Demeter zur Vogelgrippe: Allgemeine Stallpflicht überdenken

Demeter zur Vogelgrippe: Allgemeine Stallpflicht überdenken

30.03.2006

Demeter, der Verband für biologisch-dynamische Lebensmittel, fordert die politisch Verantwortlichen auf, die allgemeine Stallpflicht für Geflügel zu überdenken. Es sei inzwischen deutlich geworden, dass der Vogelzug als Überträger des Virus deutlich überbewertet werde. Durch neue Hinweise verliere die flächendeckende Stallpflicht klar an Bedeutung im Gesamtzusammenhang des Erkrankungsgeschehens. Sinnvoll sei Stallpflicht im Umkreis von erkrankten Beständen. Eine weitere wichtige Maßnahme sei die Ausgrenzung von Gewässern aus dem Geflügelauslauf und außerdem müsse Kontakt mit wildem Wassergeflügel verhindert werden.

Die einseitige Forschung auf den Vogelflug als Übertragungsweg müsse jetzt schnellstens erweitert werden, denn inzwischen sei auch Experten klar, dass bei der Mehrzahl der weltweit aufgetretenen Fälle nicht der Vogelflug als Übertragungsweg in Frage komme. Tiertransporte, verseuchte Lebensmittel und neuerdings auch der nahezu weltweite Handel mit Geflügelmist werden als andere Übertragungswege genannt. Fatal sei dabei, dass die Exkremente aus den großen Beständen der Geflügelindustrie auch zum Düngen von Fischteichen und als Futterkomponente für Fische, Geflügel und Schweine verwendet würden. „Das erinnert dann doch allzu sehr an die BSE-Problematik,“ kommentiert Demeter-Vorstand Christoph Simpfendörfer. Wieder sei offenbar zu stark am Profit orientiertes Handeln des Menschen der Kern des Problems.  
Hühnerhaltung habe sich so weit von der bäuerlichen Verantwortung entfernt, dass in der Geflügelindustrie vier Konzerne weltweit agierten. Sie handelten Bruteier, Küken und „ausgediente“ Tiere wie Wirtschaftsgüter, nicht wie lebendige Wesen. Durch die Selektion auf Hochleistungstiere sei genetische Vielfalt verloren gegangen und damit auch Potential für robuste Tiere.  
„Wenn nur so monokausal gedacht wird – Vogelzug als Ursache, Stallpflicht als Gegenmaßnahme – greift das sicherlich zu kurz,“ betont Dr. Georg Eysel-Zahl vom Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise und ist sich da mit einer steigenden Zahl von Wissenschaftlern einig. Er mahnt ein sorgfältiges Abwägen von Risiken und Nutzen im Bezug auf das Aufstallen über noch längere Zeiträume hinweg an. Gerade der vorsorgende Verbraucherschutz erfordere auch die artgemäße Haltung der Tiere. „Die Vogelgrippe darf nicht dazu missbraucht werden, Intensiv-Haltungssysteme zu rechtfertigen und die so genannte ausgestaltete Käfighaltung zu forcieren,“ warnt er.  
