleichzeitig sieht man ihn als Teil der ganzen Menschheitsentwicklung. So  wird es bunt, vielfältig. Wir verstehen, was der Einzelne zum großen Ganzen beiträgt. Genau diese Offenheit bringt der biodynamische Impuls mit. Und unsere Landwirtschaft als Idee für die Agrar- und Ernährungskultur der Zukunft verbindet  das. Bei Demeter sind wir Individualisten, aber wenn wir uns in Dornach treffen und fragen, wie wir mit Landwirtschaft sinnvoll für die Erde wirken können, sind wir alle miteinander verbunden.

HA Ich will nicht arrogant klingen, aber ich sage voller Überzeugung: wir haben mit der biodynamischen Landwirtschaft Lösungen für alle großen Probleme der Welt. Klimawandel, Wassermangel, Bodenfrage. Wir zeigen mit der biodynamischen Arbeit das beste landwirtschaftliche System der Welt. Wir haben den besten Umgang mit Ressourcen. Wir zeigen den globalen Riesen wie Monsanto und Syngenta die Stirn. So weit geht das mit der Demeter-Arbeit, auch wenn es noch nicht global verstanden wird. Aber wir haben ja noch Zeit. Gerade jetzt, wo die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, zeigen wir andere Formen des Wirtschaftens. Wir übernehmen Verantwortung für den anderen. Wir sind eben nicht  glücklich, wenn es dem anderen schlecht geht.

Welche Rolle spielen dabei die Religionen?

HA Wir in SEKEM sehen Islam und Christentum nicht als Widerspruch. Wer so schaut arbeitet mit am Clash. Wer mit ein bisschen Tiefblick auf die Zyklen schaut muss doch wahrnehmen, dass der Islam gerade versucht, seine Dogmen abzulegen. Deshalb  werden die Widersacherkräfte besonders vehement. Eine konservative Bewegung versucht den Islam in der Vergangenheit zu halten. Aber die Modernisierung des Islam ist nicht aufzuhalten. Er geht in die Zukunft. Er bietet genau die Elemente zukünftiger Wirtschaftsformen und eine Nachhaltigkeitsphilosophie, die das globale Gespräch zu diesen Themen bereichern kann. Ich sehe da ganz viel Potential.

Und warum fliehen die Menschen trotzdem?

Jeder Syrer oder Nordafrikaner, der über das Mittelmeer kommt, sieht in Deutschland das Paradies. Was er nicht sieht: die westliche Welt hat in den letzten 100 Jahren an neuen Dogmen gebaut. Der Westen denkt immer noch, Kapitalismus und Technologie können die Welt retten. Wo ist die Wirtschaft der Zukunft? Da gibt es hier in Europa, im Westen, doch kaum Ideen. Da kann der Osten, Afrika, gerade auch durch den Glauben an übersinnliche geistige Kräfte neue Impulse setzen. Sind wir offen das zu sehen?

Bei Demeter International einigt sich die weltweite biodynamische Bewegung auf Regelwerke, verabredet sich  agrarkulturell, wirtschaftlich. Wirken da die unterschiedlichen Kulturen bereits befruchtend?

AG Wir diskutieren bei Demeter International durchaus kontrovers,  erleben Unterschiede. Letztlich können wir uns aber einigen.  Nährboden dafür ist  Respekt vor Vielfalt, regionalen Besonderheiten und Verbundenheit in der Idee der Nachhaltigkeit, der Zukunftsfähigkeit. Wir haben ein gemeinsames Verständnis von Landwirtschaft, von Wirtschaft. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen steht dabei im Mittelpunkt. Wir sprechen den Menschen in seiner Verantwortung für die ganze Welt an, das ist der wesentliche Kern.  

