Experteninterview zum Thema Bienensterben

Experteninterview zum Thema Bienensterben

21.04.2008

Angesichts des wiederholten Bienensterbens in Deutschland, Europa und den USA befragte Renée Herrnkind (Demeter-Pressesprecherin) den Imker Thomas Radetzki für das PresseForum BioBranche.
Thomas Radetzki stellt interessierten Imkern seinen ganzheitlichen Ansatz der Arbeit mit den Bienen vor und weckt Interesse für den wesensgemäßen Umgang mit den Insekten. Wie schon in den Vorjahren sind in diesem Winter erneut zahlreiche Bienenvölker gestorben. Eine dramatische Entwicklung sieht der Experte und warnt vor den Folgen.

Bienensterben geht weiter: Ohne Bestäubung keine Früchte

Imkermeister Thomas Radetzki (52 Jahre) hält seit über 30 Jahren Bienen - und ist immer noch mit ansteckender Begeisterung dabei. Der innovative Mann ist Geschäftsführender Vorstand des Vereins Mellifera e.V., der sich für wesensgemäße Bienenhaltung einsetzt. Radetzki hat die vereinseigene Demeter-Imkerei Fischermühle in Baden Württemberg mit 150 Bienenvölkern gegründet. Sie ist Pionierbetrieb für ökologische Bienenhaltung und betreibt seit 1985 Forschung und Ausbildung. Die Vereinsarbeit für Bienen und Imker ist stark vernetzt. Die Kurse werden sowohl von konventionellen Imkern als auch von Imkern aller Bio-Verbände besucht. Der Verein ist auf politischer Ebene aktiv und mit seiner Zeitung „Biene Mensch Natur“ ein wichtiger Meinungsbilder unter Imkern. Radetzki ist Mitglied in bienen-wissenschaftlichen Gremien und in der Prüfungskommission für Imker in Baden Württemberg.
Herr Radetzki, wenn 30 Prozent aller Kühe plötzlich tot im Stall oder auf der Weide liegen würden, ginge sicherlich ein Aufschrei des Entsetzens durch Deutschland. So viele Bienen sind im letzten Winter in Deutschland wieder gestorben, aber kaum jemand spricht darüber. Was sind die Gründe für ein derartiges Bienensterben?
In diesem Jahr kennen wir ausnahmsweise die Ursache, es ist die Varroa-Milbe. Jedoch war im Jahr 2003 mehr als ein Drittel der deutschen Völker von einem EU-weiten Bienensterben betroffen und im vergangenen Jahr die Hälfte der Bienen in Nordamerika – ohne eine bestimmte Ursache erkennen zu können. Das gilt zum Beispiel auch für die massiven Verluste in Spanien. Eine Fülle belastender Faktoren wirkt zusammen und hat die Widerstandskraft der Bienen erheblich geschwächt. Dazu gehören Pestizide der Landwirtschaft, Arzneimittel und Manipulationen der Imker bis hin zur instrumentalen Besamung, einseitige züchterische Selektion, blütenarme Landschaften, globale Bienentransporte und Verschleppung von Krankheiten. Welcher Stressfaktor den Völkern im Einzelfall den Tod bringt, spielt meines Erachtens eine untergeordnete Rolle. Es sind insgesamt einfach zu viele.

Und was sind die Folgen des Bienensterbens?
Demoralisierung der Imkerschaft, deren Durchschnittsalter ohnehin über 65 Jahre liegt – es fehlt der Nachwuchs. Imker erhalten keine Entschädigung, viele geben auf. In den USA herrscht schon seit Jahren ein Bestäubungsnotstand der sich ständig verschärft. Ich war kürzlich vom kanadischen Berufsimkerverband zur Beratung über alternative Krankheitsbekämpfung eingeladen. Dort werden inzwischen bis zu 240 kanadische Dollar pro Bienenvolk für die Bestäubung von GVO-Raps in der Saatgutvermehrung gezahlt. Andere Blütenbestäuber wie Hummeln oder Schwebfliegen stehen dort kaum noch zur Verfügung. Auch in Europa ist die dramatische Verarmung der Artenvielfalt, die bei Blütenbestäubern und Wildpflanzen Hand in Hand geht, inzwischen gut dokumentiert. Es ist wichtig zu begreifen, dass wir zwar Honig importieren können, nicht aber Bestäubung. Und ohne Bestäubung keine Früchte ...
Stimmt es, dass ein Drittel der menschlichen Ernährung von den Bienen abhängt?
Die Leiterin des Entomologischen Instituts (Insektenkunde) in Illinois macht diese überraschend hohe Angabe. Sie bezieht sich sicherlich nicht nur auf die Bestäubung von Obst, Beeren, Gemüse, Ölfrüchten und Anderem, sondern auch auf indirekte Wirkungen. Nach Rind und Schwein ist die Biene schließlich das drittwichtigste landwirtschaftliche Nutztier.
Sie haben in den letzten Jahren einige Projekte für die Bienen realisiert. Welches sind die wichtigsten?