„Wir dürfen die Natur nicht zum Feind erklären,“ fordern die Bio-dynamischen Landwirte. Bei allem Verständnis für Ängste der Menschen vor dem Virus gelte es, den Respekt vor den Tieren zu wahren. Demeter-Bauern, die ihre Nutztiere nicht nur artgerecht, sondern wesensgemäß halten, sorgen sich besonders wegen der Stallpflicht. Eine dauerhafte Stallhaltung sei weder artgerecht noch wesensgemäß. Selbst der großzügige Wintergarten als Auslauf könne da nur ein schwacher Trost sein. „Bei uns häufen sich Anrufe kritischer Verbraucher, die eindeutige Stellungnahmen gegen Aufstallungspflicht für Geflügel und deren vorsorgliche Tötung vermissen,“ berichtet der bio-dynamische Geflügelhalter Carsten Bauck aus der Lüneburger Heide. Gerade jetzt im Frühling lechzten die Tiere danach, das erste Grün zu picken, nach Würmern zu scharren und Sandbäder in der Sonne zu nehmen. Bauck erinnert daran, dass Tierschutz im Grundgesetz verankert ist – und zur Zeit mit Füßen getreten werde. „Das müssen die Hühner ausbaden. Wer sieht, wie sich meine Mädels jetzt bei Sonnenschein vor den Auslaufklappen drängen weiß was ich meine,“ wird der Hühnerhalter immer zorniger – zumal er aus seuchenhygienischer Sicht das jetzt praktizierte Aufstallungsgebot für  unsachgemäß hält.  
„Hermetisch abgeriegelte Ställe, gut zu desinfizieren, einer Industrieanlage gleich geführt, sind Ausdruck der zunehmenden Entfremdung von uns Verbrauchern zu dem, was wir doch täglich als Mittel zum Leben essen,“ bedauert dann auch Nikolai Fuchs, Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum in Dornach/Schweiz. Er plädiert dafür, die Anonymisierung der Nutztierhaltung zu beenden. „Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, die den Tieren Wohlbefinden ermöglicht. So wird auch ihre Widerstandskraft gegen Krankheiten gestärkt und wirklich gesunde Nahrung erzeugt.“ Fuchs nimmt die Gesellschaft in die Pflicht: „Da stehen alle Menschen in der Verantwortung, sowohl die für Tierhaltung Zuständigen als auch wir alle als Verbraucher.“ Nur so könne Verbraucherschutzpolitik die Würde der Kreatur beachten und sie nicht für das trügerische Sich-in-Sicherheit-Wiegen der Menschen opfern. „Sperren wir alles Leben wie jetzt das Geflügel nur noch weg, verlieren wir einen Teil unserer Kultur. Für Demeter steht die Stärkung der Lebenskräfte im Vordergrund. Das ist eine ganz andere Geste als das Bekämpfen von Seuchen mit einer schier unvorstellbaren Tötungsmaschinerie.“  
Auch Fuchs-Kollegin Dr. Michaela Glöckler von der Medizinischen Sektion der Dornacher Hochschule warnt davor, die Natur schlechthin zum Feind zu erklären und damit irrationale Ängste zu schüren. „Jetzt heißt es erst einmal sich nicht anstecken lassen von der Hysterie, sich zu distanzieren von den geweckten Emotionen und klar zu überlegen.“ Wer so vorgehe, habe die Chance, zu seiner eigenen Heilung und zur Heilung seiner Umgebung beizutragen. „Die grausamen Vernichtungen der Tiere zeugen von einer schockierenden Gleichgültigkeit und Herzlosigkeit der Menschen gegenüber diesen Tieren.“ Zu einem intakten ökologischen System - der Voraussetzung für gesunde, widerstandfähige Tiere und hochwertige Lebensmittel - gehört eben auch der seelisch-geistige Aspekt, betont Demeter.