Eines unserer zentralen und unumstößlichen Dogmen – das Wachstumsdiktat – ist ja gerade Mitverursacher für die  derzeitigen existentiellen Krisen. Auch als biodynamischer Unternehmer bin ich gefangen in diesem Prozess und kann nur durch Investitionen überleben. Das führt zu Verlust von Vielfalt, zu  Monopolisierung,  Böden werden zur Kapitalanlage. Wie dreht man das um und stellt den Menschen mit  seinen Bedürfnissen wieder in den Mittelpunkt? Unsere Antworten auf diese Frage sind biodynamisch: wir entwickeln einen Organismus,  züchten Pflanzen und Tiere, bauen Fruchtbarkeit auf, pflegen neue Handelsbeziehungen, entwickeln Höfe als soziale Elemente, gestalten Arbeitsplatze für Menschen mit besonderen Fähigkeiten, verwandeln Besitzverhältnisse in Richtung Gemeinschaft.

Das funktioniert mit den vergleichsweise wenigen Demeter-Partnern, aber was hat das mit den gesellschaftlichen Herausforderungen dieses Jahrhunderts zu tun?

AG Schauen wir uns Syrien an. Der Klimawandel hat dort für dramatische Dürreperioden gesorgt. Davon waren  800 000 Menschen direkt betroffen. Irgendwann sind sie in ihrer Verzweiflung auf die Straße gegangen. Die Machthaber antworteten mit Militärgewalt. Religiöse Konflikte kamen dazu und immer mehr Menschen müssen aus dieser Unterdrückung, aus Terror und Krieg fliehen, um zu überleben. Es gibt diesen unmittelbaren Zusammenhang von Klimawandel, Landwirtschaft, Terror und Flucht. Er stellt uns in die Verantwortung, verlangt neues Handeln.

Alexander Gerber überreicht Helmy Abouleish ein KuhhornDas Horn, das Demeter-Kühe mit Stolz tragen dürfen, symbolisiert die entscheidende Frage der Evolution. Wenn das Kuhhorn in den technischen Abläufen stört wird es einfach weggeätzt oder weggezüchtet. Wenn wir Menschen danach schauen, was wir wirklich wollen, werden die Ställe so gebaut, dass Kühe mit ihren Hörnern dort alle ihre Bedürfnisse leben können.

Nur mit einem neuen Verständnis für das, was wir global brauchen, kann nachhaltig Frieden entstehen.

HA Was der Westen in unserer Region seit dem Ende des Kolonialismus bis heute an Machtpolitik betreibt ist eigentlich unbeschreiblich. Was als Schutz von Rohstoffquellen und Einsatz für die Demokratie verkauft wird, füllt ganz konkret Konten von Konzernen. Nur mit einem neuen Verständnis für das, was wir global brauchen, kann nachhaltig Frieden entstehen.Wir müssen den Menschen zuhören, brauchen neues Denken. Wir in SEKEM wollen zeigen wie Synergien zwischen Westen und Osten fruchtbar sind. Ohne diese Synergien wäre SEKEM gar nicht denkbar. Wir sind nur durch das Netzwerk, das wir stetig knüpfen so resilient geworden.

Ist SEKEM multikulturell angelegt oder ist der Islam die Grundlage?

HA In Ägypten gibt es traditionell 10 Prozent Christen - Kopten – und 90 Prozent Muslime. Das bildet auch SEKEM ab. Im engeren und im größeren Kreis von SEKEM, also mit  Studenten unserer Uni, Familien unserer Mitarbeiter und mit den Millionen Verbrauchern lebt ein weltoffenes, liberales, multikulturelles Bewusstsein. Nur im Zusammentreffen der Kulturen konnte und kann etwas Neues entstehen.

Wie spiegelt sich das im Alltäglichen wider?  