Unser „Netzwerk Blühende Landschaft“ sorgt für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Denn wir brauchen uns nicht über Krankheiten bei Bienen zu wundern, wenn sie regelmäßig Hunger leiden.
Ein enormes Problem ist der weltweite Handel mit Bienen. Durch die Globalisierung werden neue Krankheiten eingeschleppt. Mit der Bienenstockkäfer-Kampagne haben wir 2003 erfolgreich einen EU-weiten Einfuhrstopp bewirkt und wachen seither über dessen Umsetzung.
Zu den neuen Krankheitserregern rechne ich auch gentechnisch veränderten Blütenpollen und Nektar. In Anbetracht fehlender unabhängiger Sicherheitsforschung müssen wir diesen Blickwinkel einnehmen. Deshalb haben wir das Bündnis zum Schutz der Bienen vor Agro-Gentechnik gegründet und unterstützen Imker die ziemlich erfolgreich gegen den Anbau klagen. Wir erzwingen damit die juristische Klärung von Fragen, die das Gentechnikgesetz nicht beantwortet, obwohl sie für die gesamte Lebensmittelwirtschaft relevant sind.
Bei immer neuen Aktionen wird leicht übersehen, was für uns bei Mellifera e.V. das Zentrale ist. Wir sind mit der Lehr- und Versuchsimkerei Fischermühle seit über zwanzig Jahren wohl weltweit das einzige Institut, welches seinen Fokus auf eine nachhaltige Art der Haltung hat. Demeter ist nicht umsonst der einzige Verband bei dem - über die EU-Richtlinien hinaus - Naturwabenbau und Vermehrung auf Grundlage des Schwarmtriebes realisiert werden.

21.04.2008
Experteninterview zum Thema Bienensterben

Angesichts des wiederholten Bienensterbens in Deutschland, Europa und den USA befragte Renée Herrnkind (Demeter-Pressesprecherin) den Imker Thomas Radetzki für das PresseForum BioBranche.
Thomas Radetzki stellt interessierten Imkern seinen ganzheitlichen Ansatz der Arbeit mit den Bienen vor und weckt Interesse für den wesensgemäßen Umgang mit den Insekten. Wie schon in den Vorjahren sind in diesem Winter erneut zahlreiche Bienenvölker gestorben. Eine dramatische Entwicklung sieht der Experte und warnt vor den Folgen.

Bienensterben geht weiter: Ohne Bestäubung keine Früchte

Imkermeister Thomas Radetzki (52 Jahre) hält seit über 30 Jahren Bienen - und ist immer noch mit ansteckender Begeisterung dabei. Der innovative Mann ist Geschäftsführender Vorstand des Vereins Mellifera e.V., der sich für wesensgemäße Bienenhaltung einsetzt. Radetzki hat die vereinseigene Demeter-Imkerei Fischermühle in Baden Württemberg mit 150 Bienenvölkern gegründet. Sie ist Pionierbetrieb für ökologische Bienenhaltung und betreibt seit 1985 Forschung und Ausbildung. Die Vereinsarbeit für Bienen und Imker ist stark vernetzt. Die Kurse werden sowohl von konventionellen Imkern als auch von Imkern aller Bio-Verbände besucht. Der Verein ist auf politischer Ebene aktiv und mit seiner Zeitung „Biene Mensch Natur“ ein wichtiger Meinungsbilder unter Imkern. Radetzki ist Mitglied in bienen-wissenschaftlichen Gremien und in der Prüfungskommission für Imker in Baden Württemberg.
Herr Radetzki, wenn 30 Prozent aller Kühe plötzlich tot im Stall oder auf der Weide liegen würden, ginge sicherlich ein Aufschrei des Entsetzens durch Deutschland. So viele Bienen sind im letzten Winter in Deutschland wieder gestorben, aber kaum jemand spricht darüber. Was sind die Gründe für ein derartiges Bienensterben?
In diesem Jahr kennen wir ausnahmsweise die Ursache, es ist die Varroa-Milbe. Jedoch war im Jahr 2003 mehr als ein Drittel der deutschen Völker von einem EU-weiten Bienensterben betroffen und im vergangenen Jahr die Hälfte der Bienen in Nordamerika – ohne eine bestimmte Ursache erkennen zu können. Das gilt zum Beispiel auch für die massiven Verluste in Spanien. Eine Fülle belastender Faktoren wirkt zusammen und hat die Widerstandskraft der Bienen erheblich geschwächt. Dazu gehören Pestizide der Landwirtschaft, Arzneimittel und Manipulationen der Imker bis hin zur instrumentalen Besamung, einseitige züchterische Selektion, blütenarme Landschaften, globale Bienentransporte und Verschleppung von Krankheiten. Welcher Stressfaktor den Völkern im Einzelfall den Tod bringt, spielt meines Erachtens eine untergeordnete Rolle. Es sind insgesamt einfach zu viele.