30.03.2006
Demeter zur Vogelgrippe: Allgemeine Stallpflicht überdenken

Demeter, der Verband für biologisch-dynamische Lebensmittel, fordert die politisch Verantwortlichen auf, die allgemeine Stallpflicht für Geflügel zu überdenken. Es sei inzwischen deutlich geworden, dass der Vogelzug als Überträger des Virus deutlich überbewertet werde. Durch neue Hinweise verliere die flächendeckende Stallpflicht klar an Bedeutung im Gesamtzusammenhang des Erkrankungsgeschehens. Sinnvoll sei Stallpflicht im Umkreis von erkrankten Beständen. Eine weitere wichtige Maßnahme sei die Ausgrenzung von Gewässern aus dem Geflügelauslauf und außerdem müsse Kontakt mit wildem Wassergeflügel verhindert werden.

Die einseitige Forschung auf den Vogelflug als Übertragungsweg müsse jetzt schnellstens erweitert werden, denn inzwischen sei auch Experten klar, dass bei der Mehrzahl der weltweit aufgetretenen Fälle nicht der Vogelflug als Übertragungsweg in Frage komme. Tiertransporte, verseuchte Lebensmittel und neuerdings auch der nahezu weltweite Handel mit Geflügelmist werden als andere Übertragungswege genannt. Fatal sei dabei, dass die Exkremente aus den großen Beständen der Geflügelindustrie auch zum Düngen von Fischteichen und als Futterkomponente für Fische, Geflügel und Schweine verwendet würden. „Das erinnert dann doch allzu sehr an die BSE-Problematik,“ kommentiert Demeter-Vorstand Christoph Simpfendörfer. Wieder sei offenbar zu stark am Profit orientiertes Handeln des Menschen der Kern des Problems.  
Hühnerhaltung habe sich so weit von der bäuerlichen Verantwortung entfernt, dass in der Geflügelindustrie vier Konzerne weltweit agierten. Sie handelten Bruteier, Küken und „ausgediente“ Tiere wie Wirtschaftsgüter, nicht wie lebendige Wesen. Durch die Selektion auf Hochleistungstiere sei genetische Vielfalt verloren gegangen und damit auch Potential für robuste Tiere.  
„Wenn nur so monokausal gedacht wird – Vogelzug als Ursache, Stallpflicht als Gegenmaßnahme – greift das sicherlich zu kurz,“ betont Dr. Georg Eysel-Zahl vom Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise und ist sich da mit einer steigenden Zahl von Wissenschaftlern einig. Er mahnt ein sorgfältiges Abwägen von Risiken und Nutzen im Bezug auf das Aufstallen über noch längere Zeiträume hinweg an. Gerade der vorsorgende Verbraucherschutz erfordere auch die artgemäße Haltung der Tiere. „Die Vogelgrippe darf nicht dazu missbraucht werden, Intensiv-Haltungssysteme zu rechtfertigen und die so genannte ausgestaltete Käfighaltung zu forcieren,“ warnt er.  
„Wir dürfen die Natur nicht zum Feind erklären,“ fordern die Bio-dynamischen Landwirte. Bei allem Verständnis für Ängste der Menschen vor dem Virus gelte es, den Respekt vor den Tieren zu wahren. Demeter-Bauern, die ihre Nutztiere nicht nur artgerecht, sondern wesensgemäß halten, sorgen sich besonders wegen der Stallpflicht. Eine dauerhafte Stallhaltung sei weder artgerecht noch wesensgemäß. Selbst der großzügige Wintergarten als Auslauf könne da nur ein schwacher Trost sein. „Bei uns häufen sich Anrufe kritischer Verbraucher, die eindeutige Stellungnahmen gegen Aufstallungspflicht für Geflügel und deren vorsorgliche Tötung vermissen,“ berichtet der bio-dynamische Geflügelhalter Carsten Bauck aus der Lüneburger Heide. Gerade jetzt im Frühling lechzten die Tiere danach, das erste Grün zu picken, nach Würmern zu scharren und Sandbäder in der Sonne zu nehmen. Bauck erinnert daran, dass Tierschutz im Grundgesetz verankert ist – und zur Zeit mit Füßen getreten werde. „Das müssen die Hühner ausbaden. Wer sieht, wie sich meine Mädels jetzt bei Sonnenschein vor den Auslaufklappen drängen weiß was ich meine,“ wird der Hühnerhalter immer zorniger – zumal er aus seuchenhygienischer Sicht das jetzt praktizierte Aufstallungsgebot für  unsachgemäß hält.  
„Hermetisch abgeriegelte Ställe, gut zu desinfizieren, einer Industrieanlage gleich geführt, sind Ausdruck der zunehmenden Entfremdung von uns Verbrauchern zu dem, was wir doch täglich als Mittel zum Leben essen,“ bedauert dann auch Nikolai Fuchs, Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum in Dornach/Schweiz. Er plädiert dafür, die Anonymisierung der Nutztierhaltung zu beenden. „Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, die den Tieren Wohlbefinden ermöglicht. So wird auch ihre Widerstandskraft gegen Krankheiten gestärkt und wirklich gesunde Nahrung erzeugt.“ Fuchs nimmt die Gesellschaft in die Pflicht: „Da stehen alle Menschen in der Verantwortung, sowohl die für Tierhaltung Zuständigen als auch wir alle als Verbraucher.“ Nur so könne Verbraucherschutzpolitik die Würde der Kreatur beachten und sie nicht für das trügerische Sich-in-Sicherheit-Wiegen der Menschen opfern. „Sperren wir alles Leben wie jetzt das Geflügel nur noch weg, verlieren wir einen Teil unserer Kultur. Für Demeter steht die Stärkung der Lebenskräfte im Vordergrund. Das ist eine ganz andere Geste als das Bekämpfen von Seuchen mit einer schier unvorstellbaren Tötungsmaschinerie.“  
Auch Fuchs-Kollegin Dr. Michaela Glöckler von der Medizinischen Sektion der Dornacher Hochschule warnt davor, die Natur schlechthin zum Feind zu erklären und damit irrationale Ängste zu schüren. „Jetzt heißt es erst einmal sich nicht anstecken lassen von der Hysterie, sich zu distanzieren von den geweckten Emotionen und klar zu überlegen.“ Wer so vorgehe, habe die Chance, zu seiner eigenen Heilung und zur Heilung seiner Umgebung beizutragen. „Die grausamen Vernichtungen der Tiere zeugen von einer schockierenden Gleichgültigkeit und Herzlosigkeit der Menschen gegenüber diesen Tieren.“ Zu einem intakten ökologischen System - der Voraussetzung für gesunde, widerstandfähige Tiere und hochwertige Lebensmittel - gehört eben auch der seelisch-geistige Aspekt, betont Demeter.