HA Der morgendliche Kreis ist ein tolles Mittel, den Menschen zu helfen, sich bewusstseinsmäßig zu entwickeln, sich und den anderen als  Gemeinschaft wahrzunehmen.  Weit über die religiöse Frage hinaus ist für uns wichtig, wie wir Frauen stärken. Wie können wir so unterstützen, dass Frauen selbstmotiviert eine bedeutendere Rolle übernehmen? Gerade in diesem Bereich haben wir in den letzten Jahren Wunder erlebt. Wir hätten nicht erwartet, dass diese Entwicklung so schnell geht. An der Uni haben wir bereits über 50 Prozent Studentinnen. Bei den Professoren und Ausbildern sind mehr als 50 Prozent Frauen. In den Unternehmen sind es um die 30 Prozent, bis 2020 wollen wir 50 Prozent  erreichen. Frauen nehmen in SEKEM eine andere Rolle ein, seitdem wir ihnen Unterstützung geben. Der wichtigste Schritt war unser Kinderhort. Kaum ein Ägypter hätte geglaubt, dass eine Frau ihr kleines Kind in einen Hort gibt und dann weiter zur Arbeit geht. Inzwischen haben wir 38 Kinder in unserem Hort und es gibt sogar Frauen, die ihre Kinder danach planen, wann sie einen Platz im Hort bekommen können. Das ist Revolution. Frauen sind fitter als Männer für dieses 21. Jahrhundert. Letztes Jahr kamen dann SEKEM-Männer und haben nach Unterstützung gefragt. Gender Equality ist ein wichtiges Thema für SEKEM. Dazu gehört Unterstützung, die über reine Gleichheit hinausgeht. Das ist für die Entwicklung genauso wichtig wie die Frage Christen/Muslime.

Be the change – wir müssen der Wandel sein – das haben Sie, Helmy Abouleish, vor einigen Jahren beim Karma-Konsum-Kongress gefordert. Wer kann den Wandel ermöglichen, was braucht es dafür?  

AG Dazu fällt mir ein großer landwirtschaftlicher Betrieb mit 3 000 Hektar Fläche in Tschechien ein. 30 Mitarbeiter einer Kooperative haben ihn übernommen und auf biodynamisch umgestellt. Wenn wir dann nachgefragt haben wann endlich die Zertifizierung als Demeter-Betrieb erfolgen soll, kam als Antwort: Wenn wir überzeugt davon sind, wir machen es richtig gut mit unserer biodynamischen Erzeugung, dann melden wir uns. Seit letztem Jahr sind sie Mitglied. Wenn also etwas ganz aus der Gruppe heraus, aus der Situation vor Ort entsteht, und sich am Ideal misst, dann entsteht der Wandel. So wie in  Nordindien. Da hat eine Inderin angefangen, Präparate herzustellen. Inzwischen ist es zu einer Art Volkssport geworden, Biodynamische Präparate zu machen. 70 000 Tonnen Kompost  werden präpariert und verteilt, jeder Distrikt will unbedingt seinen eigenen Präparate-Platz anlegen.

Ägypter erleben, dass ihre Pflanzen lächeln - dank Biodynamischer Wirtschaftsweise. Da brauchen sie keinen Beweis von Wissenschaftlern.

Sind Menschen in diesen Ländern vielleicht offener für Biodynamisch weil sie ohnehin einen anderen Zugang zum Geistigen, zum Spirituellen haben?

HA Auf jedem Fall. Jeder Moslem und jeder Kopte wiederholt in seinem Glaubensbekenntnis täglich „ich glaube ans Übersinnliche“ und Engel sind trotz des kapitalistischen Einflusses ständige Begleiter. Ägypter erleben, dass ihre Pflanzen lächeln - dank Biodynamischer Wirtschaftsweise. Da brauchen sie keinen Beweis von Wissenschaftlern.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass viele dieser Länder jahrhundertelang fremd regiert wurden. Den Menschen wurde verantwortliches Handeln aberzogen. Sie sind in einer Haltung des Empfangens erstarrt. Sie erleben sich nicht als den Kreator der Zukunft. Das geht sicherlich auch vielen Menschen in Osteuropa noch so. Das müssen wir erst wieder aufbauen. Wir üben das aktiv, im Morgenkreis, bei Festen, in Gesprächen. Spüren und wissen, ich verändere jeden Tag die Welt.

Wir müssen uns davon verabschieden – auch ich, und das war durchaus eine schmerzliche Erfahrung – dass Politiker die Welt retten können. Politiker sind Sklaven ihres Systems, sie können gar nicht mehr frei umsetzen, bleiben in Sachzwängen gefangen und reagieren unter Druck. Sie können nicht mehr agieren oder inspirieren. Ich setze auf die Zivilgesellschaft. Jeder einzelne muss die Verantwortung des Tuns übernehmen. Zusammen können wir es, ich bin da gar nicht pessimistisch. Wir müssen es nur tun, denn wir können nicht mehr warten.  