Und was sind die Folgen des Bienensterbens?
Demoralisierung der Imkerschaft, deren Durchschnittsalter ohnehin über 65 Jahre liegt – es fehlt der Nachwuchs. Imker erhalten keine Entschädigung, viele geben auf. In den USA herrscht schon seit Jahren ein Bestäubungsnotstand der sich ständig verschärft. Ich war kürzlich vom kanadischen Berufsimkerverband zur Beratung über alternative Krankheitsbekämpfung eingeladen. Dort werden inzwischen bis zu 240 kanadische Dollar pro Bienenvolk für die Bestäubung von GVO-Raps in der Saatgutvermehrung gezahlt. Andere Blütenbestäuber wie Hummeln oder Schwebfliegen stehen dort kaum noch zur Verfügung. Auch in Europa ist die dramatische Verarmung der Artenvielfalt, die bei Blütenbestäubern und Wildpflanzen Hand in Hand geht, inzwischen gut dokumentiert. Es ist wichtig zu begreifen, dass wir zwar Honig importieren können, nicht aber Bestäubung. Und ohne Bestäubung keine Früchte ...
Stimmt es, dass ein Drittel der menschlichen Ernährung von den Bienen abhängt?
Die Leiterin des Entomologischen Instituts (Insektenkunde) in Illinois macht diese überraschend hohe Angabe. Sie bezieht sich sicherlich nicht nur auf die Bestäubung von Obst, Beeren, Gemüse, Ölfrüchten und Anderem, sondern auch auf indirekte Wirkungen. Nach Rind und Schwein ist die Biene schließlich das drittwichtigste landwirtschaftliche Nutztier.
Sie haben in den letzten Jahren einige Projekte für die Bienen realisiert. Welches sind die wichtigsten?

Unser „Netzwerk Blühende Landschaft“ sorgt für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Denn wir brauchen uns nicht über Krankheiten bei Bienen zu wundern, wenn sie regelmäßig Hunger leiden.
Ein enormes Problem ist der weltweite Handel mit Bienen. Durch die Globalisierung werden neue Krankheiten eingeschleppt. Mit der Bienenstockkäfer-Kampagne haben wir 2003 erfolgreich einen EU-weiten Einfuhrstopp bewirkt und wachen seither über dessen Umsetzung.
Zu den neuen Krankheitserregern rechne ich auch gentechnisch veränderten Blütenpollen und Nektar. In Anbetracht fehlender unabhängiger Sicherheitsforschung müssen wir diesen Blickwinkel einnehmen. Deshalb haben wir das Bündnis zum Schutz der Bienen vor Agro-Gentechnik gegründet und unterstützen Imker die ziemlich erfolgreich gegen den Anbau klagen. Wir erzwingen damit die juristische Klärung von Fragen, die das Gentechnikgesetz nicht beantwortet, obwohl sie für die gesamte Lebensmittelwirtschaft relevant sind.
Bei immer neuen Aktionen wird leicht übersehen, was für uns bei Mellifera e.V. das Zentrale ist. Wir sind mit der Lehr- und Versuchsimkerei Fischermühle seit über zwanzig Jahren wohl weltweit das einzige Institut, welches seinen Fokus auf eine nachhaltige Art der Haltung hat. Demeter ist nicht umsonst der einzige Verband bei dem - über die EU-Richtlinien hinaus - Naturwabenbau und Vermehrung auf Grundlage des Schwarmtriebes realisiert werden.