Unternehmer, Bauern oder Sozialunternehmer haben dabei ebenfalls eine viel wichtigere Rolle als ich es mir vor vier Jahren vorgestellt habe. Wenn wir ermöglichen, sinnvolle Agrarkultur zu betreiben und sinnvolle Formen des Wirtschaftens zu etablieren, dann verändert sich der ganze Strom des Geldflusses. Dann hört dieser Irrsinn auf, dass man aus Geld Geld macht. Wir müssen zeigen, was Entwicklung bedeutet, nicht Wachstum.

Was brauchen wir, um das zu erreichen, was wir eigentlich wollen?

Ich höre hier durchaus viel Vertrauen in die Zukunft und Entschlossenheit, Zukunft zu gestalten. Was brauchen wir alle im Alltag, um entsprechend zu agieren?

HA Für mich war die Zeit im Gefängnis dafür ganz entscheidend. Danach habe ich mich wieder neu mit den Netzwerken verbunden, mit denen ich aufgewachsen bin und die mich inspirieren. Seitdem bin ich in der Demeter-Bewegung wieder sehr aktiv. Vor zehn Jahren war ich größer angelegt, wollte die Welt retten und zwar schnell. Da war mir Demeter International zu langsam. Damals dachte ich, Merkel und Obama seien schneller. Jetzt weiß ich, in dem was wir am Boden tun liegt die Antwort. Deshalb bin ich auch zutiefst überzeugt,  dass biodynamisch landwirtschaftlicher Mainstream werden wird. Entweder es kommt aus Einsicht oder aus Krise hat Rudolf Steiner gesagt. Wir müssen nur an uns selber gut arbeiten, um das alles gut zu verdauen und gut beantworten zu können wenn die Fragen kommen. Das was wahr ist wird sich durchsetzen.

AG Der Mensch ist längst zur treibenden Kraft von Evolution geworden. Wie gestalte ich Evolution? Wir Menschen wollen doch eine vielfältige, lebendige Umgebung, ein funktionierendes soziales Miteinander und eine natürliche Umwelt.  Also lautet die Frage nicht mehr: was können wir? Sondern: Was brauchen wir, um das zu erreichen, was wir eigentlich wollen? Dann wird Technik Mittel zum Zweck und das Lebendige steht wieder im Mittelpunkt.

SEKEM

Die SEKEM Initiative ist ein Modell für nachhaltige Entwicklung in Ägypten. Ende der 1970er Jahre begann Dr. Ibrahim Abouleish Wüstenboden zu kultivieren und SEKEM als ganzheitliche Initiative aufzubauen, die in vier Dimensionen tätig ist: Wirtschaft und Ökologie, sowie kulturelles und soziales Leben. Aus den landwirtschaftlichen Produkte, die SEKEM unter biologisch-dynamischen Richtlinien anbaut, produzieren die SEKEM-Firmen Lebensmittel, Gesundheitsprodukte und Textilien. Von einem Teil des Profits werden verschiedene Bildungseinrichtungen finanziert, die alle auf eine ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung des Menschen ausgerichtet sind. Außerdem unterstützt SEKEM die eigenen Mitarbeiter und Bewohner der umliegenden Dörfer mit einem medizinischen Zentrum und bietet ein umfangreiches Angebot an kulturellen Aktivitäten. SEKEM gilt als ägyptischer „Bio-Pionier“ und wurde 2003 mit dem „Right Livelihood Award“ ausgezeichnet, auch bekannt als „Alternativer Nobelpreis“. www.sekem.com

Buchtipp

Für alle, die gemeinsames Denken voranbringen möchten:

Dialogische Intelligenz. Aus dem Käfig des Gedachten in den Kosmos gemeinsamen Denkens. Von Martina, Johannes und Tobias Hartkemeyer mit Einführung in das Wesen des echten Dialogs und praktischen Hinweise zur Anwendung.